Ur­teil vom 14.06.2023 -
BVer­wG 2 WD 11.22ECLI:DE:BVer­wG:2023:140623U2WD11.22.0

Leit­sät­ze:

1. Ei­ne ver­fas­sungs­feind­li­che Be­tä­ti­gung frü­he­rer Sol­da­ten im Sin­ne des § 23 Abs. 2 Nr. 2 Alt. 1 SG setzt Ak­ti­vi­tä­ten feind­se­li­ger Art vor­aus. Dar­un­ter fällt auch die Dif­fa­mie­rung und De­le­gi­ti­mie­rung de­mo­kra­tisch ge­wähl­ter Staats­or­ga­ne.

2. Bei ob­jek­tiv ver­fas­sungs­feind­li­chen Be­tä­ti­gun­gen, die nicht von ei­ner ver­fas­sungs­feind­li­chen Ge­sin­nung ge­tra­gen sind, bil­det die Kür­zung des Ru­he­ge­hal­tes den Aus­gangs­punkt der Zu­mes­sungs­er­wä­gun­gen, so­fern nicht der Ein­druck ei­ner be­son­ders ho­hen Iden­ti­fi­ka­ti­on mit ei­ner ver­fas­sungs­wid­ri­gen Welt­an­schau­ung ent­steht.

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Ur­teil

BVer­wG 2 WD 11.22

  • TDG Süd 8. Kam­mer - 28.07.2022 - AZ: S 8 VL 16/22

In dem ge­richt­li­chen Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren hat der 2. Wehr­dienst­se­nat des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts in der nicht­öf­fent­li­chen Haupt­ver­hand­lung am 14. Ju­ni 2023, an der teil­ge­nom­men ha­ben: Vor­sit­zen­der Rich­ter am Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt Dr. Häu­ß­ler, Rich­ter am Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt Prof. Dr. Bur­meis­ter, Rich­te­rin am Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt Dr. Hen­ke, eh­ren­amt­li­cher Rich­ter Oberst­leut­nant Koss und eh­ren­amt­li­cher Rich­ter Haupt­mann d.R. Hüb­ner, Lei­ten­der Re­gie­rungs­di­rek­tor ... als Ver­tre­ter des Bun­des­wehr­dis­zi­pli­nar­an­walts, Rechts­an­walt ... als Pflicht­ver­tei­di­ger, Ge­schäfts­stel­len­ver­wal­te­rin ... als Ur­kunds­be­am­tin der Ge­schäfts­stel­le, für Recht er­kannt:

  1. Auf die Be­ru­fung der Wehr­dis­zi­pli­nar­an­walt­schaft wird das Ur­teil der 8. Kam­mer des Trup­pen­dienst­ge­richts Süd vom 28. Ju­li 2022 auf­ge­ho­ben.
  2. Das Ru­he­ge­halt des frü­he­ren Sol­da­ten wird für die Dau­er von 24 Mo­na­ten um 1/10 ge­kürzt.
  3. Im Üb­ri­gen wird die Be­ru­fung zu­rück­ge­wie­sen.
  4. Die Kos­ten des erst­in­stanz­li­chen Ver­fah­rens ein­schlie­ß­lich der dem frü­he­ren Sol­da­ten dar­in er­wach­se­nen not­wen­di­gen Aus­la­gen trägt der frü­he­re Sol­dat.
  5. Die Kos­ten des Be­ru­fungs­ver­fah­rens ein­schlie­ß­lich der dem frü­he­ren Sol­da­ten dar­in er­wach­se­nen not­wen­di­gen Aus­la­gen trägt der Bund zu 2/3 und der frü­he­re Sol­dat zu 1/3.

Grün­de

I

1 Das Ver­fah­ren be­trifft den Vor­wurf, sich als Of­fi­zier im Ru­he­stand im so­zia­len Netz­werk "Face­book" durch Äu­ße­run­gen ge­gen die frei­heit­li­che de­mo­kra­ti­sche Grund­ord­nung be­tä­tigt zu ha­ben.

2 1. Der ... ge­bo­re­ne frü­he­re Sol­dat trat 1975 als Un­ter­of­fi­zier­an­wär­ter in die Bun­des­wehr ein. Nach er­folg­rei­cher Aus­bil­dung leis­te­te er Dienst als ... 1983 er­folg­te der Wech­sel in die Lauf­bahn der Of­fi­zie­re des mi­li­tär­fach­li­chen Diens­tes. 1986 wur­de er zum Leut­nant be­för­dert und in das Dienst­ver­hält­nis ei­nes Be­rufs­sol­da­ten be­ru­fen. Zu­letzt wur­de er 1995 zum Haupt­mann be­för­dert. 2005 er­folg­te sei­ne vor­zei­ti­ge Ver­set­zung in den Ru­he­stand. Im An­schluss dar­an grün­de­te er ei­ne ... Auf­grund von Ein­schrän­kun­gen in Zu­sam­men­hang mit der CO­VID-19-Pan­de­mie übt er seit März 2020 den Sport nicht mehr aus.

3 Wäh­rend sei­ner Dienst­zeit er­hielt er fünf förm­li­che An­er­ken­nun­gen und ei­ne Leis­tungs­prä­mie. 1999 wur­de ihm ei­ne Leis­tungs­stu­fe zu­er­kannt und 2000 das Eh­ren­kreuz der Bun­des­wehr in Gold ver­lie­hen. Zu­dem er­warb er in zehn Prü­fun­gen das Ab­zei­chen für Leis­tun­gen im Trup­pen­dienst in Gold. Das Zen­tral­re­gis­ter ent­hält kei­ne Ein­tra­gun­gen.

4 In der ihm im Sep­tem­ber 1985 an­läss­lich des ab­ge­schlos­se­nen Of­fi­zier­lehr­gangs er­öff­ne­ten Son­der­be­ur­tei­lung wies der Hör­saal­lei­ter des frü­he­ren Sol­da­ten dar­auf hin, dass die­ser sich um prä­zi­se­re For­mu­lie­run­gen be­mü­hen sol­le. Der frü­he­re Sol­dat sei ein tat­kräf­ti­ger und wil­lens­star­ker, aber auch kri­ti­scher Sol­dat, der die ihm über­tra­ge­nen Auf­ga­ben ziel­stre­big er­fül­le. Er sei be­dacht­sam, zu­wei­len aber leicht auf­brau­send, wenn sei­nen Ar­gu­men­ten nicht ge­nug Be­ach­tung ge­schenkt wer­de. Er fas­se rasch auf und kom­me zu ei­nem sach­li­chen Ur­teil. In der 1987 er­teil­ten Be­ur­tei­lung ist aus­ge­führt, dass der frü­he­re Sol­dat zum Teil sehr ge­fühls­be­tont und en­ga­giert sei­ne Mei­nung ver­tre­te. Er be­sit­ze ei­nen wa­chen Ver­stand mit lo­gi­schem Denk­ver­mö­gen. In sei­ner mi­li­tä­ri­schen Aus­drucks­wei­se sei er je­doch zeit­wei­se et­was läs­sig und we­nig prä­zi­se. In der Be­ur­tei­lung aus 1996 wird sei­ne Tä­tig­keit als Ver­trau­ens­per­son der Of­fi­zie­re ge­wür­digt. In der Be­ur­tei­lung aus 2000 hei­ßt es, der frü­he­re Sol­dat ver­fü­ge über ein dif­fe­ren­zier­tes, an der Pra­xis ori­en­tier­tes Ur­teils­ver­mö­gen. Hu­mor­vol­le Schlag­fer­tig­keit im münd­li­chen Aus­druck und das di­rek­te, krea­ti­ve An­ge­hen von Pro­ble­men kenn­zeich­ne­ten ihn. Trotz­dem ha­be er sich ei­ne wohl­tu­en­de Nach­denk­lich­keit be­wahrt, die ihn zu ei­nem ge­such­ten und be­währ­ten Rat­ge­ber ma­che.

5 In der letz­ten plan­mä­ßi­gen Be­ur­tei­lung vom 15. Ja­nu­ar 2002 hei­ßt es, im Be­reich der Fach­dienst­of­fi­zie­re der Staf­fel sei er der Leis­tungs­trä­ger schlecht­hin. Hoch mo­ti­viert ge­he er auch die schwie­rigs­ten Auf­ga­ben mit ei­nem Höchst­maß an Pflicht­be­wusst­sein und Ei­gen­stän­dig­keit an. Vor­be­halt­los bie­te er sich an, um an­de­re von Auf­ga­ben zu ent­las­ten. Mit ei­nem Höchst­maß an Pflicht­be­wusst­sein und Zu­ver­läs­sig­keit füh­re er auch schwie­rigs­te Auf­ga­ben sach­ge­rech­ten Lö­sun­gen zu. Sei­ner ho­hen Ver­ant­wor­tung als ... sei er sich voll be­wusst. Sein sehr gu­tes All­ge­mein­wis­sen und sein ex­zel­len­tes mi­li­tä­ri­sches Fach­wis­sen mach­ten ihn zu ei­nem ge­such­ten Ge­sprächs­part­ner und Be­ra­ter. Mit sei­ner hu­mor­vol­len Schlag­fer­tig­keit wis­se er sich ge­schickt in Dis­kus­sio­nen ein­zu­brin­gen und Ge­sprächs­run­den zu be­le­ben. Er füh­re jün­ge­re ... mit viel Fin­ger­spit­zen­ge­fühl und Au­to­ri­tät. Sein vor­bild­li­ches Auf­tre­ten und sei­ne of­fe­ne, hu­mor­vol­le Le­bens­art mach­ten ihn zu ei­nem Maß­stab, an dem sich jun­ge Of­fi­zie­re aus­rich­te­ten. Die durch den Aus­fall des Ein­satz-Stabs­of­fi­ziers von ihm über län­ge­re Zeit­räu­me wahr­ge­nom­me­nen Auf­ga­ben ha­be er mit der ihm ei­ge­nen Ru­he und ei­ner bei­spiel­haf­ten Ein­satz­be­reit­schaft pro­blem­los be­wäl­tigt. Er sei ein ge­rad­li­ni­ger, tat­kräf­tig han­deln­der Of­fi­zier mit Pro­fil und fes­ten Wert­vor­stel­lun­gen und ge­hö­re zur Spit­zen­grup­pe sei­ner Lauf­bahn.

6 Im Sep­tem­ber 2022 be­zog der frü­he­re Sol­dat Ru­he­ge­halt aus der Be­sol­dungs­grup­pe A 11 in Hö­he von et­wa 3 410 € net­to. Sei­ne fi­nan­zi­el­len Ver­hält­nis­se sind nach sei­ner erst­in­stanz­li­chen Ein­las­sung ge­ord­net.

7 2. Im Rah­men des im März 2021 ein­ge­lei­te­ten ge­richt­li­chen Dis­zi­pli­nar­ver­fah­rens wird dem frü­he­ren Sol­da­ten mit An­schul­di­gungs­schrift vom 22. April 2022 vor­ge­wor­fen:
"Der frü­he­re Sol­dat hat sich je­weils von nicht mehr be­stimm­ba­ren Or­ten aus, auf sei­nem Face­book Ac­count un­ter sei­nem Klar­na­men ge­gen die frei­heit­li­che de­mo­kra­ti­sche Grund­ord­nung im Sin­ne des Grund­ge­set­zes be­tä­tigt, in­dem er
1. am 7. April 2020 zu ei­nem un­be­kann­ten Zeit­punkt ge­pos­tet hat: '[...] Wir le­ben in ei­ner Großfa­mi­lie und sind je­den Tag, vie­le Stun­den für un­se­re En­kel, Kin­der und de­ren Fa­mi­lie da, ob­wohl es von un­se­ren Dik­ta­to­ren ver­bo­ten wird. [...] Bei 8 En­kel­kin­dern und 4 be­rufs­tä­ti­gen Kin­dern ge­hö­ren wir wohl zu ei­nem Selbst­mord­kom­man­do. Denkt bit­te ein­mal nach, wie un­se­re ge­wähl­ten Volks­ver­tre­ter uns ver­ar­schen wol­len. Sie wol­len uns ent­mach­ten, ein­sper­ren, jeg­li­ches Zu­sam­men­le­ben ver­bie­ten. Die ver­damm­ten Kom­mu­nis­ten wol­len uns ins Ver­der­ben sto­ßen. Auf­wa­chen! [...] Lasst euch von die­ser Dik­ta­tur nicht un­ter­krie­gen. Wir wer­den ge­win­nen. Habt Mut: Es ist ein Krieg, den wir mit Mut ge­win­nen wer­den, ge­gen die­sen po­li­ti­schen Wahn­sinn der NWO.'
2. am 19. April 2020 um 19:25 Uhr ein Stand­bild ei­nes You­Tube-Vi­de­os, mit­samt dem da­zu­ge­hö­ri­gen Link ge­pos­tet hat, auf dem uni­for­mier­te Po­li­zis­ten zu se­hen sind, die ei­ne am Bo­den lie­gen­de Per­son un­ter An­wen­dung kör­per­li­cher Ge­walt fi­xie­ren, und was den Ti­tel 'Po­li­zei räumt De­mons­tra­ti­on für 'Ein­hal­tung der Grund­rech­te' so­wie den Un­ter­ti­tel 'In Ber­lin de­mons­trier­ten hun­der­te Men­schen auf dem Ro­sa Lu­xem­burg ...' trägt, wo­zu Sie kom­men­tier­ten '[i]ch schä­me mich für die­sen Staat, dem ich über 30 Jah­re treu ge­dient ha­be. Was las­sen wir mit uns ma­chen? Das ist das wah­re Ge­sicht ei­ner auf­kom­men­den Dik­ta­tur.'
3. am 19. April 2020 um 21:54 Uhr ge­pos­tet hat: '[d]ie gan­ze Welt lässt sich von ei­nem Soft­wear-Freak, der die Welt­herr­schaft über­neh­men will, ver­ar­schen. Und wir in Deutsch­land las­sen uns von ei­nem Bank­kauf­mann un­se­re Men­schen­rech­te neh­men. Sind wir denn al­le be­scheu­ert?'
4. am 23. April 2020 um 21:41 Uhr ge­pos­tet hat: 'EI­NE GU­TE NACHT GE­SCHICH­TE. (Au­tor der Mehr­heit un­be­kannt) Ei­ne klei­ne Ge­schich­te. Man will je­man­den be­herr­schen oh­ne gro­ßen Zwang aus­zu­üben, da man even­tu­ell als Ge­walt­tä­ter ent­larvt wer­den könn­te. Man be­haup­tet et­was, wo­von man weiß, dass je­der Mensch da­vor Angst hat. Ge­ne­tisch be­dingt. Angst vor dem un­sicht­ba­ren Tod, ein­fach ge­sagt. Dann be­fiehlt man nicht, die Per­son könn­te ja miss­trau­isch wer­den, man emp­fiehlt. Die Per­son wird es wahr­schein­lich frei­wil­lig ma­chen und zu­hau­se blei­ben. Denn der un­sicht­ba­re Tod könn­te über­all sein. Jetzt gibt man die­ser Per­son ei­ne Mög­lich­keit sich ei­ner wohl­ge­mein­ten Ab­wechs­lung zu er­freu­en. Das Fern­se­hen, das Ra­dio oder die Zei­tung. Al­les ist aber schon vor­be­rei­tet zur wei­te­ren Ma­ni­pu­la­ti­on. Jetzt weiß man, dass die Per­son Ab­wechs­lung braucht und auch von Na­tur aus neu­gie­rig ist und wis­sen möch­te, was in der Welt vor­geht. Jetzt kommt das Spiel­zeug der Me­di­en zum Ein­satz. Rund um die Uhr spielt man der Per­son das vor­be­rei­te­te Pro­gramm vor, in den ver­schie­dens­ten Aus­füh­run­gen. Man schaut ab und zu mal nach, ob die Per­son schon weich­ge­kocht ist oder ob sie noch ein biss­chen län­ger be­han­delt wer­den muss. Ir­gend­wann ist es so­weit. Die Per­son wird wie­der oh­ne wei­te­re Maß­nah­men frei­ge­las­sen aber jetzt kann man mit ihr ma­chen, was man will. Sie ist weich­ge­spült und hirn­ge­wa­schen. Will­kom­men in der REA­LI­TÄT' und er­gänz­te die­se Aus­sa­ge mit fünf Emo­jis, ei­nem er­ho­be­nen Zei­ge­fin­ger, je­weils ei­ner deut­schen, ei­ner ame­ri­ka­ni­schen und ei­ner nicht de­tail­liert er­kenn­ba­ren Flag­ge so­wie ei­nem la­chen­den Ge­sicht.
5. am 28. April 2020 um 22:21 Uhr ge­pos­tet hat: '[i]ch ap­pe­lie­re an al­le ehe­ma­li­gen und ak­ti­ven Sol­da­ten der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land! An un­se­ren Eid oder an das Ge­löb­nis. Wir ha­ben ge­schwo­ren oder ge­lobt, dass wir das Recht und die Frei­heit des Deut­schen Vol­kes tap­fer ver­tei­di­gen wer­den. Wir sind vie­le. Er­in­nert euch in die­sen Zei­ten dar­an! Un­se­re Frei­heit und un­se­re Rech­te sind in Ge­fahr.'
6. am 3. Mai 2020 um 21:53 Uhr ein Bild ge­pos­tet hat, das ei­ne äl­te­re Per­son zeigt, die von zwei Po­li­zis­ten es­kor­tiert wird, ver­se­hen mit der Über­schrift '[e]in Bild sagt mehr als tau­send Wor­te! Se­nio­ren, die auf die Stras­se ge­hen um für ih­re Rech­te ein­zu­ste­hen, wer­den wie Schwer­ver­bre­cher ab­ge­führt. Die­ses Land, un­se­re Hei­mat steht vor dem Kol­laps' und die­ses mit der Aus­sa­ge kom­men­tier­te '[u]nfass­bar für mich, der ei­nen Eid für un­ser Recht und un­se­re Frei­heit ge­leis­tet hat', er­gänzt durch zwei Emo­jis mit er­ho­be­nem Zei­ge­fin­ger so­wie ei­ner deut­schen Flag­ge.
7. am 5. Mai 2020 um 20:45 Uhr ge­pos­tet hat: '[i]ch bin fast 15 Jah­re vom ak­ti­ven Dienst als Haupt­mann aD in­ak­tiv, ge­hö­re zur Ri­si­ko­grup­pe Ü-60 [lä­cheln­des Ge­sicht Emo­ji] Aber ich hof­fe, dass die Ka­me­ra­den, die noch im Dienst sind und mich noch ken­nen, für un­se­re Be­völ­ke­rung ein­tre­ten wer­den. Ich ha­be euch nicht um­sonst, ne­ben der Flie­ge­rei, den Geist für die Frei­heit und für die Rech­te für un­ser Volk bei­ge­bracht. Die­je­ni­gen, die noch im Dienst für un­ser Va­ter­land ste­hen, mö­gen sich an un­se­ren ge­mein­sa­men Eid er­in­nern. Dann wird die Dik­ta­tur kei­ne Chan­ce ha­ben. [er­ho­be­ner Zei­ge­fin­ger- so­wie drei deut­sche Flag­gen-Emo­ji] Ei­nig­keit und Recht und Frei­heit!'
8. am 5. Mai 2020 um 22:16 Uhr ge­pos­tet hat: '[k]lärt eu­re Freun­de- und Nach­bar-Schlaf­scha­fe auf. Die wol­len es nicht be­grei­fen, dass sie ih­re letz­ten Rech­te an ei­ne welt­weit ge­plan­te Dik­ta­tur ab­ge­ben wer­den.'
9. am 6. Mai 2020 um 00:18 Uhr ge­pos­tet hat: '[e]s be­darf ei­nes Kriegs­ge­richts, um die­se Re­gie­rung zur Re­chen­schaft zu brin­gen und das oh­ne Par­don.'
10. am 6. Mai 2020 um 00:31 Uhr ge­pos­tet hat: '[w]ir brau­chen jetzt die Al­li­ier­ten, die uns end­lich aus dem Kriegs­zu­stand be­frei­en, be­vor Mer­kel uns in die nächs­te deut­sche Dik­ta­tur führt!'
11. am 6. Mai 2020 um 00:50 Uhr ge­pos­tet hat: '[e]s ist die Zeit ge­kom­men, wo wir Re­ser­vis­ten uns tref­fen soll­ten, um un­ser Volk von der Skla­ve­rei zu be­frei­en.'
12. am 7. Mai 2020 um 21:51 Uhr ge­pos­tet hat '[d]ie Zwei­fel bei mir fin­gen in den 90er Jah­ren an. Ich wur­de von Ka­me­ra­den, de­nen ich das Sol­da­ten- und Pi­lo­ten­hand­werk bei­ge­bracht hat­te, be­lä­chelt, an­ge­zwei­felt oder so­gar ver­schmäht. Egal. Ich bin froh, dass im­mer mehr Men­schen wach wer­den und das gan­ze Sys­tem in Fra­ge stel­len. Wir sind das Deut­sche Volk und von uns soll nie wie­der Krieg oder Dik­ta­tur aus­ge­hen. Wir wol­len Frie­den, Recht und Frei­heit für al­le Men­schen auf un­se­rem Pla­ne­ten. Wir sind al­le frei, wir müs­sen nur dar­an glau­ben und da­für kämp­fen. Ich bin stolz ein Pa­tri­ot zu sein und füh­le mich ge­ehrt, dass ich zu­sam­men mit vie­len Men­schen für un­se­re Frei­heit kämp­fen darf.'"

8 3. Die 8. Kam­mer des Trup­pen­dienst­ge­richts Süd hat den frü­he­ren Sol­da­ten mit Ur­teil vom 28. Ju­li 2022 frei­ge­spro­chen.

9 Der frü­he­re Sol­dat ha­be sich mit kei­nem der - im Ur­teil im Ein­zel­nen ge­wür­dig­ten - Bei­trä­ge und auch nicht in ih­rer Ge­samt­heit ge­gen die frei­heit­li­che de­mo­kra­ti­sche Grund­ord­nung be­tä­tigt. Er ha­be un­wi­der­legt er­klärt, mit ih­nen die Co­ro­na-Maß­nah­men der Bun­des­re­gie­rung kri­ti­siert und da­bei pro­vo­ziert ha­ben zu wol­len. Zu den Grund­sät­zen der frei­heit­li­chen de­mo­kra­ti­schen Grund­ord­nung ha­be er sich aus­drück­lich be­kannt. Da­bei sei deut­lich ge­wor­den, dass er Schwie­rig­kei­ten ha­be, sich in der mo­der­nen, di­gi­ta­li­sier­ten Ge­sell­schaft an­ge­mes­sen zu er­klä­ren. Auch ge­lan­ge er auf voll­kom­men un­zu­rei­chen­der Fak­ten­la­ge zu ver­nich­ten­den Ur­tei­len über Men­schen. So­fern er ver­ein­zelt, wie et­wa bei An­schul­di­gungs­punkt 12, das "Sys­tem" in Fra­ge stel­le, ha­be er glaub­haft be­kun­det, da­mit das "Sys­tem der Co­ro­na­ge­schich­ten" zu mei­nen, und wenn er von ei­nem "Krieg" spre­che, von ei­nem "In­for­ma­ti­ons­krieg". Der frü­he­re Sol­dat sei zu­dem nicht po­li­tisch or­ga­ni­siert und auch nicht Mit­glied im Re­ser­vis­ten­ver­band. Ta­ten sei­en sei­nen Bei­trä­gen nicht ge­folgt, ins­be­son­de­re sei es nie zu ei­nem Tref­fen mit Gleich­ge­sinn­ten ge­kom­men. Al­lein die Viel­zahl der Bei­trä­ge oder de­ren Wie­der­ho­lung füh­re nicht zu ei­ner ver­fas­sungs­feind­li­chen Be­tä­ti­gung. Auch al­lein das Ver­fas­sen von Bei­trä­gen in feind­li­cher Ge­sin­nung stel­le kein Be­tä­ti­gen dar; es be­dür­fe ei­nes über die blo­ße Mei­nungs­kund­ga­be hin­aus­ge­hen­den Ele­ments. Die­ses sei nur an­zu­neh­men, wenn ein Bei­trag an­de­re zu Hand­lun­gen auf­ru­fe und da­mit ei­nen "Ap­pell­cha­rak­ter" auf­wei­se. Bei al­le­dem be­dür­fe es ei­ner ge­wis­sen Ernst­haf­tig­keit. Dass sie nicht be­stehe, er­ge­be sich et­wa aus den Äu­ße­run­gen ge­mäß An­schul­di­gungs­punkt 1. Der frü­he­re Sol­dat er­klä­re dort zwar, dass "wir" uns in ei­ner Dik­ta­tur be­fän­den. Dass er da­für ei­ner­seits "die ver­damm­ten Kom­mu­nis­ten" ver­ant­wort­lich ma­che, sich an­de­rer­seits aber auf Sahra Wa­gen­knecht be­ru­fe, sei ei­ne in­ter­es­san­te Prak­tik, aus der sich er­ge­be, dass meh­re­re Äu­ße­run­gen nicht ernst ge­meint sei­en; je­den­falls feh­le es ih­nen teil­wei­se an je­der Lo­gik.

10 Zwar kön­ne sich in den Äu­ße­run­gen jen­seits der vor­lie­gend en­gen Wort­lautaus­le­gung auch ein ge­fähr­li­cher Sinn fin­den. Die­se In­ter­pre­ta­ti­ons­mög­lich­kei­ten sei­en je­doch nicht zwin­gend, was sich aus dem Ge­samt­kon­text der Bei­trä­ge er­ge­be. Auch das Ver­brei­ten an­ti­se­mi­ti­scher und na­tio­nal­so­zia­lis­ti­sches Un­recht re­la­ti­vie­ren­der Bil­der stel­le kei­ne Be­tä­ti­gung ge­gen die frei­heit­li­che de­mo­kra­ti­sche Grund­ord­nung dar. Dar­an än­de­re nichts, dass der frü­he­re Sol­dat durch Be­lei­di­gun­gen und Het­ze da­zu bei­ge­tra­gen ha­be, dass wo­mög­lich auch an­de­re ra­di­ka­li­siert wür­den. Über die straf­recht­li­che Re­le­vanz sei­ner Bei­trä­ge sei eben­so we­nig zu be­fin­den wie über ei­ne ver­fas­sungs­schutz­re­le­van­te De­le­gi­ti­mie­rung des Staa­tes. Er ha­be sich zwar ei­nes Sol­da­ten un­wür­dig ver­hal­ten, sei je­doch ein frü­he­rer Sol­dat, der nicht mehr zu Dienst­leis­tun­gen her­an­ge­zo­gen wer­den kön­ne. Der Ge­setz­ge­ber ha­be durch § 23 Abs. 2 SG für die­se Grup­pe von Sol­da­ten ei­ne ab­schlie­ßen­de Re­ge­lung ge­trof­fen, so dass die an sich ver­letz­ten § 8 SG und § 10 Abs. 6 SG kei­ne An­wen­dung fän­den.

11 4. Mit ih­rer un­be­schränkt ein­ge­leg­ten Be­ru­fung trägt die Wehr­dis­zi­pli­nar­an­walt­schaft im We­sent­li­chen vor, der frü­he­re Sol­dat ha­be sich durch Bei­trä­ge, in de­nen er die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land als "Dik­ta­tur'' be­zeich­ne, und - un­ter Ver­weis auf die Neue Welt­ord­nung - agi­ta­to­risch sei­ne Le­ser da­zu auf­ge­for­dert ha­be, sich von der "Dik­ta­tur" "nicht un­ter­krie­gen" zu las­sen, durch­aus ge­gen die frei­heit­li­che de­mo­kra­ti­sche Grund­ord­nung be­tä­tigt. Schon die Schmä­hung der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land als "Dik­ta­tur", in der "Skla­ve­rei" herr­sche, stel­le ei­ne ver­fas­sungs­feind­li­che Be­tä­ti­gung dar.

12 Auch die Auf­for­de­rung an die­je­ni­gen, die noch im Dienst stün­den, sie mö­gen sich an den ge­mein­sa­men Eid er­in­nern, än­de­re dar­an nichts. Die frei­heit­li­che de­mo­kra­ti­sche Grund­ord­nung für sich um­zu­de­fi­nie­ren, stel­le viel­mehr ein be­son­ders per­fi­des Be­tä­ti­gen ge­gen sie dar. Die For­de­rung nach ei­nem "Kriegs­ge­richt, um die Re­gie­rung zur Re­chen­schaft zu zie­hen", zeu­ge von dem Wunsch, ei­ne Ge­richts­bar­keit zu in­stal­lie­ren, die nicht mit den der frei­heit­li­chen de­mo­kra­ti­schen Grund­ord­nung im­ma­nen­ten Rechts­staat­lich­keits­ga­ran­ti­en in Ein­klang zu brin­gen sei. Zwar dür­fe auch ei­ne de­mo­kra­tisch ge­wähl­te Re­gie­rung kri­ti­siert, je­doch nicht bei ih­rem Tä­tig­wer­den ge­stört oder nach­träg­lich ver­folgt wer­den. Ei­ne Ver­än­de­rung der Po­li­tik sei durch de­mo­kra­ti­sche Wah­len zu be­wir­ken. Die Bei­trä­ge wie­sen ei­nen aus­rei­chend apel­la­ti­ven, ja agi­ta­ti­ven Cha­rak­ter auf. Dies se­he auch das Trup­pen­dienst­ge­richt, da es aus­füh­re, der frü­he­re Sol­dat hät­te sich auf­grund sei­ner "Be­lei­di­gung und Het­ze" nicht "von je­der Ver­ant­wor­tung los­sa­gen" kön­nen, wenn es da­durch zu kon­kre­ten Be­dro­hun­gen und Über­grif­fen ge­kom­men wä­re. Da­mit ha­be es sich zu­dem in Wi­der­spruch zu sei­ner Wer­tung ge­setzt, den Äu­ße­run­gen feh­le ein Ap­pell­cha­rak­ter.

13 5. Hin­sicht­lich der Ein­zel­hei­ten zur Per­son des frü­he­ren Sol­da­ten, zur An­schul­di­gung und zur Be­grün­dung des erst­in­stanz­li­chen Ur­teils wird auf die­ses ver­wie­sen. Zu den im Be­ru­fungs­ver­fah­ren ein­ge­führ­ten Un­ter­la­gen wird auf das Pro­to­koll der Be­ru­fungs­haupt­ver­hand­lung Be­zug ge­nom­men.

II

14 Die zu­läs­si­ge Be­ru­fung hat teil­wei­se Er­folg. Da sie in vol­lem Um­fang ein­ge­legt wor­den ist, hat der Se­nat im Rah­men der An­schul­di­gung ei­ge­ne Tat- und Schuld­fest­stel­lun­gen zu tref­fen, sie recht­lich zu wür­di­gen und über ei­ne an­ge­mes­se­ne Dis­zi­pli­nar­maß­nah­me zu be­fin­den.

15 1. Auf der Grund­la­ge der be­reits erst­in­stanz­lich ge­stän­di­gen Ein­las­sun­gen des frü­he­ren Sol­da­ten da­hin­ge­hend, dass er der Ver­fas­ser der in der An­schul­di­gungs­schrift be­zeich­ne­ten Äu­ße­run­gen sei, so­wie der in dem Ver­wal­tungs­vor­gang ent­hal­te­nen Aus­dru­cke der ge­pos­te­ten Äu­ße­run­gen steht des­sen Ur­he­ber­schaft in ob­jek­ti­ver Hin­sicht fest. Fest steht auf der Grund­la­ge des­sen auch, dass er sie wis­sent­lich und wil­lent­lich ver­fasst und ge­pos­tet hat.

16 2. Der frü­he­re Sol­dat hat sich mit die­sem vor­sätz­li­chen Ver­hal­ten als frü­he­rer Of­fi­zier ge­gen die frei­heit­li­che de­mo­kra­ti­sche Grund­ord­nung be­tä­tigt, was nach § 23 Abs. 2 Nr. 2 Alt. 1 SG als Dienst­ver­ge­hen gilt. Dass er zum Zeit­punkt der ge­richt­li­chen Ent­schei­dung das 65. Le­bens­jahr be­reits voll­endet hat und des­halb nicht als Vor­ge­setz­ter wie­der­ver­wen­det wer­den kann, ist ent­schei­dungs­un­er­heb­lich, weil sich die­ses Tat­be­stand­ser­for­der­nis auf § 23 Abs. 2 Nr. 2 in der Al­ter­na­ti­ve 2 SG be­schränkt (vgl. BVer­wG, Be­schlüs­se vom 29. Ja­nu­ar 2019 - 2 WDB 1.18 - Buch­holz 449 § 23 SG Nr. 1 Rn. 10 ff. und vom 29. Ju­ni 2022 - 2 WDB 3.22 - ju­ris Rn. 29).

17 a) § 23 Abs. 2 Nr. 2 Alt. 1 SG sta­tu­iert ei­ne nach­wir­ken­de po­li­ti­sche Treue­pflicht. Da­nach ist es ei­nem Of­fi­zier oder Un­ter­of­fi­zier auch nach dem Aus­schei­den aus dem Wehr­dienst un­ter­sagt, sich ge­gen die frei­heit­li­che de­mo­kra­ti­sche Grund­ord­nung zu be­tä­ti­gen. Der Ge­setz­ge­ber hat da­durch aus dem für ak­ti­ve Sol­da­ten gel­ten­den Pflich­ten­kreis des § 8 SG ei­nen Teil­be­reich auch für die Zeit nach dem Dienst­zei­ten­de mit ei­ner Sank­ti­ons­dro­hung ver­se­hen und ver­deut­licht, dass er der Er­fül­lung die­ser Pflicht auch über das Dienst­zei­ten­de hin­aus ho­he Be­deu­tung bei­misst. Er trägt da­mit dem schüt­zens­wer­ten In­ter­es­se Rech­nung, dass auch Re­ser­vis­ten für die Bun­des­wehr un­trag­bar wer­den kön­nen, wenn sie ele­men­ta­re Pflich­ten ver­let­zen und so die Grund­la­ge des Ver­trau­ens in ih­re In­te­gri­tät und Zu­ver­läs­sig­keit als Grund­la­ge ih­rer Wie­der­ver­wen­dung schwer be­ein­träch­ti­gen oder gar zer­stö­ren (BVer­wG, Be­schluss vom 29. Ju­ni 2022 - 2 WDB 3.22 - ju­ris Rn. 33 m. w. N.; Po­retsch­kin/Lucks, SG, 11. Aufl. 2022, § 23 Rn. 19; Metz­ger, in: Ei­chen/Metz­ger/Sohm, SG, 4. Aufl. 2021, § 23 Rn. 36).

18 b) Die­se Ver­pflich­tung rich­tet sich nur ge­gen den nach § 10 Abs. 1 SG be­son­ders ver­pflich­te­ten Per­so­nen­kreis - Of­fi­zie­re und Un­ter­of­fi­zie­re - und be­trifft nur Hand­lun­gen, die in be­son­ders in­ten­si­ver Wei­se ge­gen die po­li­ti­sche Treue­pflicht ver­sto­ßen. Denn wäh­rend der ak­ti­ve Sol­dat die frei­heit­li­che de­mo­kra­ti­sche Grund­ord­nung nicht nur an­er­ken­nen (§ 8 Alt. 1 SG), son­dern auch für de­ren Er­hal­tung ein­tre­ten muss (§ 8 Alt. 2 SG), ver­langt § 23 Abs. 2 Nr. 2 Alt. 1 SG von frü­he­ren Of­fi­zie­ren und Un­ter­of­fi­zie­ren nur noch, sich ge­gen sie je­den­falls nicht zu be­tä­ti­gen. Die­ser re­strik­ti­ven, auf re­du­zier­te An­for­de­run­gen an die Ver­fas­sungs­treue­pflicht ge­rich­te­ten Ziel­set­zung (zum Be­am­ten­recht: Gri­go­leit, in: Bat­tis, BBG, 6. Aufl. 2022, zu dem mit dem § 20 SG a. F. ent­spre­chen­den <vgl. BT-Drs. 2/1700 S. 24> § 77 Rn. 18) ist bei der Aus­le­gung des Be­griffs des Be­tä­ti­gens Rech­nung zu tra­gen. Zum ei­nen der­ge­stalt, dass ak­ti­ve Hand­lun­gen er­for­der­lich sind (vgl. Ma­kow­ski, NZWehrr 2000, 194 <197>; zum Be­am­ten­recht: Thom­sen, in: Be­ck­OK, Be­am­ten­recht Bund, Stand No­vem­ber 2021, § 77 BBG Rn. 16), zum an­de­ren der­ge­stalt, dass die Ver­let­zung der po­li­ti­schen Treue­pflicht be­son­ders schwer­wie­gend sein muss (BVer­wG, Be­schluss vom 29. Ju­ni 2022 - 2 WDB 3.22 - ju­ris Rn. 33).

19 Dies setzt bei frü­he­ren Sol­da­ten - wie bei Ru­he­stands­be­am­ten (§ 77 Abs. 2 Satz 1 Nr. 1 BBG, § 47 Abs. 2 Satz 1 Alt. 1 Be­amtStG) – Ak­ti­vi­tä­ten feind­se­li­ger Art vor­aus. Mei­nungs­äu­ße­run­gen kön­nen, müs­sen aber nicht in je­dem Fall den Cha­rak­ter von sol­chen Ak­ti­vi­tä­ten feind­se­li­ger Art ha­ben. So­lan­ge sie sich dar­in er­schöp­fen, im Ver­trau­en auf die Über­zeu­gungs­kraft des Ar­gu­ments Kri­tik an be­stehen­den Zu­stän­den zu üben oder be­stehen­de recht­li­che Re­ge­lun­gen - in dem da­für recht­lich vor­ge­se­he­nen Ver­fah­ren - zu än­dern, be­grün­den sie kei­nen Ver­stoß ge­gen die nach­wir­ken­de po­li­ti­sche Treue­pflicht. Denn we­der der Staat noch die Ge­sell­schaft ha­ben ein In­ter­es­se an un­kri­ti­schen Be­am­ten und Sol­da­ten (vgl. BVerfG, Be­schluss vom 22. Mai 1975 - 2 BvL 13/73 - BVerf­GE 39, 334 <347>). Da­ge­gen stel­len Agi­ta­tio­nen, die die frei­heit­li­che de­mo­kra­ti­sche Grund­ord­nung her­ab­set­zen, ver­fas­sungs­recht­li­che Wert­ent­schei­dun­gen und In­sti­tu­tio­nen dif­fa­mie­ren und zum Bruch gel­ten­der Ge­set­ze auf­for­dern - mit­hin nicht den Staat und sei­ne Staats­or­ga­ne le­dig­lich kri­ti­sie­ren, son­dern de­ren Le­gi­ti­mi­tät in Fra­ge stel­len - Be­tä­ti­gun­gen ge­gen die frei­heit­li­che de­mo­kra­ti­sche Grund­ord­nung dar (BVerfG, Be­schluss vom 22. Mai 1975 - 2 BvL 13/73 - BVerf­GE 39, 334 <351>).

20 c) Da­bei liegt ei­ne Be­tä­ti­gung ge­gen die frei­heit­li­che de­mo­kra­ti­sche Grund­ord­nung im Sin­ne des § 23 Abs. 2 Nr. 2 Alt. 1 SG nicht nur dann vor, wenn abs­trakt ei­ne Ab­schaf­fung zen­tra­ler Grund­prin­zi­pi­en ge­for­dert wird, die für den frei­heit­li­chen Ver­fas­sungs­staat schlecht­hin un­ent­behr­lich sind, wie et­wa die Wür­de des Men­schen und das De­mo­kra­tie­prin­zip, für das die Mög­lich­keit gleich­be­rech­tig­ter Teil­nah­me al­ler am po­li­ti­schen Wil­lens­bil­dungs­pro­zess so­wie die Rück­bin­dung der Aus­übung von Staats­ge­walt an das Volk ma­ß­geb­lich ist, der Grund­satz der Rechts­staat­lich­keit, ins­be­son­de­re die Ach­tung des staat­li­chen Ge­walt­mo­no­pols (BVer­wG, Ur­tei­le vom 24. Au­gust 2018 - 2 WD 3.18 - BVer­w­GE 163, 16 Rn. 74 und vom 18. Ju­ni 2020 - 2 WD 17.19 - BVer­w­GE 168, 323 Rn. 28, 37). Viel­mehr be­zieht sich das Dienst- und Treue­ver­hält­nis von Sol­da­ten, Be­am­ten und an­de­ren Ho­heits­trä­gern nach Art. 33 Abs. 4 GG auch auf den kon­kre­ten Ver­fas­sungs­staat, sei­ne ge­gen­wär­ti­gen In­sti­tu­tio­nen und sei­ne de­mo­kra­tisch le­gi­ti­mier­ten Re­prä­sen­tan­ten. Dar­um schul­den ak­ti­ve Be­am­te und Sol­da­ten dem aus frei­en Wah­len her­vor­ge­gan­ge­nen Bun­des­tag und der von ihm de­mo­kra­tisch le­gi­ti­mier­ten Bun­des­re­gie­rung Loya­li­tät. Sie sind zur Ver­fas­sungs- und Staats­treue auch und ge­ra­de in Kri­sen­zei­ten und ernst­haf­ten Kon­flikt­si­tua­tio­nen ver­pflich­tet (vgl. BVerfG, Be­schluss vom 22. Mai 1975 - 2 BvL 13/73 - BVerf­GE 39, 334 <348>).

21 Eben­so muss der frü­he­re Sol­dat oder ehe­ma­li­ge Be­am­te auf­grund des fort­be­stehen­den Treue­ver­hält­nis­ses, das in den ge­setz­li­chen Il­loya­li­täts­ver­bo­ten sei­nen ein­fach-recht­li­chen Nie­der­schlag ge­fun­den hat, feind­se­li­ge Be­tä­ti­gun­gen ge­gen den kon­kre­ten Ver­fas­sungs­staat un­ter­las­sen. Er ver­letzt sei­ne fort­wir­ken­de Treue­pflicht, wenn er die Staats­or­ga­ne nicht le­dig­lich kri­ti­siert, son­dern ih­re de­mo­kra­tisch ge­wähl­ten Re­prä­sen­tan­ten dif­fa­miert, ih­nen die Le­gi­ti­ma­ti­on ab­spricht, ih­re Ab­set­zung in ver­fas­sungs­wid­ri­gen Ver­fah­ren be­für­wor­tet oder gar zum ge­walt­sa­men Sturz auf­for­dert.

22 Für den Be­reich der Streit­kräf­te be­steht ei­ne be­son­de­re ver­fas­sungs­recht­li­che Loya­li­täts­pflicht ge­gen­über der Staats­spit­ze, die sich aus der Über­tra­gung der Be­fehls- und Kom­man­do­ge­walt auf den Bun­des­mi­nis­ter der Ver­tei­di­gung (Art. 65a GG) bzw. im Ver­tei­di­gungs­fall auf den Bun­des­kanz­ler (Art. 115b GG) er­gibt ("Pri­mat der Po­li­tik"; vgl. BVer­wG, Ur­teil vom 7. Ju­li 2004 - 6 C 17/03 - Buch­holz 448.0 § 29 WPflG Nr. 21 S. 6 f.). Die­ses be­son­de­re Un­ter­stel­lungs­ver­hält­nis un­ter­streicht Art. 87a Abs. 4 Satz 1 GG, der den Ein­satz der Streit­kräf­te bei in­ne­ren Aus­ein­an­der­set­zun­gen strikt be­grenzt und von der Ent­schei­dung der Bun­des­re­gie­rung ab­hän­gig macht (BVerfG, Be­schluss vom 3. Ju­li 2012 - 2 PB­vU 1/11 - BVerf­GE 132, 1 Rn. 54 f.). Ins­be­son­de­re für die An­ge­hö­ri­gen der Streit­kräf­te be­steht da­nach in Fäl­len des in­ne­ren Not­stan­des, na­ment­lich bei ei­ner - wie vom frü­he­ren Sol­da­ten an­ge­nom­me­nen - Ge­fähr­dung der frei­heit­li­chen de­mo­kra­ti­schen Grund­ord­nung, ein Ver­bot, ei­gen­in­itia­tiv un­ter Be­ru­fung auf ei­ne (ver­meint­li­che) Ge­fahr ge­gen die frei­heit­li­che de­mo­kra­ti­sche Grund­ord­nung ge­gen die zur Fest­stel­lung des­sen ori­gi­när zu­stän­di­ge Bun­des­re­gie­rung tä­tig zu wer­den (Heun, in: Drei­er, GG, 3. Aufl. 2018, Art. 87a Rn. 33; Ep­ping, in: Ep­ping/Hill­gru­ber, Be­ck­OK, GG, Stand Mai 2023, Art. 87a Rn. 51). Dies schlie­ßt die Ver­pflich­tung von Sol­da­ten ein, nicht an­de­re Sol­da­ten zur Il­loya­li­tät ge­gen­über der Re­gie­rung auf­zu­ru­fen.

23 Ob sich ein frü­he­rer Sol­dat ge­gen die frei­heit­li­che de­mo­kra­ti­sche Grund­ord­nung im Sin­ne des § 23 Abs. 2 Nr. 2 Alt. 1 SG be­tä­tigt, ist ob­jek­tiv zu be­stim­men. Ma­ß­geb­lich ist - wie stets bei der Ver­let­zung sol­da­ti­scher Pflich­ten - das äu­ße­re Ge­sche­hen. Dies gilt auch für die Fra­ge, ob ei­ne Äu­ße­rung feind­se­li­ger Art vor­liegt, d. h. auf ei­ne Dif­fa­mie­rung, De­le­gi­ti­mie­rung oder De­mon­ta­ge ei­nes de­mo­kra­tisch le­gi­ti­mier­ten Staats­or­gans ge­rich­tet ist. Ob die Be­tä­ti­gung ge­gen die frei­heit­li­che de­mo­kra­ti­sche Grund­ord­nung sub­jek­tiv be­trach­tet eben­falls feind­se­lig mo­ti­viert ist, vor­sätz­lich oder nur fahr­läs­sig er­folgt ist, ist ei­ne Fra­ge des auch bei fik­ti­ven Dienst­ver­ge­hen er­for­der­li­chen Ver­schul­dens (§ 23 Abs. 1 SG) und der dis­zi­pli­nar­recht­li­chen Maß­nah­me­be­mes­sung.

24 3. Nach Ma­ß­ga­be des­sen hat sich der frü­he­re Sol­dat mit sei­nen Äu­ße­run­gen ge­gen die frei­heit­li­che de­mo­kra­ti­sche Grund­ord­nung be­tä­tigt.

25 a) Bei der dis­zi­pli­nar­recht­li­chen Wür­di­gung von Äu­ße­run­gen ist von ih­rem ob­jek­ti­ven Er­klä­rungs­ge­halt aus­zu­ge­hen, wie ihn ein un­be­fan­ge­ner Drit­ter ver­ste­hen muss. Da­bei sind al­le Be­gleit­um­stän­de ein­schlie­ß­lich des Kon­tex­tes und der sprach­li­chen und ge­sell­schaft­li­chen Ebe­ne, auf der sich die Be­kun­dung be­wegt, zu be­rück­sich­ti­gen. Ma­ß­geb­lich für die Deu­tung ist nicht die sub­jek­ti­ve Ab­sicht des Sol­da­ten, son­dern der Sinn, den die Be­kun­dung nach dem Ver­ständ­nis ei­nes un­vor­ein­ge­nom­me­nen und ver­stän­di­gen Drit­ten hat (vgl. BVerfG, Kam­mer­be­schluss vom 11. No­vem­ber 2021 - 1 BvR 11/20 - NJW 2022, 769 Rn. 17 m. w. N.; BVer­wG, Ur­teil vom 10. No­vem­ber 2022 - 2 WD 20.21 - Buch­holz 450.2 § 105 WDO 2002 Nr. 1 Rn. 36). Bei mehr­deu­ti­gen Be­kun­dun­gen müs­sen an­de­re mög­li­che Deu­tun­gen mit schlüs­si­gen Grün­den aus­ge­schlos­sen wer­den, be­vor ih­nen ei­ne zu ei­ner Sank­tio­nie­rung füh­ren­de Be­deu­tung zu­grun­de ge­legt wird (BVer­wG, Ur­tei­le vom 18. Ju­ni 2020 - 2 WD 17.19 - BVer­w­GE 168, 323 Rn. 31, vom 13. Ja­nu­ar 2022 - 2 WD 4.21 - Buch­holz 450.2 § 77 WDO 2002 Nr. 1 Rn. 34 m. w. N., vom 1. De­zem­ber 2022 - 2 WD 1.22 - ju­ris Rn. 18 und vom 26. April 2023 - 6 C 8.21 - NVwZ 2023, 1167 Rn. 30; BVerfG, Kam­mer­be­schluss vom 10. Ju­li 1992 - 2 BvR 1802/91 - NJW 1992, 2750 <2751>).

26 aa) Bei der sol­cher­ma­ßen ge­bo­te­nen Ge­samt­schau er­gibt die ob­jek­ti­ve Aus­le­gung der streit­ge­gen­ständ­li­chen Äu­ße­run­gen, dass die staat­li­chen Ein­griffs­maß­nah­men, die sei­ner­zeit in der Amts­zeit von Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel und Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn zur Be­kämp­fung des CO­VID-19-Vi­rus er­grif­fen wur­den, nach Auf­fas­sung des frü­he­ren Sol­da­ten ge­gen Men­schen­rech­te ver­sto­ßen (An­schul­di­gungs­punkt 3) und aus des­sen Sicht auf ei­ne staat­li­che Dik­ta­tur (An­schul­di­gungs­punk­te 1, 2, 8, 10) oder ei­nen (ge­sell­schaft­li­chen) Kol­laps (An­schul­di­gungs­punkt 6) hin­aus­lau­fen bzw. be­reits zu ei­ner Dik­ta­tur ge­führt ha­ben (An­schul­di­gungs­punkt 11). Als Hin­ter­grund nimmt er an, durch die Maß­nah­men sol­le ei­ne "Neue Welt­ord­nung" (da­zu: Bun­des­mi­nis­te­ri­um des In­nern und für Hei­mat, Ver­fas­sungs­schutz­be­richt 2022, S. 117), näm­lich ei­ne welt­weit ge­plan­te Dik­ta­tur (An­schul­di­gungs­punkt 8), be­grün­det wer­den (An­schul­di­gungs­punkt 1), für die et­wa Bill Gates ste­he (An­schul­di­gungs­punkt 3), und der nur mit Hil­fe der (frü­he­ren) Al­li­ier­ten be­geg­net wer­den kön­ne (An­schul­di­gungs­punkt 10). Da­bei wer­de die­ser Vor­gang durch die (na­tio­na­len) Me­di­en ge­zielt flan­kiert (An­schul­di­gungs­punkt 4). Der frü­he­re Sol­dat ver­bin­det da­mit Ap­pel­le an die Nut­zer von Face­book, "Freun­de- und Nach­bar-Schlaf­scha­fe" auf­zu­klä­ren, da­mit sie nicht ih­re letz­ten Rech­te an ei­ne welt­weit ge­plan­te Dik­ta­tur ab­ge­ben (An­schul­di­gungs­punkt 8), und an die Be­völ­ke­rung (sich "von die­ser Dik­ta­tur nicht un­ter­krie­gen" zu las­sen, son­dern da­ge­gen ei­nen "Krieg" zu füh­ren (An­schul­di­gungs­punkt 1). Vor al­lem rich­tet er wie­der­holt un­ter aus­drück­li­chem Hin­weis auf den von ih­nen ge­schwo­re­nen Eid (An­schul­di­gungs­punkt 5, 6, 7) ei­nen Ap­pell an al­le ehe­ma­li­gen und ak­ti­ven (deut­schen) Sol­da­ten, das Recht und die Frei­heit des Deut­schen Vol­kes tap­fer zu ver­tei­di­gen (An­schul­di­gungs­punkt 5) und für die Be­völ­ke­rung ein­zu­tre­ten (An­schul­di­gungs­punkt 7). Es sei zum ei­nen die Zeit ge­kom­men, dass sich Re­ser­vis­ten tref­fen soll­ten, um das deut­sche Volk von der Skla­ve­rei zu be­frei­en (An­schul­di­gungs­punkt 11), und zum an­de­ren, die sei­ner­zei­ti­ge, von Kanz­le­rin Mer­kel ge­führ­te Re­gie­rung oh­ne Par­don vor ein Kriegs­ge­richt zu stel­len (An­schul­di­gungs­punkt 9). So­dann schreibt er im fol­gen­den Post vom 6. Mai 2020: "Ich ver­ste­he nicht, war­um mei­ne Ka­me­ra­den nicht ge­gen die­se ge­plan­te Dik­ta­tur vor­ge­hen?" Da­bei weist er auf sei­ne frü­he­re Dienst­stel­lung als Sol­dat hin, wo­mit er sei­nen Aus­sa­gen ei­ner­seits ei­ne be­son­de­re Au­to­ri­tät ver­mit­teln will und an­de­rer­seits sei­ne Ver­bun­den­heit mit den Streit­kräf­ten her­vor­hebt.

27 Die­se Aus­sa­gen des frü­he­ren Sol­da­ten las­sen sich nicht auf ei­ne po­le­misch-über­spitz­te Kri­tik an der Co­ro­na-Po­li­tik der Bun­des­re­gie­rung re­du­zie­ren. Denn sie ent­hal­ten dar­über hin­aus den Vor­wurf, die Bun­des­re­gie­rung stre­be un­ter Bruch der Ver­fas­sung ei­ne Dik­ta­tur an. Dass die­ser Vor­wurf mehr als ei­ne ein­ma­li­ge über­spitz­te Po­le­mik ist, er­gibt sich schon aus der stän­di­gen Wie­der­ho­lung sei­ner The­se, man ste­he am An­fang ei­ner Dik­ta­tur. Auf die Fra­ge, ob der frü­he­re Sol­dat sei­ne dies­be­züg­li­chen Bei­trä­ge sa­ti­risch ver­stan­den wis­sen will, hat er in der münd­li­chen Ver­hand­lung vor dem Trup­pen­dienst­ge­richt aus­ge­führt, dass er auch Sa­ti­re ver­wen­de. Dies lässt sich z. B. bei dem Post über die da­ma­li­ge Bun­des­tags­vi­ze­prä­si­den­tin Roth nach­voll­zie­hen (Bl. 33 d. A.). Von ei­nem durch­ge­hend sa­ti­ri­schen For­mat hat er selbst nicht ge­spro­chen und da­für gibt es auch kei­ne ob­jek­ti­ven An­halts­punk­te. Ei­ne ent­spre­chen­de hu­mo­ris­tisch über­zeich­nen­de No­te wei­sen die von ihm in den An­schul­di­gungs­punk­ten 1, 2, 7, 8, 10 und 12 wie­der­ge­ge­be­nen Dik­ta­tur-Vor­wür­fe ge­ra­de nicht auf.

28 Für die Ernst­haf­tig­keit sei­ner Dik­ta­tur-The­se spricht auch de­ren Be­grün­dung mit ei­ner im In­ter­net kur­sie­ren­den Ver­schwö­rungs­theo­rie. Da­nach wird die an sich nicht be­son­ders ge­fähr­li­che CO­VID-19-Pan­de­mie ge­nutzt, die Be­völ­ke­rung ein­zu­schüch­tern und zu über­wa­chen, die De­mo­kra­tie aus­zu­schal­ten und die ge­sam­te Welt von ei­nem "tie­fen Staat" aus zu len­ken. Der frü­he­re Sol­dat nimmt auf die­se aus den USA stam­men­de Theo­rie vom "de­ep sta­te" Be­zug, wenn er in An­schul­di­gungs­punkt 1 "von dem po­li­ti­schen Wahn­sinn der NWO" (Neu­en Welt­ord­nung) spricht, die nach die­ser Theo­rie durch ein ge­hei­mes Zu­sam­men­spiel von Po­li­tik, Pres­se und Ka­pi­tal er­rich­tet wer­den soll. Sei­ne ge­dank­li­che Be­ein­flus­sung durch die­se Theo­rie zeigt auch die in An­schul­di­gungs­punkt 4 ab­ge­druck­te "Gu­te-Nacht-Ge­schich­te", in der er ei­nen plan­mä­ßi­gen und ver­ab­re­de­ten Miss­brauch der Ängs­te der Be­völ­ke­rung zum Zwe­cke der Machter­lan­gung und Un­ter­drü­ckung schil­dert und die er mit den Wor­ten "Will­kom­men in der Rea­li­tät" ab­schlie­ßt. We­nig spä­ter am 5. Mai 2020 pos­tet er: "Wir wol­len kei­ne Dik­ta­tur des Tie­fen Staa­tes, un­ter­stützt von Mer­kel!" Dem­entspre­chend stellt er auf sei­nem Ac­count ei­ne Kri­tik an der von der Bun­des­re­gie­rung her­aus­ge­ge­be­nen Co­ro­na-War­nApp ein, die mit den Wor­ten "To­tal­über­wa­chung ab Werk" be­ginnt (Post vom 17. April 2020). Die pan­de­mie­be­ding­te Be­schrän­kung der Kon­tak­te auf die Klein­fa­mi­lie kom­men­tiert er mit den Wor­ten "Der fa­schis­ti­sche Wahn­sinn nimmt sei­nen Lauf" (Post vom 19. April 2020). Die Nach­hal­tig­keit, mit der er die Dik­ta­tur­the­se ver­folgt, zei­gen fer­ner die von der Wehr­dis­zi­pli­nar­an­walt­schaft nach­ge­reich­ten, aber nicht an­ge­schul­dig­ten Posts vom 10. bis 17. No­vem­ber 2020 mit Fo­to­mon­ta­gen, die Bun­des­kanz­le­rin Mer­kel mit Hit­ler­gruß dar­stel­len oder die sie Sei­te an Sei­te mit Adolf Hit­ler zei­gen, wo­bei un­ter des­sen Bild "1933 - Ver­ord­nung zum Schutz von Volk und Staat" und un­ter dem Fo­to der Bun­des­kanz­le­rin "2020 - Be­völ­ke­rungs­schutz­ge­setz" zu le­sen ist.

29 Für die Ernst­haf­tig­keit des Vor­wurfs spre­chen schlie­ß­lich die zahl­rei­chen Ap­pel­le, die der frü­he­re Sol­dat an die In­ter­net­nut­zer und an sei­ne Ka­me­ra­den rich­tet, die Frei­heits­rech­te zu ver­tei­di­gen, sich von die­ser Dik­ta­tur nicht un­ter­krie­gen zu las­sen, sich an den Sol­da­ten­eid zu er­in­nern und ei­nen Krieg zu füh­ren, den man mit Mut ge­win­ne (An­schul­di­gungs­punk­te 2, 5, 6, 7 und 11). Wie die­se va­gen Ap­pel­le zu ver­ste­hen sind, ist schwer zu be­stim­men. Ei­ner­seits wen­det sich der frü­he­re Sol­dat mit sei­ner Kamp­fes- und Kriegs­rhe­to­rik ge­zielt an Sol­da­ten der Bun­des­wehr. Dies legt den Ge­dan­ken na­he, er wol­le zu ei­nem be­waff­ne­ten Auf­stand auf­ru­fen. An­de­rer­seits ver­mei­det er in sei­nen Ap­pel­len je­de Kon­kre­ti­sie­rung, wel­ches Ver­hal­ten er von den an­ge­spro­che­nen Ka­me­ra­den und Re­ser­vis­ten er­war­tet. In der münd­li­chen Ver­hand­lung vor dem Trup­pen­dienst­ge­richt hat der frü­he­re Sol­dat aus­drück­lich er­klärt, ge­ra­de nicht zu ei­nem ge­walt­sa­men Han­deln oder zu ei­nem Putsch auf­ge­ru­fen zu ha­ben. Er se­he sich in ei­nem Krieg der Me­di­en, der "be­scheu­er­ten" klas­si­schen Me­di­en und der al­ter­na­ti­ven Me­di­en. Ihm sei es dar­um ge­gan­gen, mit In­for­ma­tio­nen und Wor­ten die Sol­da­ten zum Nach­den­ken zu brin­gen und fried­lich et­was zu be­wir­ken. Wie das Trup­pen­dienst­ge­richt zu­tref­fend aus­ge­führt hat, kann we­der aus den an­ge­schul­dig­ten Aus­sa­gen noch aus dem Kon­text mit der not­wen­di­gen Ein­deu­tig­keit ei­ne Auf­for­de­rung zu ei­nem mi­li­tä­ri­schen Ein­grei­fen ent­nom­men wer­den. Vor die­sem Hin­ter­grund ver­bie­tet es sich, die am­bi­va­len­ten Äu­ße­run­gen des an­ge­schul­dig­ten Sol­da­ten in ei­nem Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren zu sei­nen Las­ten als Auf­for­de­rung zur ge­walt­sa­men Ab­set­zung der Bun­des­re­gie­rung aus­zu­le­gen.

30 Al­ler­dings er­schöp­fen sich die an­ge­schul­dig­ten Ap­pel­le des frü­he­ren Sol­da­ten ob­jek­tiv be­trach­tet auch nicht in der Auf­for­de­rung, das Ge­sche­hen kri­tisch zu re­flek­tie­ren. Viel­mehr mahnt der frü­he­re Sol­dat ein nicht nä­her be­zeich­ne­tes Han­deln ge­gen die Bun­des­re­gie­rung an, wenn er die ak­ti­ven Ka­me­ra­den auf­for­dert, für die Be­völ­ke­rung ein­zu­tre­ten (An­schul­di­gungs­punkt 7), den Re­ser­vis­ten emp­fiehlt, sich zu tref­fen und das Volk von der Skla­ve­rei zu be­frei­en (An­schul­di­gungs­punkt 11) oder im Post vom 6. Mai 2020 sein Un­ver­ständ­nis dar­über be­kun­det, dass die Ka­me­ra­den nicht ge­gen die ge­plan­te Dik­ta­tur vor­ge­hen. Da­mit ap­pel­liert er an ak­ti­ve und frü­he­re Sol­da­ten - wenn auch nicht ge­walt­sam und auch nicht zwin­gend als mi­li­tä­ri­scher Ver­band - an ei­nem Sturz der Bun­des­re­gie­rung mit­zu­wir­ken. Denn es be­darf nach den Wor­ten des frü­he­ren Sol­da­ten ei­nes "Kriegs­ge­richts, um die­se Bun­des­re­gie­rung zur Re­chen­schaft zu brin­gen" (An­schul­di­gungs­punkt 9).

31 bb) Die sol­cher­ma­ßen aus­zu­le­gen­den Äu­ße­run­gen des frü­he­ren Sol­da­ten stel­len ob­jek­tiv be­trach­tet teil­wei­se ei­ne Be­tä­ti­gung ge­gen die frei­heit­li­che de­mo­kra­ti­sche Grund­ord­nung im Sin­ne des § 23 Abs. 2 Nr. 2 Alt. 1 SG dar.

32 (1) Be­reits der durch nichts be­grün­de­te Vor­wurf, die Bun­des­re­gie­rung un­ter Bun­des­kanz­le­rin Mer­kel er­rich­te ei­ne Dik­ta­tur, be­wegt sich nicht mehr im Rah­men ei­ner po­le­misch über­spitz­ten Kri­tik an der Re­gie­rungs­ar­beit. Der Vor­wurf, die Bun­des­kanz­le­rin wol­le - wie einst Adolf Hit­ler - durch ei­nen Staats­streich von oben die De­mo­kra­tie ab­schaf­fen und ei­ne Dik­ta­tur er­rich­ten, ist als Dif­fa­mie­rung an­zu­se­hen. Da­mit wird der Bun­des­kanz­le­rin und ih­ren Ka­bi­netts­mit­glie­dern ob­jek­tiv be­trach­tet der Bruch der Ver­fas­sung vor­ge­wor­fen. Zu­gleich wird ih­re de­mo­kra­ti­sche Le­gi­ti­ma­ti­on in Fra­ge ge­stellt. Denn im Fall ei­nes Staats­streichs von oben ste­hen Be­am­te und Sol­da­ten vor der Fra­ge, ob sie den Wei­sun­gen und Be­feh­len der Re­gie­rung wei­ter­hin fol­gen sol­len oder ob sie auf­grund ih­res Ei­des auf die de­mo­kra­ti­sche Ver­fas­sung ver­pflich­tet sind, sich die­sen An­wei­sun­gen und Be­feh­len zu wi­der­set­zen. Zu­gleich wird die durch de­mo­kra­ti­sche Wah­len er­wor­be­ne Au­to­ri­tät der Bun­des­re­gie­rung in der Be­völ­ke­rung un­ter­gra­ben. Über­zeug­te De­mo­kra­ten in der Be­völ­ke­rung, die den Vor­wurf ernst neh­men, ste­hen vor der Fra­ge, ob sie mo­ra­lisch ver­pflich­tet und nach Art. 20 Abs. 4 GG be­rech­tigt sind, Wi­der­stand ge­gen die Ab­schaf­fung der De­mo­kra­tie zu leis­ten und ge­gen die Bun­des­re­gie­rung vor­zu­ge­hen. Da­mit wird ei­ne De­le­gi­ti­mie­rung der Bun­des­re­gie­rung be­wirkt. Dies ist auch als ob­jek­tiv feind­se­li­ge Be­tä­ti­gung zu wer­ten.

33 (2) Auch sein Auf­ruf an die Sol­da­ten und Re­ser­vis­ten, ge­gen die Bun­des­re­gie­rung vor­zu­ge­hen und sei­ne For­de­rung nach In­stal­lie­rung ei­nes Kriegs­ge­richts er­fül­len den Tat­be­stand der feind­se­li­gen Be­tä­ti­gung ge­gen die frei­heit­li­che de­mo­kra­ti­sche Grund­ord­nung. Denn dar­in wird zum Bruch gel­ten­der Ge­set­ze auf­ge­ru­fen. Zum ei­nen wer­den die ak­ti­ven Sol­da­ten auf­ge­for­dert, ih­re Loya­li­täts­pflicht ge­gen­über der de­mo­kra­tisch le­gi­ti­mier­ten Bun­des­re­gie­rung zu ver­let­zen. Zum an­de­ren wird mit dem Ruf nach ei­nem "Kriegs­ge­richt" zur In­stal­la­ti­on ei­nes nach Art. 101 Abs. 1 GG ver­bo­te­nen Aus­nah­me­ge­richts auf­ge­for­dert, dem der zu fäl­len­de Ur­teils­spruch - ei­ne Be­stra­fung der am­tie­ren­den Bun­des­re­gie­rung "oh­ne Par­don" – auch gleich mit­ge­ge­ben wird. Der ob­jek­tiv ver­fas­sungs- und rechts­staats­wid­ri­ge Ge­halt ei­nes sol­chen Ap­pells liegt auf der Hand.

34 (3) Hin­ge­gen liegt kei­ne Be­tä­ti­gung ge­gen die frei­heit­li­che de­mo­kra­ti­sche Grund­ord­nung vor, so­weit sich der frü­he­re Sol­dat in An­schul­di­gungs­punkt 1 und 7 ge­gen die im Zu­ge der CO­VID-19-Pan­de­mie er­las­se­nen Kon­takt­be­schrän­kun­gen emo­tio­nal und ve­he­ment wen­det und so­weit er in An­schul­di­gungs­punkt 2 und 6 Po­li­zei­maß­nah­men ge­gen De­mons­tran­ten scharf kri­ti­siert.

35 cc) Al­ler­dings schränkt § 23 Abs. 2 Nr. 2 SG als all­ge­mei­nes Ge­setz im Sin­ne des Art. 5 Abs. 2 GG die Mei­nungs­äu­ße­rungs­frei­heit zum Schutz der frei­heit­li­chen de­mo­kra­ti­schen Grund­ord­nung (Art. 17a Abs. 1 GG) ein (vgl. BVerfG, Kam­mer­be­schluss vom 28. April 2007 - 2 BvR 71/07 - BVerf­GK 11, 82 <86 f.>). Da­bei be­steht zwi­schen Grund­rechts­schutz und Grund­rechts­schran­ken ei­ne Wech­sel­wir­kung. Ge­setz­li­che Re­ge­lun­gen, die die Mei­nungs­frei­heit be­schrän­ken, sind aus der Er­kennt­nis der grund­le­gen­den Be­deu­tung der Mei­nungs­frei­heit ih­rer­seits wie­der ein­schrän­kend aus­zu­le­gen (vgl. BVerfG, Kam­mer­be­schlüs­se vom 28. April 2007 - 2 BvR 71/07 - BVerf­GK 11, 82 <86> und vom 22. Ju­ni 2018 - 1 BvR 2083/15 - NJW 2018, 2861 Rn. 18; BVer­wG, Ur­tei­le vom 18. Ju­ni 2020 - 2 WD 17.19 - BVer­w­GE 168, 323 Rn. 25 f., vom 11. Mai 2023 - 2 WD 12.22 - Rn. 68 und vom 26. April 2023 - 6 C 8.21 - NVwZ 2023, 1167 Rn. 28).

36 Die vor­lie­gen­den Äu­ße­run­gen fal­len in den Schutz­be­reich des Grund­rechts auf Mei­nungs­frei­heit nach Art. 5 Abs. 1 Satz 1 GG. Denn es schützt jed­we­de durch das Ele­ment der Stel­lung­nah­me und des Da­für­hal­tens ge­kenn­zeich­ne­te Äu­ße­rung un­ab­hän­gig da­von, ob sie sich als wahr oder un­wahr er­weist, be­grün­det oder grund­los, emo­tio­nal oder ra­tio­nal, wert­voll oder wert­los, ge­fähr­lich oder harm­los ist (BVerfG, Kam­mer­be­schluss vom 22. Ju­ni 2018 - 1 BvR 2083/15 - NJW 2018, 2861 Rn. 13 f. so­wie BVer­wG, Ur­teil vom 26. April 2023 - 6 C 8.21 - NVwZ 2023, 1167 Rn. 27). Dass ei­ne Aus­sa­ge po­le­misch oder ver­let­zend for­mu­liert ist, ent­zieht sie nicht dem Schutz­be­reich des Grund­rechts (BVer­wG, Ur­tei­le vom 11. Mai 2023 - 2 WD 12.22 - Rn. 68 und vom 26. April 2023 - 6 C 8.21 - NVwZ 2023, 1167 Rn. 27), so­fern sie noch nicht den Grad ei­ner For­mal­be­lei­di­gung oder Schmäh­kri­tik er­rei­chen (BVer­wG, Ur­teil vom 1. Ju­li 2020 - 2 WD 15.19 - BVer­w­GE 169, 66 Rn. 31).

37 Dies be­deu­tet je­doch nicht, dass die im Rah­men der so­ge­nann­ten Wech­sel­wir­kungs­theo­rie ge­for­der­te Ab­wä­gung zwi­schen den In­ter­es­sen des frü­he­ren Sol­da­ten an der Ver­brei­tung sei­ner re­gie­rungs­feind­li­chen Äu­ße­run­gen aus Art. 5 Abs. 1 GG mit den von § 23 Abs. 2 Nr. 2 SG ge­schütz­ten In­ter­es­se des Staa­tes an der Loya­li­tät sei­ner frü­he­ren Sol­da­ten im kon­kre­ten Fall über­wiegt. Zum ei­nen schützt Art. 5 Abs. 1 GG kei­ne un­wah­ren Tat­sa­chen­be­haup­tun­gen, so dass der durch nichts be­leg­te Vor­wurf des Sol­da­ten, die Bun­des­re­gie­rung er­rich­te ei­ne Dik­ta­tur, kei­nen be­son­de­ren Schutz ver­dient. Selbst wenn man in die­sem Vor­wurf ein zu­sam­men­fas­sen­des Wert­ur­teil sieht, fehlt die­ser Mei­nungs­äu­ße­rung ei­ne nach­voll­zieh­ba­re Tat­sa­chen­ba­sis. Zum an­de­ren hat sich das Grund­ge­setz in Art. 9 Abs. 2, Art. 18, Art. 21 Abs. 2 GG für den Grund­satz der wehr­haf­ten De­mo­kra­tie ent­schie­den. Dies recht­fer­tigt es, frü­he­re Sol­da­ten, die zum Staat wei­ter­hin in ei­nem öf­fent­li­chen Dienst- und Treue­ver­hält­nis (Art. 33 Abs. 4 GG) ste­hen und von ihm er­heb­li­che Ver­sor­gungs­leis­tun­gen be­zie­hen, im Fal­le ver­fas­sungs­feind­li­cher Be­tä­ti­gun­gen zur Re­chen­schaft zu zie­hen. Die Auf­for­de­rung, ei­ne de­mo­kra­tisch ge­wähl­te Bun­des­re­gie­rung vor ein Kriegs­ge­richt zu stel­len, ver­letzt ob­jek­tiv be­trach­tet die­se Loya­li­täts­pflicht und stellt auch kei­nen schüt­zens­wer­ten Bei­trag in dem vom Recht der frei­en Re­de ge­schütz­ten geis­ti­gen Rin­gen um die po­li­ti­sche Wil­lens­bil­dung des Vol­kes dar.

38 Hin­ge­gen ist die eben­falls an­ge­schul­dig­te, aber - wie aus­ge­führt - von § 23 Abs. 2 Nr. 2 SG nicht er­fass­te Kri­tik des frü­he­ren Sol­da­ten an den CO­VID-19-Maß­nah­men und Po­li­zei­ein­sät­zen von Art. 5 Abs. 1 GG ge­schützt. Die in § 23 Abs. 2 Nr. 2 Alt. 1 SG fest­ge­leg­te Ver­pflich­tung stellt - eben­so wie § 8 SG - auch nicht in Fra­ge, dass ein Sol­dat in den durch die Rechts­ord­nung ge­zo­ge­nen Gren­zen sei­ne Frei­heit des welt­an­schau­li­chen Be­kennt­nis­ses (Art. 4 Abs. 1 GG) und sei­ne Mei­nungs­frei­heit (Art. 5 Abs. 1 Satz 1 GG) in An­spruch nimmt oder in Wahr­neh­mung der ihm zu­ste­hen­den Grund­rech­te an Er­schei­nun­gen oder Ent­wick­lun­gen in Staat und Ge­sell­schaft Kri­tik übt (vgl. BVer­wG, Be­schluss vom 18. Mai 1988 - 1 WB 28.86 - NZWehrr 1989, 80) und für Än­de­run­gen der be­stehen­den Ver­hält­nis­se ein­schlie­ß­lich - mit den ver­fas­sungs­recht­lich zu­läs­si­gen Mit­teln - des Ver­fas­sungs­rechts - wie et­wa durch die vom frü­he­ren Sol­da­ten erst­in­stanz­lich an­ge­spro­che­ne Stär­kung ple­bis­zi­tä­rer Ele­men­te - ein­tritt (BVer­wG, Be­schlüs­se vom 18. No­vem­ber 2003 - 2 WDB 2.03 - BVer­w­GE 119, 206 <214> und vom 2. Ju­ni 2021 - 1 WB 18.20 - BVer­w­GE 173, 1 Rn. 23). Als von der Mei­nungs­frei­heit ge­schützt und auch bei Be­trach­tung der Wech­sel­wir­kung nicht durch § 23 Abs. 2 Nr. 2 Alt. 1 SG ein­ge­schränkt sind da­her al­le Äu­ße­run­gen, mit de­nen der frü­he­re Sol­dat die von der Bun­des­re­gie­rung zur Be­kämp­fung der CO­VID-19-Pan­de­mie ein­ge­setz­ten Zwangs­maß­nah­men als un­ver­hält­nis­mä­ßig be­zeich­net, sie po­le­misch als dik­ta­to­risch und als von "ver­damm­ten Kom­mu­nis­ten" in­iti­iert brand­markt, er er­klärt, sich da­für als frü­he­rer Staats­die­ner zu schä­men und er die Pres­se in ei­nen ver­schwö­rungs­theo­re­ti­schen Kon­text stellt.

39 b) Die ob­jek­tiv ver­fas­sungs­wid­ri­gen Äu­ße­run­gen spie­geln in­des nicht die in­ne­re Über­zeu­gung des frü­he­ren Sol­da­ten wi­der.

40 aa) Nach § 123 Satz 3 WDO, § 91 Abs. 1 Satz 1 WDO i. V. m. § 261 StPO hat das Ge­richt nach sei­ner frei­en, aus dem In­be­griff der Ver­hand­lung ge­schöpf­ten Über­zeu­gung zu ent­schei­den. Da­bei kommt es al­lein dar­auf an, ob der Ta­trich­ter die per­sön­li­che Über­zeu­gung von ei­nem be­stimm­ten Sach­ver­halt er­langt hat oder nicht. Der Be­griff der Über­zeu­gung schlie­ßt die Mög­lich­keit ei­nes an­de­ren, auch ge­gen­tei­li­gen Ge­sche­hens­ab­laufs nicht aus; denn im Be­reich der Tat­sa­chen ist der mensch­li­chen Er­kennt­nis ein ab­so­lut si­che­res Wis­sen über den Tat­her­gang, dem­ge­gen­über an­de­re Mög­lich­kei­ten sei­nes Ab­laufs un­ter al­len Um­stän­den aus­schei­den müss­ten, ver­schlos­sen. Ei­ne "ma­the­ma­ti­sche" Ge­wiss­heit ist nicht ge­for­dert. Es ist Auf­ga­be des Ta­trich­ters, oh­ne Bin­dung an fes­te ge­setz­li­che Be­weis­re­geln und nur nach sei­nem Ge­wis­sen ver­ant­wort­lich zu ent­schei­den, ob er die an sich mög­li­chen Zwei­fel über­win­den und sich von ei­nem be­stimm­ten Sach­ver­halt über­zeu­gen kann oder nicht. Da­bei ha­ben Zwei­fel au­ßer Be­tracht zu blei­ben, die rea­ler An­knüp­fungs­punk­te ent­beh­ren und auf ei­ner le­dig­lich denk­t­heo­re­ti­schen Mög­lich­keit grün­den (BVer­wG, Ur­teil vom 1. De­zem­ber 2022 - 2 WD 1.22 - ju­ris Rn. 22). Die für den Nach­weis ei­nes Um­stan­des er­for­der­li­che Über­zeu­gungs­ge­wiss­heit er­for­dert ein nach der Le­bens­er­fah­rung aus­rei­chen­des Maß an Si­cher­heit, dem­ge­gen­über ver­nünf­ti­ge Zwei­fel nicht mehr auf­kom­men, wo­bei der Be­weis mit lü­cken­lo­sen, nach­voll­zieh­ba­ren lo­gi­schen Ar­gu­men­ten ge­führt sein muss. Al­lein da­mit wird die Un­schulds­ver­mu­tung wi­der­legt (BVer­wG, Ur­teil vom 10. März 2016 - 2 WD 8.15 - ju­ris Rn. 19 f.).

41 bb) Nach Ma­ß­ga­be des­sen ist der Se­nat nicht da­von über­zeugt, dass der frü­he­re Sol­dat tat­säch­lich ei­ne ver­fas­sungs­wid­ri­ge Ge­sin­nung auf­weist. Denn kon­kre­te An­halts­punk­te spre­chen da­ge­gen.

42 Der frü­he­re Sol­dat hat sich erst­in­stanz­lich vor Ge­richt da­hin­ge­hend ein­ge­las­sen, er ha­be "viel­leicht miss­ver­ständ­lich" nicht er­ken­nen las­sen, dass er sich le­dig­lich ge­gen pan­de­mie­be­ding­te, un­ver­hält­nis­mä­ßi­ge Ein­schrän­kun­gen weh­ren woll­te. Er ha­be nur dar­auf "auf­merk­sam" ma­chen (Sei­te 6 Sit­zungs­nie­der­schrift) wol­len, dass hier nicht kor­rekt ge­han­delt wer­de (Sei­te 11 Sit­zungs­nie­der­schrift). Ein­ge­räumt hat er eben­falls, dass die mehr­fa­che Ver­wen­dung der Wor­te "Krieg" und "Dik­ta­tur" miss­ver­stan­den wer­den könn­ten (Sei­te 8 Sit­zungs­nie­der­schrift). Aus­drück­lich in Ab­re­de ge­stellt hat er je­doch, mit sei­nen Aus­füh­run­gen zu ei­nem Krieg oder gar Putsch (Sei­te 7, 11 Sit­zungs­nie­der­schrift) mit­tels Waf­fen auf­ge­ru­fen zu ha­ben (Sei­te 8 Sit­zungs­nie­der­schrift); er sei ge­gen Dik­ta­tur und für Frie­den und Frei­heit (Sei­te 4 Sit­zungs­nie­der­schrift) und be­haup­te nicht, "of­fi­zi­ell" in ei­ner Dik­ta­tur zu le­ben (Sei­te 3 Sit­zungs­nie­der­schrift). Nach­dem be­reits in Be­ur­tei­lun­gen des frü­he­ren Sol­da­ten dar­auf hin­ge­wie­sen wur­de, dass die­ser ge­fühls­be­tont sei und es sei­nen For­mu­lie­run­gen oft an Prä­zi­si­on feh­le, lie­gen in der Ge­samt­heit An­halts­punk­te da­für vor, dass der frü­he­re Sol­dat mit sei­nen Äu­ße­run­gen af­fek­tiv be­dingt über das Ziel hin­aus­ge­schos­sen ist. Dies gilt um­so mehr, als er als lei­ten­des Mo­tiv sei­nes Han­delns ge­ra­de den Schutz der frei­heit­li­chen de­mo­kra­ti­schen Grund­ord­nung an­gibt. So­wohl von Sei­ten des Bun­des­am­tes für den mi­li­tä­ri­schen Ab­schirm­dienst als auch von Sei­ten des Bun­des­am­tes für Ver­fas­sungs­schutz lie­gen kei­ne wei­te­ren Er­kennt­nis­se vor, die für ei­ne tat­säch­lich ver­fas­sungs­wid­ri­ge Ge­sin­nung strei­ten.

43 4. Bei der kon­kre­ten Be­mes­sung der Dis­zi­pli­nar­maß­nah­me geht der Se­nat in sei­ner ge­fes­tig­ten Recht­spre­chung (vgl. BVer­wG, Ur­teil vom 10. Fe­bru­ar 2010 - 2 WD 9.09 - ju­ris Rn. 35 ff.) von ei­nem zwei­stu­fi­gen Prü­fungs­sche­ma aus:

44 a) Auf der ers­ten Stu­fe be­stimmt er im Hin­blick auf das Ge­bot der Gleich­be­hand­lung ver­gleich­ba­rer Fäl­le so­wie im In­ter­es­se der rechts­staat­lich ge­bo­te­nen Rechts­si­cher­heit und Vor­aus­seh­bar­keit der Dis­zi­pli­nar­maß­nah­me ei­ne Re­gel­maß­nah­me für die in Re­de ste­hen­de Fall­grup­pe als Aus­gangs­punkt der Zu­mes­sungs­er­wä­gun­gen.

45 aa) Bei Sol­da­ten, die in ei­nem ak­ti­ven Dienst­ver­hält­nis ste­hen, ist die Höchst­maß­nah­me re­gel­mä­ßig dann zu ver­hän­gen, wenn de­ren Ver­hal­ten Aus­druck ei­ner tat­säch­lich ver­fas­sungs­feind­li­chen Ge­sin­nung - sei sie na­tio­nal­so­zia­lis­ti­scher (BVer­wG, Ur­tei­le vom 28. Fe­bru­ar 2002 - 2 WD 35.01 - Buch­holz 236.1 § 8 SG Nr. 4 S. 24 f. und vom 17. No­vem­ber 2017 - 2 C 25.17 - BVer­w­GE 160, 370 Rn. 25 f.; Be­schlüs­se vom 29. Au­gust 2002 - 2 WDB 6.02 - S. 15 f. und vom 9. Ok­to­ber 2019 - 2 WDB 3.19 - Buch­holz 450.2 § 126 WDO 2002 Nr. 8 Rn. 23) oder "reichs­bür­ge­ri­scher" Art - ist. Denn in die­sen Fäl­len liegt so­wohl ei­ne Ver­let­zung der An­er­ken­nungs­pflicht aus § 8 Alt. 1 SG als auch der Ein­tre­tens­pflicht aus § 8 Alt. 2 SG vor. Dem­ge­gen­über bil­det bei Ver­hal­tens­wei­sen, die nicht von ei­ner ver­fas­sungs­feind­li­chen Ge­sin­nung ge­tra­gen wur­den, aber den ir­ri­gen Ein­druck ei­ner ho­hen Iden­ti­fi­ka­ti­on mit ver­fas­sungs­feind­li­chem Ge­dan­ken­gut ver­mit­teln, die Dienst­grad­her­ab­set­zung den Aus­gangs­punkt der Zu­mes­sungs­er­wä­gun­gen. Ver­hal­tens­wei­sen die­ser Qua­li­tät sind et­wa das Er­wei­sen des so­ge­nann­ten Hit­ler­gru­ßes (BVer­wG, Ur­teil vom 23. März 2017 - 2 WD 16.16 - ju­ris Rn. 76) oder die Leug­nung des Ho­lo­caust (BVer­wG, Be­schluss vom 8. Mai 2023 - 2 WDB 13.22 - ju­ris Rn. 33 und 35).

46 Bei nied­rig­schwel­li­ge­ren Ver­hal­tens­wei­sen bil­det grund­sätz­lich ein Be­för­de­rungs­ver­bot den Aus­gangs­punkt der Zu­mes­sungs­er­wä­gun­gen (BVer­wG, Ur­teil vom 4. No­vem­ber 2021 - 2 WD 25.20 - Buch­holz 449 § 8 SG Nr. 2 Rn. 38); ins­be­son­de­re bei ein­ma­li­gen, un­über­leg­ten oder aus ju­gend­li­cher Un­rei­fe ver­üb­ten Ver­stö­ßen die­ser Art kön­nen ge­richt­li­che Dis­zi­pli­nar­maß­nah­men aber auch un­an­ge­mes­sen (BVer­wG, Ur­teil vom 18. Ju­ni 2020 - 2 WD 17.19 - BVer­w­GE 168, 323 Rn. 47 f.) und ein­fa­che Dis­zi­pli­nar­maß­nah­men (§ 22 Abs. 1, Abs. 2 Satz 1 WDO) oder er­zie­he­ri­sche Maß­nah­men (vgl. § 33 Abs. 1 Satz 1 WDO) an­ge­zeigt sein.

47 bb) Die­se Maß­stä­be sind ent­spre­chend auf die dis­zi­pli­na­ri­sche Ahn­dung von Ver­hal­tens­wei­sen frü­he­rer Sol­da­ten über­trag­bar, die sich ge­gen die frei­heit­li­che de­mo­kra­ti­sche Grund­ord­nung be­tä­ti­gen. Be­reits in sei­nem Ur­teil vom 6. Sep­tem­ber 2012 - 2 WD 26.11 - (ju­ris Rn. 67) hat der Se­nat die Par­al­le­li­tät in der Be­wer­tung zwi­schen ei­nem Ver­hal­ten, das nach § 23 Abs. 2 Nr. 2 Alt. 1 SG als Dienst­ver­ge­hen gilt, mit ei­nem ge­gen § 8 SG ver­sto­ße­nen Ver­hal­ten be­tont (BVer­wG, Ur­teil vom 6. Sep­tem­ber 2012 - 2 WD 26.11 - ju­ris Rn. 56 ff.).

48 Da­nach ist Aus­gangs­punkt der Zu­mes­sungs­er­wä­gun­gen vor­lie­gend ei­ne Kür­zung des Ru­he­ge­halts nach § 58 Abs. 2 Satz 1 Nr. 1 WDO. Denn ge­gen den frü­he­ren Sol­da­ten kann kein Be­för­de­rungs­ver­bot aus­ge­spro­chen wer­den, weil der dis­zi­pli­na­ri­sche Sank­ti­ons­ka­ta­log des für ihn ma­ß­geb­li­chen § 58 Abs. 2 WDO - an­ders als bei ak­ti­ven Sol­da­ten (§ 58 Abs. 1 Nr. 2 WDO) – dies nicht zu­lässt. Die Kür­zung des Ru­he­ge­halts als dem Be­för­de­rungs­ver­bot ent­spre­chen­de Re­gel­maß­nah­me ist ty­pi­scher­wei­se des­halb an­ge­mes­sen, weil der frü­he­re Sol­dat ei­ner­seits über kei­ne ver­fas­sungs­wid­ri­ge Ge­sin­nung ver­fügt, die zur Ver­hän­gung der Höchst­maß­nah­me in Ge­stalt der Ab­erken­nung des Ru­he­ge­halts füh­ren müss­te (§ 58 Abs. 2 Satz 1 Nr. 4 WDO), und er an­de­rer­seits kei­ne Ver­hal­tens­wei­sen ge­zeigt hat, die auf ei­ne ho­he Iden­ti­fi­ka­ti­on mit ei­ner ver­fas­sungs­wid­ri­gen Welt­an­schau­ung schlie­ßen las­sen und des­halb ty­pi­scher­wei­se mit ei­ner Dienst­grad­her­ab­set­zung (§ 58 Abs. 2 Satz 1 Nr. 3 WDO) zu ahn­den wä­ren.

49 b) Auf der zwei­ten Stu­fe ist zu prü­fen, ob im kon­kre­ten Ein­zel­fall im Hin­blick auf die in § 38 Abs. 1 WDO nor­mier­ten Be­mes­sungs­kri­te­ri­en und die Zweck­set­zung des Wehr­dis­zi­pli­nar­rechts Um­stän­de vor­lie­gen, die die Mög­lich­keit ei­ner Mil­de­rung oder die Not­wen­dig­keit ei­ner Ver­schär­fung ge­gen­über der auf der ers­ten Stu­fe in An­satz ge­brach­ten Re­gel­maß­nah­me er­öff­nen. Da­bei ist vor al­lem an­ge­sichts der Ei­gen­art und Schwe­re des Dienst­ver­ge­hens so­wie des­sen Aus­wir­kun­gen zu klä­ren, ob es sich im Hin­blick auf die be- und ent­las­ten­den Um­stän­de um ei­nen schwe­ren, mitt­le­ren oder leich­ten Fall der schuld­haf­ten Pflicht­ver­let­zung han­delt. Liegt kein mitt­le­rer, son­dern ein hö­he­rer bzw. nied­ri­ge­rer Schwe­re­grad vor, ist ge­gen­über dem Aus­gangs­punkt der Zu­mes­sungs­er­wä­gun­gen die zu ver­hän­gen­de Dis­zi­pli­nar­maß­nah­me nach "oben" bzw. nach "un­ten" zu mo­di­fi­zie­ren. Zu­sätz­lich sind die ge­setz­lich nor­mier­ten Be­mes­sungs­kri­te­ri­en für die Be­stim­mung der kon­kre­ten Sank­ti­on zu ge­wich­ten, wenn die Maß­nah­me­art, die den Aus­gangs­punkt der Zu­mes­sungs­er­wä­gun­gen bil­det, dem Wehr­dienst­ge­richt ei­nen Spiel­raum er­öff­net. Da­bei müs­sen die Mil­de­rungs­grün­de um­so ge­wich­ti­ger sein, je schwe­rer das Dienst­ver­ge­hen wiegt (BVer­wG, Ur­teil vom 2. No­vem­ber 2017 - 2 WD 3.17 - ju­ris Rn. 73 m. w. N.). Nach Ma­ß­ga­be des­sen be­steht kein Grund, von der nach § 58 Abs. 2 Satz 1 Nr. 1 WDO zu­läs­si­gen Kür­zung des Ru­he­ge­halts (§ 58 Abs. 2 Satz 1 Nr. 1 i. V. m. § 64 Satz 2 i. V. m. § 59 Satz 2 WDO ab­zu­wei­chen.

50 aa) Die nach § 38 Abs. 1 WDO ma­ß­geb­li­chen Be­mes­sungs­fak­to­ren sind nicht von sol­chem Ge­wicht, das bei der Art der Dis­zi­pli­nar­maß­nah­me ei­ne Ab­wei­chung nach oben ge­bo­ten ist. Zwar wa­ren sei­ne Äu­ße­run­gen zahl­reich, wo­bei sie auch im Kon­text mit sons­ti­gen, nicht an­ge­schul­dig­ten Äu­ße­run­gen in er­heb­li­chem Um­fang ge­eig­net wa­ren, den An­schein man­geln­der Ver­fas­sungs­treue zu ver­stär­ken. Die­se er­schwe­ren­den Um­stän­de wer­den in­des da­durch kom­pen­siert, dass der frü­he­re Sol­dat wäh­rend sei­ner Dienst­zeit über­durch­schnitt­li­che Leis­tun­gen er­bracht hat, sich die Be­tä­ti­gun­gen in ver­ba­len Äu­ße­run­gen er­schöpf­ten und er sich in dem Glau­ben wähn­te, da­mit die Wer­te der frei­heit­li­chen de­mo­kra­ti­schen Grund­ord­nung ge­ra­de zu ver­tei­di­gen (vgl. BVer­wG, Ur­teil vom 20. Mai 1983 - 2 WD 11.82 - BVer­w­GE 83, 136 <154>). Sein Ver­hal­ten un­ter­schei­det sich da­mit gra­vie­rend ei­ner­seits von dem Per­so­nen­kreis, der die Ver­fas­sungs­ord­nung ab­lehnt, so­wie an­de­rer­seits von dem Per­so­nen­kreis, der be­reits die Exis­tenz des ak­tu­ell kon­sti­tu­ier­ten deut­schen Staa­tes und des­sen Rechts­ord­nung be­strei­tet. Zu­dem kann zu­guns­ten des frü­he­ren Sol­da­ten mit ge­rin­ge­ren Ge­wicht be­rück­sich­tigt wer­den, dass er die wäh­rend der CO­VID-19-Pan­de­mie an­ge­ord­ne­ten Frei­heits­be­schrän­kun­gen als be­son­ders be­las­tend er­leb­te und aus ei­ner per­sön­li­chen Frus­tra­ti­on her­aus han­del­te, zu­mal 2020 ei­ne durch Un­si­cher­heit ge­kenn­zeich­ne­te ge­sell­schaft­li­che Stim­mung be­stand, die Ra­di­ka­li­sie­rungs­ten­den­zen Auf­trieb gab (Zu den Aus­wir­kun­gen der Co­ro­na­pan­de­mie auf die psy­chi­sche Ge­sund­heit: Deut­scher Bun­des­tag, Wis­sen­schaft­li­che Diens­te, Stu­di­en und wei­te­re Ver­öf­fent­li­chun­gen, Ak­ten­zei­chen: WD 9 - 3000 - 018/22; zur Be­güns­ti­gung von Ent­wick­lun­gen zur De­le­gi­ti­mie­rung des Staa­tes: Bun­des­mi­nis­te­ri­um des In­nern und für Hei­mat, Ver­fas­sungs­schutz­be­richt 2021, S. 112 ff.).

51 bb) Bei der Be­stim­mung des Ma­ßes der Kür­zung des Ru­he­ge­halts konn­ten die be­reits zur Ab­wen­dung ei­ner hö­he­ren Dis­zi­pli­nar­maß­nah­me­art her­an­ge­zo­ge­nen mil­dern­den Um­stän­de nicht mehr mit ver­gleich­ba­rem Ge­wicht durch­schla­gen, so dass die Kür­zung für den frü­he­ren Sol­da­ten spür­bar aus­zu­spre­chen war. Ei­ne wei­te­re Mil­de­rung un­ter dem Ge­sichts­punkt von Ein­sicht und Reue war nicht mög­lich, da bei­des - aus­weis­lich der erst­in­stanz­li­chen Ein­las­sun­gen des frü­he­ren Sol­da­ten - nicht fest­stell­bar war.

52 5. Die Kos­ten­ent­schei­dung be­ruht auf § 139 Abs. 3, § 140 Abs. 5 Satz 1 WDO. Sie ent­spricht der Bil­lig­keit, da die Wehr­dis­zi­pli­nar­an­walt­schaft mit ih­rem An­trag auf Ver­hän­gung der Höchst­maß­nah­me nicht durch­ge­drun­gen ist, sie je­doch ei­ne dis­zi­pli­na­ri­sche Ahn­dung des frü­he­ren Sol­da­ten in ei­nem, ge­mes­sen an ih­rem An­trag al­ler­dings er­heb­lich re­du­zier­ten Um­fang er­wirkt hat (vgl. BVer­wG, Ur­teil vom 4. No­vem­ber 2021 - 2 WD 25.20 - ju­ris Rn. 44).