Die Forscher nahmen nun Genproben von zwei Gruppen der im Norden Kenias lebenden Ariaal, einem Volk, das teilweise noch nomadisch lebt, sich zum Teil jedoch schon fest niedergelassen hat. Bei den insgesamt rund 150 Vertretern beider Lebensweisen beobachteten die Forscher keine Unterschiede in der Häufigkeit der Genvariante, die das Auftreten von ADHS begünstigt. Beim Body-Mass-Index (BMI) als Maß für den Ernährungszustand ergab sich jedoch ein deutlicher Unterschied: Die nomadisch lebenden Probanden mit der Genvariante waren besser ernährt als ihre Stammesangehörigen ohne diese Veranlagung für ADHS. Bei den sesshaften Probanden war es genau umgekehrt, und die Veranlagung erwies sich als nachteilig für die körperliche Verfassung.
Die für Träger der Genvariante typischen Verhaltensweisen wirkten sich nur bei Nomaden positiv aus, bei denen das unstete Umherziehen zum Überlebenskonzept gehöre, erklären die Wissenschaftler. Doch schon bei den sesshaft gewordenen Ariaal bringe diese Genvariante bereits Nachteile mit sich, da die Träger der Variante sich weniger gut auf Landwirtschaft oder Handel konzentrieren könnten.
Das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom ADS oder auch ADHS tritt in den Industrieländern bei drei bis neun Prozent aller Kinder auf, wobei Jungen häufiger betroffen sind als Mädchen. Es äußert sich unter anderem in Konzentrationsstörungen, emotionaler Unberechenbarkeit und Gedächtnisproblemen. Wie genau es zustande kommt, ist bislang unklar. Wissenschaftler gehen jedoch von einer starken genetischen Komponente aus, deren Auswirkungen durch die Lebensumstände verstärkt oder auch unterdrückt werden können.