Mitglieder rechtsextremer Gruppen wie "Jung & Stark" und "Deutsche Jugend voran" sind in den Fokus der Ermittler geraten. Laut Verfassungsschutz haben die Gruppen Linke, die LGBTQ-Community und Menschen mit Migrationshintergrund im Visier.
In zwölf Bundesländern hat es am Mittwoch Durchsuchungen bei mutmaßlichen Rechtsextremisten gegeben, ausgenommen waren lediglich Baden-Württemberg, Thüringen, Hamburg und Bremen. Nach Mitteilung der Bundesanwaltschaft (GBA) wird 36 Personen die Bildung oder Mitgliedschaft in den kriminellen Vereinigungen "Jung und Stark" (JS) sowie "Deutsche Jugend voran" (DJV) vorgeworfen. Die DJV tritt seit geraumer Zeit auch unter dem Namen "Neue Deutsche Welle" (NDW) auf. Zu Festnahmen sei es bei den Aktionen allerdings nicht gekommen, teilte der GBA mit. 600 Polizeikräfte des Bundes und der beteiligten Länder nahmen an dem Einsatz teil.
Konkret wird den Beschuldigten laut GBA die Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung nach § 129 Abs. 1 Strafgesetzbuch (StGB) vorgeworfen, wobei sie teilweise als Jugendliche mit Verantwortungsreife oder als Heranwachsende (§§ 1, 3, 105 Jugendgerichtsgesetz) gehandelt haben sollen. Den meisten Beschuldigten werde darüber hinaus Rädelsführerschaft zur Last gelegt (§ 129 Abs. 1 Abs. 5 Satz 2 StGB).
Gegen acht Beschuldigte werde zudem wegen gefährlicher Körperverletzung (§ 223 Abs. 1, § 224 Abs. 1 Nr. 4 StGB) ermittelt. Es besteht der Verdacht, dass sie herausgehobene Mitglieder der JS bzw. DJV sind. Diese Gruppierungen existieren laut GBA seit Mitte 2024, sind bundesweit organisiert und unterhalten in den Ländern Regionalgruppen. Ihre Mitglieder vernetzten sich sowohl über soziale Medien als auch durch regelmäßige Treffen. Dabei werde zu Gewalttaten gegen politische Gegner sowie gegen vermeintlich Pädophile aufgerufen.
Einige Beschuldigte sollen dementsprechend Angehörige der linken Szene oder Personen angegriffen haben, die sie für pädophil hielten. Die Opfer wurden jeweils von mehreren Angreifern geschlagen und trugen nicht unerhebliche Verletzungen davon. Die Durchsuchungen am Mittwoch dienten nach Angabe des GBA dazu, "bestehende Verdachtsmomente aufzuklären".
Gefahrenpotenzial der Bundesregierung schon länger bekannt
Der Schlag der Strafverfolger kommt nicht unerwartet, schließlich lagen der Bundesregierung und dem Verfassungsschutz bereits seit Längerem Erkenntnisse zu den gewaltbereiten rechtsextremistischen Jugendgruppen vor. Man beobachte deren Entwicklung intensiv, hieß es bereits im Mai 2025 in der Antwort auf eine Kleine Anfrage der Fraktion Die Linke im Bundestag (BT-Ds.21/193). Die Gruppierungen, so die Bundesregierung damals, entfalteten eine Gefährdungsrelevanz, "da junge und in ihrer Wertevorstellung oft noch nicht gefestigte Personen aufgrund einer leichteren Manipulierbarkeit sowie einer insgesamt erhöhten Vulnerabilität tendenziell eher anfällig dafür sind, propagandistische und extremistische Ideologien aufzunehmen und sich mit diesen zu identifizieren".
Nach Informationen der Bundesregierung haben die rechtsextremistischen Gruppen innerhalb des Jahres 2024 damit begonnen, ihre inneren Strukturen auszubauen und zu festigen und sich als Anlaufpunkt für eine neue, aktionsorientierte und ideologisch weniger gefestigte Zielgruppe in der rechtsextremistischen Szene zu etablieren. "Sowohl das junge Alter als auch die Aktionsorientierung der Mitglieder derartiger Gruppierungen stellen dabei eine abstrakte Gefährdung im Sinne einer potenziellen rechtsextremistischen Beeinflussung und Radikalisierung dar." Aufgrund der Gewaltbereitschaft des Personenpotenzials sowie der gefestigten Strukturen der Personenzusammenschlüsse bestehe eine abstrakte Gefährdung für Personen, die den rechtsextremistischen Feindbildern der Gruppen entsprächen. "Dazu gehörten insbesondere Angehörige der LGBTQ-Community, der 'linken' Szene sowie Personen mit Migrationshintergrund."
Die Rekrutierung für die Organisationen erfolge, so die Bundesregierung im Mai 2025, "hauptsächlich" über die sozialen Medien und Messenger-Dienste wie Instagram oder TikTok und richte sich an Jugendliche und junge Erwachsene. Die Altersspanne der Mitglieder liege zwischen 16 und 35 Jahren. Aufgrund der hauptsächlich über die sozialen Medien stattfindenden Vernetzung und Organisation der gegenständlichen Personenzusammenschlüsse, der variablen ideologischen Fragmente sowie der inhaltlichen Themenauswahl bestehe "grundsätzlich eine hohe Wahrscheinlichkeit für personelle Überschneidungen mit anderen rechtsextremistischen Personenzusammenschlüssen."
BfV: "Hohe Anziehungskraft für erlebnisorientierte Personen"
Dass die Durchsuchungen laut GBA am Mittwoch nur gegen 36 Personen richteten, erstaunt angesichts der Zahlen, die die Bundesregierung in ihrer Antwort auf die Linken-Anfrage veröffentlichte: Danach sind der Gruppierung JS ein Personenpotenzial im "mittleren dreistelligen Bereich", der Gruppierung DJV im "unteren zweistelligen Bereich" zuzuordnen.
Auf Nachfrage von LTO teilte das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) am Mittwoch mit, dass sich die Gruppierungen JS und DJV insbesondere durch ihren gewalt- und aktionsorientierten Charakter auszeichneten. Insbesondere bei "jungen, internetaffinen und erlebnisorientierten Personen" führe dies zu einer hohen Anziehungskraft.
Zu den zentralen Feindbildern von JS und DJV gehörten die LSBTIQ+-Community, die sogenannte Antifa-Szene beziehungsweise deren Veranstaltungen sowie Personen mit Migrationshintergrund. Regelmäßig sei es bereits zu Störaktionen und Gegendemonstrationen, beispielsweise anlässlich von Christopher-Street-Day-Veranstaltungen, gekommen. Auch das sogenannte Pedo-Hunting stellt laut BfV ein wichtiges Agitationsfeld der Gruppierungen dar.
Gewalttaten gegen Linke und vermeintlich Pädophile
Das Vorgehen der "Pedo-Hunter" ist zumeist so, dass sie sich in Fake-Profilen als Minderjährige ausgeben und mit aus ihrer Sicht mutmaßlichen Pädophilen chatten. Sie arrangieren Verabredungen, bei denen die Chatpartner davon ausgehen sollen, sie würden eine minderjährige Person zur Vornahme sexueller Handlungen treffen. "Mitglieder von JS begingen und planten Gewalttaten gegen den – in der Eigenwahrnehmung – linken politischen Gegner und vermeintlich pädophile Personen", so das BfV.
Nach Angaben der Verfassungsschützer ist es Ende 2024 zu diversen Gewalttaten des regionalen Ablegers der "DJV Berlin Brandenburg" gegen politisch Andersdenkende und damit einhergehenden polizeilichen Maßnahmen gekommen. Infolgedessen habe sich die bundesweite DJV distanziert und fungiere fortan unter dem Bezeichnung NDW.
Die von der Bundesregierung konstatierte personelle Überschneidung mit anderen rechtsextremistischen Gruppen bestätigte das BfV: "Mitglieder beider Gruppierungen konnten in den letzten Monaten verstärkt bei Veranstaltungen der Partei 'Die Heimat' [vormals NPD, Anm. d. Red.] und ihrer Jugendorganisation 'Junge Nationalisten' festgestellt werden." Die Parteiorganisationen wollten sich vermehrt das Personenpotenzial der meist jungen Rechtsextremisten für eine Zusammenarbeit zu eigen machen.
CDU-Politiker: "Fördermillionen für Demokratie-Projekte ohne Wirkung"
Auf die Durchsuchungen reagierten Bundespolitiker am Mittwoch unterschiedlich: Bundesjustizministerin Stefanie Hubig (SPD) erklärte, das Ausmaß der Durchsuchung lasse aufhorchen. Militante rechtsextreme Gruppen hätten gegenwärtig Zulauf - "erschütternderweise gerade auch unter jungen Menschen". Ihre Aktionen richteten sich gegen alle Menschen, die sie in ihrem rechtsextremen Weltbild als Feinde identifiziert hätten, "und zugleich gegen unsere Demokratie". Rechtsextremismus, so Hubig, sei die größte Gefahr, die Deutschland von innen drohe.
Der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Union, Günter Krings, lobte gegenüber LTO das konsequente Vorgehen der Sicherheitsbehörden. Allerdings, so Krings, müsse man sich auch fragen, was in den vergangenen Jahren "in unserem Land schiefgelaufen" sei: "Immer höhere Fördermillionen für Demokratie-Projekte haben offensichtlich keine Wirkung gezeigt." Dem CDU-Politiker zufolge braucht es neben den polizeilichen und repressiven Maßnahmen gegen die betreffenden Gruppierungen auch eine bessere Prävention, damit junge Menschen nicht in den Extremismus abdriften. "Und die beste Prävention ist ein funktionierender Staat", so Krings.
Linke und Grüne kritisieren Bundesregierung
Unterdessen warf die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Linken, Clara Bünger, den politisch Verantwortlichen eine Mitverantwortung für die Entwicklungen vor: Ideologie und Gewalt durch junge Rechtsradikale stünden in einem Zusammenhang mit der sogenannten Mitte der Gesellschaft und der Regierungspolitik der vergangenen Jahre. "Dass sich die demokratischen Parteien nach rechts haben treiben lassen, indem sie Forderungen und Sprache übernommen haben, führt zu einer weiteren Eskalation der radikalen Rechten." Zudem ebneten die Kriminalisierung und Verleumdung antifaschistischer Initiativen den Nazis den Weg, so die Juristin.
Ausdrückliches Lob für das Vorgehen des GBA kam von den Grünen. Die Durchsuchungen seien ein wichtiger Schritt im Vorgehen gegen die beiden gewaltbereiten rechtsextremen Jugendgruppen, erklärte Irene Mihalic, Erste Parlamentarische Geschäftsführerin der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen. "Dem Generalbundesanwalt und den beteiligten Sicherheitsbehörden gebührt Dank und Anerkennung für ihr entschlossenes Vorgehen, gerade angesichts der Relevanz des bundesweit agierenden Netzwerks."
Allerdings, betonte die Grünen-Politikerin, sei eine Razzia nur ein kleines Puzzlestück im Kampf gegen den Rechtsextremismus im Land. "Die Bundesregierung ist gefordert, endlich bei der Entwaffnung Rechtsextremer weiterzukommen, illegale Finanzstrukturen zu ermitteln und offene Haftbefehle konsequent zu vollstrecken." Zudem kritisierte Milhalic die "massive Kürzung" bei Programmen wie "Demokratie leben". Dies sei Wasser auf die Mühlen der extremen Rechten: "Wenn Jugend- und Präventionsangebote schwinden, hat die extreme Rechte ein weiteres Momentum, um schon junge Menschen an sich zu binden."
Große Razzia gegen rechtsextreme Jugendgruppen: . In: Legal Tribune Online, 06.05.2026 , https://www.lto.de/persistent/a_id/59899 (abgerufen am: 06.05.2026 )
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