Report zu Superreichen in DeutschlandSei kein Idiot!

Ambros Waibel

Kommentar von

Ambros Waibel

Neue Zahlen zeigen, dass 5.000 Reiche ein Viertel des Vermögens besitzen. Mit so selbstbezogenenen Menschen kann man aber keine Gesellschaft machen.

Die ungefähr 5.000 Superreichen sind nicht nur superreich, sie sind auch superunerreichbar, nicht ansprechbar für meine Sorgen Foto: Pat Meise/plainpicture

A uf dem Weg von der Kita in die Redaktion kam mir heute früh ein Mann entgegen, der Chips aus einer Tüte aß. Ich war schon an ihm vorbeigegangen, als ich auf sein zaghaftes Zeichen reagierte und stehenblieb. Der Mann war zerlumpt und schmutzig, ob er 50 oder 80 war, hätte ich nicht sagen können.

Ich machte meine Tasche auf, kramte mein Portemonnaie hervor und gab ihm zwei Euro. Dann fragte er mich nach einer Zigarette und ich gab ihm zwei. Feuerzeug hatte er auch keines, da schenkte ich ihm meines, auch weil ich nicht in zu engen Kontakt mit ihm treten mochte.

Er bedankte sich und ich wünschte ihm alles Gute. Später am Schreibtisch wollte ich meine Stulle aus der Tasche holen und kam dann darauf, dass ich sie wahrscheinlich verloren hatte, als ich meine Tasche durchkramte, nach Kleingeld, Feuerzeug und Zigaretten. Ich schreibe diesen Text also hungrig.

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Superreiche sind superunerreichbar

Hungrig soll man bekanntlich nicht einkaufen gehen; und auch Forderungen zu stellen, die keine gesellschaftliche Basis haben, scheint mir sinnlos. Die circa 5.000 Superreichen etwa, die nach den neuen Zahlen des Global Wealth Report der Boston Consulting Group mehr als ein Viertel des Finanzvermögens in Deutschland besitzen, sind nicht nur superreich, sie sind auch superunerreichbar, nicht ansprechbar für meine Sorgen und schon gar nicht für die des Mannes heute Früh.

Sie gehören nicht zu dieser Gesellschaft, sie streuen breiter und global, wie es im entsprechenden Räuberjargon heißt, in renditestärkere Anlageklassen wie Aktien oder Private Equity. Sie entziehen der Gesellschaft ihr ständig anschwellendes Vermögen, was nichts anderes bedeutet, als dass sie sich der Gesellschaft selbst entziehen. In den Worten eines griechischen Beobachters vor mehr als 2.000 Jahren: „Die Reichen werfen das Ihrige lieber ins Meer, als es den Armen zu geben.“

Wenn sich also mit den Überreichen kein Staat machen lässt, dann muss sich der Rest Gedanken machen, wie er mit den tatsächlich rekrutierbaren Mitteln zurechtkommt, damit alle in Würde leben können; und zwar ohne im Geringsten Kompromisse einzugehen mit denjenigen, die auf noch mal ganz andere Weise die Gesellschaft zerstören wollen, indem sie nämlich Teile der Bevölkerung rassistisch ausgrenzen möchten und eine Art Sklavenhaltergesellschaft anstreben, die – wir sollten hoffnungsvolle Signale nie ignorieren – in Russland gerade auf ihren Totalzusammenbruch hinsteuert.

Die Griechen nannten sie „Idioten“

Wer wirklich in dieser Gesellschaft, in diesem Land lebt, wer Kinder großzieht und sich um die Alten und Kranken kümmert, steht vor der riesigen Herausforderung, sich nicht abstumpfen zu lassen vom täglichen Mangel und Elend. Diese Menschen treffen täglich Entscheidungen, im Beruf, in Engagement in Vereinen und sozialen Einrichtungen; und diese Entscheidungen sind oft unbequem, weil sie dem Privatleben Zeit entziehen, weil sie Opfer erfordern.

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Wenn wir nochmal zu den Griechen zurückgehen, die „Idiot“ nannten, wer sich als Privatperson versteht und sich für nichts engagiert als für sich selbst, dann sind die Reichen, die sich Entziehenden, ob sie sich nun Familienunternehmer nennen oder in Dubai herumlungern, die wahren „Idioten“, die nämlich nichts zur öffentlichen Sache beitragen oder jedenfalls weit entfernt von dem, was ihnen möglich wäre.

„Sei kein Idiot“ ist als Slogan wahrscheinlich erst mal langweiliger als „Get rich or die trying“ oder sogar als irgendwelches Lambo-Gelalle. Und ich würde jetzt auch lieber in meine Stulle beißen. Aber am Ende war mein Anhalten, meine noch so geringe Zuwendung heute Morgen, das Beste, was dieser Tag gebracht haben wird. Die Superreichen haben nichts verdient außer unserer tiefen Verachtung. Aber klarkommen müssen wir ohne sie. Wie hieß das mal? „Wir schaffen das!“

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Ambros Waibel
taz2-Redakteur
Geboren 1968 in München, seit 2008 Redakteur der taz. Er arbeitet im Ressort taz2: Gesellschaft&Medien und schreibt insbesondere über Italien, Bayern, Antike, Organisierte Kriminalität und Schöne Literatur.
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21 Kommentare

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  • Das ist das definierende Problem unserer Zeit. Wenn es uns nicht gelingt die parasitären Auswüchse der Überreichen einzuhegen, dann werden wir weder die Klimakatastrophe noch die dräuenden kriegerischen Konflikte als Gesellschaft gut bewältigen können.

    Wie schon Adam Smith in "The Wealth of Nations" ausführte, kann eine Gesellschaft nur dann prosperieren, wenn sie möglichst frei ist von "Rentiers", also von Menschen, die nichts produktives beitragen, sondern nur von dem leben, was ihr Reichtum an Mieten, Zinsen, usw. abwirft. Das ist es, was der "freie Markt" eigentlich meint, auch wenn das von den politischen Steigbügelhaltern der parasitären Klasse gerne verdreht wird.

    Natürlich gab es ähnliche Probleme schon früher. Und es gab Lösungen, etwa das Sabbatjahr, in dem Schulden erlassen und Schuldsklaven befreit wurden. Empfehlenswert hierzu David Graebers Buch "Schulden: Die ersten 5000 Jahre."

    Anders als früher beherrschen die Überreichen aber heute, dank Globalisierung, nicht nur einzelne Bereiche, sondern nehmen eben weltweit Einfluss in ihrem Sinn. So ist mehr denn je auch eine weltweite Solidarität der ausgebeuteten untereinander notwendig: Und das sind wir (fast) alle.

  • Hier ein gutes Buch zum Thema, warum die Reichen besteuert gehören, www.youtube.com/watch?v=_lsDJ4Qmjgw Nur Spitzensteuersätze von 70-90 % haben ermöglicht den Faschismus zu besiegen. Unter 50 % Spitzensteuersatz ist es keine Demokratie !!! Bei Kohl waren es noch 53 % und globale Besteuerung der Reichen + Ultrreichen sowie der Global Player Unternehmen könnte zur Finanzierung der UN und ihrer Unterorganisationen helfen: Zusammen Streiken bis das umgesetzt wir : DEMOKRATIE IN DIE ÖKONOMIE JETZT! Dann können wir als Nächstes die Kriege beenden mit ähnlichen Ideen ! Angangen können wir mit : CUM CUM Milliarden einholen! Vermögenssteuer wieder einführen #debt4climate Schulden Erlass für Klima Transformation: ERd Demokratie statt 3 Weltkrieg ohne Ende !!! Defend Rojava-Free Gaza !

  • Naja, dass alle 5000 Leutchen nur Idioten sind, scheint unwahrscheinlich.



    Eher andersrum: Leute die Besitz haben kann man am effizientesten, und zwar beidseitig, nur per Geld am Großenganzen beteiligen lassen.



    Oder im Vergleich zum Autor: Ne Kippe und zwei Euro schenken hilft eben nicht so viel wie eine faire Erbschaftssteuer.



    Ob es bei einer fairen Ernschaftssteuer keune Obdachlosen gäbe?



    Leider ist das alles weder wahrscheinlich noch erwartbar.



    Aber ob deshalb jeder 100 fach Millionär verpflichtet werden sollte morgens durch die Straßen zu laufen und 'erste Hilfe' zu leisten?



    Man wird fatalistisch, so wie eben der Autor das auch tur.

  • Die Erwähnung der griechischen Bezeichnung der Reichen als "Idioten" zeigt deutlich, dass es hier um ein jahrtausendaltes Phänomen geht. Es war so, es ist so und es wird so bleiben. Diese Menschen haben Macht und nutzen sie - für sich selbst und immer schon. Warum wohl wird Sozialismus oder gar Kommunismus so vehement bekämpft, verleumdet und oft verfolgt?



    Und nein, solcher Reichtum kommt nicht von eigener Hände Arbeit. Und nochmal NEIN: dies alles ist KEINE Neiddebatte, es ist eine Beschreibung von Tatsachen. . .

  • Wer reich ist, hat einfach nur bessere Möglichkeiten, seine Privatsphäre zu schützen. Wer in einen gecharterten Jet steigt, muss nicht mit Hinz und Kunz in der Schlange vor der Sicherheitskontrolle stehen, wenn einmal im Jahr Malle ist. Wer vom Fahrer abgeholt wird, steht halt nicht auf dem Bahnsteig.

    Ist das nun schon das Merkmal von "Idioten"? Es gibt durchaus reiche Menschen, die sich gleichwohl politisch und gesellschaftlich engagieren. Die MLPD erhielt zwischen 2005 und 2007 Spenden in Höhe von 2,5 Mio. Euro von einer einzelnen Person! Es gibt zahlreiche Stiftungen, die in vielerlei Hinsicht gesellschaftlich relevante Arbeit leisten und ihre Tätigkeit aus dem von reichen Familien oder Personen verfügten Stiftungsvermögen finanzieren.

    Einfach zu sagen: "Die Reichen sind ja generell doof, weil sie mir nicht für jeden Furz und Feuerstein persönlich Rede und Antwort stehen!" ist auch ein wenig schlicht gedacht.

    Nicht jeder möchte sein tägliches soziales Engagement zur Schau stellen und darüber in einem Zeitungskommentar schreiben, wenn er jemandem auf der Straße Geld gibt.

    • @Metallkopf:

      Mir wäre es ehrlich gesagt lieber, wenn die Reichen höhere Steuern zahlen müssten. Dann müsste der Staat nicht Sozialleistungen streichen und die Armen müssten nicht auf ein paar "Brotkrumen" hoffen, die die Reichen hin und wieder fallen lassen.

  • Das bundesdeutsche neoliberale Wirtschaftssystem wurde in den vergangenen 40 Jahren mehr und mehr perfektioniert. Dabei waren Minister von den Grünen, der SPD, der CDU und natürlich der FDP nützliche Idio ... sorry Helfershelfer. Den Lohn fahren die Verantwortlichen immer nach ihren staatlichen Laufbahnen ein. Vor der Bevölkerung wird diese Perfektionierung durch solche Wortschöpfungen wie soziale Marktwirtschaft, Reformen, Modernisierung und so weiter verschleiert. Aus meiner Sicht geht das nicht mehr lange gut. Das neoliberale System wandelt sich inzwischen zum kriegslüsternen Wirtschaftssystem und tut alles dafür, dass ohne Rücksicht auf soziale Verluste, der militärisch-industrielle Komplex oberste Priorität genießt. Vor allem davon profitieren die Multireichen.

  • Ich würde mir ein derartiges moralisches Urteil über mir unbekannte Personen nicht erlauben.

    • @Franz Hofer:

      Ein Mensch, der 100 Mio. besitzt ist in meinen Augen per Definition böse: Alleine die Tatsache seines Reichtums belegt, dass ihm seine Gier mehr wert ist, als die Möglichkeit, Menschen vor dem verhungern zu schützen. Er braucht in seinem endlichen Leben keineswegs so viel Reichtum. In der 1 Minute, in der ich das hier schreibe, sind aber statistisch gesehen 15 etwa Menschen verhungert. Die hätte er alle retten können, hätte er das gewollt. Das ist, in meinen Augen, eine Art von gewohnheitsmäßiger unterlassener Hilfeleistung, die durchaus das Prädikat "böse" verdient.

    • @Franz Hofer:

      Es wurde kein Urteil über einzelne, näher bestimmte Reiche gefällt, sondern ein gesellschaftlicher Zustand dargestellt.

      • @Il_Leopardo:

        Nicht über einzelne, sondern über alle.

        Wir sind uns doch hoffentlich darüber einig, dass ein ähnlich pauschales Urteil über Obdachlose nicht akzeptabel wäre.

  • Ist das normal? Nein!



    Ist das krank? Absolut!



    Tut irgendjemand der Herrschenden etwas dagegen? Nein!



    Warum? Tja, wes Brot ich fress, des Lied ich sing!



    Können Wir etwas dagegen unternehmen? Theoretisch, ja, praktisch, nein!



    Wir könnten die doch abwählen? Könnten wir, tun wir aber nicht!



    Sollte ich dann Nazis wählen? Auf keinen Fall!



    Was dann? Das frage ich mich auch!

    • @Mr. Spock:

      Ich grüße die Vulkanier. Ihr kurze prägnante Folge von Sätzen gefällt mir sehr - eine kurze Wahrheit folgt auf die andere.

      "Was tun sprach Zeus, die Götter sind besoffen."



      Ich suche hier und in der Familie, bei Freunden, an der Arbeit das Gespräch, gehe zu Demos für die Demokratie und zeige damit Fahne, wähle natürlich niemals eine rechte Partei. Das ist nicht viel, aber immer noch mehr, als nichts zu tun.

  • Ehrlich gesagt sind mir Superreiche die gesellschaftlich nicht engagieren immer noch lieber als die Vertreter der Spezies die politisch aktiv werden und sich Einfluss und politische Wirkung erkaufen.

  • Sehr schöner Kommentar. Danke. Ehrenamtliches Engagement steht jedem gut und bewirkt wirklich etwas.

  • Ist es wirklich so, wie es hier impliziert wird, dass das Vermögen der 5000 reichsten für den Staat unerreichbar ist?

    Oder ist das nur das Bild, das diese 5000 vermitteln wollen, damit andere nichtmal versuchen, es zu ändern?

  • Es ist müßig noch etwas darüber zu schreiben.



    Das Bürgergeld wird ab Juli wieder Grundsicherung heißen, damit allen klar ist wo sie stehen. Am Grund und damit ein für alle Mal klar gemacht wird,das sie nicht Bürger sind, sondern nur der Absatz,die Gosse.



    Das passt.



    Leistungsträger ist,wer leistungslos in Deutschland ohne Steuern zu zahlen immer reicher wird.



    Wer als VW Vorstand den Konzern an die Wand fährt, Unmengen Leute " freistellt" und dafür mit Boni belohnt wird,weil er in der deutschen Politik so gut lobbyiert hat.



    I Love it.



    Ist irgendwas neues an der Erkenntnis?

  • Nun gab es im antiken Griechenland für Reiche auch staatliche Verpflichtungen (Liturgien) und meden agan stellte auch keinen Selbstzweck dar, sondern das Ideal "Alles nach Maß" beugte Enteignungsklagen (graphe paranomon) vor. Wer vermögend war und sich nicht für das Gemeinwesen einsetzte, was zur damaligen Zeiten für den Staat bedeute, dem drohte der Verlust seines Vermögens.

    Für arme Menschen haben sich auch die Griechen in der Antike nicht eingesetzt. Es gab dort sogar die Schuldknechtschaft, das menschliche Pfand wurde auch auf unbeteiligte wie Familienmitglieder ausgelegt.

    Die heutige Ungerechtigkeit ist zudem nicht nur am Vermögen und dem Beitrag zur Gesellschaft auszumachen, sondern besteht darin das Superreiche durch ihren Lebensstil einen wesentlichen Anteil an der Umweltverschmutzung haben. Sie leben also sogar zu Lasten und auf Kosten der Allgemeinheit. Das hätte es freilich im antiken Griechenland nicht gegeben.

  • Ein Viertel des Finanzvermoegens ist nicht ein Viertel des Vermoegens.



    Und auch wenn in Deutschland Vermoegen ungleich verteilt ist, ist diese Verteilung seit Jahrzehnten stabil und kann folglich nicht die Ursache sein fuer Probleme, die wir vor 20, 30 oder 40 Jahren nicht hatten.

  • Es mag auf Superreiche Privatiers zutreffen. Aber alle Familienunternehmer die sich um ihre Mitarbeiter sorgen in den gleichen Topf zu werfen ist ein billiges Vorurteil. Mann kann z.B. dem reichsten Mann der Welt viel vorwerfen aber sicher nicht, dass es faul in der Ecke sitzt…

  • „Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt.“ (Matthäus 19,24)

    Zu ernst? Okay - hier ein amüsantes Zitat:

    Ich habe was gegen Millionäre, aber wenn ich die Chance hätte, einer zu werden, könnte ich für nichts garantieren.



    Mark Twain (1835 - 1910)

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