Kritische Theorie gegen IslamogauchismeIslam – Kritik und Apologie von links

Gastkommentar von

Stephan Grigat

Marx kritisierte die „bequeme Zweiteilung“ in Gläubige und Ungläubige im Islam. Horkheimer attestierte der Religion einen immanenten Hang zur Gewalt.

Machtübernahme der Mullahs. Iran, Feburar 1979 Foto: Alain Keler/MYOP/laif

A ntisemitismus in linken akademischen Milieus äußert sich in den letzten Jahren insbesondere in einem projektiven Antizionismus, der je nach politischer Orientierung und theoretischen Bezügen antiimperialistisch, antinational oder postkolonial „begründet“ wird.

Immer häufiger stehen diese „Begründungen“ in einem unmittelbaren Zusammenhang mit einer Sicht auf den politischen Islam, die bei großen Teilen sowohl der akademischen als auch der aktivistischen Linken mal von Ignoranz und Unfähigkeit zur Kritik, mal von Verharmlosung oder Relativierung und immer öfter von offener Kooperation geprägt ist.

Es wäre jedoch ein grober politischer Fehler und würde zu inadäquaten Zustandsbeschreibungen führen, die antisemitismuskritischen Teile der Linken auszublenden. Sowohl bei der Beurteilung des Zionismus und Israels als auch bei der Positionierung gegenüber den diversen islamistischen Strömungen und dem orthodox-konservativen Mehrheitsislam existieren linke Theorietraditionen, die sich gegen die derzeitige Hegemonie von Israelhass und Islamverklärung in großen Teilen der globalen Linken wenden ließen.

Der Autor

Stephan Grigat ist Professor für Theorie und Kritik des Antisemitismus an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen. Leiter des Centrums für Antisemitismus- und Rassismusstudien in Aachen und Köln. Autor unter anderem von „Vom Antijudaismus zum Hass auf Israel: Interventionen zur Kritik des Antisemitismus“ (Barbara Budrich, 2025). Herausgeber (zusammen mit Karin Stögner) von „Projektiver Antizionismus: Antisemitismus gegen Israel vor und nach dem 7. Oktober“ (Nomos 2025).

Sowohl historisch als auch gegenwärtig gilt: die schärfsten Kritiker von Antisemitismus in der Linken, vermeintlich progressivem Israelhass und dem Islamogauchisme (ein Begriff, der in Frankreich bereits seit Beginn der 2000er Jahre für die Kooperation von Linksradikalen und Islamisten verwendet wird, während im Englischen meistens von einer „red-green alliance“ die Rede ist), fühlen sich selbst linken Theorietraditionen verpflichtet – insbesondere der Kritik der politischen Ökonomie von Karl Marx und der klassischen Kritischen Theorie der Frankfurter Schule von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer.

Antifa gegen Klerikalfaschisten

Seit Anfang der 1990er Jahre hat sich im deutschsprachigen Raum eine sowohl akademische als auch außerakademische theoretische und praktische Kritik entwickelt, in welcher der Marxismus mit Marx und die real existierende Linke mit der Kritischen Theorie und ihren ideologiekritischen Weiterentwicklungen ins Visier genommen wird.

Auch in der Konstellation seit dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 sind es im aktivistischen Bereich maßgeblich Teile der linken Antifa, die sich den antiisraelischen Massenaufmärschen im deutschsprachigen Raum entgegenstellen; und im akademischen Bereich sind es vornehmlich aus der Linken stammende Autorinnen und Autoren, die dem Antisemitismus, seiner Verharmlosung und der Fraternisierung mit der Gegenaufklärung etwas entgegensetzen.

Der Bedeutungsverlust marxistisch-leninistischer Bezüge und der Siegeszug poststrukturalistischer und postkolonialer Deutungsmuster an den Universitäten seit den 1990er Jahren ist mit einer zunehmenden Fraternisierung mit islamistischen Bewegungen und einer Tabuisierung von Kritik am orthodox-konservativen Mehrheitsislam in großen Teilen der akademischen und in der aktivistischen Linken einhergegangen, während in den Zeiten des Kalten Kriegs der autoritäre Staatssozialismus noch in relativer Gegnerschaft zum Islamismus stand.

Superlinke und Dschihadisten

Ein Resultat dieses Prozesses im politischen Bereich ist die immer hemmungslosere Kooperation radikaler Linker mit offen dschihadistischen Gruppierungen – insbesondere in Frankreich und Großbritannien. Aber auch Deutschland ist davon nicht verschont geblieben, was sich nicht nur im akademischen und aktivistischen, sondern auch im politischen Bereich zeigt: Heidi Reichinnek, der neue Shootingstar der Partei Die Linke und Fraktionsvorsitzende im Bundestag, ist Co-Autorin eines Beitrags aus dem Jahr 2016, in dem offen zur Kooperation mit der islamistischen Muslimbruderschaft aufgerufen wird.

Wohingegen sich prominente Linke, die sich explizit kritisch zum politischen Islam und zum linken Antizionismus positioniert haben – wie beispielsweise der frühere Kultursenator von Berlin, Klaus Lederer –, der Partei seit dem 7. Oktober 2023 zunehmend den Rücken kehren.

An westlichen Universitäten wird seit über zwei Dekaden mit Kampfbegriffen wie „Islamophobie“, mit dem sich auch Vertreter des antisemitischen iranischen Terrorregimes gegen Kritik zu immunisieren versuchen, jeglicher Einwand gegen eine mit bestimmten Islaminterpretationen begründete Menschenzurichtung mobilgemacht.

Im Rahmen der Organisation für Islamische Zusammenarbeit, in der sich 56 islamisch geprägte Staaten zusammengeschlossen haben, wird selbst die Kritik an der Anwendung der Scharia mit dem Islamophobie-Begriff abgewehrt.

Aber auch hier gilt: Ebenfalls seit zwei Jahrzehnten werden derartige Kampfbegriffe von Teilen der Linken kritisiert. Und neben der langen Geschichte von Verharmlosung, Relativierung bis zur offenen Bewunderung des Antisemitismus und des antiliberalen Furors im Islamismus und im orthodox-konservativen Mehrheitsislam existieren in der Linken auch Traditionen einer radikalen Islamkritik – auf die sich in der gegenwärtigen Konstellation allerdings nur noch eine Minderheit in der Linken bezieht.

Marx über den real existierenden Islam

Schon Marx hatte über den Islam recht Deutliches zu sagen. In der New York Daily Tribune schrieb er 1854: „Der Koran und die auf ihm fußende muselmanische Gesetzgebung reduzieren Geographie und Ethnographie der verschiedenen Völker auf die einfache und bequeme Zweiteilung in Gläubige und Ungläubige. Der Ungläubige ist ‚harby‘, d. h. der Feind. Der Islam ächtet die Nation der Ungläubigen und schafft einen Zustand permanenter Feindschaft zwischen Muselmanen und Ungläubigen.“

Das Schweigen der Atheisten zum Islam bedeutet Kapitulation

Akiva Orr

Über die Situation der Juden in Jerusalem heißt es bei Marx: „Die Muselmanen, die etwa ein Viertel der ganzen Bevölkerung bilden und aus Türken, Arabern und Mauren bestehen, sind selbstverständlich in jeder Hinsicht die Herren […]. Nichts gleicht aber dem Elend und den Leiden der Juden in Jerusalem, die den schmutzigsten Flecken der Stadt bewohnen […], sie sind unausgesetzt Gegenstand muselmanischer Unterdrückung und Unduldsamkeit […].“

Max Horkheimer attestierte als einer der wichtigsten Vertreter der Kritischen Theorie dem Islam einen ausgeprägten, in den Prinzipien der Religion angelegten Hang zu Gewalt und Eroberung und sah ihn deutlich weiter entfernt vom Gedanken einer allgemeinen sowohl gesellschaftlichen als auch individuellen Emanzipation als das Christentum und insbesondere das Judentum.

Selbst unter israelischen radikalen Antizionisten fanden sich Ausnahmen von der gängigen linken Islamverharmlosung. Der marxistische Aktivist Akiva Orr von der antizionistischen Zeitschrift Matzpen hob sich Anfang der 1990er Jahre durch eine dezidierte Kritik des politischen Islam von einer Vielzahl europäischer Antizionisten ab.

Ausgehend von seinen Erfahrungen mit den Entwicklungen in Iran nach der Islamischen Revolution erklärte er: „Das Schweigen der Atheisten zum Islam bedeutet Kapitulation und einen Schritt in Richtung religiöser Hinrichtungen.“

Grußadresse der S.I. aus Paris nach Bagdad

Die neomarxistische und antistalinistische Situationistische Internationale (S.I.) in Frankreich, die maßgeblich zum Pariser Mai 1968 beigetragen hat, ging noch deutlich weiter und schickte 1965 eine Grußadresse an ihre irakischen Genossen, die „den Koran in den Straßen Bagdads verbrannt haben“.

Auch in anderen Schriften der S.I. um den Autor Guy Debord findet sich scharfe und polemische Kritik am Islam, der als Todfeind jeglicher Emanzipation betrachtet wird.

Maßgebliche Teile des europäischen Linksradikalismus haben sich lange Zeit Illusionen über die Islamische Revolution in Iran von 1979 gemacht.

In der Zeitschrift Khamsin hingegen, in welcher Aktivisten der israelischen Matzpen von 1974 bis 1987 mit linken arabischen Intellektuellen zusammengearbeitet haben, erschienen schon kurz nach dem Siegeszug der Ajatollahs unter Ruholla Khomeini scharfe Kritiken an den Entwicklungen in Iran, insbesondere von Kanan Makiya und dessen Frau Afsaneh Najmabadi.

Saids Verteufelung des Westens

In Khamsin, die von vielen heutigen linken Uni-Gruppen vermutlich boykottiert würde, kamen arabische Marxisten wie Sadik Al-Azm mit scharfer Kritik an Edward Saids Verteufelung des Westens zu Wort.

Oder Lafif Lakhdar, der „arabische Spinoza“, der eine konsequente Trennung von Politik und Religion in den arabischen Gesellschaften forderte, sich über „dieses Mittelalter, in dem wir immer noch leben“, empörte und explizit die Judenfeindschaft beispielsweise in Ägypten und Algerien thematisierte.

Auch in diesen Fällen ließe sich die heutige Linke von und mit links kritisieren. Insbesondere zu einer materialistisch fundierten Islamkritik und zur Islamapologie großer Teile der Linken sind in den letzten 30 Jahren zahlreiche Beiträge ausgehend von einer Ideologiekritik in der Tradition der klassischen Kritischen Theorie erschienen, die sich mitunter selbst nicht mehr als „links“ verorten möchten, aber doch eindeutig in einer linken Theorietradition stehen.

Für eine sinnvolle Auseinandersetzung mit linkem Antisemitismus und dem Islamogauchisme in der heutigen Zeit sollte man sich nicht der Versuchung hingeben, sie als Vorwand für eine wohlfeile Abrechnung mit auf Emanzipation zielenden Positionierungen zu verwenden.

Dies weniger wegen einer völlig unnötigen Ehrenrettung der Linken, die sich auch scharfe Kritik redlich verdient hat. Eher, um zu einer adäquaten Beschreibung der Situation zu gelangen, und auch zur Kenntnisnahme potenzieller Bündnispartner für eine liberal oder konservativ situierte Verteidigung einer über sich selbst aufgeklärten Aufklärung.

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38 Kommentare

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  • Die schärfsten Kritiker der Linken kommen oft aus der Linken selbst, die schärfsten Kritiker des Islams kommen oft aus diesem selbst.



    Abgesehen davon, dass es "den" Islam nicht gibt, sollte man allerdings den Einfluß des modernen europäischen Denkens, insbesondere gewisser deutscher Theorietraditionen auf den Islamismus nicht unterschätzen.



    Hussein Aboubakr Mansour schreibt in seinem Essay "Die Verzauberung des arabischen Denkens. Vom marxistischen Revolutionsimport zur islamistischen Götterdämmerung", dass der moderne Islamismus nicht einfach zurück zum "ursprünglichen" Islam will, sondern dass er "die symbolische Struktur der deutschen totalen Politik in arabischer und muslimischer Form" reproduziere.



    Und: "Nun sind alle neuen Formen des Islams, der die religiösen



    Vokabeln als Fassade verwendet, um im Wesentlichen europäische ideologische Strukturen zu verkaufen, revolutionär, das Gegenteil von [islamischer] Ordnung und haben daher das Gegenteil von Frieden hervorgebracht."



    Erschienen ist der lesenswerte Aufsatz in der Onlinezeitschrift "Mosaic" unter dem Titel "The Enchantment of the Arab Mind", auf deutsch in der Zeitschrift "Sans Phrase".

  • Fast alle Systeme, ob Religion oder Ideologie sind einmal angetreten, die Fehler des Vorhergehenden zu beseitigen, haben diese aber nur in neuer Verpackung weitergetragen.

  • Binäre Irrtümer anders rum Es gibt weder" Die Juden" nocht "den Islam". So was zu schreiben ist anti -aufklärend.Nur kritik ist nicht ganz falsch.Es gab 1 gewisse millitärische Romantisierung der Achse des Widerstands.Es war einfacher, als Boykott über Grenzen hinweg zivil weiter zu entwickeln nach 2012. Es fehlte Feministische Schärfe: alle Patriarchalen Herrschenden zusammen als undemokratisch anzugreiffen,statt den Islam als solchen zu essentialisieren, was der hiesigen Rechten in die Karten spielt! Was wäre da zu bedenkende Kritik,die bei uns tabuisiert ist? Wo sind Antideutsche solidarisch gg. Trump? warum kann nicht eine links Internationalistische feministische Analyse aufbauend auf dem was die Frauen 1985 am Ende der letzten UN Weltfrauenkonferenz in Peking voraus gesehen hatten:



    - Die Gefahr für die Menschheit werde von 2 Kräften ausgehen: Von den patriarchal-theokratischen Kräften und vom neoliberalen Kapitalismus, der in den Faschismus tendieren wird, sahen sie voraus. Diese Analyse stimmt immer noch ganz genau, ohne dass ein essentialisierter Islam als Feindbild herhaltren muss,aber auch ohne dass linke Kritik an den Mullahs und Muslimbrüdern tabuisiert werden muss.

  • Ich bin geschockt, einen Text dieser Art, in der Taz zu sehen der 1:1 in seiner ganzen lupenrein islamfeindlichen Rhetorik, Polemik und Dämonisierung des Feindbildes Islam, der alles politisch böse, menschlich zu verachtende in sich vereint als Menschenfeindliche Ideologie, von Nius stammen könnte. Getarnt als akademische Analyse ist er nichts anderes als Pseudo wissenschaftlicher Islamhass, der einfach so vieles auslässt und zusammenwürfelt, dass es keiner ernsthaften Wissenschaftlichen Betrachtung standhalten könnte.

    Der Text ist nicht weiter als eine durchgängige Abwertung und Diskriminierung des Islam und von Muslimen, der nur des Protokolls halber ganz am Rande Lippenbekenntnisse zur Anerkennung islamischer Errungenschaften scheinbar bemerkt, um dann gleich wieder in seinem "aber" gegen den Islam weiter herzuziehen.



    Als säkulare Muslimin, die erst gestern, über die Aussage ihres Kindes erschüttert war, dass seine größte Angst die AfD ist u. dass wir dann aus Deutschland wegmüssen, bin ich von diesem Text ganz im Ernst zutiefst getroffen! Er u. die ihm dankenden Kommentare machen mir Angst, wenn solche Texte sogar schon in linken Medien als "Islamkritik" gedeckt, stehen!

    • @Edda:

      Das Feindbild ist nicht der Islam, sondern der politische Islam, der versucht, die weltliche (!) Ordnung nach islamischer Vorstellung umzuwälzen. Wenn Sie säkulare Muslimin sind, nehme ich an, dass Sie dieses Feindbild im Grunde teilen, da es mit Ihren Werten dann nicht verinbar sein sollte.

    • @Edda:

      Wie viele Staaten kann man als islamisch bezeichnen?

      So um die 50, oder?

      Wie viele von denen sind demokratisch?

    • @Edda:

      Aber... rein aus Interesse: was ist Ihrer Meinung nach an Islamkritik denn (noch) zulässig?

      • @Fisherman:

        Die Frage, „was denn nun noch als Islamkritik erlaubt sei“, ist selbst Teil des Problems. Niemand bestreitet die Legitimität von Religions- oder Ideologiekritik. Kritisiert wird, dass Ihr Text nicht differenziert, sondern alltägliche Religionspraxis, politische Ideologie und Extremismus systematisch vermischt und dem Islam ein Gewalt-Alleinstellungsmerkmal zuschreibt.

        Kritik endet dort, wo sie vergleichsblind, selektiv und asymmetrisch wird. Ein Text, der politische Gewalt beim Islam essentialisiert, während vergleichbare Gewalt im Namen des Zionismus oder christlich legitimierter Kriege ausgeblendet wird, ist keine Kritik, sondern Ideologie.



        Es geht nicht darum, was als Islamkritik erlaubt ist. Der entscheidende Test ist einfacher: Ersetzen Sie im gesamten Text das Wort Islam durch Judentum und die Hetze springt sofort ins Auge. Diese Undenkbarkeit ist das Merkmal der Islamhetze des Textes.



         

        [...]

        Text durch die Moderation gekürzt. Bitte beachten Sie die Nettiquette.

  • Guter Text, viel Neues und Unbekanntes. Es fehlt tatsächlich eine intensive Ideologiekritik, mit dem Ziel, herauszufinden, worin für eine bestimmte Linke die Anziehungskraft im Islamismus liegt. Oder noch konkreter, worin für beide, für Linke und für Islamisten, potentielle Gemeinsamkeiten im politischen Islam liegen. Mythische Narrative über "Gleichheit" und "Gerechtigkeit" aber auch unterkomplexe und einfache Vorstellungen von einer "Kommune" ("Der Kommunismus ist einfach..."- Brecht) spielen sicher eine Rolle. Jeder Moslem preist den Islam als sehr "einfach". Der Punkt ist: das autoritäre Denken kommt (wie eigentlich wir alle) mit der Komplexität der Moderne nicht zurecht. Es neigt daher zur gewaltsamen Eliminierung der Probleme und damit der Menschen. Marx hatte das scheinbar im Kern gesehen (Gläubige versus Ungläubige) aber seine Einsicht nicht auf die eigenen Konstruktionen (Proletariat versus Bourgeoisie - Basis-Überbau)- bezogen. Die ideelle und praktische Kollaboration eines Teils der Linken an Menschenrechtsverbrechen (ihre verschleierte Solidarität mit Putin, Khamenei, Maduro und Konsorten, worin der Antisemitismus eingepreist ist) muss schärfer kritisiert werden.

  • Das ist ja mal ein erfreulicher Kontrapunkt zu vielen anderen wenigstens vorgeblich linken Sichtweisen, die alles durch die inzwischen ubiquitäre postkoloniale Brille betrachten. Man darf vor gegenaufklärerischen Tendenzen nicht kuschen, bloß weil diese von einer Minderheit vertreten werden.

    • @Karsten Janz:

      Die postkoloniale Brille sollte richtiger „postokzidentale“ Brille genannt werden. Weder das Kalifat noch das osmanische Reich würden vor der Theorie bestehen, wenn man sie konsequent anwenden würde.

      • @Meister Petz:

        Kalifat und Osmanisches Reich sind die Beispiele dafür, was passiert, wenn Kolonialismus erfolgreich ist. Dann gibt es kein Postkolonial mehr…

  • Ein Ausblick auf linke Selbstkritik und Kritik an linkem Antisemitismus und Islamogauchisme durch israelisch-arabische Denkkooperationen wäre auch noch schön gewesen. Gibt es da eigentlich auch Denkerinnen? Antiimperialismus geht nicht ohne Feminismus. Deshalb verstehe ich nicht, warum linke Frauen/Frauen der Linken für Islamisten Steigbügelhalterinnen spielen.

  • Danke für diesen Beitrag, Herr Grigat! 👍

  • Das ist eine ganz alte Leier. Man versucht Menschen mit in der Gesamtbetrachtung kleinen Gemeinsamkeiten (in diesem Fall wohl der Antikapitalismus der Linken und Islamisten, auch wenn dieser völlig anderer Natur ist) zu benutzen, um selbst Einfluss zu erlangen und hofft dann diese überzeugen zu können, obwohl man sie eigentlich nicht versteht.



    Das ist ein gefährliches Spiel: Am Ende steht immer die Möglichkeit das Spiel zu verlieren und selbst gekapert zu werden. Und was dabei rauskommen kann, sollte spätestens bekannt sein, seit dem dies den Konservativen in der Weimarer Republik passiert ist.



    In welche Richtung das Pendel ausschlägt hätte Linken eigentlich mit den Folgen der Islamischen Revolution klar sein müssen und die Reißleine gezogen werden. Bei der WCAR 2001 hat man gesehen, dass genuin linke Thesen kein Gehör mehr gefunden haben und die Übernahme der Linken durch Islamisten unumkehrbar fortgeschritten war.



    Wie der Autor treffend feststellt hat, hätten die Urheber der linken Theorien sich dem verwahrt. Der Begriff Islamogauchisme ist daher auch schon gar nicht mehr zutreffend. Bei diesem Personenkreis handelt es sich um Islamisten. Sie wissen es nur noch nicht.

  • Nun ist der Islam aber hier und jetzt DE FACTO die am wenigsten massenmordende der drei großen abrahamitischen Religionen.

    Für Linke sollte aber dennoch gelten: "Kein Gott, kein Kaiser, kein Baron."

    • @Ajuga:

      Wo werden den im hier und jetzt Menschen massenhaft im Namen des Juden- oder Christentums ermordet?

    • @Ajuga:

      Das möchte ich doch sehr bezweifeln.



      Das Judentum soll mehr Massenmord begangen haben als der Islam?



      Obwohl das Judentum bereits wesentlich länger existiert halte ich Ihre These für extrem unwahrscheinlich.



      Und davon abgesehen, in wie weit wäre das für heute relevant?

    • @Ajuga:

      Was veranlasst Sie zu derartigen Quantifizierungen? Auf welchen Daten beruht Ihre Behauptung? Wenn Sie dann noch "massenmordende [...] Religionen " im Zusammenhang mit linker Ideologie stellen, halte ich Ihnen die Gesamtzahl der Ermordeten sozialistischer (linker) Regime von >80.000.000 entgegen. Welche religöse Ideologie kann da noch mithalten? Wenn Sie schon quantifizieren wollen, kommen Sie nicht um Tatsache, dass es die atheistischen Ideologien sind, die quantitativ die mit Abstand größten Verbrechen zur Folge haben. Nicht, dass ich Ihre These vom verhältnismäßig friedlichen Islam teile. Aber es ist doch sehr zweifelhaft, dass die Religionen die Hauptursache allen Übels sind.

    • @Ajuga:

      am wenigsten? woran machen Sie das denn fest?

  • Hervorragender Artikel, Danke!

  • Da alle Mitglieder von Religionsgemeinschaften, besonders die monotheistischen, sich für die einzig wahren Menschen halten, und die jeweils Anderen als fehlgeleitet oder als Feinde betrachten, gehören sie allesamt auf den Schrotthaufen der Geschichte.



    Ja, sie sind nicht nur Opium fürs Volk, sondern Dank Gehirnwäsche jederzeit bereit als willfährige Masse die Andersgläubigen oder Atheisten zu diffamieren, zu entmenschlichen oder auch zu töten.



    Die Religionen halten her um jegliche Gewaltanwendung nach Bedarf und Geschmack zu legitimieren. Mit dem Aufdruck "heilig" ist jede Schandtat legitimiert!



    Sie sind die wahre Geissel der Menschheit!

    • @ Christoph:

      Die Ergänzung, dass häufig Ideologien wie ein Nationalismus bei "Atheisten" den Platz der Religion einnehmen, mit mindestens ähnlichen Folgen.



      Da hat dann nicht das Spaghettimonster das Land versprochen, sondern man holt es sich, weil man der Stärkste oder genetisch ja was Besseres sei. Resultat ähnlich. Da kann universale Religion sogar zuweilen abbremsen.

  • Der Artikel leidet an einer stark vereinfachenden ideologischen Erzählung. „Islamogauchisme“ wird wie eine klar definierte politische Strömung behandelt, obwohl es sich um einen unscharfen polemischen Kampfbegriff handelt.

    Dass in intersektionellen Diskursen „nur noch Betroffene für sich sprechen sollen“, ist keine zentrale These der Intersektionalität und daher eine Strohmannargumentation.

    Die Berufung auf Marx und Horkheimer ist selektiv und quasi-theologisch: Marx hat keine systematische Islamkritik entwickelt, und Horkheimer reduzierte Religion nicht einfach auf Gewalt.

    Während kritische Theorie Essentialismus widerspricht, Ideologiekritik und Differenzierung betreibt, essentialisiert dieser Artikel „die Linke“, Religion und Antiimperialismus, was ein methodischer Selbstwiderspruch ist.

    Ironischerweise widerspricht der Text damit zentralen Prinzipien der Kritischen Theorie, auf die er sich beruft: Statt Ideologiekritik und Differenzierung dominieren pauschale Zuschreibungen, Autoritätsargumente und begriffliche Unschärfen.

  • Danke für diesen Artikel. Wohltuend, auch das endlich mal in der Taz zu lesen und nicht nur Baxerei.

  • Halten wir fest: Der Kampf gegen Antisemitismus ist links.



    Fügen wir hinzu: Er entstammt dem universalen Gleichheits-Antrieb, der Diskriminierung einfach nicht mag. Der also immer zuckt, wenn Ungleichheit nach Herkunft, Religion, Geldsack, Geschlecht, ... abgeht.



    Deshalb sich nicht mit Ayatollahs gemein macht, aber eben auch nicht mit Netanyahus und Hasspredigern welcher Religion und Ideologie auch immer.



    Linke sollten es sich auch nicht verbieten, palästinensische Rechte auch zu sehen, auch muslimische Menschen gegen Diskriminierung in Schutz zu nehmen. Oder in APG-Tradition genannt: Christen in der Region gegen die Vertreibungsversuche. Oder gegen ethnische "Reinheits"-Fantasien zu streiten. Auch das ist links.

    • @Janix:

      Ihre These, der Kampf gegen Antisemitismus sei links, halte ich für sehr gewagt angesichts antisemitischer Äußerungen bereits von Karl Marx. Die Unterdrückung der Juden in der Sowjetunion in den 60er Jahren, die westliche Intellektuelle wie Betrand Russell auf den Plan rief, Tupamaros, Entebbe in den 70ern, alles vergessen?

    • @Janix:

      Hat irgendjemand was anderes behauptet? Netanjahu ist ein Faschist, klar. Aber das ist bei der Hamas nicht anders. Und nein, wir können nicht einen Staat Palästina als eine Utopie der unterdrückten Minderheiten aufbauschen, solange dort große Teile der Bevölkerung mit dem autoriäten Islam sympathisieren.

      • @Klempschwester:

        Stephan Grigat, den ich schon sehr lange schätze, arbeitet sich da aber an "linken" "Denkrichtungen" ab und wie Ihr Statement bereits zeigt, ist mein Punkt auch noch nicht bei allen angekommen.



        Es gab die PA, bis Israel sie mit Panzern bewusst demütigend kleinschoss. Hamas wurde von Israel gefüttert, Netanyahu gab es im Likud offen zu. Er will spalten und das falsche Bild, das auch bei Ihnen womöglich hängenblieb.



        Das Ende der Besatzung und gleiche Rechte sind ein Schlüssel zum Frieden.

  • Die Bandbreite "des Islam" ist dann doch noch sehr viel größer u. historisch erklärt diese nicht nur die "blutigen Bruderkriege" v. Schiiten u. Sunniten.



    "Zwar beeindruckte die arabisch-persische Gedankenwelt der Sufis Denker und Dichter wie Goethe und Rückert oder auch den Erweckungstheologen F. A. G. Tholuck, doch kam der Sufismus erst Anfang des 20. Jahrhunderts im Westen an – in Gestalt der von dem Inder Inayat Khan (gest. 1927) gegründeten universalreligiösen „Sufi-Bewegung“, die Sufismus nicht primär islamisch, sondern gleichsam als die Essenz aller Religion versteht. Die religionsverbindende „Botschaft von Liebe, Harmonie und Schönheit“ dieses Neo-Sufismus richtet sich als universelle Weisheit, die älter ist als die geschichtlichen Religionen, an alle Menschen. Ähnliches wurde auch von Idries Schah (gest. 1996) propagiert. Hier öffnet sich ein weites Feld kreativ-spekulativer Patchworkreligiosität mit stark esoterisch-gnostischem Einschlag, die Sufi-Frömmigkeit mühelos in den Markt esoterischer..."



    ezw-berlin.de 2009



    Im ersten Absatz steht dazu:



    "Gegenüber extremistischen oder starr orthodoxen Strömungen im Islam erscheint er manchen als liberale Alternative, die anderen..."

  • Danke für diesen Beitrag. Bleibt zu hoffen, dass die antiautoritäre und emanzipatorische Linke generationalen Konjunkturen unterliegt und als Reaktion auf das aktuelle Elend in kommenden Jahren wieder Aufwind erhält.

  • Nach allem, was ich in den vergangenen Jahrzehnten über den politischen Islam erfahren habe, ist er zum einen gegen die weltweite Dominanz des Westens gerichtet. Man muss sich nur die Vorgänge nach der Vertreibung des Schahs im Iran anschauen. Das kann ich in gewisser Weise noch verstehen. Aber es geht dem politischen Islam auch um die Wiederherstellung eines Kalifats, also die Umgestaltung von Staat und Gesellschaft anhand islamischer Normen. Eine Vorstellung, die mir persönlich völlig fremd ist, da sie naturgemäß zu einer Despotie der Gläubigen über die Nicht-Gläubigen führen muss.



    Mohammed sagt "unterwirf dich" - Christus sagt "entscheide dich".

    • @Il_Leopardo:

      "Mohammed sagt "unterwirf dich" - Christus sagt "entscheide dich"."

      Was Koran und Neues Testament gemeinsam haben, ist das Konzept der Strafe und ewigen Folter im Jenseits. Und die Folgen der "falschen" Entscheidung werden jeweils ziemlich pervers-detailliert geschildert. Da nehmen die sich nicht wirklich viel. Insofern ist das auch im historischen Christentum keine wirklich freie Entscheidung, was ja auch jede Menge Nicht-Christen im Verlauf der Geschichte bestätigen könnten.

      Allerdings stimme ich durchaus Christopher Hitchens zu, dass der zeitgenössische fanatische Islam weltweit gefährlicher ist, als das Christentum. Man kann aber den politischen Islam nicht wirklich vom antiimperialstischen Befreiungskampf trennen, was vieles der Irrungen und Verwirrungen im linken Lager erklären mag. Nicht rechtfertigen: in meiner linken Blase streite ich mich schon sehr oft mit islam-unkritischen Genoss*Innen, genau so wie mit hängengebliebenen Russlandversteher*Innen. Beide stellen aber meinem Eindruck nach nicht die dominanten Gruppen links und in Der Linken dar.

      • @Systemknecht:

        Man darf zum einen Altes Testament nicht mit Neuem Testament gleichsetzen. Ich bin kein Theologe, aber der "Alte strafende Gott" wurde eigentlich durch den "verzeihenden Gott" abgelöst. Ja, auch im Namen des Christentums wurde ganze Völker abgeschlachtet. Aber war das wirklich das Christentum, das Jesus gepredigt hat. Ich denke nicht. Ich selbst bin evangelisch erzogen und habe wenig über die "Ewige Verdammnis" gehört. Ich denke, jeder Geistliche, der mit solchen Begriffen heute um die Ecke biegt, würde "ausgelacht" werden.

  • Grigat kommt in der aktuellen Antisemitismusforschung nur am Rande und als Extrembeispiel für Einseitigkeit vor und wird, wenn ich das richtig sehe, vor allem in seinem eigenen Umfeld rege gelesen und diskutiert. Die akademisch-antideutsche Echokammer stemmt sich dabei gegen jeden sozialtheoretische Innovation der letzten 60 Jahre und ist selbst innerhalb der eigenen Theorietradition (der Kritischen Theorie) eine Randerscheinung. Zwischen Geschichte, Kultur- und Politikwissenschaft häufen sich die Forschungsstände, die ein angemesseneres und differenzierteres (und dabei nicht weniger kritisches) Bild der Welt zeichnen, aber anstatt sich (ganz aufklärerisch) damit auseinanderzusetzen, posaunt man lieber Maximalthesen in einem Jargon in die Welt, der gerade klug genug klingt um von wenigen dafür gehalten zu werden, und der es wissenschaftlich nicht einmal wert ist, ernsthaft zu widersprechen.

  • Das so komprimiert zu lesen, ist nochmal erschreckender.

    Andererseits nimmt der Autor dochzu einem kleinen Teil die Scham, sich als (politisch) Linken zu bezeichnen.

    Während er noch mal deutlich macht, warum die Linke als Partei für Nicht-Antisemiten nicht mehr wählbar ist.

  • Danke, danke, vielmals Danke für diesen exzellent geschriebenen Beitrag ! Das habe ich in der taz lange vermisst! Ist mir aus dem Herzen gesprochen, doch hätte ich nicht so sauber zu argumentieren vermochte. Hoffe daß der linke Kahn wieder auf Kurs kommt.

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