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Interview
"Der Sex in 'Pillion' ist weder sinnlich noch sadistisch"
Alle reden über "Pillion". Aber was sagt eigentlich der Mann dazu, der die Sub-Master-Geschichte über Colin und den sexy Biker Ray erfunden hat? Wir sprachen mit dem britischen Autor Adam Mars-Jones über dessen Romanvorlage "Box Hill".
Szene aus dem Film: Alexander Skarsgård und Harry Melling in "Pillion" (Bild: IMAGO / Landmark Media)
- Von Christian Lütjens
Gestern, 04:21h 10 Min.
Mister Mars-Jones, bevor wir zu inhaltlichen Fragen über "Box Hill" und "Pillion" kommen: Welche Reihenfolge empfehlen Sie? Erst das Buch lesen und dann den Film sehen – oder umgekehrt?
Ich denke, wer zuerst den Film sieht, kann vom unerwarteten Verlauf der Ereignisse im Buch noch einmal überrascht oder sogar schockiert werden. Wer den Film nach dem Buch sieht, könnte hingegen den Eindruck bekommen, dass meine "Vision" der Geschichte "veruntreut" wurde – wobei ich selbst das nicht so empfinde.
Ist "Pillion" denn ein Film, der Sie selbst interessieren würde, auch wenn Sie nicht Autor der Romanvorlage wären?
Schwer zu sagen. Wenn ich Filme mit schwulen Themen sehe, bin ich für gewöhnlich noch kritischer als sonst. Aber ich nehme an, dass mich die Warmherzigkeit von "Pillion" überzeugen würde.
Adam Mars-Jones (Bild: Keith King)
Film und Buch thematisieren die Sub-Master-Beziehung eines jungen Mannes namens Colin mit dem deutlich älteren, sehr attraktiven Biker Ray. Allerdings wird die Geschichte jeweils sehr unterschiedlich erzählt. Der Film gilt als romantische Komödie und konzentriert sich auf Colins Selbstfindung. Das Buch spannt den Bogen deutlich weiter, indem es Colins rückblickende Betrachtungen im Erwachsenenalter einbezieht. Können Sie ihr ursprüngliches Konzept der Geschichte beschreiben?
Ich bin ein Fan von Nabokovs "Lolita", weil sich der Roman einer eindeutigen Interpretation der dort geschilderten Beziehung als Missbrauchsdrama oder Geschichte einer verfehlten Leidenschaft widersetzt. Der Gedanke bei "Box Hill" war, eine ähnlich unbequeme Lektüre zu schreiben, und dabei die Extreme der Interpretation im selben Absatz oder sogar im selben Satz aufeinanderprallen zu lassen. Die zeitgenössische angloamerikanische Kultur nimmt oft für sich an Anspruch, die Gesundheit von Beziehungen aus der Außenperspektive beurteilen zu können, während sie gleichzeitig darauf pocht, dass die subjektiven Erfahrungen der Einzelnen nicht ignoriert werden dürfen. Mein Ziel war die Gegenüberstellung dieser unvereinbaren Prinzipien. Der Literaturkritiker I. A. Richards hat einmal gesagt, ein Buch sei eine "Maschine, mit der man denkt". Es kann aber genauso gut eine Maschine sein, gegen die man denkt.
Welche Grundideen von "Box Hill" finden Sie in "Pillion" wieder und welche vermissen Sie gegebenenfalls?
Was die Dialoge angeht, wurde tatsächlich nur ein Fragment übernommen, allerdings ein sehr wichtiges: "Was soll ich bloß mit dir machen?" / "Was du willst." Ansonsten ist Colin im Roman anfangs 18 Jahre alt und seine Eltern sind ein karikakturartig glückliches und gleichberechtigtes Paar, bis eine Krankheit das Gleichgewicht ihrer Beziehung zerstört. Die Beziehung zwischen Colin und Ray basiert dagegen von Anfang an auf Ungleichheit. Dass Colin im Film etwas älter ist, erforderte eine Veränderung in der Familiendynamik. So wirkt der Vater ziemlich unterwürfig, was im Rahmen der Ehe aber ganz normal erscheint beziehungsweise kaum auffällt. Das mochte ich.
Im Roman mag ich die Szene, in der Ray sein Motorrad putzt, während Colin ihm dabei zusieht und sich nach Rays Aufmerksamkeit sehnt – bis er irgendwann erkennt, dass er diese Aufmerksamkeit bereits hat. Dass es Rays Art ist, ihm seine Aufmerksamkeit durch Missachtung zu zeigen. Das ist eine Szene im Buch, die ich ziemlich filmisch finde, und sie kommt auch in "Pillion" vor. Harry (Lighton, Regisseur von "Pillion", Anm. d. Red.) hat mir erzählt, dass er anfangs überlegt hat, Ray in dieser Szene wissend lächeln zu lassen, ohne dass Colin es sieht. Am Ende hat er sich dann aber doch dafür entschieden, ganz bei Colins Perspektive zu bleiben, was ich plausibel finde.
Alles in allem ist Schreiben ein implizites Medium, das sich mit der inneren Gedankenwelt der Menschen auseinandersetzt, während Film ein explizites Medium ist, das sich über Darstellung äußerer Vorgänge definiert. David Lean hat mal behauptet, ihm wäre in seinem Film "Die große Leidenschaft" gelungen, den Denkvorgang zu filmen – in einer Szene, in der die Figur von Claude Rain bei der Ankunft im Hotel fälschlicherweise annimmt, seine Frau habe eine Affäre. Die Sequenz funktioniert tatsächlich sehr gut, auch dank des großartigen Schauspielers, aber ich finde nicht, dass Leans Behauptung zutrifft. In Büchern dagegen passieren solche Momente dutzendweise auf jeder Seite, ohne dass es weiter erwähnenswert wäre.
Wie haben Sie die Entwicklung des Filmprojekts erlebt? Als eine Art späten Triumph, weil es das erste Ihrer insgesamt dreizehn Bücher ist, das verfilmt wurde? Oder war es eher eine irritierende Erfahrung, den Stoff aus der Hand zu geben?
Ich würde sagen, das Ganze war eine Überraschung, die nach und nach immer mehr Fahrt aufnahm. Als die Filmrechte an dem Roman gekauft wurden, habe ich dem nicht viel Bedeutung beigemessen. Mir war klar, dass in der Welt der Streaming-Anbieter ein großer Bedarf an Geschichten besteht, was dazu führt, dass viele Bücher optioniert werden, auch wenn bis dahin noch nie eins von meinen dabei gewesen war. Als das Filmprojekt dann Gestalt annahm und mir Harry die Änderungen mitteilte, die er fürs Drehbuch plante – Handlungszeitraum, Kürzungen, Alter des Helden – ging ich erst mal davon aus, von meinem Buch würde nicht viel übrigbleiben. Selbst als die Nachricht kam, dass bekannte Schauspieler an den Hauptrollen interessiert waren, erwartete ich nicht viel. Als britischer Schriftsteller lernt man, seine Erwartungen niedrig zu halten.
Neben der Schriftstellerei arbeiten Sie auch als Filmkritiker. Hat dieser berufliche Hintergrund dabei geholfen, "Pillion" neutraler zu betrachten? Und hat der Filmkritiker Adam Mars-Jones gegebenenfalls eine andere Meinung zum Film als Adam Mars-Jones, der Autor von "Box Hill"?
Ich habe keine besonders visuelle Vorstellungskraft, denke also nicht in Bildern. Das heißt, ich habe von Heathcliff oder Juliet aus "Wuthering Heights" ebenso wenig ein konkretes Bild im Kopf wie von Colin oder Ray aus "Box Hill". Das macht es mir leicht, Regie-Entscheidungen zu akzeptieren. Würde ich "Pillion" sehen, ohne selbst die Vorlage dafür geliefert zu haben, würde ich den Film in seiner Mischung aus Konfrontation und Gefälligkeit vermutlich etwas kurios, aber liebenswert finden.
In einem "Guardian"-Artikel1, den Sie letztes Jahr anlässlich der "Pillion"-Premiere in Cannes geschrieben haben, führen Sie zwei schwule Schriftsteller als Referenz für die Bandbreite der Tonalität von "Box Hill" ins Feld: Alan Bennett und Jean Genet. Repräsentieren diese Stimmen generell die Bandbreite der Einflüsse auf Ihre schriftstellerische Arbeit?
Es sind vor allem zwei Stimmen, die so gegensätzlich sind, dass sie keine Harmonien erzeugen werden. Ich sehe sie nicht wirklich als Einflüsse. "Ulysses" von James Joyce habe ich mit 17 gelesen und dadurch erkannt, was Literatur bewirken kann – und dass es nicht allein das Thema ist, das über das Endresultat entscheidet. Ich studierte damals klassische Philologie, nicht Anglistik, und das Buch war ein Augenöffner. Ich las es ursprünglich nur, um Argumente gegen jemanden zu haben, der es – wie ich zunächst dachte – völlig überbewertete, aber dann zog es mich komplett in seinen Bann.
Der Roman "Box Hill" ist im März 2024 im Albino Verlag erschienen
In Ihren eigenen Anfängen als Autor in den Achtzigerjahren haben Sie bei der Aids-Anthologie "The Darker Proof: Stories from a Crisis" mit dem schwulen US-Schriftsteller Edmund White (1940-2025) zusammengearbeitet. Wie kam es dazu und wie beurteilen Sie Whites schriftstellerisches Vermächtnis heute, knapp ein Jahr nach seinem Tod?
Vor dem Buch hatten wir beide eine Geschichte mit Aids-Bezug geschrieben, und angesichts der Tatsache, dass wir unterschiedlichen Nationalitäten und ansatzweise unterschiedlichen Generationen angehörten sowie einen unterschiedlichen Antikörperstatus hatten, fand ich es sinnvoll, das Thema zu vertiefen. Was mich selbst betrifft, glaube ich nicht, dass meine Geschichten von damals mich von meiner besten Seite zeigen – der Druck, einen kulturellen Beitrag zu leisten, ist nicht immer produktiv -, aber Ed gelang es, seinen brillanten Stil an die veränderte schwule Welt anzupassen. Vom Temperament her waren wir völlig unterschiedlich. Ed dachte zum Beispiel, meine Kreativität wäre blockiert, weil ich nicht jeden Tag schrieb – oder jeden Monat oder jedes Jahr. Er war diesbezüglich sehr viel disziplinierter, während ich dazu verdammt bin, mich mit etwas Glück und – an guten Tagen – Scharfsinn durchzuschlagen. Was Eds Werk betrifft, bewundere ich mehrere seiner Romane, vor allem die, die in historischen Epochen spielen wie "Fanny" und "Hotel de Dream". Mit seinen Memoirs und den späteren Romanen konnte ich dagegen eher wenig anfangen.
Für Ihre Altersgruppe und Ihr Schreiben spielt das Thema Aids eine große Rolle. Ist es irritierend für Sie, heutzutage mit der Generation PrEP in Austausch zu treten – zum Beispiel bei Projekten wie "Pillion", wo die Beziehung von Colin und Ray in der Gegenwart stattfindet, während der Plot in "Box Hill" in den Siebzigerjahren angesiedelt ist?
Aids ist ein riesiges Thema. Beim Schreiben von "Box Hill" war es hilfreich für mich, die Geschichte in der Zeit "davor" anzusiedeln. So konnte ich das Thema ausblenden, ohne mich vor der Realität zu drücken. Der gegenwärtige Zeitrahmen in Harrys Adaption erlaubt das Gleiche. Was meine persönlichen Kontakte betrifft, gehe ich immer davon aus, dass es eine Kluft, vielleicht sogar einen Abgrund, zwischen mir und jüngeren Menschen gibt, egal ob schwul oder hetero. Von daher bin ich immer positiv überrascht, wenn wir Gemeinsamkeiten finden. Dass Harry und ich darüber hinaus keine Probleme miteinander hatten, ist im Prinzip nicht weiter verwunderlich, denn ich habe nie Bedingungen gestellt und nicht mal verlangt, das Drehbuch vorab zu lesen. Mein Buch mag ihm als gedankliches Sprungbrett gedient haben, aber was er daraus gemacht hat, kann er nur sich selbst zuschreiben. Ich finde Harrys souveränen Umgang mit Leuten, die älter sind als er selbst ganz erstaunlich. Kürzlich bekam ich eine Nachricht von ihm, in der er mich als "Sweetcheeks" anredete. Seitdem stelle ich mir vor, dass das unter jungen Leuten der Ausdruck für "geschätzter älterer Kollege" ist.
Sowohl "Box Hill" als auch "Pillion" thematisieren die sexuellen Rituale und Gepflogenheiten der schwulen Kink-Szene recht explizit, ohne dabei deren absurde und humorvolle Aspekte zu leugnen. Ist es einfacher, Sex mit Humor zu erzählen?
In der Subkultur, die ich fürs Buch erfunden habe, gibt es eine Menge unsinnige Übertreibungen. Zum Beispiel darf Colin das Motorrad nicht berühren, weil es in der Rangordnung über ihm steht. Es hat quasi den Status einer Person. Wer im echten Leben mit der Biker-Szene vertraut ist, erkennt sofort, dass das eine Parodie ist. Subkulturen ignorieren die Normen nicht, sondern stellen sie lediglich systematisch auf den Kopf.
Generell ist der Sex in "Box Hill" und "Pillion" weder sinnlich noch sadistisch. Im Film finde ich es etwas seltsam, dass Colin von seiner "hohen Schmerzgrenze" spricht. Ray betrachtet ihn als seinen Besitz, und warum sollte man seinem Besitz wehtun? Andererseits wurden im realen Großbritannien der Achtziger, im Rahmen der sogenannten "Operation Spanner", die Mitglieder einer Gruppe von SM-Praktizierenden wegen einvernehmlicher Aktivitäten verhaftet und angeklagt, obwohl aufgrund ihrer zugegebenermaßen extremen Praktiken weder Krankenhausaufenthalte noch grundlegende medizinische Versorgung zu Buche schlugen. Sie bekamen zu hören, ihre Körper seien nicht ihr Privatbesitz, sondern im Sinne der vom Staat festgelegten Grenzen zu verwenden – oder, wie ich annehme, im Sinne der Queen, in deren Namen die Urteile vollstreckt wurden. Es ist also legal, sich beim Boxen gegenseitig die Köpfe einzuschlagen, aber nicht, sich die Hoden in einen Schraubstock spannen zu lassen, wenn man Lust darauf hat. Gegen solche Vergleiche wirkt die Welt meines Buches ziemlich unschuldig, auch wenn die Rollenverteilung dort nicht verhandelbar ist – außer an Colins Geburtstag.
Aber um auf die Frage zu antworten: Meiner Ansicht nach hat der Humor im Buch eine destabilisierende Wirkung, während er dem Publikum des Films als gemeinsamer Nenner dient. Ich sollte allerdings dazusagen, dass Harry das anders sieht.
Hat "Pillion" Ihre Sicht auf "Box Hill" verändert – sei es hinsichtlich des Potenzials der Geschichte oder deren Interpretationsmöglichkeiten?
Im Buch heißt es an einer Stelle in Bezug auf Rays Beziehung zu Colin: "Mit Gegenseitigkeit konnte er nichts anfangen." Die Dynamik zwischen Leser und Autor ist in gewisser Weise genauso asymmetrisch. Der Autor scheint die ganze Macht zu haben, aber ohne die Hingabe der Lesenden bewirkt sie nichts. Ich habe schon vor der Verfilmung gemerkt, dass manche Leser in "Box Hill" mehr Tiefe entdecken, als ich selbst meinte, hineingelegt zu haben. Das heißt aber nicht, dass sie Unrecht haben. Schreiben ist kein vollständig bewusster Prozess, auch wenn viele Schreibende das gerne glauben würden.
"Box Hill" sowie viele weitere nicht-heteronormativen Fotobände, Romane und DVDs ist unter anderem erhältlich im Salzgeber.Shop2.
Adam Mars-Jones: Box Hill. Roman. Übersetzt aus dem Englischen von Gregor Runge. 144 Seiten. Albino Verlag. Berlin 2024. Gebundene Ausgabe: 24 € (ISBN 978-3-86300-375-3). E-Book: 17,99 €
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