Wahlausgang in BudapestRechter Star verglüht

Tanja Tricarico

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Tanja Tricarico

Viktor Orbán hat die Parlamentswahl in Ungarn verloren. Die Rechten in Frankreich, Polen, Italien werden ihr Playbook neu schreiben müssen.

Plakat des abgewählten ungarischen Regierungsschefs Viktor Orbán in Budapest Foto: Neil Milton/Sopa Images/imago

D ie Stoßseufzer der Erleichterung waren an diesem Sonntagabend in weiten Teilen Europas nicht zu überhören. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen gehörte zu den ersten, die den ungarischen Wahlsieger der Parlamentswahlen Péter Magyar beglückwünschten. Auch Kanzler Friedrich Merz ließ mit seiner Reaktion nicht lange auf sich warten.

Viktor Orbán, der Mann, der unzählige EU-Gipfel sabotierte, wenn es um Sanktionen gegen Russland ging, der Mann, der mit Tricks aus dem Saal gelockt werden musste, damit die nächste Tranche an Ukraine-Hilfen freigegeben werden konnte, und der nun seit Wochen einen Milliardenkredit an das Land im Krieg blockiert, dieser Mann wandert nun auf die Oppositionsbank in Ungarn.

Wird die EU mit Magyar also wieder handlungsfähig in der Außen- und Sicherheitspolitik? Die Hoffnung ist jedenfalls groß, mit historischen Superlativen wird nicht gespart. Von einer historischen Chance für Ungarn und Europa ist die Rede und von einer schweren Niederlage für den Rechtspopulismus. Orbán war und ist ein Star unter den Rechten in Frankreich, in der Slowakei, in Tschechien, Polen, Deutschland. Er machte nie einen Hehl daraus, dass er Russlands Machthaber Wladimir Putin deutlich näher steht als dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj.

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Die russische Propagandamaschine lief dementsprechend heiß im Wahlkampf. Mittendrin tauchten gar Videos auf, in denen ukrainischen Geflüchteten ein Anschlag auf Orbán angehängt wird. Alles fake und offenbar verbreitet von einem russischen Bot-Netzwerk, eine Desinformationskampagne auf höchstem Level.

Auch aus dem Weißen Haus mangelte es nicht an Schützenhilfe. Direkt nach der Münchner Sicherheitskonferenz tauchte US-Außenminister Marco Rubio in Budapest auf, wenige Tage vor der Wahl Vizepräsident J. D. Vance. Orbán war mehrfach zu Besuch in der Luxusresidenz des US-Präsidenten in Mar-a-Lago. Nach diesem Wahlsonntag zeigt sich aber, dass der ungarische Posterboy der Rechten doch nicht so fest im politischen Sattel saß wie gehofft. Die „Hilfe“ aus Übersee wurde zum Bumerang.

Und nun? Dass das 16 Jahre dauernde Machtregime Orbáns zu Ende ist, ist mehr als ein Warnsignal an die destruktiven Kräfte in Europa. Es ist auch klares Nein aus der Bevölkerung Richtung Moskau und Washington. Vorerst. 2027 wird ein Superwahljahr in Europa mit richtungsweisenden Neuaufstellungen in schwergewichtigen Parlamenten. Das Playbook der Rechten in Frankreich, Polen, Italien wird sich neu schreiben. Das Wahlergebnis in Ungarn ist derzeit nicht mehr als eine Verschnaufpause.

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Tanja Tricarico
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Schreibt über Außen- und Sicherheitspolitik, Entwicklungszusammenarbeit, früher auch Digitalisierung. Host der Fernverbindung, dem Auslands-Podcast der taz. Privat im Einsatz für www.geschichte-hat-zukunft.org
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13 Kommentare

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  • Es ist erstaunlich, wie jetzt ein Rechtsaußenpolitiker bejubelt wird; der Star des Abends vertritt keine andere Politik als so genannte 'gemäßigte' AfD-Politiker.



    Soll diese Politik wirklich der Heilsbringer für das Wahljahr 2027 sein? Kann man das nicht als das einordnen, was es ist: Ein 'Möchtegern'-Oligarch hat einen anderen Oligarchen abgelöst, der jetzt seine Millionen auf dem politischen Altenteil genießen kann.



    In ihren politischen Zielen unterscheiden sie sich nur wenig; es geht einzig und allein darum, wessen Clan / Familie die Menschen in Ungarn die nächsten Jahre ausbeuten darf.

  • Jahrelang wird in deutschen Medien, auch in der TAZ, die Mär verbreitet, Orban sein ein Diktator.



    Und dann kann man ihn ganz einfach und sogar sehr deutlich abwählen.



    Es gab keinen Ausschluss von Oppositionskandidaten, es gab keine Behinderung der Opposition im Wahlkampf, und da Orban seinem Gegner schon gratuliert hat, gibt es wohl auch keinen Versuch, die Wahl durch ein gleichgeschaltetes Gericht zu annullieren.

    Warum ich das alles aufzähle ?

    Weil all das schon in EU-Staaten passiert ist. Ohne daß es bei den angeblichen Musterdemokraten in Brüssel jemanden gestört hätte.

  • Es ist doch klar, dass sich v.d.Leyen, Merz wie auch Weber und Söder freuen, wenn jemand aus der EVP-Parteifamilie eine Wahl gewinnt. Jedoch zu glauben, 16 Jahre "Machtregime Orbáns" sei plötzlich zu Ende, ist reichlich naiv. Bis 2021 gehörte Orbans Partei ebenfalls zur EVP und v.d. Leyen wurde nur mit seinen Stimmen Kommissionspräsidentin. Magyar war ein Teil von Orbans "Machtregime" und ist erst seit 2024 im politischen Leben Ungarns als Alternative aufgebaut worden. Gegen Korruption zu sein und ansonsten alles brav mitzutragen, was die CDU/CSU als stärkste Kraft der EVP will, ist ein recht dünnes politisches Konzept. Vorerst wird sich in Ungarn kaum etwas ändern.

  • "Viktor Orbán hat die Parlamentswahl in Ungarn verloren. So fest, wie er und andere Rechte dachten, saß er nicht im politischen Sattel."



    Die Leute merken, wenn die Populisten viel versprechen, aber nichts lösen können, und begehren auf. Blöd ist nur, dass das recht lange dauert, zumal in relevanten Zahlen. Und in dieser Zeit kann eine erhebliche Menge Unheil angerichtet werden.

  • "Es ist auch klares Nein aus der Bevölkerung Richtung Moskau und Washington." das ist unbestritten, aber damit Orban überhaupt abgewählt wurde, musste das Land erst richtig heruntergewirtschaftet werden und letztlich ist es obendrein noch Glück, dass Orban anscheinend dann doch vor Wahlfälschung zurückgeschreckt ist. (so wie die Kommunisten, wollte er dann am Ende doch wohl nicht sein...? )



    Aber daraus Hoffnung zu schöpfen fällt schwer, die Aussicht, dass irgendwann auch solch eine Regierung wieder geht, dann wenn die nächste Wirtschaftskrise kommt ist ein schwacher Trost und eigentlich eine Binse. 16 Jahre sind lang... und kein Hoffnungsschimmer.



    (Das alles einmal in Hinblick auf hiesige Wahlen gedeutet)

    • @nutzer:

      Der Wahnsinn der Rechten funktioniert erstaunlich lange. Ohne auch nur eine sinnvolle Antwort auf drängende Probleme erlügen, erpressen und ergaunern sie sich die Macht.



      Wenn der Bullshit zur Politik wird werden die Medien und die Justiz gekapert, der Staat weitestmöglich umgebaut, dass der Wechsel am besten unmöglich wird. Dann dauert es wieder Jahre, bis die Erkenntnis in der Bevölkerung reift, dass oh Wunder, die Rechtsextremen gar keine wirklichen Lösungen haben, selbst wenn einem Gedöns wie Grundrechte egal sind.



      Ich befürchte, in Deutschland müssen die Blauen erstmal ran, ehe dieses völlig anlasslose Vertrauen verschwindet.



      Die einfache Lösung, der starke Mann/die starke Frau, das Durchregieren, alles viel zu verlockend als dass man in sein Hirn einsickern lassen könnte, wie wenig das am Ende bringt.



      Wollen wir hoffen, dass die Rechten dann auch wirklich gehen wenn sie abgewählt sind, dass sie uns diese Gnade erweisen, die ja in der Demokratie eine Selbstverständlichkeit ist.

    • @nutzer:

      Ihrem letzten Satz muss ich, wenn auch unter Schmerzen, zustimmen.



      Aber auch AfD-Wähler*innen kennen das Alphabet. Nur: können sie auch lesen, etwa die taz?

  • "Rechter Star verglüht"



    Um hier im Bild zu bleiben:



    Bei br.de



    "2019 und 2020 war Beteigeuze, ein roter Riese im Sternbild des Orion, so dunkel wie noch nie. Experten waren sich einig: Er stehe kurz vor der Supernova. Doch dann kam es anders und Beteigeuze leuchtet auch 2024 wieder hell am Firmament. Der Riesenstern Beteigeuze ist 1.000 mal größer und strahlt 55.000 mal heller als unsere Sonne, doch früher oder später wird er definitiv verglühen und das könnte wochenlang zu sehen sein. Bei der Supernova eines roten Riesen kann es sein, dass der Stern wochenlang so hell wie der Mond am Himmel erscheint und auch tagsüber noch so hell leuchtet, dass man..."



    (...)



    "Am Ende eines roten Riesen beginnt der Stern zu pulsieren. Er atmet, das heißt, er wird größer und kleiner und dadurch scheint er heller und dunkler. Eben dieses Phänomen konnte man zwischen März 2019 und Anfang 2020 vermehrt am Sternenhimmel bei Beteigeuze feststellen. Für die Wissenschaft war das ein klarer Hinweis auf das Ende des Sterns. Doch in der Zwischenzeit hat sich Beteigeuze wieder erholt und es gibt keine Hinweise auf eine bevorstehende Supernova. Jedoch schwankt die Helligkeit des roten Riesen wieder und das..."

    • @Martin Rees:

      Ich erinnere mich daran, und die Experten waren sich einig, dass das zwar prinzipiell ein Vorbote einer Supernova sein könnte, aber das sehr, sehr unwahrscheinlich ist und es viele andere Ursachen geben kann.

    • @Martin Rees:

      Ich vermute, dass Sie diesen Kanal kennen. Aber für mich als Nicht-Wissenschaftler war dieses Video so was von überwältigent, dass ich kaum Worte finde.



      www.youtube.com/watch?v=gC5QI4-2V9c

    • @Martin Rees:

      Die Verdunkelung von Beteigeuze ist vermutlich auf eine von ihm selbst produzierte, ihn umkreisende Aschewolke zurück zu führen. Wenn Astronomen von "demnächst" philosophieren, können dies auch ein paar Millionen Jahre sein.



      Aber es gibt ein ca. 80zig jährig zu beobachtendes Ereignis mit einem Weißen Zwerg (sein Name habe ich nicht parat) - auf den in diesem Rhythmus die von ihm produzierte, bzw. von seinem Begleitstern abgesaugte Akkreditionsscheibe, mit der in astronomisch üblichen Geschwindigkeiten auf ihn selbst knallt.



      Und der Zwerg leuchtet kurzzeitig hell auf, um sich dann seinem unentrinnbarem Schicksal hin zu geben.



      Wer findet die Analogie?

    • @Martin Rees:

      Sehr schön Martin Rees! Im Falle Orban lebten bzw. leuchteten Totgeglaubte zum Glück nicht länger. Hoffen wir, dass die anderen Rechtspopulisten*innen in Europa ebenso verglühen, dann aber nicht als Supernova enden, die noch einige Zeit alles überstrahlt (Wiederherstellung der Rechtsstaatlichkeit), sondern als braune Zwerge enden.

      • @Giordano Bruno:

        🙏🏻👍🏻

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