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Stress bei der Arbeit macht schwul?
Der malaysische Religionsminister sorgt für Spott und Entsetzen
»Arbeitsstress macht Menschen gay.« Diese bizarre Ansicht des malaysischen Religionsministers Zulkifli Hasan löste in dem mehrheitlich islamischen Land bei Bürgern und Menschenrechtsaktivisten Empörung und Spott aus. Hasan stellte diese absonderliche Diagnose inoffiziell als schriftliche Antwort auf die parlamentarische Anfrage der Abgeordneten Siti Zailah Mohd Yusoff von der islamistischen Oppositionspartei PAS. Arbeitsstress, soziale Einflüsse und mangelnde Religionsausübung seien die Hauptursachen für das, was Hasan unter Berufung auf eine Studie als »LGBT-bezogenes Verhalten« bezeichnete.
Viele Malaysier verspotteten die Aussage in den sozialen Medien. Da der Minister offenbar nicht homosexuell sei, bezweifelten User, dass er »im Parlament hart arbeitet«. Ein anderer witzelte auf Facebook: »Ein Minister der malaysischen Regierung hat gerade das Rätsel eines Burnouts am Arbeitsplatz gelöst – offenbar macht das nicht müde, sondern gay.« Andere User nutzten die abwegige Behauptung, um sich für bessere Arbeitsbedingungen einzusetzen. Die Regierung solle den Mindestlohn erhöhen, die Lebenshaltungskosten senken oder die Vier-Tage-Woche einführen, um zu verhindern, dass die Bevölkerung die erwünschte sexuelle Orientierung verliert.
Jenseits von Spott hat die Sache aber einen ernsten Hintergrund. Homosexualität ist in Malaysia kriminalisiert und wird auch immer mal wieder zur Diskreditierung missliebiger Personen instrumentalisiert. Das weiß niemand besser als Premierminister Anwar Ibrahim. Er war zweimal in seiner langen politischen Karriere wegen angeblicher Homosexualität von früheren Regierungen als unliebsamer politischer Gegner ins Gefängnis geworfen worden. Das hinderte Anwar als Premierminister aber nicht an dem Diktum, Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender würden zusammen mit Kommunismus und Säkularismus von seiner Regierung »nie akzeptiert«.
Malaysias Machthaber sorgen immer wieder mit schrägen Anti-LGBT-Aktionen für Schlagzeilen. 2022 ordnete die Regierung den Abbruch des Festivals »Good Vibes« an, eine Art malaysisches »Rock am Ring« auf der Rennstrecke Sepang, nachdem sich zwei männliche Mitglieder der Band »The 1975« auf der Bühne geküsst hatten. 2023 konfiszierten die Behörden 172 Uhren der Marke Swatch in Regenbogenfarben. Die Islambehörde führt auf angeblich psychotherapeutischen, medizinischen und religiös basierenden Ansätzen »Rehabilitationsprogramme« für LGBTQ durch. Nach Angaben einer Bürgerrechtsorganisation wurden 2025 aufgrund tatsächlicher oder vermeintlicher sexueller Orientierung, Geschlechtsidentität und Geschlechtsausdruck von Polizei beziehungsweise Islambehörden mehr als 300 Menschen festgenommen.
Trotzdem gibt es in diesem extrem homo- und transphoben südostasiatischen Land mutige LGBTQ-Aktivisten. Der Minister müsse seine Aussagen sofort zurückziehen, fordert Thilaga Sulathireh. »Es ist eine Tatsache, dass Vielfalt bei der sexuellen Orientierung, Geschlechtsidentität, Geschlechtsausdruck und Geschlechtsmerkmalen völlig natürlich und normal ist«, betont die Aktivistin von der Bürgerrechtsorganisation »Justice for Sisters«. Gavin Chow sagt: »Menschen werden nicht durch Stress zu LGBTQ. Im Gegenteil, in einem zunehmend feindseligen und strafenden Umfeld sind unter anderem Homosexuelle täglich gezwungen, mit Stress, Traumata und Verletzungen aufgrund von Diskriminierung, Marginalisierung und Gewalt umzugehen.« Studien hätten gezeigt, dass psychische Störungen unter den erwachsenen Betroffenen doppelt so hoch seien wie in der Allgemeinbevölkerung, so der Vertreter von »Pluho – People Like Us Hang Out« in Kuala Lumpur.
Religionsminister Zulkifli reagierte auf Spott und Empörung in typischer Politikerart: Seine Aussage sei »aus dem Zusammenhang gerissen worden«. Er bekräftigte aber auch, dass der »LGBTQ-Lebensstil im Widerspruch zu religiösen Lehren, Moral und sozialen Normen in Malaysia steht«.
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