Chronist über HSV in der NS-Zeit: „Fast alle HSV-Funktionäre waren in der NSDAP“
Der HSV hat sich dem NS-Regime gern angedient. Werner Skrentnys neues Buch „Die Raute unterm Hakenkreuz“ bietet auch bislang unbekannte Geschichten.
taz: Herr Skrentny, wann hat der HSV angefangen, seine NS-Geschichte aufzuarbeiten?
Werner Skrentny: Im Vergleich zu anderen Vereinen relativ früh, mit der Eröffnung des HSV-Museums 1994. In dessen Dauerausstellung wurden erstmals die damals bekannten jüdischen Vereinsmitglieder benannt. Kurz danach gab es die Sonderausstellung „Die Raute unterm Hakenkreuz“, von der sich auch der Titel meines Buchs ableitet.
taz: Welche Lücke schließt Ihr gerade erschienenes Buch?
Skrentny: Ich konnte in dieser umfassenden Darstellung auch einige ungeklärte Geschichten und Biografien aufdecken. Zum Beispiel die von Rudi Noack, einem Nationalspieler des HSV, der – wie auch der bekannte, verurteilte NS-Kriegsverbrecher „Trull“ Harder – ein großes Idol war. In der NS-Zeit war Noack für ein Jahr gesperrt, aus unklaren Gründen. Ich habe jetzt in den Akten gefunden, dass er des Exhibitionismus angeklagt, von der Wehrmacht gedeckt und nach Wien versetzt worden war. 1948 ist er in russischer Kriegsgefangenschaft gestorben.
taz: Gab es weitere Funde?
Skrentny: Ja, auch Günter Mahlmann, Lehrer und erfolgreicher HSV-Trainer der 1950er, 1960er Jahre, war ein unbeschriebenes Blatt. In einer Akte des Staatsarchivs Celle habe ich entdeckt, dass er für 50.000 Jugendliche der Hitlerjugend in Niedersachsen verantwortlich war. Er ist nach 1945 nicht entnazifiziert worden und hat keine Anstellung mehr als Lehrer bekommen.
taz: Wann hat der HSV den „Arierparagrafen“ eingeführt und Juden ausgeschlossen?
Skrentny: Auch das war bislang nicht bekannt, denn das Archiv des HSV für 1933 bis 1945 ist sehr lückenhaft. Aus Akten des Amtsgerichts Hamburg ersah ich, dass der HSV 1940 die „Einheits-Satzung des Nationalsozialistischen Reichsbundes für Leibesübungen“ einstimmig annahm. Juden wurden allerdings schon ab Oktober 1933 nicht mehr aufgenommen. Das belegt das Aufnahmeformular eines Spielers, das explizit die „arische“ Abstammung abfragt.
Lesung und Podiumsdiskussion mit Herausgeber Werner Skrentny, Paula Scholz (KZ-Gedenkstätte Neuengamme), Jürgen Kowalewski (Mit-Autor), Niko Stövhase (HSV-Museum) und Svea Gruber (Netzwerk Erinnerungkultur), 7.5.2026, 19 Uhr, Bücherhallen, Hühnerposten 1, Hamburg
taz: Und wie standen die HSV-Funktionäre zur NSDAP?
Skrentny: Bis auf den zeitweiligen Vorsitzenden Karl Mechlen waren alle in der Partei. Darunter auch der Präsident Emil Martens, der gleich 1933 in die NSDAP eintrat, dann wegen seiner Homosexualität verfolgt, kastriert und aus der Partei ausgeschlossen wurde.
taz: Wie verhielt sich der HSV während des Zweiten Weltkriegs?
Skrentny: Der Verein hat nach der Machtübergabe an das NS-Regime versucht, eine Abteilung Wehrsport zu gründen, fand allerdings kaum Resonanz. In Veröffentlichungen des Vereins wurde aber noch 1944/1945 – der Krieg war absehbar verloren – zur Verteidigung des Abendlandes gegen den Bolschewismus aufgerufen und „gefallenen“ Spielern der „Heldentod“ attestiert.
taz: Hat sich der HSV je vom Unrecht in der NS-Zeit distanziert?
Skrentny: Ja. Die Mitgliederversammlung im Januar 2010 stellte klar, dass der Ausschluss jüdischer und politisch verfolgter Mitglieder von 1933 bis 1945 unrechtmäßig gewesen war.
taz: Wie geht die Aufarbeitung weiter?
Skrentny: Am Haupteingang zum HSV-Museum gibt es Gedenktafeln für die bislang bekannten verfolgten jüdischen Mitglieder – die natürlich weiter ergänzt werden müssen. Und die neue Sporthalle soll nach der HSV-Hockeyspielerin Margit Zinke benannt werden, die im April 1945 als Regimekritikerin im KZ Neuengamme ermordet wurde. Auch das Netzwerk Erinnerungsarbeit widmet sich der NS-Vergangenheit des Vereins.
taz: Entstand auch Ihr Buch im Auftrag des HSV?
Skrentny: Nein, das war eine Initiative der AutorInnen und des Verlags. Der HSV hat die Veröffentlichung dann erfreulicherweise durch die Festabnahme von Exemplaren unterstützt und wird zum 9. November, dem Jahrestag der Pogromnacht, eine eigene Lesung veranstalten.
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