Interview zur Polizeilichen Kriminalstatistik: "Men­schen mit Mig­ra­ti­ons­hin­ter­grund werden eher ange­zeigt"

Interview von Tanja Podolski

20.04.2026

BMI und BKA haben die Polizeiliche Kriminalstatistik für 2025 vorgestellt. Der Innenminister betont wieder den hohen Anteil an Zugewanderten, doch die Statistik muss unter Vorbehalten gelesen werden, sagt Susann Prätor im Interview.

Das Bundesinnenministerium (BMI) und das Bundeskriminalamt (BKA) haben die bundesweite Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) veröffentlicht. Danach ist die Zahl der Fälle von Gewaltkriminalität in Deutschland erstmals seit 2021 leicht gesunken (minus 2,3 Prozent). Auch die Anzahl der Tatverdächtigen ging hier zurück (minus 2,6 Prozent), insbesondere die der tatverdächtigen Jugendlichen ( minus 7,4 Prozent) und der tatverdächtigen Zuwanderer (minus 7,2 Prozent). Dagegen stieg die Zahl der tatverdächtigen Kinder erneut an (plus 3,3 Prozent). Nichtdeutsche Tatverdächtige sind bei der Gewaltkriminalität mit 42,9 Prozent Mitteilung der Behörden "weiterhin deutlich überrepräsentiert". 

LTO: Die aktuelle PKS liegt seit heute vor. Was sagt die Statistik allgemein aus?

Dr. Susann Prätor: Die PKS ist vor allem Tätigkeitsbericht der Polizei. Das heißt sie führt auf, wegen welcher Taten die Polizei in einem Kalenderjahr aktiv geworden ist und ist kein Beleg für die Entwicklung von Kriminalität in Deutschland. 

Die PKS wird oft als Beleg dafür gedeutet, wie sich Kriminalität in Deutschland entwickelt. Das tut sie in dieser Form aber nicht. Sie zeigt vielmehr einen Ausschnitt von Kriminalität, weil sie zu 90 Prozent auf Strafanzeigen beruht und die Wahrscheinlichkeit, dass bestimmte Personen angezeigt werden, ungleich verteilt ist. Einige Delikte und bestimmte Personengruppen werden häufiger angezeigt als andere, deshalb findet man sie mit größerer Wahrscheinlichkeit in der PKS wieder.

Sie ist also mehr eine Statistik über Anzeigeverhalten?

Zu einem Großteil ja. Wenn mehr angezeigt wird, gehen die Zahlen hoch. Wenn weniger angezeigt wird, sinken sie.

Man sieht etwa seit Jahren, dass mehr Sexualstraftaten zur Anzeige gebracht werden. Seit 2018 sind die Fallzahlen in diesem Bereich um rund 72 Prozent gestiegen, die PKS zeigt nun erneut einen Anstieg bei Vergewaltigungen um neun Prozent. Diese Entwicklung lässt sich zum Teil auf Gesetzesänderungen zurückführen, es werden aber durch eine gestiegene Sensibilisierung auch mehr Taten angezeigt; denken Sie an die MeToo- oder die Nein-heißt-nein-Debatte. Allerdings werden noch immer insgesamt sehr wenige dieser Taten angezeigt. 

Neben der Anzeigebereitschaft spielt aber auch die polizeiliche Aktivität eine Rolle: Wenn man viele Ressourcen in einen Bereich steckt, dann wird dort auch mehr ermittelt und ins Hellfeld gebracht. Dies gilt beispielsweise für kinderpornografische Taten, die in der PKS über viele Jahre angestiegen sind, auch wenn diese in diesem Jahr leicht zurückgegangen sind. Man sieht es auch beim deutlichen Anstieg der jugendpornografischen Inhalte. In dem Bereich ist die Zahl um rund 20 Prozent gestiegen. Die Anstiege sind also u.a. eine Folge verstärkter polizeilicher Aktivitäten in diesem Bereich. 

Es braucht langfristige Dunkelfeldstudie

Welchen Nutzen hat die PKS dann überhaupt?

Bevor man gar nichts hat, um die Lage zu bewerten, nutzt man die PKS. Die ist immerhin seit 1993 bundeseinheitlich, sodass man auch Zahlen aus den einzelnen Bundesländern hat. Sie gibt also zumindest eine Idee, wie sich ein Ausschnitt der Kriminalität entwickelt. 

Wir bekommen daraus auch Informationen zu Verdächtigen, Opfern, Schwerpunkten, bestimmten Regionen, zur Altersstruktur von Tatverdächtigen, zum Geschlecht, zur Staatsangehörigkeit, zu Mehrfachauffälligkeiten oder Taten, die unter Alkoholeinfluss begangen werden. 

Man muss aber immer im Hinterkopf behalten, dass diese Erkenntnisse nichts darüber aussagen, wie es im Dunkelfeld aussieht. Dafür bräuchten wir eine langfristig angelegte Dunkelfeldstudie, die gibt es in Deutschland nicht. Die sollen aber etabliert werden.

Welche Erkenntnisse könnten Dunkelfeldstudien bringen?

Bei einer Dunkelfeldstudie wird eine repräsentative Auswahl der Bevölkerung im besten Fall über einen langen Zeitraum hinweg regelmäßig jährlich oder alle zwei Jahre befragt; ob sie Opfer bestimmter Delikte geworden sind. Das lässt sich auch aus Täterperspektive machen, aber das gelingt bei Erwachsenen regelmäßig nicht so gut. 

Dabei wird natürlich nicht alles angegeben, etwa aus Angst oder Scham. Man bekommt aber doch einen sehr guten Überblick darüber, was passiert, wovon die Polizei sonst nichts mitbekommt. 

Das BKA hat aber inzwischen eine Opferbefragung zu "Sicherheit und Kriminalität in Deutschland" (SKiD). Die Ergebnisse für 2024 wurden auch heute vorgestellt. Es gibt diese Dunkelfeldstudie aber erst seit dem Jahr 2020. 

Dass diese Studien gut funktionieren, zeigt sich etwa in Großbritannien mit dem British Crime Survey oder in den USA  mit dem National Crime Victimization Survey, wo es diese Studien schon seit Jahrzehnten gibt.

Gruppe von Nichtdeutschen jünger und männlicher

Mit Blick zurück auf die Ergebnisse der PKS: Wie sind die Zahlen von Deutschen und Nichtdeutschen zu bewerten?

Der Blick auf das Hellfeld zeigt: Von 100 Nichtdeutschen treten mehr Personen mit kriminellen Handlungen in Erscheinung als von 100 Deutschen. Der Anteil der Nichtdeutschen an allen Tatverdächtigen ist deutlich höher als ihr Anteil an der Bevölkerung (15 Prozent), bei Gewaltdelikten sind sie in der aktuellen PKS mit 42,9 Prozent deutlich überrepräsentiert.

Die PKS ist allerdings gerade in diesem Punkt nur sehr begrenzt aussagefähig. Denn die Chance, als nichtdeutsche Person angezeigt zu werden, ist deutlich größer als bei Deutschen. Eine Studie vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen hat die Zahlen: Haben Opfer und Täter keinen Migrationshintergrund, liegt die Anzeigewahrscheinlichkeit bei Gewaltdelikten bei 7,9 Prozent. Wenn Opfer keinen, aber der Täter einen wahrgenommenen Migrationshintergrund hat, sind 22,4 Prozent der Taten zur Anzeige gekommen – also deutlich mehr. 

Die Unterscheidung deutsch/nichtdeutsch hinkt aber auch, weil es eine sehr grobe Kategorie ist, weil die PKS nur nach Staatsangehörigkeit unterscheidet. Es fallen also Menschen darunter, die gerade erst nach Deutschland gekommen sind, womöglich keinen Aufenthaltsstatus haben und nicht zur Wohnbevölkerung zählen, aber auch solche, die schon seit Jahrzehnten hier ohne deutsche Staatsangehörigkeit leben.

Zudem ist die Gruppe von Nichtdeutschen deutlich jünger und hat einen größeren Anteil an Männern als die nichtdeutsche Bevölkerung – und der Anteil an jungen Männern führt in der PKS zu einer überproportionalen Belastung. 

Dr. Susann Prätor. Foto: privat
Dr. Susann Prätor. Foto: privat

Die Zahlen suggerieren auf den ersten Blick, dass Nichtdeutsche krimineller sind als Deutsche. Stimmt das also nicht?

Mit Blick auf das Hell- und das Dunkelfeld muss man diese Aussage zunächst bejahen, wenngleich im Hellfeld nur sehr grob zwischen Deutschen und Nichtdeutschen, also nach Staatsangehörigkeit und im Dunkelfeld oftmals nur zwischen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund unterschieden wird. Es gibt aber beispielsweise auch erhebliche Unterschiede nach Geschlecht, d.h. Männer sind krimineller als Frauen. Und auch zwischen Bundesländern gibt es Unterschiede im Ausmaß der registrierten Kriminalität. Niemand würde aber ernsthaft auf die Idee kommen, diese Unterschiede mit dem Wohnort in einem Bundesland zu erklären. Wichtig ist, dass man nach den Ursachen für eine mögliche Höherbelastung schaut: der Pass, den man besitzt oder auch das Geschlecht sind noch keine Erklärung dafür, weshalb Menschen straffällig werden. 

Menschen mit nichtdeutscher Herkunft sind häufiger von Armut betroffen und leben daher auch in sozial benachteiligten Stadtvierteln. Da ist mehr Kriminalität. Das sind aber auch die Bezirke, in denen die Polizei aktiver ist – und damit mehr Tatverdächtige auffallen können. Diese Menschen erleben zudem häufiger elterliche Gewalt, unterliegen Gewalt legitimierenden Männlichkeitsnormen und besuchen seltener ein Gymnasium. In der PKS kommt der Verzerrungsfaktor des unterschiedlichen Anzeigeverhaltens zuungunsten der Menschen mit Migrationshintergrund hinzu. 

Wie sieht es aus, wenn man diese Faktoren berücksichtigt?

Werden diese Faktoren berücksichtigt, gibt es keine Unterschiede mehr im Gewaltverhalten. In der PKS vergleicht man also sehr ungleiche Gruppen miteinander. Ich darf also nicht bei den Zahlen stehenbleiben, sondern muss auf die Bedingungen gucken, unter denen Menschen hier leben und die sie selbst oft gar nicht beeinflussen können, etwa weil sie Wohnungen in bestimmten Stadtteilen gar nicht bekommen.

Schaut man auf die Gesamtzahlen in der Bevölkerung, so zeigt sich, dass von allen Menschen mit nichtdeutscher Staatsangehörigkeit in Deutschland weniger als ein Prozent wegen einer schweren Gewalttat polizeilich in Erscheinung getreten sind. Statistisch zeigt also eine von 100 Personen mit Migrationshintergrund ein gravierendes Fehlverhalten. 

Frau Dr. Prätor, vielen Dank für das Gespräch. 

Dr. Susann Prätor ist Professorin an der Polizeiakademie Niedersachsen. Sie hat Soziologie, Psychologie und Rechtswissenschaften (Magister) an der Technischen Universität Dresden studiert. 

Zitiervorschlag

Interview zur Polizeilichen Kriminalstatistik: . In: Legal Tribune Online, 20.04.2026 , https://www.lto.de/persistent/a_id/59766 (abgerufen am: 21.04.2026 )

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