Edle Einfalt, nicht ganz so stille Größe

Nach 55 Jahren gibt es an der Wiener Staatsoper wieder eine Neuinszenierung von Beethovens «Fidelio». Nikolaus Habjan lässt Puppen tanzen und inszeniert naiv im besten Sinne, Franz Welser-Möst wird wie ein verlorener Sohn empfangen

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Im vergangenen Februar wurde die Produktion nochmals dem Fundus entrissen. Für Tenorissimo Michael Spyres, der an der Donau seinen ersten Florestan sang – malerisch zerlumpt, wie es in Otto Schenks Regie-Oldtimer so Sitte war. Wobei Regie: Von diesem «Fidelio» war ohnehin nur noch die Kulissenhülle eines Günther Schneider-Siemssen übrig. 55 Jahre hatte die Produktion auf dem Buckel, ein liebgewordenes Museumsstück, Opern-Vintage pur. Umso größer die Empörung der Orthodoxen, als sich eine Neuinszenierung ankündigte.

Der «Fidelio» gilt in der Uraufführungsstadt schließlich als Heiligtum und Feststück für alle Fälle. 1938 ließ sich Hermann Göring damit feiern, 1955 wurde die Staatsoper unter dem NS-belasteten Karl Böhm damit wiedereröffnet, zuletzt inszenierte Christoph Waltz das Werk 2020 am Theater an der Wien, Corona-bedingt nur für die Kameras.

Dabei eilt Nikolaus Habjan, Regisseur, Puppenspieler und Kunstpfeifer, alles andere als ein Revoluzzer-Ruf voraus. Am Ende der Premiere einige wenige Buhs, die Ovationen hingegen klingen nach Erleichterung. Man spielt – natürlich – die Drittfassung von 1814 und – natürlich – die dritte «Leonoren»-Ouvertüre vor dem Finale. Dafür gibt es ...

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Opernwelt Februar 2026
Rubrik: Im Focus, Seite 8
von Markus Thiel

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