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Expert*innen-Runde

Soziale Ungleichheit und Queer-Sein haben viel miteinander zu tun

Die Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus luden am Donnerstag zu einem lehrreichen Fachgespräch mit dem Titel "Klassismus und queere Lebensrealitäten – Ungleichheit, Anerkennung, Widerstand".


Symbolbild: Bewohner Majd im Casa Libre. Das Wohnprojekt für queere Obdachlose in Berlin-Lichtenberg steht vor dem Aus (Bild: IMAGO / Funke Foto Service)

Die queerpolitischen Sprecher*innen Laura Neugebauer und Sebastian Walter der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus haben am Donnerstagabend zu einem Fachgespräch eingeladen: "Klassismus und queere Lebensrealitäten – Ungleichheit, Anerkennung, Widerstand". In groß besetzter Runde ging es um soziale Ungleichheit und was das Queer-Sein damit zu tun hat. Erschreckend viel, wie uns die Expert*innen-Runde erklärte.

Den Impulsvortrag hielt Francis Seeck1, Professor*in für Theorien und Handlungslehre der Sozialen Arbeit. Seeck nannte Klassismus, also den sozialen Status eines Menschen als Diskriminierungsgrund, eine der am häufigsten ignorierten Diskriminierungsformen. Dabei bilden die konkreten Formen, wie im Alltag sozial diskriminiert wird, eine breite Palette von negativen Verhaltensweisen. Sie reicht von Ausschlüssen über mal offene, mal eher subtile Benachteiligungen im Bereich Arbeit und Wohnen bis hin zu massiven Behinderungen in Fragen der gesellschaftlichen und kulturellen Teilhabe.

Die Frage, die sich daran anknüpft: Warum ist die queere Community davon besonders betroffen? Dass dem so ist, dafür gibt es leider genügend empirische Belege und Beobachtungen aus dem sozialen Alltag, die in einer Großstadt wie Berlin mit ihren zahlreichen sozialen Brennpunkten nicht erst lange gesucht werden müssen. Eine Verschärfung der Situation dürfte sich mit der sogenannten Bürgergeld-Reform hin zu einer Grundsicherung ergeben, so die einhelligen Prognosen auf dem Podium.

Ausschlüsse auch innerhalb der Community

Als problematisch wird aber auch gesehen, dass es selbst innerhalb der queeren Community durch Klassismus bedingte Ausschlüsse gibt, wo Solidarität und Hilfe dringend geboten wären und eigentlich selbstverständlich sein sollten. Ein weiteres Problem ist die verinnerlichte Diskriminierung der Betroffenen, also die Internalisierung von Negativbildern, wie sie in der gesellschaftlichen Fremdwahrnehmung produziert und ständig neu reproduziert werden. Das lähmt im Alltag ebenso wie es zu einer Dauer-Beschämung führt.

Schon früh hatte die niederländische Feministin Anja Meulenbelt in ihrem Buch "Scheidelinien" über den fatalen und folgenreichen Zusammenhang von Sexismus, Rassismus und Klassismus aufgeklärt. Auch das eine Lektüreempfehlung von Francis Seeck. Denn an den darin formulierten Kernwahrheiten von 1993 hat sich bis heute nichts grundlegend geändert, außer dass die Probleme nicht weniger geworden sind.

Seeck verwies auch darauf, dass Berlin – zumindest in rechtlicher Hinsicht – eine Vorreiterrolle einnimmt. Aber, was nützt es, wenn das Gute und die guten Absichten nur auf dem Papier stehen und die finanzielle Förderung von Einrichtungen, die sich mit den Folgen von Klassismus befassen und sie einzudämmen versuchen, so prekär bleibt wie die Lebensverhältnisse eines nicht unerheblichen Teils der queeren Community. Dennoch, im Berliner Landesantidiskriminierungsgesetz wurde "sozialer Status" als Merkmal aufgenommen. Das sei einmalig in der Bundesrepublik. Und dass außerdem in der Berliner Verfassung ein Recht auf Wohnen verankert ist, ist im Ländervergleich ebenfalls ein leider seltener Beleg für soziale Verantwortung. In der Realität nützt das allerdings herzlich wenig.

Expert*innen aus der Beratungspraxis

Das Gesprächspodium war mit Expert*innen aus der Beratungspraxis besetzt: Bernd Kraft, zuständig bei Mann-O-Meter e.V.2 für den Altenbereich und den 50plus Gruppen, Kathrin Schulz von der Wohnraumberatung für LSBTIQ in Berlin QUEERHOME*3 und zugleich Mitglied des Arbeitskreises Queer*Wohnen. Mit von der Partie war außerdem Mari Günther von TransInterQueer e.V.4, für sich schon seit Jahrzehnten eine Institution in der trans Beratung. Und schließlich komplettierte die Runde Billie Hörnschemeyer von BeRe5, der Beratungsstelle Regenbogenfamilien und Geschlechtsidentität im Bezirk Marzahn-Hellersdorf (ein Projekt von Les-Le-Fam).

Die wichtige Arbeit der genannten Einrichtungen kann freilich nicht mehr als eine Symptombehandlung sein. Erschreckend, wenn wir hören, dass es in Berlin allein 55.000 Wohnungslose gibt – nicht zu verwechseln mit Obdachlosigkeit. Und in dieser Zahl sind auch nicht jene migrantischen Menschen mitgerechnet, die in Behelfsunterkünften untergebracht sind. Kathrin Schulz schätzt den Anteil an queeren Wohnungslosen (der Definition nach sind dies Menschen, die keinen eigenen Mietvertrag haben) auf etwa 10 Prozent. Und die Wohnungslosigkeit steigt.

Die Mittel sind immer zu knapp

800 Anfragen erreichen QUEERHOME* im Jahr. Das klingt vielleicht nicht viel, ist aber unter den beschränkten personellen Kapazitäten und mit Blick auf Mittelkürzungen ein Riesenkraftakt. Auch die anderen Organisationen kennen das Problem nur zu gut. Denn ob es um Regenbogenfamilien oder um queere Alte oder um die trans Beratung geht, die Mittel sind immer zu knapp und stehen oft im krassen Widerspruch zu den realen Bedarfen.

Mari Günther betonte noch einmal, dass Diskriminierungen auch innerhalb der Community stattfinden und so auch innerhalb der trans Community. Davor dürfen wir nicht die Augen verschließen. Queere Räume sollten zwar Safe Spaces sein, aber garantiert ist das keineswegs – zumindest nicht für alle.

Es hat sich längst herumgesprochen, dass die Krankenkassen in Sachen Gesundheitsversorgung von trans Personen immer mehr blockieren und verschleppen. Das hat fatale Folgen. Denn wer seine Transition mit einer Auszeit in der Erwerbstätigkeit verbindet, muss jetzt mit weitaus längeren Phasen rechnen, die die Rückkehr ins Arbeitsleben eindeutig verschlechtern.

Projektförderung schafft prekäre Vertragsverhältnisse

Allerdings frage ich mich hier, wie es um die Diversity-Programme in den Unternehmen bestellt ist. Warum lassen sich Transitionen nicht mit der Arbeit vereinbaren? Weil Unternehmen und ihre Mitarbeitenden damit überfordert sind? Weil sie im Arbeitsalltag doch nicht so regenbogenbunt sind, wie sie behaupten? Wäre hier nicht eine politische Offensive im Bereich Arbeit für mehr Akzeptanz und Verbindlichkeit an der Zeit? Zu ergänzen wäre: wieder einmal, denn solche Offensiven gab es bereits in der Vergangenheit bereits. Antidiskriminierung gibt es sicherlich auch als Nachhilfe für Personalleitungen und Nachhaltigkeit das große Ziel.

Günther benannte als den größten Feind von Qualitätssicherung in der Beratung das System der Projektförderung. Das war eine einhellige Meinung auf dem Podium. Denn die Projektförderung schafft im Grunde selbst prekäre Vertragsverhältnisse, verursacht durch die Unsicherheit, ob es im nächsten Jahr auch noch Geld gibt für eine Arbeit, die nicht weniger wird.

Klar, irgendwann geht es immer ums Geld. So wichtig beispielsweise das vielzitierte Ehrenamt ist, aber damit lässt sich die soziale Schieflage in der Stadt und im Land nicht ausgleichen. Es braucht feste und zuverlässige Strukturen. Deshalb ist ein Umstieg von der Projektförderung hin zu einer Struktur- und institutionellen Förderung überfällig. Wer aber traut sich das in der Politik? Berlin wählt in diesem Jahr wieder und der "Tagesspiegel" singt bereits "Rot-Grün-Rot is in the air". Eines ist auf jeden Fall klar: Die queere Community wählt mit, und es gibt viele Gründe, es zu tun.

-w-

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