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Interview

"Menschen, die viel Aufmerksamkeit bekommen, gelten als wertvoll"

Wir sprachen mit Regisseur Joscha Bongard über seine Social-Media-Satire "Babystar", das Drehen im ehemaligen Elternhaus von Roland Emmerich, heteronormative Familienbilder und selbstverständliche Queerness im Film.


Joscha Bongard, Jahrgang 1994, studierte Spielfilmregie an der Filmakademie Baden-Württemberg. Währenddessen realisierte er u.a. den Kino-Dokumentarfilm "Pornfluencer", der von Salzgeber vertrieben wurde (Bild: Promo)

Mit dem satirischen Drama "Babystar", das am 23. April 2026 in die deutschen Kinos kommt, entwirft Joscha Bongard eine beklemmend glatte Welt, in der Intimität zur Ware und Familie zur Dauerperformance wird (ausführliche Filmkritik1).

Ausgehend von dieser präzisen, ruhigen Versuchsanordnung haben wir mit dem 1994 geborenen Regisseur darüber gesprochen, warum nicht die "Gen Z", sondern ihre Eltern im Zentrum stehen, weshalb Aufbegehren oft ausbleibt – und wie nah dieser Film an einer Realität ist, die wir längst selbst mitproduzieren.


Poster zum Film: "Babystar" startet am 23. April 2026 im Kino

Ihr Film "Babystar" referiert stark zu "Die Truman Show" (1998). Der Vater (Liliom Lewald) sagt: "Falls wir uns heute nicht mehr sehen: Good afternoon, good evening, and good night." – Was kann uns dieser Film heute noch sagen, welche Bedeutung hat sich seitdem verändert?

Wenn ich den Film vor älteren Menschen gepitcht habe, kam sofort: "Ah, Die Truman Show!" – und ja, das passt natürlich, das ist auch einer meiner Lieblingsfilme. Ich glaube aber, dass sich die Ausgangslage heute verändert hat: Wir leben inzwischen alle in unseren eigenen Realitäten, in dauergestreamten Leben – und wir wissen das auch. Anders als Truman, der nicht weiß, dass seine Welt konstruiert ist, erschaffen wir uns unsere Bubbles selbst. Trotzdem bewegen wir uns in Realitäten, die so eigentlich nicht existieren. Und gerade bei Family-Influencern wird diese Realität auch aktiv für die Kinder hergestellt, die nicht wissen, dass es eigentlich nicht normal ist, dass man öffentlich aufwächst.

Im Film fällt auf, dass ein Perspektivenwechsel stattfindet: kein plumper Abgesang auf "die Gen Z", sondern insbesondere auf Millennial-Eltern. Wie kam es dazu?

Ich finde Filme über Social Media oft schwierig und schaue sie auch nicht besonders gern, weil sie versuchen, Social Media eins zu eins ästhetisch zu reproduzieren – verwackelte Handkamera, übertriebene Stilmittel und so weiter. Wir wollten von Anfang an etwas anderes: einen Film über Social Media, aber mit klassischen filmischen Mitteln, teilweise sogar als Gegenbewegung, indem wir mit Langsamkeit arbeiten.

Der Perspektivwechsel ergibt sich auch aus meiner eigenen Erfahrung: Ich habe früher im YouTube-Management gearbeitet und die erste Influencer-Generation erlebt, die jetzt erwachsen ist, um die 30, und Kinder bekommt. Mich hat interessiert, diese Konstellation weiterzudenken – Eltern, die selbst durch Plattformen sozialisiert wurden und deren Erfolg sich vielleicht sogar erst durch das eigene Kind richtig entfaltet.

Und ich finde es ehrlich gesagt unfair, dass immer gesagt wird, junge Menschen könnten nicht mit Social Media umgehen. Ich glaube eher, dass viele 40- bis 60-Jährige nie gelernt haben, damit umzugehen – und anfälliger für Fake-Videos oder Verschwörungstheorien sind. Die Gen Z hat sicherlich auch ein ambivalentes Verhältnis dazu, aber oft ein bewussteres.

Lucas Missmut und ihr Aufbegehren bleiben auffallend leise. Warum keine stärkere Rebellion?

Man wünscht sich das ja als Zuschauer*in. Aber wenn man in so einem System aufwächst – das kennt man auch von Menschen aus sektenähnlichen Strukturen -, dann ist das die eigene Realität. Man versteht gar nicht, dass es Alternativen gibt.

Luca (Maja Bons) ist außerdem geprägt davon, dass sie Bestätigung und Liebe vor allem dann bekommt, wenn sie "funktioniert". Das gibt es auch in vielen Familien, hier ist es nur extrem zugespitzt. Aus solchen Dynamiken auszubrechen, ist wahnsinnig schwer. Die erste Reaktion ist oft keine Rebellion, sondern Depression – und genau diese Phase bildet der Film ab.

Die Kälte des Films spiegelt sich in den weiten, sterilen Totalen. Wie kam es zur Wahl der Location?

Das Haus war im Entwicklungsprozess immer als "goldener Käfig" gedacht: etwas sehr Schönes, das gleichzeitig eine enorme Sterilität ausstrahlt. Das kennt man auch aus Influencer-Welten – glatte Oberflächen, viel Stauraum, alles ist "aesthetically pleasing", aber letztlich nur Oberfläche.

Die Totalen verstärken diese Kälte und machen die Zuschauer*­innen auch zu Mittäter*­innen: Denn nur wenn konsumiert wird, kann diese Form der Selbstausstellung existieren. Verantwortung liegt nicht nur bei den Produzierenden, sondern auch bei denen, die es nachfragen – auch wenn das zugespitzt formuliert ist.

Gedreht wurde tatsächlich im ehemaligen Elternhaus von Roland Emmerich in Sindelfingen. Unsere Produzentin hat den Kontakt organisiert, und die Szenenbildnerinnen Martha Inés Brenner und Felicitas Püls haben das Haus dann weiter transformiert. Vieles – etwa die markanten Holzwände – war aber bereits vorhanden.

Der Film ist mehr als ein Familiendrama: Welche Fragen verhandelt er für dich?

Die Familiendynamik ist zentral, aber darüber hinaus geht es mir auch um das Wirtschaftssystem, in dem wir leben. Wir befinden uns in einem kapitalistischen System, in dem Reichtum mit Wert gleichgesetzt wird – und Armut mit Wertlosigkeit.

Durch die Aufmerksamkeitsökonomie überträgt sich das inzwischen auch auf Sichtbarkeit: Menschen, die viel Aufmerksamkeit bekommen, gelten als wertvoll, während diejenigen, die nicht gesehen werden, als weniger wertvoll wahrgenommen werden. Das ist eine Entwicklung, die ich im Film sichtbar machen wollte – und die wir als Gesellschaft dringend hinterfragen müssen.

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Wie schaust du auf die heteronormative Repräsentation des fiktiven Accounts @our_bright_life?

Tradwives beispielsweise sind letztlich auch nur ein Symptom unserer aktuellen gesellschaftlichen Situation. Wir erleben gerade einen rechten Backlash – das spüren queere Menschen besonders stark, nach Jahren, in denen es auch progressive Hoffnungen gab.

Familienbilder auf Social Media sind oft sehr normativ. Gleichzeitig will ich nicht behaupten, dass alles automatisch besser wäre, wenn queere Familien ihr Leben zeigen – auch wenn das natürlich Perspektiven öffnen kann. Grundsätzlich finde ich aber, dass Kinder nicht auf Social Media stattfinden sollten, wenn sie das nicht selbst entscheiden können oder die Konsequenzen noch nicht abschätzen können. Und viele Familienkanäle reproduzieren eben sehr klar heteronormative Bilder.

Welche fortführenden Erkenntnisse hattest du mit diesem Projekt seit deiner Dokumentation "Pornfluencer" (2022), die ja auch Intimität als Währung zeigt?

Eine zentrale Erkenntnis war, dass es problematisch wird, wenn sich alle Ebenen des Lebens überlagern: Arbeit, Beziehung, Alltag – wenn alles miteinander verschmilzt. Dazu kommt Isolation: Wenn man sich nicht mehr der Welt öffnet, nicht mehr mit anderen Menschen in echten Kontakt tritt, dann ist das schlecht – für Individuen genauso wie für Gesellschaften. Diese ziehen sich dann immer weiter zurück und verhärten.

Wie war die Zusammenarbeit mit dem Cast? Wie kam es zur Besetzung?

Wir haben mit der Rolle der Luca begonnen und zuerst die Protagonistin gecastet. Ich habe etwa 20 junge Darstellerinnen in Live-Castings gesehen – eine wirklich beeindruckende Generation. Als wir dann Maja Bons gefunden hatten, war relativ schnell klar, dass sie es wird. Daraufhin haben wir die Familie um sie herum aufgebaut. In intensiven Probenprozessen haben wir gemeinsam mit Bea Brocks und Liliom Lewald die Familiendynamiken entwickelt. Gleichzeitig haben die Schauspieler*­innen auch viele eigene Erfahrungen eingebracht – mit Social Media, aber auch mit familiären Strukturen.

Du sagst, du magst Social-Media-Filme eigentlich nicht – und trotzdem arbeitet ihr viel mit Bildschirmaufnahmen. Wie passt das zusammen?

Wenn man einen Film über Social Media macht, muss man natürlich auch zeigen, wie das konkret aussieht. Es ist wichtig, dass Zuschauer*­innen verstehen, wie solche Accounts funktionieren. Mir war aber wichtig, das klar zu trennen: Auf der einen Seite steht die Filmsprache, auf der anderen Seite der Social-Media-Content. Dieser sollte möglichst authentisch wirken – weil nichts schlimmer ist als Social Media im Film, das sich "falsch" anfühlt.

Die Markennamen haben wir bewusst geblurrt, um sichtbar zu machen, wie präsent Marken in unserem Alltag sind. Würde man sie einfach zeigen oder erfinden, würde man diese Überfülle gar nicht so wahrnehmen.

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Wie lief die Entwicklung der Social-Media-Clips im Film ab?

Das war viel Recherche: TikTok, Instagram – schauen, was gerade passiert. Gleichzeitig ist das natürlich auch die Krux: Der Film bleibt ein Produkt seiner Zeit, mit den Trends von 2024. Viele Szenen sind tatsächlich sehr nah an realen Vorbildern. Manche Dinge haben wir fast eins zu eins übernommen – etwa bestimmte Podcast-Situationen oder auch Details wie ein Touch-up vor einer Geburt, das es so tatsächlich auf Social Media gibt.

"Babystar" ist dein Diplomfilm an der Filmakademie Baden-Württemberg: Was inspiriert den klaren, kalten Look – und woran arbeitest du als Nächstes?

Ich mag viele skandinavische Filme und finde, man muss seine Einflüsse nicht verstecken. Regisseure wie Ruben Östlund oder Yorgos Lanthimos haben mich stark geprägt. Ich arbeite gerade an einem neuen Film, noch ganz am Anfang: eine Mischung aus Liebesfilm und Body-Horror, der sich mit Elternschaft und Abtreibung beschäftigt. Außerdem sammle ich Serienerfahrung bei der ZDFneo-Produktion "Doppelhaushälfte".

Verrate uns noch: Ist die Beziehung zwischen Luca und ihrer Managerin Julie (Joy Ewulu) queer-coded?

Das wird unterschiedlich gelesen: Manche sehen das gar nicht, andere sehr deutlich. Für uns war wichtig, dass auf jeden Fall eine Ebene von Anziehung oder Beziehung mitschwingt. Es bleibt subtil, eher ein Nebenstrang – aber für uns ist diese Dimension definitiv angelegt und ich finde es wichtig, zum Beispiel Queerness ganz selbstverständlich in Filmen mitzuerzählen, ohne dass es das Hauptthema sein muss. (Auch das Toronto International Film Festival hat den Film als LGBTI-Film eingeordnet.)

Infos zum Film

Babystar. Spielfilm. Deutschland 2025. Regie: Joscha Bongard. Cast: Maja Bons, Bea Brocks, Liliom Lewald. Laufzeit: 98 Minuten. Sprache: deutsche Originalfassung. FSK 12. Verleih: Across Nations. Kinostart: 23. April 2026
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