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Hektor Haarkötter: Notizzettel. Denken und Schreiben im 21. Jahrhundert. Frankfurt/Main: S. Fischer 2021, 590 S.

Published/Copyright: October 16, 2021
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Rezensionen229editio 35, 2021Hektor Haarkötter: Notizzettel. Denken und Schreiben im 21.  Jahrhundert. Frankfurt/Main: S. Fischer 2021, 590 S.„Eine Geschichte des Notierens, so sie denn je geschrieben wird“, bemerkt Peter Burke bei-läufig in seinem Buch Papier und Marktgeschrei (2001), „würde einen wertvollen Beitrag zur Geistesgeschichte liefern.“1 Nachdem sich seither im Bereich der Schreibprozessforschung ein wachsendes Interesse am Phänomen des Notierens verfolgen lässt,2 hat nun der Medien- und Kommunikationswissenschaftler Hektor Haarkötter eine solche Geschichte des Notie-rens verfasst und damit nicht nur den wertvollen Beitrag geliefert, sondern mit ihm zugleich die Erklärung, die Burke damals schuldig blieb: inwiefern und welche Aufschlüsse das Notie-ren für die Geistesgeschichte bietet. Haarkötter greift dabei auf das – in den 1990er Jahren von Andy Clark und David J. Chalmers lancierte  – kognitionspsychologische Modell des ‘extendend mind’ zurück: Notizen sind ausgelagertes Denken, sie zeichnen Denkvorgänge auf und sind somit Materialisationen der sonst nicht beobachtbaren Geistestätigkeit. Notizen zeigen also das Denken, machen es sichtbar, aber – und das ist die zweite große These in Haarkötters Buch – sie machen es dadurch nicht zwingend verständlich. Das leuchtet jedem unmittelbar ein, der sich in einem Archiv einmal über Notizblätter gebeugt oder auch nur versucht hat, die schludrige Handschrift auf einem Einkaufzettel zu entziffern. Haarkötter nennt Notizen deshalb „Kommunikanten ohne Kommunikat“ – so die mantrahaft (nicht nur gefühlt oder geschätzt, sondern – der Rezensent hat nachgezählt! – statistisch erwiesenerma-ßen mindestens alle zehn bis zwanzig Seiten) wiederholte Formulierung, als gelte es nicht nur die Leserschaft, sondern sich selbst permanent von dieser Erkenntnis zu überzeugen: Notizen sehen angeblich aus wie Mitteilungen, sind aber keine.3 Was aber dann?1Peter Burke: Papier und Marktgeschrei. Die Geburt der Wissensgesellschaft. Aus dem Englischen von Matthias Wolf. Berlin 2001, S. 210.2Um hier nur einige Titel zu nennen: Christoph Hoffmann: Wie lesen? – Das Notizbuch als Bühne der Forschung. In: Werkstätten des Möglichen 1930–1936. L. Fleck, E. Husserl, R. Musil, L. Witt-genstein. Hrsg. von Birgit Griesecke. Würzburg 2008 (Studien zur Kulturpoetik. 12), S. 45–57; Karin Krauthausen: Vom Nutzen des Notierens. Verfahren des Entwurfs. In: Notieren, Skizzieren, Schreiben und Zeichnen als Verfahren des Entwurfs. Hrsg. von Karin Krauthausen und Omar W. Nasim. Zürich 2010, S. 7–26; Hanns-Josef Ortheil: Schreiben dicht am Leben. Notieren und Skizzieren. Mannheim, Zürich 2011; Marcel Lepper: Notizbücher. Prozessbegleitende Dokumentationen philologischer Ar-beit. In: Zeitschrift für Germanistik N.  F.  22, 2013, S.  343–358; Matthias Thiele: Schreibtechniken des Notierens. In: Schreiben. Dortmunder Poetikvorlesungen von Felicitas Hoppe. Hrsg. von Ludger Hoffmann und Martin Stingelin. Paderborn 2018 (Zur Genealogie des Schreibens. 20), S. 115–142; „Gedanken reisen, Einfälle kommen an“. Die Welt der Notiz. Hrsg. von Marcel Atze und Volker Kau-koreit. Wien 2017 (Sichtungen. 16/17); Svetlana Efimova: Das Schriftsteller-Notizbuch als Denkme-dium in der russischen und deutschen Literatur. Paderborn 2018 (Zur Genealogie des Schreibens. 22).3Diese Leitthese verhält sich damit konträr zur Etymologie des Begriffs, der in Johann Georg Krü-nitz’ Oekonomischer Encyklopaedie (1773–1858) noch wie folgt erläutert wird: „Notiz, heißt überhaupt https://doi.org/10.1515/editio-2021-0015
Published Online: 2021-10-16
Published in Print: 2021-10-14

© 2021 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

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