Welt-Autismus-Tag

Keine Schule für Autisten? Betroffene Mutter aus BW sieht "Systemversagen"

Das Autismus-Spektrum ist breit, viele brauchen Unterstützung. Doch oft fehlt Begleitung - ein Schulbesuch ist teils nicht möglich. Dabei sind Bildung und Inklusion Menschenrechte.

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Von Autor/in Markus Pfalzgraf

Eine Mutter und ihr Sohn mit einem Tablet in der HandSchulbegleitung gesucht - warum es für Autist Elias ohne nicht geht
3 Min

Elias rennt laut jauchzend die Treppe hinunter. Manchmal stößt er unvermittelt Laute aus, dann wieder beschäftigt er sich lange und konzentriert beispielsweise mit einem Videospiel, in dem er Schienen für einen Zug verlegen kann. Auch das Lesen hat er sich mit Apps und Tablets wohl selbst beigebracht. Der 18-Jährige ist Autist und hat, wie viele andere, zusätzlich eine geistige Behinderung.

Eigentlich sollte Elias zur Schule gehen - schließlich herrscht nicht nur Schulpflicht, sondern auch ein Recht auf Bildung. Seit Deutschland die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen ratifiziert hat, gilt Inklusion als Menschenrecht. Eigentlich. Denn in der Wirklichkeit vieler Familien wird dieses Versprechen nicht eingelöst.

Elias steht seiner Mutter gegenüber und spielt auf dem Tablet ein Videospiel. Auch im Erwachsenenalter ist das Betreuungsangebot im Raum Esslingen gering, es gibt kaum Arbeitsplätze.
Manchmal ist Elias eher laut, dann wieder beschäftigt er sich konzentriert beispielsweise mit einem Videospiel.

Wenn die Schulbegleitung fehlt, ist ein Schulbesuch unmöglich

Momentan kann Elias nur selten zur Schule - es fehlt an Begleitung. Autismus ist ein breites Spektrum: Von denen, die fast problemlos im Alltag zurechtkommen, bis hin zu mehrfach eingeschränkten Menschen, die ständig Unterstützung benötigen. Und genau diese Unterstützung gibt es oft nicht: Schulbegleitung muss jedes Jahr neu beantragt werden, auch wenn sich an der Lage der Kinder und Jugendlichen absehbar nichts ändert.

Welt-Autismustag: Fehlende Schulbegleitung erschwert Autisten den Schulbesuch

Geeignetes Personal zu finden ist oft schwierig. Es müssten Fachkräfte sein, die einen pädagogischen Hintergrund haben, aber auch die spezifischen Bedürfnisse und Anforderungen bei Autismus einschätzen und damit umgehen können, erklärt Anna Romero-Bandtel, Mutter von Elias. Sie weist außerdem darauf hin, dass es in Baden-Württemberg selbst bei sonderpädagogischen Schulen keinen Autismus-Förderschwerpunkt gibt.

Da wird halt irgendeine Schublade gesucht, die am besten passt. Aber eigentlich passt keine so richtig.

Die Folge: Für Elias beispielsweise sei seine Schule zu groß, mit zu vielen Menschen und zu vielen Reizen. Dadurch gerate er schnell in die Überlastung.

Keine Teilhabe möglich: Das sei Denkfehler, Haltungsproblem und Systemversagen

Anna Romero-Bandtel ist allen dankbar, die tun, was sie können. Das unflexible Schulsystem sei das Problem: "Die Erwartung, dass quasi Kinder passend gemacht werden müssen, um in ein System zu passen, ist halt einfach schon der grundlegende Denkfehler oder das Haltungsproblem. Schule muss sich so verändern, dass Kinder, egal ob an der Regelschule oder im Förderschulbereich, dass Kinder ohne Ängste, ohne Entwicklungsproblematiken zu entwickeln, Schule besuchen können. Sonst ist das Recht auf Teilhabe und auf Bildung sofort wieder eingeschränkt." Romero-Bandtel spricht von Systemversagen.

Anna Romero-Bandtel im Portrait. Anna Romero-Bandtel und ihr Mann Carsten Bandtel können zum Glück recht flexibel von zuhause aus arbeiten, sich abwechseln und vieles auffangen, viele andere könnten das nicht.
Anna Romero-Bandtel wird weiter für ihren Sohn kämpfen.

Kaum Arbeitsplätze in der Region - auch nach der Schule wird es schwierig

Das Systemversagen sei nach der Schule längst nicht vorbei: Oft sind keine passenden Arbeitsplätze, wie beispielsweise Werkstätten, vorhanden. Im gesamten Landkreis Esslingen, wo die Bandtels wohnen, gibt es keine einzige dieser Einrichtungen, und die wenigen Angebote in Nachbarkreisen sind überfüllt.

Die Folgen für Familien sind oft verheerend: Je länger ein Kind zuhause ist, desto weniger können die Eltern arbeiten. Und je mehr sich das Kind an die Situation gewöhnt, desto schwieriger wird es, wieder etwas daran zu ändern, wenn dann doch irgendwann ein Schulbesuch oder eine Tätigkeit möglich wird.

Landkreistag spricht von Ungleichbehandlung und unfairer Lastenverteilung

Der baden-württembergische Landkreistag kritisiert das seit langem: "Alle Kinder haben das Recht auf chancengerechte Bildung. Im aktuellen System herrschen hingegen Ungleichbehandlungen und eine unfaire Lastenverteilung. Ohne wirksame Strukturen läuft die schulische Inklusion ins Leere. Die angestrebte Teilhabe bleibt in weiten Teilen unerfüllt und die Landkreise können die explodierenden Kosten nicht länger schultern," sagte Joachim Walter vom Landkreistag schon zu Schuljahresbeginn.

Das zuständige Sozialministerium erkennt an, dass gerade bei Autismus besonders qualifizierte Begleitung nötig sei. In vielen Kreisen sei es eine Herausforderung, Personal zu gewinnen. Grundsätzlich könnten "pauschale Angebote" ein Ansatz sein, teilt eine Sprecherin mit. Das Bundesfamilienministerium will offenbar genau diese Richtung einschlagen: Fachkräfte könnten direkt bei Kindertagesstätten oder Schulen angestellt werden und sich dort um mehrere Kinder kümmern, sofern sie keine Einzelbegleitung brauchen.

Betreuung dank Home-Office und genug Wohnraum möglich

Elias wird auch weiterhin eine direkte Betreuungsperson benötigen. Anna Romero-Bandtel und ihr Mann Carsten Bandtel können zum Glück recht flexibel von zuhause aus arbeiten, sich abwechseln und vieles auffangen. Viele andere könnten das nicht. Die Bandtels haben auch genug Wohnraum für sich, Elias und ihre beiden anderen Kinder. Mit einem autistischen Kind, das sich mitunter laut und unvorhergesehen verhalte, ginge es in einem hellhörigen Mietshaus nicht. Doch auch sie stoßen manchmal an Grenzen.

Anna Romero-Bandtel spricht mit ihrem Sohn. Sie sagt, dass es Fachkräfte brauche, die einen pädagogischen Hintergrund haben, aber auch die spezifischen Bedürfnisse und Anforderungen bei Autismus einschätzen und damit umgehen können.
Die Folgen der fehlenden Schulbetreuung sind für Familien oft verheerend: Je länger ein Kind zuhause ist, desto weniger können die Eltern arbeiten.

Ich werde nicht sein Recht so mit Füßen treten lassen.

Anna Romero-Bandtel und ihr Mann haben noch keine Lösung für die Zeit nach der Schule gefunden, doch sie versuchen alles, um einen Platz für Elias zu finden.