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Sachsen

Rechte Empörung über "Schwulen-Porno-Skandal" an Schule

Mit allerlei Queerfeindlichkeit und AfD-Unterstützung berichten "Junge Freiheit" & Co. über Beschwerden zu einer Projektwoche an einer Oberschule. Die Wahrheit ist nüchterner.


Symbolbild für einen Schultag ohne "Vorfall", "Schwulenporno" oder schlicht "Versehen" (Bild: freepik.com1)

  • 17. April 2026, 16:48h 8 Min.

Im Rahmen einer Projektwoche an einer Oberschule im ostsächsischen Schleife (Kreis Görlitz) im März ist es zu einem Vorfall gekommen: Kinder der neunten Klasse berichteten ihren Eltern davon, dass im Klassenzimmer von externen Personen ohne Beisein von Lehrkräften pornografisches Material präsentiert worden sei. Es folgten Beschwerden und Strafanzeigen – und seit einigen Tagen eine skandalisierende, von Queerfeindlichkeit geprägte tagelange Berichterstattung, die es mit entsprechendem Einschlag von der rechtsextremen Zeitung "Junge Freiheit" unter anderem auch zu "Nius" und letztlich auch in renommierte Medien und Agenturberichterstattung brachte.

"Vorzeigeschule präsentiert Kindern Homo-Pornos", polterte etwa die JF, die auch beklagte, dass das Projekt durchgeführt worden sei "von zwei selbsternannten non-binären Aktivisten" und "linksradikalen Frauen", die von den 14- bis 15-jährigen Kindern verlangt haben sollen, "sich nicht mit ihren Namen, sondern mit einem 'Pronomen' vorzustellen", und außerdem "aggressive Anti-AfD-Propaganda" verbreitet hätten. "Mehrere Eltern erstatteten Strafanzeige gegen diese dekadente Verwahrlosung im Endstadium unter staatlicher Ägide", schrieb "jouwatch" über "linksextremen Propagandadreck". Für die "Achse des Guten" handelte es sich um ein "Queer-Schwulen-Porno-Politpropaganda-Anti-AfD-Programm".

Über einen "Schwulen-Porno-Skandal" durch "eingeladene Queer-Aktivisten" empörte sich auch das Anti-Brandmauern-Portal "Nius" und zitierte wie andere Medien ausgiebig die "Junge Freiheit" und die AfD: So habe Parteichef Tino Chrupalla, in dessen Wahlkreis die Veranstaltung stattfand, gegenüber der Zeitung gefordert, Schulen eine Zusammenarbeit mit Organisationen zu verbieten, "die auch die Transgender-Ideologie vertreten". Der AfD-Landtagsabgeordnete Tobias Heller sprach laut t-online in einer inzwischen gelöschten Fraktionsmitteilung von einem "ekelhaften Projekt" und von "Homo-Propaganda".


Sharepic der AfD in sozialen Netzwerken, das weder einen "Porno" noch ein in der Schule genutztes Motiv darstellt

Die von "Junge Freiheit" und weiteren Medien veröffentlichten und verpixelten Bilder, offenbar von Schüler*innen fotografiert und von Eltern an die Zeitung gegeben, lassen nicht erkennen, ob es sich um tatsächlich pornografisches Material oder um Andeutungen von Handlungen handelt, die keine Pornografie darstellen und teilweise etwa in Sexualkunde oder der HIV-Aufklärung eingesetzt werden. Von der Zeitung "Bild", die Begriffe wie "Schwulenporno" vermied, veröffentlichte Bilder legen zudem nahe, dass auch Darstellungen von heterosexuellen Paaren in die Hände von Schüler*innen gerieten. Auf den genauen Kontext des angeblichen Einsatzes von Pornografie wurde in keinem der Empörungsberichte näher eingegangen.

"Die Falken" bedauern "Versehen"

Die Wahrheit ist letztlich komplizierter. Zunächst einmal handelte es sich nicht, wie manche Berichterstattung quasi nahelegte, um ein ausdrücklich queeres Schulaufklärungprojekt, wie es sie seit Jahren gibt und wie sie seit Jahren komplett falsch als vermeintliche Sexualaufklärung, gar Sexualisierung angegriffen werden. Es handelte sich auch nicht wie in manchen Medien zunächst berichtet um ein konkretes Theaterprojekt aus Hamburg.

Verantwortlich war hingegen der Landesverband Berlin der Jugendorganisation "Sozialistische Jugend Deutschlands – Die Falken", die diverse Schulprojekte zumeist mit ehrenamtlichen und ausgebildeten Jugendlichen anbietet und deren Projektwoche wohl eine ganze Reihe von Themen abdecken sollte. Sie war der Schule ihren Angaben zufolge im Januar 2026 per Email angeboten worden. In der Projektskizze einer Theaterpädagogin und einer Lehramtsstudentin sei ein Vorhaben zum Thema "Mut" beschrieben worden, das "aktuelle politische Themen" sowie die persönliche Lage der Jugendlichen aus "künstlerischer Perspektive" in den Blick nehmen sollte. Außerdem bot es aus Sicht der Schule fachliche Anknüpfungspunkte etwa in Ethik, Gemeinschaftskunde und Kunst.

Die Jugendorganisation "Die Falken" bedauerte den Vorfall. Beim Erstellen einer Collage zum Thema "Mut" seien den Schüler*innen einer neunten Klasse gespendete Bastelmaterialien wie Hefte und Zeitschriften zur Verfügung gestellt worden, erklärte die Bundesvorsitzende Micki Börchers gegenüber der dpa. "Darunter war versehentlich ein Magazin, welches Bilder von sexuellen Darstellungen und nackten Personen beinhaltete." Nachdem einige Schüler*innen dies entdeckt hatten, hätten die Verantwortlichen das Magazin sofort an sich genommen und die Geschehnisse eingeordnet.

Der Vorfall werde nun aufgearbeitet, hieß es. "Wir bedauern, dass dieses Magazin Teil von den zur Verfügung gestellten Materialien war und dies zu Unwohlsein bei den Jugendlichen geführt haben kann", betonte Börchers. Das entspreche nicht den Standards des Verbandes. Die beteiligten beiden Theaterpädagog*innen hätten aktuell keinerlei Verantwortlichkeiten mehr, heißt es auch in einer Stellungnahme2 des Bundesverbands der "Falken".

Schule und Stiftung auf Distanz, Polizei ermittelt

Nach Bekanntwerden der Vorwürfe hatte die Schulleitung das Projekt ihren Angaben zufolge noch am ersten Tag "sofort" abgebrochen und den Dienstleistungsvertrag mit den Projektverantwortlichen gekündigt. Noch am Nachmittag seien die Eltern über den Stopp informiert, der Vorfall später der Schulaufsicht sowie der projektfördernden Amadeu-Antonio-Stiftung gemeldet worden. Die Stiftung, die sich für Minderheiten und Menschenrechte einsetzt, habe die Förderung mittlerweile eingestellt, sagte Pressesprecher Lorenz Blumenthaler der dpa. Es seien noch weitere Workshops geplant gewesen, die Grundlage einer Förderung sei aus Sicht der Stiftung aber nicht mehr gegeben. Auf ihrer Webseite sprach3 die Stiftung von der Verwendung "eines Magazins mit ungeeigneten Inhalten".


"Junge Freiheit", "Nius" & Co. nutzten den Vorfall für eine Kampagne gegen diverse ihrer Feinde

Nach Anzeigen aus der Elternschaft ermittelt zudem die Polizei ihren Angaben zufolge gegen zwei erwachsene Personen wegen des Verdachts des Verbreitens pornografischer Inhalte an Minderjährige. Laut Medienberichten ist zu klären, ob und ggf. welches pornografische Material im strafrechtlichen Sinn verbreitet wurde.

Ein Fehlverhalten der Schulleitung oder gar einen Verstoß gegen das Landesschulgesetz sieht das Landesamt nach eigener Prüfung nicht. Die Projektbeschreibung habe keine vertiefte Sexualerziehung erkennen lassen, betonte die Behörde gegenüber der dpa. Die tatsächliche Umsetzung am ersten Tag habe "in eklatanter Weise" den zuvor skizzierten Zielen und Methoden widersprochen, die Schulleitung habe vorab keine Kenntnis vom Einsatz pornografischer Bilder gehabt.

Aufgewärmte und verstärkte Anti-Bildungsplan-Kampagne

Trotz dieser Ekenntnisse legten "Nius" & Co. weiter nach. "Alles bezahlt von Steuergeld: Der Schwulenporno-Skandal von Görlitz entlarvt das Pädoproblem im NGO-Komplex", schrieb das immer radikalere Portal von Julian Reichelt etwa am Freitag, obwohl die (häufig angegriffene) Amadeu-Antonio-Stiftung betont hatte, dass staatliche Zuwendungen nicht für die Projekte eingesetzt werden würden. "Nius" sprach von einer "Sexualisierung von Minderjährigen" als "reales Problem innerhalb der queeren Politik", beklagte, dass unter anderem die Stiftung eine Aufklärungsarbeit propagiere, die aktiv "zelebriere", "was jenseits einer als 'heterosexuell' definierten Norm verortet wird" und "über den Rahmen eines herkömmlichen, bürgerlichen Sexualkundeunterrichts hinaus" gehe. Natürlich verband "Nius" das auch mit der geschürten Dauer-Emporung über Dragqueen-Lesungen an Schulen.


Trotz konstant queerfeindlicher Hetze ist das Portal "Nius" weiter ein Gesprächspartner auch für einige Politiker*innen aus Union und FDP

"NGOs raus aus den Schulen!", kommentierte der frühere Lehrerverbandschef Josef Kraus in der "Jungen Freiheit", der in dem Amt schon vor einem Jahrzehnt gegen den Bildungsplan in Baden-Württemberg wegen der Thematisierung von sexueller und geschlechtlicher Vielfalt im Unterricht Sturm gelaufen war (queer.de berichtete4). Damals bildete sich aus dem Haus der AfD-Politikerin Beatrix von Storch heraus die antiqueere Protestbewegung "Demo für alle", die unter anderem gegen Sexualaufklärung an Schulen sowie Vielfalts-Aufklärung kämpfte.

So wurden auch queere Schulaufklärungsprojekte, die ehrenamtlich an Schulen gehen, um für Antidiskriminierung und Respekt zu werben und vor allem über Identität aufklären, nicht über sexuelle Handlungen, immer wieder als vermeintliche "Frühsexualierung" angegriffen (queer.de berichtete5). 2018 log sich die AfD-Bundestagsabgeordnete Nicole Höchst das ehrenamtliche Projekt SCHLAU zur "steuerfinanzierten Sexualindoktrination durch Berufshomosexuelle" zurecht (queer.de berichtete6). Entsprechende Beispiele samt Hetzrhetorik gibt es zuhauf, findet sich immer häufiger in Parlamenten und Medienberichten.

In vielen Wahlprogrammen und Anträgen fordert die AfD immer wieder ein Verbot von außerschulischen Projektgruppen und eine Einschränkung von Sexualaufklärung. In der gelöschten Fraktionsmitteilung hatte der sächsische AfD-Abgeordnete Tobias Heller auf einen früheren Antrag der Fraktion aus dem Jahr 2023 verwiesen, "Gender-Projekte an Schulen weder durchzuführen noch zu finanzieren". Der Antrag gegen "Genderwahn im Stundenplan" und "rot-grüne Ideologie in Kinderköpfen" forderte etwa, die "Relativierung des Lebensentwurfs der traditionellen Familie aus Vater, Mutter und Kindern zugunsten anderer Lebensentwürfe im Bildungsbereich" zu unterbinden, Eltern ein stärkeres Mitsprache- und Vetorecht einzuräumen und die "sogenannte 'Sexualpädagogik der Vielfalt' und die Gender-Theorie" nicht im Bildungsplan zu berücksichtigen (queer.de berichtete7). Der "Schwulen-Porno-Skandal" kommen der auf Hetze setzenden Partei und den mit ihr zusammenarbeitenden christlichen Fundamentalist*innen folglich sehr gelegen.

Land will externe Anbieter genauer prüfen

Für die Zukunft will die sächsische Schulaufsicht gemeinsam mit dem Kultusministerium den Umgang mit externen Anbietern prüfen, heißt es auf dpa-Anfrage. Bewährt hätten sich digitale Marktplätze, auf denen sich Anbieter mit Projekten bewerben. "Der Vorteil für uns ist es, diese Projekte vorab inhaltlich zu prüfen und erst dann zu entscheiden, ob diese angeboten werden können", sagte LASUB-Sprecher Christian Arndt.

Nach sächsischem Schulgesetz gehört Familien- und Sexualerziehung auch zum Bildungsauftrag der Schule; sie soll "altersgemäß" erfolgen und Kinder "mit den biologischen, ethischen, kulturellen und sozialen Tatsachen und Bezügen der Geschlechtlichkeit des Menschen vertraut" machen, heißt es im "Orientierungsrahmen für die Familien- und Sexualerziehung an sächsischen Schulen" des Kultusministeriums. Weil Jungen und Mädchen immer früher sexuell aktiv werden, empfiehlt das Ministerium in seinem Leitfaden auch eine frühzeitige Aufklärung über Themen wie Infektionsschutz und Verhütung.

Auch erkennt der Orientierungsrahmen an, dass Jungen und Mädchen etwa über Medien immer früher mit "fast allen Facetten von Sexualität konfrontiert" werden. Pornografisches Material, egal in welcher Form, gehört jedoch nicht zur Aufklärung im Klassenzimmer, wie LASUB-Sprecher Arndt sagt. Weil sexuelle Aufklärung ohnehin ein sensibles Thema ist, stimmten die Schulen geplante Inhalte in der Regel eng mit den Eltern ab. Sollten diese etwa mit der religiösen Weltanschauung Einzelner kollidieren, könnten die Betroffenen beispielsweise vom Unterricht freigestellt werden.

Externe Partner, heißt es im sächsischen Orientierungsrahmen, sind vorab so auszuwählen und zu briefen, dass sie die Vorgaben kennen und einhalten. Im Falle der Schule in Schleife seien die beiden für das Theaterprojekt Verantwortlichen ihrer Verantwortung im Umgang mit Schutzbefohlenen nicht gerecht geworden, sagte Arndt. (cw/dpa)

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