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Australien
Sydney: Brutale Angriffe auf junge Schwule durch IS-Anhänger
Laut einer TV-Recherche wurden mehrfach junge Schwule über Dating-Apps in Hinterhalte gelockt und brutal attackiert. Die ebenfalls jugendlichen Angreifer zeigten eine Beeinflussung durch den "Islamischen Staat".
Der Sender ABC zeigte mehrere der schockieren Angriffs-Videos, teilweise mit Logo des "Islamischen Staates" (Bild: Screenshot ABC-Sendung "730")
- 26. Februar 2026, 07:38h 4 Min.
In Sydney hat eine erschütternde Serie von gewalttätigen Angriffen auf schwule und bisexuelle Jugendliche die Behörden alarmiert. Eine zweijährige Recherche der Australian Broadcasting Corporation (ABC) hat ergeben, dass seit 2023 mehrere junge Männer über Dating-Apps in abgelegene Bereiche gelockt und dort von ebenfalls jugendlichen Gruppen attackiert wurden, die sich von der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) inspirieren ließen. Die Angriffe wurden teilweise auf Video aufgenommen und verbreitet.
In einem der dokumentierten Fälle wurde ein 16-jähriger Junge, der unter dem Pseudonym "James" genannt wird, am Strathfield Park in Sydneys Inner West von zwei Tätern zu Boden gezerrt und mehrfach getreten, während ein Komplize filmte und homophobe Beschimpfungen rief. Die Angreifer waren zwischen 14 und 16 Jahre alt. In weiteren Aufnahmen ist zu sehen, wie ein anderer 16-Jähriger brutal geschlagen wird, begleitet von beleidigenden Ausdrücken wie "faggot" (eng. für Schwuchtel) und "kafir" (arabisch für Ungläubiger). In einem weiteren Video ruft ein Angreifer "Dawlatul Islam" (arabisch für Islamischer Staat), während das 16-jährige Opfer zu Boden getreten werden.
Die Täter nutzten gezielt Dating-Apps, darunter auch Angebote, die sich speziell an Jugendliche richten, um das Vertrauen ihrer Opfer zu gewinnen und sie an abgelegene Orte zu locken. Nach den Festnahmen im Fall "James" zeigten Chatprotokolle, dass es in den Monaten zuvor offenbar weitere Angriffe gegeben hatte.
Milde Bestrafungen für jugendliche Täter
Ermittlungen der Polizei ergaben Verbindungen zwischen einigen der festgenommenen Jugendlichen und einer radikalen Extremistengruppe, welche auch im Zusammenhang mit dem Terroranschlag am Bondi Beach im Dezember 2025 steht, bei dem zwei Männer gezielt während einer jüdischen Feier 15 Menschen erschossen und fast 40 weitere verletzt hatten. Zudem bestand teilweise eine Verbindung zu einem in Sydney ansässigen Gebetszentrum, das nach dem Bondi-Terrorakt geschlossen wurde.
Zu vier gefilmten Angriffen wurden inzwischen fünf Teenager angeklagt. Ein 17-Jähriger wurde zu mindestens sechs Monaten Jugendhaft verurteilt, nachdem er in mehreren Angriffen, darunter den auf "James", involviert gewesen war. Drei weitere mutmaßliche Mittäter bekamen keine Freiheitsstrafe, während ein weiterer Fall noch vor Gericht anhängig ist. In einem weiteren Verfahren wird ihnen der Besitz extremistischer Materialien vorgeworfen.
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Extremismus sei als Tathintergrund zuwenig gewürdigt worden, kritisierten Experten gegenüber ABC und weiteren die Berichterstattung aufgreifenden Medien. Das zeigt auch ein anderer Fall: Ein mutmaßlicher Mehrfach-Angreifer, der einen 20-jährigen Mann in einem Unterführungsbereich zusammengeschlagen und mehrfach auf seinen Kopf getreten haben soll, erhielt im vergangenen Jahr lediglich neun Monate Bewährung ohne Eintragung einer Verurteilung, nachdem sich der damals Minderjährige des schweren Raubes schuldig bekannt hatte. Das Opfer erlitt bei dem Angriff schwere Gesichtsverletzungen und dauerhafte gesundheitliche Folgen. Auch dieser Angriff hatte IS-Verbindungen.
Vom Sender ABC erlangte Dokumente zeigten, dass seit 2023 mindestens 64 Personen in New South Wales und Victoria im Zusammenhang mit solchen Dating-App-Angriffen angeklagt wurden, wobei die Dunkelziffer deutlich höher liegen dürfte. Viele Opfer seien noch nicht identifiziert oder hätten sich aus Angst vor öffentlicher Bloßstellung nicht gemeldet. Auch aus ACT, Queensland und Western Australia seien Übergriffe berichtet worden. LGBTQIA+-Organisationen und Bürgerrechtsgruppen kritisierten die milden Urteile und fordern ein härteres Vorgehen gegen schwulenfeindliche Hassgewalt sowie Hassverbrechensgesetze, die es bislang nicht in ganz Australien gibt.
Im Visier (nicht nur) von Islamisten
Queere Menschen wurden immer wieder zum Ziel von mutmaßlichen Anhängern des "Islamischen Staats", etwa bei den Anschlägen auf queere Clubs und Bars in Orlando 2016 und Oslo 2022. Auch der tödliche Angriff auf ein schwules Paar in Dresden 2024 hatte einen mutmaßlichen IS-Bezug, während in Europa und den USA möglicherweise mehrere Angriffe auf CSD-Veranstaltungen oder Konzerte durch frühe Festnahmen und Ermittlungen verhindert werden konnten. Vor rund zehn Jahre veröffentlichte die IS-Miliz mehrfach Bilder von der mutmaßlichen Hinrichtung angeblich schwuler Männer in damals von ihr kontrollierten Gebieten in Syrien und im Irak.
Mit der Methode, gezielt schwule Jugendliche über Dating-Apps in Fallen zu locken, sie zu schlagen und zu treten und die demütigenden Behandlungen zu filmen, hatten 2013 zunächst Neonazis aus Russland Schlagzeilen gemacht (queer.de berichtete2). Der Anführer der irreführend "Occupy Pedophilia" benannten Bewegung, der Neonazi Maxim Martsinkewitsch, nahm sich 2020 in einem Gefängnis das Leben (queer.de berichtete3). In den letzten Jahren machten ähnliche Übergriffe in Deutschland und Österreich im Rahmen einer sogenannten "Pädo-Hunter-Szene" Schlagzeilen (queer.de berichtete4). (cw)
Links
- https://www.youtube.com/watch?v=to3rq6zOUU0
- https://www.queer.de/detail.php?article_id=19716
- https://www.queer.de/detail.php?article_id=37082
- https://www.queer.de/detail.php?article_id=54061













