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Erste silberne Hochzeiten stehen an
Die Ehe für alle wird 25 Jahre alt
Vor einem Vierteljahrhundert herrschte ein weltweites Eheverbot für Schwule und Lesben. Dann entschieden sich die Niederlande, die Diskriminierung zu beenden. Jetzt zieht das Land Bilanz.
Erst seit 25 Jahren können Schwule und Lesben heiraten – und noch heute gibt es in den meisten Ländern der Welt ein Ehe-Verbot für gleichgeschlechtliche Paare (Bild: freepik.com)
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31. März 2026, 16:34h 5 Min.
Als sich Hélène Faasen und Anne-Marie Thus in der Nacht vom 31. März auf den 1. April 2001 in Amsterdam das Ja-Wort gaben, war das nicht nur für sie ein großer Tag. Sie waren das erste lesbische Paar, das eine reguläre Ehe einging – und zwar auf dem gesamten Planeten. Nur drei Jahre zuvor hatten sie sich bei einem Blind Date kennengelernt. Die beiden haben inzwischen zwei erwachsene Kinder.
Insgesamt versammelten sich in dieser historischen Nacht vier Paare beim Amsterdamer Rathaus, die von Bürgermeister Job Cohen gleichzeitig kurz nach Mitternacht getraut wurden. Neben dem lesbischen Paar gaben sich auch Gert Kasteel und Dolf Pasker, Frank Wittebrood und Ton Jansen sowie Peter Wittebrood-Lemke und Louis Rogmans das Ja-Wort. Insbesondere die Bilder des Frauenpaars gingen jedoch um die Welt – weil dies offenbar in Zeitungsredaktionen als ungewöhnlicher angesehen wurde als eine schnöde Männer-Ehe. Die beiden waren auch später präsenter als die anderen Paare, weil sie oft interviewt und sich auch für LGBTI-Rechte engagiert haben.
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Von Bürgermeister Cohen ist bei der Zeremonie ein Satz überliefert, der die doppelte Freude der Paare zum Ausdruck bringt: "Es gibt zwei Gründe zur Freude: Sie feiern Ihre Ehe, und Sie feiern zugleich Ihr Recht, heiraten zu dürfen", so der Sozialdemokrat.
Alle außer Christdemokraten unterstützten die Ehe für alle
Zuvor hatten die Niederlande beschlossen, Vorreiter bei der Ehe-Öffnung für schwule und lesbische Paare zu werden. Begonnen hatte alles an einem angenehm warmen, trockenen Spätsommertag in Den Haag: Am 12. September stimmte das niederländische Parlament mit 109 zu 33 Stimmen für die Gleichbehandlung im Ehe-Recht. Gegen die Gleichbehandlung waren lediglich drei christdemokratische Parteien, dafür votierten Sozialdemokraten, Rechts- und Linksliberale, Grüne und die Sozialistische Partei. Die andere Kammer, der Senat, stimmte ebenfalls mit großer Mehrheit im Dezember des gleichen Jahres der Ehe für alle zu.
Die niederländische Bevölkerung stand hinter der Reform: Zwei Drittel stimmten laut Umfragen schon damals der Ehe für alle zu. Ganz anders ging es damals in Deutschland zu: Laut einer Forsa-Umfrage aus dem Jahr 1999 sprachen sich damals weniger als 30 Prozent der Bevölkerung für die Gleichbehandlung von Schwulen und Lesben im Ehe-Recht aus.
Kein Wunder, dass die Diskriminierung hierzulande viel länger bestehen blieb: Erst mehr als 16 Jahre nach den Niederlanden rang sich auch die Berliner Politik dazu durch, Schwulen und Lesben die gleichen Ehe-Rechte einzuräumen wie Heterosexuellen – nachdem sich die Umfragen gedreht hatten (queer.de berichtete3). Inzwischen erkennen 38 Länder weltweit die gleichgeschlechtliche Ehe an, davon 22 in Europa. Zuletzt öffnete Thailand im Januar 2025 die Ehe (queer.de berichtete4).
36.000 gleichgeschlechtliche Ehen in den Niederlanden
In den Niederlanden haben im letzten Vierteljahrhundert inzwischen 36.000 gleichgeschlechtliche Paare geheiratet, teilte die Statistikbehörde CBS anlässlich des Jubiläums mit5. Anfang 2026 gab es in den Niederlanden 25.000 gleichgeschlechtliche Ehepaare, davon fast 12.000 Männerpaare und 13.000 Frauenpaare.
Mehr als 2.000 Schwule und Lesben können bald ihre silberne Hochzeit feiern: Denn laut den aktuellen Zahlen sind 600 Männerpaare und 500 Frauenpaare bereits seit 2001 verheiratet.
Es gibt weitere interessante Daten: Jährlich heiraten in den Niederlanden mehr Frauen als Männer eine Person gleichen Geschlechts. Nur in den ersten zwei Jahren nach der Einführung war die Zahl der Männerpaare höher. In den vergangenen fünf Jahren wurden laut der Statistikbehörde jährlich durchschnittlich 900 Ehen zwischen zwei Frauen und 750 Ehen zwischen zwei Männern geschlossen. Das sind mehr als im Zeitraum 2016 bis 2020, als jährlich etwa 750 Frauenpaare und 600 Männerpaare heirateten.
Insgesamt beträgt der Anteil der gleichgeschlechtlichen Ehen in den Niederlanden seit 2001 1,7 Prozent. Höher ist er aber in den Metropolen des Landes: So liegt der Anteil in der Hauptstadt Amsterdam bei 4,4 Prozent, gefolgt von Nimwegen (3,5 Prozent) und Groningen (2,9 Prozent).
Frauenpaare lassen sich öfter scheiden als Männerpaare
Aber nicht jede Ehe hält: Laut den Zahlen scheitern in den Niederlanden jährlich mehr als 400 Ehen zwischen gleichgeschlechtlichen Paaren. Frauenehen sind dabei instabiler als Männerehen: Von den Frauen, die 2015 eine andere Frau geheiratet haben, waren am 1. Januar 2025 bereits 24 Prozent geschieden. Das ist fast doppelt so viel wie bei Männerpaaren (13 Prozent) und gemischtgeschlechtlichen Paaren (ebenfalls 13 Prozent). Dieses Muster zeigt sich auch bei früher oder später geschlossenen Ehen sowie bei eingetragenen Partnerschaften, die in den Niederlanden bereits seit 1998 möglich gewesen waren: Verbindungen zwischen Frauen enden am häufigsten in einer Scheidung.
Ein Grund für die höhere Scheidungsrate kann darin liegen, dass Männerpaare bei der Eheschließung meist älter sind als Frauenpaare. Im Jahr 2025 waren Männer, die einen Mann heirateten, im Durchschnitt 41 Jahre alt; bei Frauenpaaren und gemischtgeschlechtlichen Paaren lag das Durchschnittsalter dagegen bei 37 Jahren – sie haben also vier Jahre mehr Zeit, sich zu verkrachen.
Sorge um sinkende Akzeptanz
Allerdings, so warnen LGBTI-Aktivist*innen, ist die Akzeptanz von queeren Menschen kein Selbstläufer. Wissenschaftler*innen erklärten etwa gegenüber dem Nachrichtenportal nu.nl6, dass die Akzeptanz bis zum Jahr 2020 oder 2021 gestiegen sei, seither aber leicht rückläufig sei. Insbesondere jüngere Menschen würden intoleranter gegenüber queeren Menschen werden, das gehe etwa aus einer letzte Woche veröffentlichten Studie der Universität Amsterdam7 hervor.
Dies sei nicht nur ein niederländischer Trend, betonte die Politikwissenschaftlerin Anne Louise Schotel. "In fast allen europäischen Ländern gibt es Parteien, die für ein Anti-Gender-Narrativ werben." Teil dieser Erzählung sei, dass die Ehe nur als Verbindung zwischen Mann und Frau anzusehen sei. Derzeit werde aber insbesondere der Hass auf trans Menschen geschürt, teilweise auch von Schwulen und Lesben, die sich offenbar inzwischen als mehrheitsfähig fühlten.
Schotel warnte jedoch davor, dass die Einschränkung von trans Rechten nicht lange auf diese Gruppe beschränkt sein könnte. Sollte die Kampagne erfolgreich sein, könnte sie sich auf andere "Gender"-Gruppen ausdehnen – dann wären wohl wieder Homosexuelle dran.
Links
- https://www.instagram.com/reel/DSNADYDDBdH/?utm_source=ig_embed&utm_campaign=loading
- https://www.instagram.com/reel/DSNADYDDBdH/
- https://www.queer.de/detail.php?article_id=29791
- https://www.queer.de/bild-des-tages.php?einzel=4799
- https://www.cbs.nl/nl-nl/nieuws/2026/13/25-jaar-na-invoering-homohuwelijk-ruim-duizend-echtparen-vieren-jubileum
- https://www.nu.nl/pride/6364290/ongekende-ommekeer-in-opinie-over-lhbtiqaers-terwijl-er-ook-vooruitgang-is.html
- https://www.uva.nl/content/nieuws/persberichten/2026/03/nederlandse-jongeren-hebben-uiteenlopende-lgbtiq--opvattingen.html?cb













