https://queer.de/?57027
Queerfilmnacht
Wenn sich ein Maurer-Azubi in den Kollegen verliebt
Enzo verliebt sich auf einer Baustelle in seinen Kollegen Vlad. Doch das ist nicht das Einzige, was den 16-Jährigen verwirrt. Das Drama "Enzo" zeigt, wie überfordernd das Erwachsenwerden sein kann – und wie viel Kraft in einer einzigen Berührung steckt.
Klassenflüchtling nach unten: Enzo (Eloy Pohu) fängt er eine Ausbildung als Maurer an. Mehr Szenenbilder zeigen wir in der unten verlinkten Galerie (Bild: Salzgeber)
- Von
Heute, 05:58h 4 Min.
Teenager sind kaum zu verstehen. Und der 16-jährige Enzo (gespielt vom Newcomer Eloy Pohu) macht es seinen Eltern besonders schwer. Auf Schule hat er keine Lust mehr, also fängt er eine Ausbildung als Maurer an. Auf der Baustelle zeigt er aber weder besonders viel Talent noch Interesse. Die Eltern, ein Professor und eine Ingenieurin, wünschen sich für den Sohn ohnehin ein vorzeigbareres Leben. Doch am allerwenigsten versteht Enzo wohl sich selbst.
Es ist Hochsommer an der Côte d'Azur. Die Grillen zirpen ununterbrochen. Zum Glück kann sich Enzos Familie daheim abkühlen: Das Haus, eine Villa eher, verfügt über einen großzügigen Pool. Die Aussicht aufs Meer ist beneidenswert, die Glasfronten lassen viel Sonne in die Innenräume. Hier lebt definitiv nicht die Mittelschicht.
Die Baustelle, ein ultramaskuliner Ort
Poster zum Film: "Enzo" läuft im März 2026 in der Queerfilmnacht. Regulärer Kinostart ist am 2. April
Doch Enzos Alltag sieht anders aus: Er muss Zement anmischen, Wände mauern oder verputzen. Der Kontrast könnte größer kaum sein, die Klassenfrage schwingt hier konsequent mit. Enzo ist ein Klassenflüchtling – doch anders als etwa die bekannten französischen Schriftsteller Didier Eribon oder Édouard Louis nicht nach oben, sondern nach unten.
Leider vermittelt der französische Coming-of-Age-Film "Enzo", benannt nach seiner Hauptfigur, jedoch kein echtes Gefühl für diese Baustelle. Dieser eigentlich ultramaskuline und einengende Ort wirkt wie eine Kulisse, die nur bespielt wird. Wo ist der Staub, der Dreck, der Schweiß? Stattdessen tragen die Arbeiter Kettchen – und Enzo, obwohl seit acht Monaten in der Ausbildung, nicht mal Handschuhe beim Mauern.
Der Kollege soll an der Front kämpfen
Der Teenager nähert sich einem der Arbeiter besonders an. Der acht Jahre ältere Ukrainer Vlad (Maksym Slivinskyi) hilft ihm, verteidigt ihn gegen den genervten Chef und belohnt ihn hier und da mit mindestens doppeldeutigen Blicken. Oder bildet Enzo sich das ein? Die Berührungen aber sind echt – und stürzen Enzo in den siebten Himmel. Oder ist es normal, einem jungen Kollegen die Hand mit der Kelle so zu führen? Immerhin prahlt Vlad doch mit Frauen, zeigt Fotos von ihnen herum. Zu seiner beruflichen Orientierungslosigkeit tritt jetzt noch ein Gefühlschaos.
Plötzlich sprechen Vlad und ein weiterer ukrainischer Kollege davon, wohl bald in ihrer Heimat an der Front kämpfen zu müssen. Dann tritt die seit über vier Jahren traurige Realität in den Film, die ihm nicht nur eine brutale Aktualität verleiht, sondern zugleich das sonst von jeder Tagespolitik befreite Genre des Coming-of-Age-Films erweitert.
|
Ein Vater, voller Liebe für den Sohn
Hinter "Enzo" steckt eine außergewöhnliche Entstehungsgeschichte, weshalb er als "Film von Laurent Cantet unter der Regie von Robin Campillo" bezeichnet wird: Die beiden Filmemacher verbindet eine langjährige Zusammenarbeit und Freundschaft. Als bei Laurent Cantet, bekannt unter anderem für "Die Klasse" von 2008, Krebs diagnostiziert wurde, arbeiteten sie erneut miteinander. Einige Wochen vor Drehstart übernahm Robin Campillo schließlich. Dem Regisseur war vor knapp zehn Jahren mit dem Aids-Drama "120 BPM"2 ein herausragender Erfolg gelungen.
So richtig kann er mit "Enzo" daran nicht anknüpfen: Ja, der Junge ist verwirrt und chaotisch, doch viele seiner Handlungen sind wenig motiviert oder lassen sich nur schlecht mit seinem Charakter erklären. So fragt er seine Mutter völlig unvermittelt, wie viel sie eigentlich verdient – so als wäre die Villa nicht Zeichen genug fürs Publikum, dass es sich um eine reiche Familie handelt, Enzo mit diesem Lebensstil aber hadert. Auch im Verhältnis zu Vlad scheint so manche Entwicklung eher unglaubwürdig.
Überzeugend sind jedoch Enzos Eltern, die zwischen Fürsorge und Anspruch schwanken. Insbesondere sein Vater Paolo (Pierfrancesco Favino) sticht heraus: Endlich mal eine Vaterfigur, die zwar streng, aber voller Liebe für und Sorge um seinen Sohn ist. Und der auch noch dessen dreckige Wäsche aufsammelt und in die Waschmaschine gibt.
Die queere Community braucht eine starke journalistische Stimme – gerade jetzt! Leiste deinen Beitrag, um die Arbeit von queer.de abzusichern.
Wechselspiel aus Unsicherheit und Euphorie
Vielfach wird "Enzo" mit dem modernen schwulen Klassiker "Call Me By Your Name" verglichen. Der heiße Sommer, die überwältigenden pubertären Gefühle, der Altersunterschied, der Schluss (das Filmplakat gibt einen Hinweis): Auf den ersten Blick sind da Parallelen, doch "Enzo" fehlen der Sog und die Magie, die den Film von Luca Guadagnino so ausmachten.
Vergleiche, vor allem mit ikonischen Werken, sind ohnehin unfair. "Enzo" schafft es, das Wechselspiel aus Unsicherheit und Euphorie seiner Hauptfigur zu transportieren – wenn auch insgesamt wenig überraschend. Zwischen Zement und Sehnsucht vergeht "Enzo", ohne je wirklich greifbar zu werden.
Enzo. Drama. Frankreich, Belgien, Italien 2025. Regie: Robin Campillo. Cast: Eloy Pohu, Pierfrancesco Favino, Élodie Bouchez, Maksym Slivinskyi, Nathan Japy, Vladyslav Holyk, Malou Khebizi, Philippe Petit. Laufzeit: 102 Minuten. Sprache: französisch-ukrainische Originalversion mit deutschen Untertiteln. FSK 16. Verleih: Salzgeber. Kinostart: 2. April 2026. Im März 2026 bereits in der Queerfilmnacht
Links zum Thema:
» Alle Kinotermine im Rahmen der Queerfilmnacht3
Mehr queere Kultur:
» auf sissymag.de4
Links
- https://www.youtube.com/watch?v=uzkfvYzxd1I
- https://www.queer.de/detail.php?article_id=30179
- https://www.queerfilmnacht.de/index.php?article_id=142
- https://www.sissymag.de/
- https://www.queer.de/galerie.php?gal_id=3543
01:00h, ZDF:
37 Grad
Folge 1225: Young Sex – Wie liebt die Gen Z? – Lowkey in love? -
Magazin, D 2026- 2 weitere TV-Tipps »












