Eicher EA 600 S und Güldner G 60 A: Luxus aus der Not
Vierzylindertraktoren leisten heute über 200 PS. In den 1960er Jahren stellte sich bereits bei 60 PS die Frage, ob es ein Sechszylinder sein sollte? Hier die Hintergründe und die Antwort.
Sie könnten Zwillinge sein: Technisch haben der Eicher Mammut 2 EA 600 S und der Güldner G 60 A mehr gemeinsam, als ihr Äußeres vermuten lässt. Das Getriebe und die Achsen sind gleich und stammen von ZF, die Elektrik und die Hydraulik sind von Bosch. Beide Traktoren sind luftgekühlt, leisten 60 PS bei 2 000 U/min und waren in Hinterrad- oder Allradausführung zu haben. Die Frontlader ab Werk kamen bei beiden Fabrikaten meist von Baas und die Verdecke von Fritzmeier.
Sie könnten Zwillinge sein: Technisch haben der Eicher Mammut 2 EA 600 S und der Güldner G 60 A mehr gemeinsam, als ihr Äußeres vermuten lässt. Das Getriebe und die Achsen sind gleich und stammen von ZF, die Elektrik und die Hydraulik sind von Bosch. Beide Traktoren sind luftgekühlt, leisten 60 PS bei 2 000 U/min und waren in Hinterrad- oder Allradausführung zu haben. Die Frontlader ab Werk kamen bei beiden Fabrikaten meist von Baas und die Verdecke von Fritzmeier.
Gleich waren auch die Allradachsen ZF GLA 2550, auf Wunsch gab es den Güldner mit der stärkeren Ausführung ZF AL 1550. Der G 60 Allrad hatte eine hydraulisch unterstützte Spindellenkung. Der Eicher EA 600 wurde rein mechanisch gelenkt, optional gab es eine hydrostatische Lenkung, nur wenige Exemplare hatten auch die hydraulisch unterstützte Spindellenkung.
Die größten Unterschiede
Der Eicher Mammut 2 ohne Allrad verfügte über eine Vorderachse mit Doppelblattfederung. Der Güldner G 60 hatte eine ungefederte Vorderachse.
Der größte Unterschied zwischen den Konkurrenten befindet sich aber unter der Motorhaube. Während der Eicher einen Vierzylindermotor mit Einzelkühlung per Radialgebläse hat, verfügt der Güldner über sechs Zylinder mit einem Axialgebläse. Der Eicher-Motor ist ein Direkteinspritzer, derweil das Güldner-Aggregat nach dem Wirbelkammerprinzip arbeitet. Die Reiheneinspritzpumpe des Eicher-Traktors stammt von Kugelfischer, im Güldner-Schlepper arbeitet eine Verteilerpumpe von Bosch.
Die Einzelgebläsekühlung ist das besondere Markenzeichen von Eicher.
(Bildquelle: Holtmann)
Güldner setzte seinerzeit die Maßstäbe in Design und Ergonomie.
(Bildquelle: Holtmann)
Kleinster Serien-Sechszylinder
Auch bei der Einordnung in die jeweilige Modellpalette unterscheiden sich Eicher und Güldner. Der Mammut 2 EM 600 war ab 1962, die Allradausführung EA 600 ab 1963, das Flaggschiff aus dem Forstener Werk, bevor 1968 die Wotan I und II mit 80 und 95 PS erschienen.
Der Güldner G 60 kam erst 1968 auf den Markt und schloss die Lücke zwischen dem G 50 und dem G 75 mit 70 (Hinterrad) oder 75 PS (Allrad). Bis heute ist der G 60 der kleinste Sechszylinderserientraktor aus deutscher Produktion.
Güldner baute damals luftgekühlte Traktoren mit zwei, drei, vier und sechs Zylindern. Die Leistung des Vierzylinders mit knapp 3,2 l Hubraum aus dem G 50 ließ sich nicht auf 60 PS steigern. Ein Fünfzylinder wie später bei Deutz und Fiat hätte jeden Kostenrahmen gesprengt. Die Turboaufladung hatte noch zu wenig Akzeptanz, und ein fremder Motor passte nicht zur Firmenphilosophie. So bekam der G 60 aus der Not heraus den gedrosselten Motor des G 75 mit 4,7 l Hubraum.
Das Krafthebergehäuse ist von ZF, ab 1968 gab es ein deutlich stärkeres Hubwerk.
(Bildquelle: Holtmann)
Die Zusatzzylinder sind nachgerüstet, das Krafthebergehäuse ist von Güldner.
(Bildquelle: Holtmann)
Sowohl der Eicher Mammut 2 als auch der Güldner G 60 wurden in enger Abstimmung mit den Konstrukteuren von ZF entwickelt. Beide hatten das Triebwerk ZF 216 II mit acht Vor- und vier Rückwärtsgängen sowie einer Zapfwelle mit 540 und 1.000 U/min.
ZF erteilte für das ZF 216 II anfangs eine Freigabe für Hinterradschlepper bis 55 PS und für Allradmaschinen bis 60 PS. So leistete der Eicher Mammut 2 EM 600 bei seinem Erscheinen 1962 nur 55 PS, die Allradvariante EA 600 dagegen 60 PS. In den Folgejahren wurden das Schaltgetriebe, das Differenzial und die Endantriebe für höhere Motorleistungen optimiert, und ab 1967 leisteten alle Mammut 2 62 PS. Das „S“ hinter der Typenbezeichnung wies auf die Schnellgangvariante hin.
Die Konstrukteure von Güldner zögerten, den 6 L 79-Motor mit dem ZF 216 II zu kombinieren. Sie fürchteten Schäden wegen Überlastung sowie um den exzellenten Ruf aller Güldner-Traktoren. Gleichzeitig drängten die Kaufleute im eigenen Haus und die Händler darauf, die wichtige Leistungsklasse um 60 PS zu besetzen.
Schützenhilfe bekamen die Befürworter des G 60 ausgerechnet von einem Wettbewerber: ZF fertigte das Triebwerk ZF 216 II unter anderem für den kleinsten Sechszylindertraktor von Schlüter, den Super 650. Dieser kam 1966 mit 62 PS aus 5,9 l Hubraum auf den Markt und wurde ab 1967 mit 65 PS verkauft. Alle Ausführungen kamen ohne Turbokupplung aus, und konstruktionsbedingte Schäden im Antrieb gab es dennoch nicht.
Anders als bei Schlüter und Eicher gab es dann für den G 60 sowohl in Hinterrad- als auch in der Allradausführung nur eine Getriebevariante, die mit der Bereifung 14-30 auf gut 28 km/h kam. Der Eicher Mammut in der Schnellgang-Ausführung erreichte rund 30 km/h.
Der hier vorgestellte EA 600 S von Baujahr 1964 gehört Detlef Kruse aus Osterhorn in Schleswig-Holstein. Er hat 7 800 Betriebsstunden auf der Uhr, und Kruse hat ihn originalgetreu in einen neuwertigen Zustand versetzt. Der Oldtimer verfügt als Sonderausrüstung über ein zusätzliches ew-Steuergerät.
Mit 8 250 Betriebsstunden nur wenig mehr gelaufen als der Eicher EA 600 S von Kruse hat der Güldner G 60 A von Heinz Fedderke aus Hiddingen (Niedersachsen). Der Traktor von 1968 ist im Originalzustand, der Motor hat noch keinen Schraubenschlüssel gesehen. Der G 60 A ist seit 1970 auf dem Hof, den Baas-Frontlader sowie zwei Zusatzhubzylinder hat Fedderke später nachgerüstet.
Wenngleich beide Traktoren fast zeitgleich um 1960 konzipiert und konstruiert wurden, kauft Güldner bei Design und Fahrkomfort Eicher den Schneid ab. Durch die Lenkradschaltung sind beim Auf- und Absteigen keine Ganghebel im Weg, und die Instrumente im Armaturenbrett sind besser ablesbar. Bei beiden Kandidaten ragt das Getriebe deutlich in den Fußbereich, aber gerade groß gewachsene und kräftige Fahrer fühlen sich auf dem Güldner-Traktor wohler.
Punkten kann Eicher beim Sitzkomfort. Das Fahrergewicht ist leicht einstellbar, und die Federung und der Federweg sind hervorragend. Der Sitz bei Güldner ist ein Nachbau des Originals von Grammer, den Heinz Fedderke als Ersatzteilhändler auch für andere bauen lässt.
Sie laufen auch im Winter
Anders als der Güldner G 60 A ist der Eicher EA 600 S ein echter Kaltstarter. Bis herab zu 0 °C reicht ein Druck auf den Startknopf, und nach einer Umdrehung läuft der Vierzylinder. Unter kälteren Bedingungen wird Diesel mit einer Handpumpe in den Ansaugkanal gespritzt, und für ganz extreme Kälte verfügt der Mammut über eine zentrale Dekompressionsvorrichtung.
Der Güldner-Sechszylinder wird im kalten Zustand mit Kerzen in jedem Brennraum vorgeglüht, und mit ausreichend geladener Batterie startet er selbst im tiefsten Winter. Ist der Motor nicht ganz ausgekühlt, springt er ohne Vorglühen an.
So wie die Leistungsdaten beider Oldtimer auf dem Papier annähernd gleich sind, ist ihre Kraftentfaltung auch in der Praxis ähnlich gut. Der Eicher-Vierzylinder fährt sich gefühlt etwas spritziger als der Güldner-
Sechszylinder. Der blaue Oldtimer hat als Grundmaschine aber auch knapp 300 kg weniger Leergewicht, und in unserem Fall ist der Güldner-Sechszylinder mit je 200 kg Felgenballastgewichten sowie einem Frontlader ausgerüstet, der mit Anbauteilen weitere 500 kg wiegt.
Obwohl der Güldner G 60 A deutlich länger wirkt, ist sein Radstand nur 10 cm länger als beim Eicher EA 600 S. Weil der Mammut von Detlef Kruse keine hydraulische Lenkung hat, ist der Güldner G 60 A von Heinz Fedderke gefühlt wendiger. Doch mit einer hydrostatischen Lenkung ginge dieser Punkt an Eicher.
Satte Kraftreserven
Beim Anfahren beeindruckt bei beiden Oldtimern die schiere Kraft, die sie bereits knapp über dem Standgas entwickeln. Ihre Leistung von 60 PS rufen sie bei Höchstdrehzahl von 2.000 U/min ab. Bei fallender Drehzahl entwickeln sie mehr Drehmoment, und so lassen sich Steigungen oder schwere Stellen beim Ackern schaltfaul bewältigen. Aber sowohl der Vierzylinder von Eicher als auch der Sechszylinder von Güldner werden heiß, wenn sie länger jenseits der Dauerbelastung mit gedrückter Drehzahl gefahren werden.
Der Eicher EA 600 S ist trotz fehlender Synchronisierung gut zu schalten, vor 60 Jahren war die Abstufung in Ordnung.
(Bildquelle: Holtmann)
Die Ganghebel an der Lenksäule, darunter der Abstellknopf, das Handgas und die Zapfwellenschaltung unten rechts.
(Bildquelle: Holtmann)
Die Einspritzpumpe von Kugelfischer hatte bis 1965 zwei getrennte Ölhaushalte, rechts der Abstellhebel.
(Bildquelle: Holtmann)
Die Verteilereinspritzpumpe von Bosch anstelle einer Reihenpumpe war das Ergebnis von Sparmaßnahmen bei Güldner.
(Bildquelle: Holtmann)
Beide Traktoren haben ihren eigenen Klang, und der ist jeweils unverwechselbar. Der Eicher-Motor mit vier Zylindern klingt härter und ist bei Vollgas etwas lauter als sein roter Konkurrent. Das Güldner-Aggregat mit sechs Töpfen hört sich sehr edel an, und selbst bei Vollgas unter voller Last macht der gedrosselte Motor akustisch immer einen entspannten Eindruck.
Das lässt sich vom Getriebe nicht behaupten: Sowohl in der Acker- als auch in der Straßengruppe heult das Getriebe im vierten Gang, wie auch beim Eicher EA 600 S. Bekannt ist dieses Phänomen auch vom Deutz D 55 05, der das gleiche Getriebe hat, und sollte daher kein Anlass zur Sorge sein.
Weitere Details
Der Güldner G 60 A hat eine voll lastschaltbare Zapfwelle, beim Eicher EA 600 S wird diese mit einem Doppelkupplungspedal geschaltet. Bei Eicher ist das Kupplungspedal verstellbar. Der Verstellbereich der Anhängekupplung beim Eicher Mammut ist klein, die maximale Höhe sehr niedrig. Die maximale Hubkraft des Güldner G 60 ist mit 2.200 daN angegeben, durchgehend liegt sie aber unter den 1 700 daN des Eicher Mammut. Beide Oldtimer sind mit Ölbadluftfiltern bestückt. Die Typenbezeichnungen bei Eicher bestehen aus hochwertigen, aufgenieteten Schildern, bei Güldner aus aufgeklebten Schriftzügen. Sowohl den Güldner G 60 A als auch den Eicher EA 600 S gab es auf Wunsch mit einer Heizung.
Der Blick in die Preislisten überrascht: Während Eicher 25.770 DM (1969) für den 62-PS-Allradschlepper aufrief, waren es bei Güldner trotz der sechs Zylinder „nur“ 22.300 DM (1968). Die Aschaffenburger hatten mit ihrer knappen Kalkulation nicht nur den Wettbewerber aus Forstern im Visier. Denn zu der Zeit waren Marken wie Fiat, Ford, IHC, MF und John Deere billiger und boten gerade im Getriebe zum Teil mehr. Gleichzeitig brachten Fendt und Deutz ganz neue Baureihen mit Synchrongetriebe, besserer Gangabstufung und mehr Hubkraft heraus.
Eicher stellte 1968 auch eine neue Baureihe vor, wobei der direkte Nachfolger des EA 600 S, der Typ 3012 mit 62 PS, erst 1970 lieferbar war. Bis dahin wurden noch einzelne EA 600 S gebaut.
Güldner gelang es immerhin, bis Ende 1969 noch 149 Allradversionen und 261 Hinterradschlepper vom G 60 zu verkaufen. Zu dem Zeitpunkt hatte der Mutterkonzern Linde aber bereits das Ende der Traktorfertigung in Aschaffenburg verfügt.
Fazit
Der Eicher Mammut 2 EA 600 S, war in den 1960er Jahren einer der stärksten und teuersten Traktoren aus deutscher Produktion. Güldner versuchte ab 1968, mit dem G 60 mit sechs Zylindern gegenzuhalten. Beide waren robust, zuverlässig, werthaltig und genossen einen exzellenten Ruf. Ein starker Wettbewerb sowie bei Eicher das Auslaufen der Baureihe und bei Güldner gar der gesamten Traktorenherstellung bereiteten diesen beiden Ikonen des deutschen Traktorbaus 1969 ein Ende.