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Von antiken Hetären zur selbstbestimmten Sexarbeit

Sexarbeit hat es immer gegeben – und sie wird nicht verschwinden

Die neue Ausstellung "Sex Work" in der Bonner Bundeskunsthalle zeigt nicht nur die Geschichte von käuflichem Sex. Deutlich wird auch, welch enge Verflechtungen von Sexarbeit und queerer Community bestehen – im moralischen Urteil wie in gemeinsamen Kämpfen.


Gemälde aus der Ausstellung: Ryan Huggins, Tabasco, Hustler Bar in Berlin, 2025 (© Courtesy the artist and Galerie Khoshbakht, Foto: Mareike Tocha)

Worte sind nie neutral. Sie transportieren Haltungen, und manche Worte sind so aufgeladen, dass sie zu reflexartiger Abwehr führen. Sexarbeit ist so ein Begriff. Von Aktivist*innen geprägt, ist er ein positiver Gegenentwurf zu Prostitution, der den Aspekt der Arbeit betonen soll. Dass die Bundeskunsthalle in Bonn ihre neue Ausstellung also "Sex Work" nennt, ist eine Entscheidung, hinter der eine klare Haltung steckt.

Das führt – wie die ganze Ausstellung an sich, die noch bis zum 25. Oktober 2026 läuft – zu heftigem Widerspruch. Zur Eröffnung haben sich eine Handvoll Aktivist*innen vor dem Museum versammelt, um gegen die Schau zu protestieren. "Sex is not for sale" steht auf einem ihrer Plakate. Besucht haben sie das geräumige Obergeschoss der Bundeskunsthalle wohl nicht.

Auch Julia Klöckner mischt sich ein

Dort macht auch das allererste Werk klar, in welche Richtung es gehen wird: "Sex Work is Honest Work" steht in großen, dunkelroten Buchstaben an der Wand, ein Werk des nigerianisch-US-amerikanischen Künstlers Olu Oguibe. Aber, erklärt der erste Ausstellungstext fast ein wenig pflichtschuldig: Sexarbeit als Arbeit zu bezeichnen, "bedeutet nicht, dass sie 'gute' Arbeit wäre". Ziel sei es nicht, "Sexarbeit zu bewerben oder zu romantisieren".


Das allererste Werk setzt den Ton: "Sex Work is Honest Work" (Bild: Fabian Schäfer)

Wenn schon die Bezeichnung des Phänomens rechtfertigt werden muss, lässt sich erahnen, wie schwierig die Auseinandersetzung mit diesem Thema ist. Denn die Debatte um Sexarbeit wird scharf geführt. Erst im vergangenen November bezeichnete Bundestagspräsidentin Julia Klöckner Deutschland als "Puff Europas" und machte sich für das Nordische Modell stark (queer.de berichtete1). Danach werden nicht Sexarbeitende, sondern Freier kriminalisiert.

"Nichts über uns ohne uns!"

Der Diskurs ist auch deshalb so kompliziert, weil keine klaren Trennlinien verlaufen: Sexarbeit polarisiert auch innerhalb der feministischen Strömungen und wird wahlweise als sexpositiver und selbstbestimmter Umgang mit dem eigenen Körper oder als patriarchale Ausbeutung gesehen. Außerdem, und das liegt auch an Stigmatisierung und Kriminalisierung, wird selten mit Menschen gesprochen, die in der Sexarbeit tätig sind – dafür umso häufiger über sie.

Das macht die Ausstellung "Sex Work. Eine Kulturgeschichte der Sexarbeit"2 nicht. "Nichts über uns ohne uns!" ist das zentrale Motiv der Schau, an deren Entstehung ein Kollektiv forschender Sexarbeiter*innen beteiligt war. Sie ist eine Weiterentwicklung von "With Legs Wide Open – Ein Hurenritt durch die Geschichte"3, die vor zwei Jahren im Schwulen Museum Berlin zu sehen war.


Auch HIV und Aids werden in der Ausstellung thematisiert (Bild: Fabian Schäfer)

Stricherbars in Blautönen

Was die Bonner Schau unter anderem von der in Berlin abhebt, sind die vielen hochkarätigen Kunstwerke. Ausgestellt sind etwa Werke von Otto Dix oder Jeane Mammen, die unterschiedliche Perspektiven auf die Sexarbeit der 1920er Jahre in Berlin erlauben.

Doch auch zeitgenössische Werke erweitern das Verständnis: Die von Blautönen dominierten Gemälde von Ryan Huggins zeigen bekannte Stricherbars in Berlin und Düsseldorf als vielschichtige Orte der Gemeinschaft und Annäherung. Besonders imposant ist ein Werk von Pauli Schlipf – eine Papp-Rekonstruktion eines grünen Berliner Pissoirs, das als "Café Achteck" bekannt ist. Vielen Männern dienten sie als öffentlicher, aber geschützter Cruisingspot, für bezahlten wie unbezahlten Sex. Die Fotografien von Vincent Wechselberger aus der Reihe "Ready" zeigen queere Sexarbeitende und ihre Routinen – selbstbestimmt und nicht als Opfer.


Pauli Schlips "Café Achteck" in der Bundeskunsthalle (Bild: Fabian Schäfer)

Was ist mit den Opfern?

Das ist richtig so, und diese Haltung durchzieht die ganze Ausstellung. Zwar werden gesellschaftliche Stigmatisierung, moralische Urteile sowie politische Verfolgung dank Fotografien und Archivalien eindrücklich dokumentiert – von der Antike übers Mittelalter bis in den deutschen Kolonien und zur Vernichtung in NS-Konzentrationslagern.

Doch was ist mit denen, die tatsächlich Opfer sind? Die bestehende Gewalt durch Menschenhandel findet nur wenig Erwähnung und wird sogar relativiert. Die systematische Ausbeutung von Zwangsprostituierten durch die organisierte Kriminalität wird fast vollständig ausgeblendet.


Arbeitsuntensilien: Kondome, Poppers, Nippelklemmen (Bild: Fabian Schäfer)

Stimmen fehlen

Dabei ist das eine Realität, die zum vollständigen Bild dazugehört. Man "dürfe die Schattenseiten nicht ignorieren", sagte der Grünen-Bundestagsabgeordnete Sven Lehmann, Vorsitzender des Kulturausschusses und ehemaliger Queer-Beauftragter, bei der Eröffnung der Ausstellung. "Gerade deshalb ist ein differenzierter Blick so wichtig. Ein Blick, der nicht pauschal urteilt, sondern der hinsieht."

Die Ausstellung in der Bundeskunsthalle hat jedoch eine zu deutliche Schlagseite. Die Stimmen und die persönlichen Gegenstände aus dem Sexarbeitenden-Archiv "Objects of Desire" ermöglichen ein dringend nötiges, authentisches Bild von selbstbestimmter Sexarbeit. Doch Entstigmatisierung, Selbstbestimmung und Sicherheit für Sexarbeitende können nur erreicht werden, wenn gleichzeitig die Opfer von Zwangsprostitution eine Stimme bekommen. Aber sie fehlen.

Das ist eine eklatante Lücke, die noch dazu die radikale Anti-Sexarbeits-Bewegung4 bestärkt. Schade ist auch, dass keine Texte in leichter Sprache vorhanden sind, die den Besuch der sonst wirklich sehenswerten Ausstellung noch zugänglicher machen würden.

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Beziehungen zwischen queerer Community und Sexarbeit

"Sex Work" ist informativ, tiefgründig und ansonsten umfassend. Queere Aspekte werden nicht als isoliertes Phänomen betrachtet, sondern selbstverständlich miterzählt. Denn die Beziehungen zwischen queerer Community und Sexarbeitenden sind historisch gewachsen, sie waren und sind eng, überschneiden sich auch vielfach. So ähneln sich die Forderungen, genau wie das Leiden an Diskriminierung und moralischer Panik.

Von einem gesellschaftlichen Klima, in dem selbstbestimmte Sexarbeit sicher möglich ist, profitieren schließlich auch queere Menschen. Dafür steht die Ausstellung – und es ist nicht zu unterschätzen, dass sich die Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik diesem Thema widmet. Auch wenn sie die Fronten nicht aufweichen kann.

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