Neue Studie Viele Gewalttaten werden nicht angezeigt
Gewalt in Beziehungen bleibt oft verborgen: Eine neue Studie zeigt eine hohe Dunkelziffer - nur wenige Betroffene erstatten Anzeige. Körperliche Gewalt erfahren demnach 18 Prozent der Frauen und 14 Prozent der Männer.
Noch vor wenigen Jahren ist Isabelle (Name der Redaktion bekannt) in einer Beziehung mit ihrem damaligen Freund. Sie verbringen viel Zeit gemeinsam, die Beziehung läuft anfangs gut. Bis erste Konflikte auftreten. Wortgefechte werden immer heftiger, es folgen Drohungen, irgendwann schlägt er zu. "Das erste Mal, als es handgreiflich wurde, hatte ich mich unter einer Decke versteckt und er hat blind auf die Decke geschlagen."
Isabelle spricht mit niemandem über die Gewalt, die ihr zu Hause angetan wird. Für Freunde und die Familie überlegt sie sich Geschichten, um Blutergüsse zu erklären. Das ändert sich erst, als Isabelle in ärztliche Behandlung muss. Ihr damaliger Partner hatte ihr ins Gesicht geschlagen, die Diagnose: ein gebrochenes Nasenbein.
Weil sie weiß, dass ihre Ärztin der Schweigepflicht unterliegt, traut sie sich erstmals, über die Gewalt in ihrer Beziehung zu sprechen. Die Ärztin vermittelt sie an eine Selbsthilfegruppe. Isabelle schafft es, aus dem Leid zu entkommen, Anzeige hat sie aber nicht erstattet.
Neue Studie zur hohen Dunkelziffer
Isabelles Fall ist damit einer, der zur großen Dunkelziffer an Gewalttaten in Deutschland zählt. Denn in der Polizeistatistik werden nur Fälle erfasst, die auch zur Anzeige gebracht werden. Isabelle ist nicht zur Polizei gegangen, zu groß war ihre Angst.
Eine neue Studie soll nun Aufschluss über die Zahl an Gewalttaten in Deutschland geben, die im Verborgenen bleiben. "Es geht darum, die Opfer von Gewalt in den Mittelpunkt zu stellen. Die Opfer brauchen Schutz und müssen sich frei bewegen können", so Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU).
Zwei Jahre lang wurden mehr als 15.000 Menschen befragt. Die Studie, die vom Bundesfamilienministerium, dem Bundesinnenministerium und dem Bundeskriminalamt beauftragt wurde, zeigt: Nur ein Bruchteil der Fälle wird angezeigt, meist weniger als fünf Prozent.
Laut Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU) mache die Studie deutlich, wie weit Gewalt in unserer Gesellschaft verbreitet sei und wie wenig davon ans Licht käme: "Die Zahlen machen sichtbar, was lange im Verborgenen lag: Das Dunkelfeld bei partnerschaftlicher und sexualisierter Gewalt ist riesig. Gewalt ist kein Randphänomen, sie betrifft Millionen Menschen in unserem Land."
"Das sind schockierende Zahlen", Karin Prien, Bundesfamilienministerin, über die Zunahme der Gewalt im häuslichen Bereich
Gewalt innerhalb und außerhalb von (Ex-)Partnerschaften
Themenschwerpunkte der Befragung waren unter anderem körperliche und psychische Partnerschaftsgewalt, sexualisierte Gewalt, digitalisierte Gewalt sowie Gewalterfahrungen in der Kindheit. Auch Männer wurden erstmals repräsentativ in die Studie aufgenommen. Außerdem gibt sie Aufschluss über die Schwere der Taten.
Ein Schwerpunkt der Studie: Gewalt in (Ex-)Partnerschaften. Fast die Hälfte aller Frauen ist laut Studie mindestens einmal im Leben von psychischer Gewalt betroffen, bei Männern sind es 40 Prozent.
Körperliche Gewalt erfahren der Studie zufolge 18 Prozent der Frauen und 14 Prozent der Männer. Der Unterschied liege hier in der Intensität der Gewalt. Frauen berichten demnach von mehr Angst, schwereren und mehr Verletzungen. Sowohl bei psychischer als auch bei körperlicher Gewalt liegt die angegebene Anzeigequote meist unter drei Prozent.
Polyviktimisierung, Stadt-Land-Gefälle, Täterprofile
Ein weiteres zentrales Ergebnis: Personen, die von einer Form der Gewalt betroffen sind, geben an, auch anderweitig Gewalt erfahren zu haben. Rund 25 Prozent der Befragten würden diese sogenannte Polyviktimisierung erleben. Außerdem geben queere Personen an, überdurchschnittlich von allen untersuchten Gewaltformen betroffen zu sein. Ähnlich verhält es sich bei Personen mit Migrationshintergrund. Laut Studie sind vor allem Frauen mit Migrationshintergrund verstärkt digitaler Gewalt ausgesetzt.
Gewalt gegen Frauen werde überwiegend durch Männer verübt. Männer erleben den Daten zufolge psychische und körperliche Gewalt häufig durch Frauen, sexualisierte Gewalt hingegen oft durch Männer.
Datengrundlage nach 20 Jahren
Dass es nun eine neue Datenlage gibt, begrüßt Gesa Birkmann, Geschäftsführerin der Frauenrechtsorganisation "Terre des Femmes". Mehr als 20 Jahre habe sie darauf gewartet. Die letzte Dunkelfeldstudie stammt aus 2004. Danach habe lange der politische Wille gefehlt, sich mit dem Thema Gewalt auseinanderzusetzen, sagt Birkmann.
Zuletzt sei der Druck aber zu hoch geworden. Der Grund: Die sogenannte Istanbul-Konvention, ein Übereinkommen, in dem sich Deutschland zusammen mit anderen Ländern zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen verpflichtet hat.
Frühzeitig Muster erkennen
Bei den bloßen Zahlen dürfe es jetzt aber nicht bleiben, erklärt Birkmann. "Es ist wichtig, dass durch die Datenlage natürlich auch die Politik ins Handeln kommt." Diese Zahlen erzeugten erheblichen Druck. Es müsse nun beispielsweise verpflichtende Schulungen an Arbeitsplätzen und in Schulen geben, mit dem Ziel, über die vielen Formen von Gewalt aufzuklären - oder, um Betroffene ausfindig zu machen.
Auch Isabelle, die Gewalt durch ihren Ex-Partner erlebt hat, spricht von einer Spirale der Gewalt, die anfangs oft nicht bemerkt werde. "Es ist wichtig, dass man darüber aufklärt, wie Gewalt in einer Beziehung aussehen kann. Auch psychische Gewalt. Wenn man manipuliert oder kleingehalten wird. Das wird schnell akzeptiert und als gegeben hingenommen." Das frühzeitig zu erkennen, sei entscheidend, sagt Isabelle.
Unterstützung für eine potentielle Strafverfolgung ist laut Dobrindt geplant: Unter anderem durch die Verbreitung einer "Tarn-App" zur Dokumentation von Gewalttaten, eine härtere Bestrafung beim Gebrauch von K.O.-Tropfen und die Einführung einer Fußfessel nach Spanischem Modell.
In einer vorherigen Version der zweiten Grafik zur körperlichen Gewalt in Partnerschaften war bei den Männern eine falsche Prozentzahl angegeben. Wie im Text geschrieben, erfahren 14 Prozent - nicht 16 - körperliche Gewalt.
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