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Buchtipp
Warum digitale Räume für queere Teenager unverzichtbar sind
Von Cybergrooming über Sexting bis Pornokompetenz: In ihrem neuen Buch "Aufgeklärt statt aufgeregt" gibt Madita Oeming Tipps zur Begleitung der digitalen Pubertät – und hat dabei auch queere Jugendliche im Blick.
- Von Luise Erbentraut
Heute, 12:36h 6 Min.
Jugendliche Sexualität sorgt bei vielen Eltern, Lehrkräften und pädagogischen Fachpersonen für Unsicherheit – und das zunehmend auch wieder auf institutioneller Ebene. Der rechtskonservative politische Kurs und die damit verbundenen Kürzungen von Projektmitteln führen dazu, dass gerade in der queeren sexual- und medienpädagogischen Arbeit Ressourcen wegfallen. Wenn Sexualität zudem im digitalen Raum stattfindet, kommen Fragen der Medienkompetenz und eine nicht immer eindeutige Rechtslage hinzu.
Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wer eigentlich die Aufklärungsarbeit leisten soll, die es bedarf, um junge Menschen selbstbestimmt in ihrer sexuellen Entwicklung im digitalen Zeitalter zu begleiten? In ihrem neuen Buch "Aufgeklärt statt aufgeregt"1 (Amazon-Affiliate-Link ) hat sich Madita Oeming diesem emotional aufgeladenen Thema angenommen. Dem medialen Alarmismus setzt sie eine differenzierte Haltung entgegen, die sexuelle Selbstbestimmung – und deren Vielfalt – im Blick behält und gleichzeitig auf die Verantwortung der Erwachsenen setzt.
Leitmotiv "Wissen statt Scham"
Spätestens seit dem Erscheinen ihres ersten Buches "Porno. Eine unverschämte Analyse"2 ist Madita Oeming eine zentrale Stimme des öffentlichen, deutschsprachigen Diskurses, wenn es um Sexualität und Medien geht. Bereits in ihrem ersten Buch beweist sie, wie das Heranführen an emotional aufgeladene und politisch instrumentalisierte Themen gelingen kann, ohne sich in akademischem Jargon zu verlieren. Dass sich diese Grundhaltung auch im Stil und dem Leitmotiv "Wissen statt Scham" des zweiten Buches wiederfindet, ist weniger überraschend als überzeugend.
Und tatsächlich ist auch der thematische Fokus des Nachfolgers hin zur Medienpädagogik schon zuvor implizit angeklungen: Dort stellt sie nämlich fest, dass es kaum möglich ist, über Pornos zu schreiben, ohne durch digitale, soziale Medien zensiert zu werden, indem Suchmaschinen bestimmte Wörter benachteiligen. "Aufgeklärt statt aufgeregt" liefert nun Einblicke in die gesamte Bandbreite, die es benötigt, sich pädagogisch im Nexus der Digisexualität zurechtzufinden.
Von der sexual- und medienpädagogischen Basis zum Praxisleitfaden
"Aufgeklärt statt aufgeregt" ist Anfang des Jahres bei Rowohlt Polaris erschienen
In den ersten drei Kapiteln finden sich nicht nur eine behutsame Hinführung zum Thema, sondern auch die sexual- und medienpädagogische Grundlage, um einordnen zu können, warum digitale Medien heute so eng mit Sexualität verknüpft sind. Die Schwerpunktthemen Pornokompetenz, Sexting, grenzverletzende Gewalt in Klassenchats, Cybermobbing, Deepfakes und Cybergrooming werden in separaten Kapiteln ausführlich behandelt. In den letzten beiden Kapiteln bündelt Madita Oeming die verschiedenen Aspekte, indem sie für einen Perspektivwechsel von der MedienERziehung, hin zur MedienBEziehung plädiert.
Durchgehend bleibt das Buch praktisch orientiert: Auf 238 Seiten finden sich Leseempfehlungen, technische Hinweise und konkrete Gesprächshilfen für den Alltag. Das reicht von einfachen, dafür umso effektiveren Smartphone-Einstellungen, etwa dem Abschalten automatischer Downloads in WhatsApp, bis zu kurzen Sätzen, mit denen sich Konsens und gegenseitiger Respekt vermitteln lassen. Erste-Hilfe-Kästen helfen beispielsweise beim Umgang mit Sharegewalt und zeigen, wie sich pädagogische und rechtliche Fragen zusammendenken lassen. Solche Gelegenheiten lässt Madita Oeming nicht ungenutzt, um über Victim Blaming aufzuklären, wie es sich vermeiden lässt, und stattdessen die Bedürfnisse des Kindes im Fokus behalten.
Entsprechend ist Oeming auch dort besonders aufmerksam, wo Sprache ins Spiel kommt. Statt der patriarchal heteronormativ geprägten Vorstellung vom "ersten Mal" als Penis-in-Vagina-Sex sollten Menschen selbst entscheiden dürfen, was sie als Sex – und als ihren ersten Sex – verstehen. Aber nicht nur hier wird deutlich, dass es ihr auch um Aufklärung im Sinne der Existenz sexueller und geschlechtlicher Vielfalt geht.
Warum digitale Räume für queere Identitäten unverzichtbar sind
Wie wichtig digitale Räume für queere Lebensrealitäten sind, findet seinen Platz in einem eigenen Unterkapitel. Neben der Rolle von Online-Communitys für queere Sexualitäten wie lesbischem und schwulem Begehren, Bisexualität, Asexualität, BDSM, Fetischen und Transidentität zeigt sie darin übergreifend auf, dass eine Orientierung innerhalb der cis-Heteronorm bereits einen vergleichsweise sicheren Rahmen bietet. Zur Folge hat das, dass queere Jugendliche häufig weder auf die Unterstützung ihrer Eltern noch auf die der Schule oder anderen Institutionen zurückgreifen können, wenn es um sexual- und medienpädagogische Begleitung geht.
Benannt wird nicht nur, dass sexuelle Technologien grundsätzlich zuerst und intensiver von queeren Menschen benutzt werden. Auch wird erwähnt, dass eben diese Technologien der Garant dafür sind, dass sie ihre Sexualität überhaupt ausleben können. Oeming nach ist das am deutlichsten bei Männern, die Sex mit Männern haben. Da diese sich bis heute nicht überall sicher im öffentlichen Raum bewegen können, sei es nicht überraschend, dass sie Power-User von sexuellen Online-Aktivitäten sind.
Die Sicherheit von Schutzräumen erhalten
Mit Blick auf die aktuell zunehmenden Angriffe, die über schwule Dating-Apps, initiiert werden, wäre hier eine stärkere pädagogische Einordnung wünschenswert gewesen, wie Homophobie auch in queeren, digitalen Räumen zur Gefahr werden kann. Das betrifft zum Beispiel Fälle, in denen Männer von Einzelnen, Personengruppen oder sogar mit strukturell politisch neonazistisch organisiertem Hintergrund in eine Falle gelockt, bedroht oder gewalttätig attackiert wurden.
Insofern diese Perspektive unbehandelt bleibt, fehlen auch Hinweise zu Anlaufstellen und Beratungsangeboten für Betroffene von queerfeindlichen Angriffen, was angesichts Oemings breiter Vernetzung auf sozialen Medien einen ernüchternden Beigeschmack hinterlässt, aber auch Anreiz bildet, ihren Kanälen zu folgen. Ebenso wenig beleuchtet bleibt die Vielfalt queerer Medienpraktiken: etwa die Rolle von Discord für die AroAce-Community im deutschsprachigen Raum oder die Bedeutung von Tumblr für die Vervielfältigung von trans Identitäten.
Sexual- und Medienpädagogik, die mehr ist als ein Sticker an der Tür
Differenziert wird es allerdings wieder dort, wo es um queere Perspektiven am Schnittfeld zu Pornos geht. Hier macht Madita Oeming nicht nur die Grenze zwischen Fantasie und Identität klar, sondern zeigt auch an Beispielen wie BDSM sowie lesbischer Sexualität auf, wie eng Repräsentation und Fetischisierung miteinander verwoben sein können. Zugleich macht sie deutlich, dass Pornografie für trans Personen oft überhaupt erst Sichtbarkeit ermöglicht – und damit einen Zugang zu Körperbildern und Begehren, die anderswo fehlen.
"Aufgeklärt statt aufgeregt" ist zwar kein Buch, das queere Themen systematisch ins Zentrum stellt, durch den starken pädagogischen Praxisbezug bietet es jedoch eine weitreichende Grundlage, mit der sich auf vielfältige Weise weiterarbeiten lässt – im Familienalltag ebenso wie in Schule und Bildungsarbeit. Queerfreundlichkeit bedeutet allerdings mehr, als sichtbare Symbole an Türen zu kleben. Sie braucht eine informierte, zugewandte Haltung im Schnittfeld von Medien- und Sexualpädagogik, weil sie alle auf unterschiedlichste Weise betrifft. Madita Oeming zeigt, wie ein solcher Zugang niedrigschwellig aussehen kann und dass es hier noch viel zu tun gibt.
Madita Oeming: Aufgeklärt statt aufgeregt. Was Eltern heute brauchen, um ihre Kinder durch die digitale Pubertät zu begleiten. 240 Seiten. Rowohlt Polaris. Hamburg 2026. Taschenbuch: !18 € (ISBN: 978-3-499-01662-2). E-Book: 14,99 €. Auch als Hörbuch erhältlich
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