Bettnässen wegen Stress – Teenies tragen Windeln

Werbung
Aktualisiert

Unkontrollierter HarndrangBettnässen wegen Stress – Teenies tragen Windeln

Sie sind dem Windelalter längst entwachsen, machen nachts aber ins Bett. Experten haben vermehrt mit jugendlichen Bettnässern zu tun.

von
B. Zanni
68
0
0
Merken

Das Aufwachen ähnelt einem Albtraum. Die Pyjamahose ist nass. Auf der Matratze hat sich ein grosser, nasser Fleck ausgebreitet. Im Zimmer riecht es streng. Das passiert nicht nur Kleinkindern: Auch manche Mädchen und Jungen, die den Windeln längst entwachsen sind, starten so in den Tag. Laut Experten pinkeln sich ein bis zwei Prozent der Jugendlichen nachts in die Hose – Tendenz steigend.

Werbung

«Es gibt eine grosse Gruppe von Jugendlichen, die Bettnässer sind», sagt Linda Gijsbers des Unternehmens Urifoon, das auf Hilfsmittel gegen Bettnässe spezialisiert ist. Auch Regula Laux-End, spezialisierte Kinderärztin am Ostschweizer Kinderspital, bestätigt das Phänomen. «Uns werden viele Jugendliche mit dem Problem zugewiesen», sagt die Fachfrau. Es handle sich jährlich um rund 80 Fälle.

Windeln für Teenies

Grossverteiler haben auf das Problem reagiert. Coop verkauft «Windeln», so genannte Nachthöschen, für 8- bis 15-Jährige. Laut Mediensprecher Ramón Gander hat Coop das Produkt bereits seit mehreren Jahren im Sortiment. «In letzter Zeit hat die Nachfrage aber zugenommen.»

Coop habe die «Windeln» aufgrund von Kundenwünschen eingeführt. «Die jugendlichen Bettnässer wollen natürlich lieber einen Schutz, der sich wie eine Pyjamahose anfühlt statt einer Windel, die knistert», erklärt Gander.

Leistungsdruck löst ungewolltes Pinkeln aus

Laut den Experten können psychische Faktoren für nasse Nächte sorgen. «Der Übertritt von der Primarschule in die Oberstufe stresst einige Mädchen und Jungen so sehr, dass sie plötzlich wieder ins Bett zu pinkeln beginnen», sagt Linda Gijsbers. Auch die Scheidung der Eltern oder der Tod der Grosseltern machten eine Enuresis, so lautet der Fachbegriff, möglich.

Weiter könne der Leistungsdruck Jugendliche zu Bettnässern machen. Gijsbers erinnert sich an einen 15-jährigen Jungen, der neben der Schule viel Energie in Sport und Musik steckte. Trotz seinem grossen Willen und aller möglichen Methoden sei er nicht vom Bettnässen abgekommen. «Später fanden wir heraus, dass er wegen des grossen Drucks in der Schule und in der Freizeit unterbewusst nicht bereit war.» Gijsbers bietet verschiedene Mittel an, um das Problem unter Kontrolle zu halten. Zum Beispiel mit Sensoren, die den Jugendlichen wecken, sobald Urin in die Hose gelangt ist.

Eltern packen Kinder länger in Windeln

Laut Mazen Zeino, Kinderurologe am Inselspital Bern, liegt auch häufig eine medizinische Ursache vor. Der für die Urinproduktion zuständige Hormonhaushalt kann gestört sein oder die Blase verfügt nicht über ausreichend Speicherkapazität. Auch erbliche Faktoren spielen laut Zeino eine Rolle.

Werbung

Kinder- und Jugendpsychiater Ulrich Fischer stellt fest, dass die Eltern ihre Kinder immer später dazu erziehen, aufs Töpfchen zu gehen. «Früher waren Kinder mit eineinhalb Jahren schon trocken. Heute kommen sie noch mit Windeln in den Kindergarten.» Der hohe Windelkomfort habe für das verzögerte Training gesorgt. Mazen Zeino warnt: «Wird das Bettnässen auf die lange Bank geschoben, kann es sich bis in die Pubertät hineinziehen und zu einem echten Problem werden.»

«Bettnässen ist mit Scham verbunden»

Regula Laux-End berichtet, dass die meisten Jugendlichen ungern über ihre Blasenprobleme reden. «Bettnässen ist mit sehr viel Scham und Schuldgefühlen verbunden.» Die Hemmschwelle, fachliche Hilfe zu holen, sei hoch. «Erst wenn das Bettnässen unerträglich geworden ist, suchen viele Jugendliche in Begleitung ihrer Mütter Rat.» Laux-End erinnert sich an eine 18-Jährige, die aus Angst vor dem nächtlichen Einnässen kaum mehr trank. «Am Ende war sie fast dehydriert.»

Werbung

Oft leidet auch das Sozialleben unter dem ungewollten Pinkeln. «Die Jugendlichen meiden Klassenlager und Übernachtungen bei Freunden», sagt Linda Gijsbers. In extremen Fälle sei die ganze Familie belastet. «Es kommt vor, dass Jugendliche nicht mehr in die Hotelferien mitgehen wollen.»

Sind Sie jugendlich und Bettnässer? Dann schreiben Sie uns an feedback@20minuten.ch

Deine Meinung zählt

Das Thema bewegt mich.
Ich fühle mich gut informiert.
Der Artikel ist fair und ausgewogen.

Fehler gefunden? Jetzt melden.

68
0
0
Merken
Werbung