https://queer.de/?56808
Lesbische Geheimnisse
Coming-out im "Tatort": Kommissarin Baumann trifft ihre Jugendliebe
Ein Dorf wie ein Pulverfass, alte Feindschaften und viele Geheimnisse: Der neue SR-"Tatort: Das Böse in Dir" erzählt eine queere Romeo-und-Julia-Variante – und stellt aus dem Viererteam erstmals Kommissarin Esther Baumann in den Mittelpunkt.
Queere Liebe auf dem Dorf: Katja Scherf (Franziska Wulf; l.) und Kommissarin Esther Baumann (Brigitte Urhausen) begegnen sich nach vielen Jahren wieder (Bild: SR / Manuela Meyer)
- Heute, 04:20h 5 Min.
Es gibt die einen, die mögen lieber den klassischen "Whodunit"-Krimi. Sie haben Spaß am Miträtseln, wer die Tat begangen hat. Und es gibt die anderen, die bevorzugen es eher psychologisch: Die genießen es, wenn die Spannung aus inneren Konflikten entsteht. Die "Privates" erfahren wollen – am besten nicht nur von den Verdächtigen, sondern auch den Kommissar*innen. Für diese Gruppe ist der neue SR-Tatort wie gemacht. Schon der Titel "Das Böse in Dir" lässt erahnen: Es geht in die Tiefe. Die am Sonntag ausgestrahlte Folge kann in der ARD-Mediathek1 gestreamt werden.
Die Story spielt in einem (fiktiven) Dorf namens Hohenweiler an der französischen Grenze, wo der Unternehmer Emil Feidt ermordet aufgefunden wird. Es ist der Heimatort von Hauptkommissarin Esther Baumann (Brigitte Urhausen), den sie vor 30 Jahren verlassen hat. Warum eigentlich? Weil hier purer Hass herrscht zwischen zwei Familien, der Feidt-Sippe und dem Louis-Clan? Weil man hier – wie sie selbst rät – am besten immer darauf achtet, dass man eine Wand im Rücken hat? Oder gab es familiäre Gründe?
Ein Pulverfass, das jeden Moment hochgehen kann
Wie auch immer. Schließlich geht es ja erst einmal um die aktuellen Ermittlungen. Und da drängt sich schnell der Eindruck auf, der Mord an Emil Feidt könnte mit dem ungeklärten Tod seiner Tochter Becky zusammenhängen, die vor fünf Jahren im Fluss ertrank. Bis heute steht die Frage im Raum: War es damals wirklich ein Unfall? Der Sohn des Opfers, Peter Feidt (Albert Lichtenstern), ist überzeugt: Seine kleine Schwester wurde von der etwa gleichaltrigen Claire Louis (Carolin Wege), ihrer vermeintlichen besten Freundin, von einem Felsen gestoßen.
Baumanns Kollegen Adam Schürk (Daniel Sträßer) und Leo Hölzer (Vladimir Burlakov) haben derweil genug damit zu tun, sich auf die besondere Atmosphäre im Dorf und ihre besonderen Bewohner*innen einzulassen. Zweifellos ein Pulverfass, das jeden Moment hochgehen kann, und in dem die Familien sprichwörtlich bis aufs Blut verfeindet sind. Schon eine neutrale Position zwischen beiden Seiten ist ungewöhnlich, eine Liebesbeziehung undenkbar. Auch Hauptkommissar Schürk hat da schnell den alten Streit zwischen den Familien Montague und Capulet im Kopf. Aber macht man es sich bei der Suche nach Verdächtigen zu einfach, wenn man immer nur "die anderen" im Blick hat?
Kommissarin Esther Baumann (Brigitte Urhausen, r.) befragt Claire Louis (Carolin Wege), die beschuldigt wird, ihre Freundin Becky Feidt vor fünf Jahren getötet zu haben (Bild: SR / Pasquale D'Angiolillo)
Tatsächlich offenbart sich im neuen Saar-Krimi eine moderne Romeo-und-Julia-Variante mit tragischem Ausgang: Claire Louis und Becky Feidt, so stellt sich heraus, waren einst ein lesbisches Paar. Doch dann hat Becky die Beziehung beendet. "Ich habe sie geschubst", gesteht Claire. "Ich war so sauer. Ich habe sie geliebt, und dann hat sie Schluss gemacht, und dann habe ich sie gehasst." Der Barbesitzer Clemens Scherf (Fabian Stumm) wurde zufällig Zeuge des Streits und war überzeugt: "Das war ein Unfall!" Claire habe nicht gewollt, dass Becky stirbt: "Ich habe ihr eingeschärft, dass sie nichts sagen darf, dass sie nie da gewesen ist. Wir hatten doch endlich Frieden!"
Auch die Kommissarin hatte eine lesbische Beziehung
Vielschichtig, dramatisch, sensibel, mitunter auch überraschend und bedrückend ist es, was Daniela Baumgärtel und Kim Zimmermann geschrieben haben und was Regisseurin Luzie Loose einmal mehr packend umgesetzt hat. Schon 2022 hatte diese die Zuschauer*innen mit ihrem SR-Tatort "Das Herz der Schlange" gefesselt. Das Pulsrasen und atemlose Zuschauen wie im damaligen Thriller rund um Kommissar Schürk und seinen Vater bleibt bei diesem "Tatort" zwar aus – wohl auch wegen diverser Rückblicke. Für Spannung ist dennoch gesorgt: Nicht nur bei der Frage, wer nun den Mord begangen hat und was es mit dem Tod des Mädchens wirklich auf sich hatte, sondern auch, was eigentlich das persönliche Geheimnis von Esther Baumann ist. So wollte die Kommissarin das Dorf einst gemeinsam mit ihrer Jugendliebe Katja (Franziska Wulf) verlassen, die aber im letzten Moment einen Rückzieher macht und später Gastwirt Clemens geheiratet hat.
Leos augenzwinkernde Bemerkung am Anfang, "Jetzt wird mir einiges klar", enthält viel mehr Wahrheit als geahnt. Denn auch Zuschauer*innen, die einige der früheren sechs SR-"Tatorte" kennen, verstehen irgendwann, warum Esther 30 Jahre nicht in ihrem Dorf war und heute so ist, wie sie ist: nicht nur mit Sinn für Gerechtigkeit, sondern eben manchmal auch sehr kühl und unzugänglich, mitunter gar Typ Spielverderberin. "Im Grunde ihres Herzens ist sie jedoch auch empathisch", sagt ihre Darstellerin Brigitte Urhausen. "Und sogar liebevoll, falls es jemandem gelingt, ihre harte Schale zu durchbrechen."
Brigitte Urhausen: Die eigene Figur besser kennengelernt
Für die Schauspielerin bedeutet "Das Böse in Dir" ein doppeltes Glück: "Als ich das Drehbuch bekam, habe ich mich total gefreut", gibt sie zu. Weil nach vielen Fällen rund um Leo und Adam und dem letzten Fall mit der Entführung ihrer Kollegin Pia endlich mal "ihre" Kommissarin im Mittelpunkt steht. "Dadurch habe ich sie selbst viel besser kennengelernt", sagt sie. Auch den Zuschauer*innen wird das nicht anders gehen. Vorausgesetzt, sie lassen sich darauf ein und fragen sich bei diesem Krimi nicht nur: Wer war es?
Denn die Botschaft von "Das Böse in Dir" geht so viel tiefer – und ist trotz der shakespearehaften Anklänge aktueller denn je: Wohin führt ein Hass, der über Generationen weitergegeben wird? Und wie kann eine solche Hass-Spirale enden? Für Regisseurin Luzie Loose werden diese Fragen nicht nur in dem kleinen Dorf verhandelt, sondern derzeit an vielen Orten in der Welt. Ihre Hoffnung: "Gut, wenn man sich im Kleinen etwas anschauen und daraus Schlüsse ziehen kann für das große Ganze." (cw/dpa)
Links zum Thema:
» Der "Tatort: Das Böse in Dir" in der ARD-Mediathek1
Mehr zum Thema:
» Mehr TV-Tipps zu LGBTI-Themen täglich auf queer.de2
Mehr queere Kultur:
» auf sissymag.de3
Links
- https://www.ardmediathek.de/video/tatort/das-boese-in-dir/ard/Y3JpZDovL2FyZC5kZS9wbGFuQVJEX2M4NTliM2MwLWMwNzgtNGFhMS05YjUxLTk5NDE0Mzg5Y2I5OV9nYW56ZVNlbmR1bmc
- https://www.queer.de/fernsehen.php
- https://www.sissymag.de/
- Keine TV-Tipps mehr für heute vorhanden!
- mehr TV-Tipps »













