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Buchtipp
Queere Ängste in der sächsischen Kleinstadt
Der neue Roman "Unbegründete Ängste" von Res Sigusch erzählt queere Existenz mal nicht als urbanes Großstadtphänomen. Der klare, zugängliche Stil trägt einen förmlich durch die Seiten.
Symbolbild: Christian ist äußerlich gefestigt, innerlich von Sorgen und Zukunftsängsten überlagert (Bild: ChatGPT)
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Gestern, 02:30h 4 Min.
"Warum klammert er sich an ein unerreichbares Ideal, warum geht er davon aus, ein Ich allein wäre unvollständig, nur im Wir würde sich ein Leben lohnen?" Diese Frage steht wie ein leiser, bohrender Puls im Zentrum von "Unbegründete Ängste".1 (Amazon-Affiliate-Link ) Christian ist 30, queer, Single, lebt in einer sächsischen Kleinstadt – und will genau dort bleiben. Er arbeitet als Fitnesstrainer, ist breit gebaut, wird für seine ästhetische Erscheinung bewundert, und ist doch innerlich brüchig. Verliebt ist er in Nikolas, der sich lieber um Hunde im Tierheim kümmert als um Dating – insbesondere queeres Dating. Aus dieser Spannung heraus formuliert Christian einen bitter-ironischen Gedanken, der viel über sein Weltverhältnis verrät: "Eigentlich müsste man sie wegtrainieren, die Erwartungen an die große Liebe."
Res Sigusch nähert sich in diesem Roman der Psyche eines Mannes, der unter Angst- und Schlafstörungen leidet, ohne ihn zu pathologisieren oder zu dramatisieren. Christians Rückzug geschieht schleichend: Er meldet sich krank, kapselt sich ab, wird für sein Umfeld zunehmend unerreichbar. Der Text bleibt dabei lange eng bei ihm, bis er nach einem ersten großen Abschnitt die Perspektive wechselt und das Netz der Umstehenden sichtbar macht. Plötzlich sehen wir Christian durch die Augen anderer: der übergriffig-fürsorglichen Mutter Kerstin, des emotional abwesenden Vaters Peter, der sich von seiner Ehe entfremdet und vorsichtig versucht, Nähe zum Sohn aufzubauen, des Teams im Fitnessstudio – Jule, Arian und Chef Kai – sowie flüchtiger und intimer Begegnungen wie mit dem trans Mann Leo. Selbst die Stimme der Telefonseelsorge und die Ärztin, die ihm schließlich Medikamente verschreibt, erhalten Raum. Diese polyphone Struktur macht deutlich: Angst ist kein isolierter Zustand, sondern etwas, das Beziehungen verändert, verschiebt, überfordert.
Eigentümliche Anonymität des Protagonisten
Der Roman "Unbegründete Ängste" ist am 31. Januar 2026 im Berlin Verlag erschienen
Gerade deshalb wirkt es fast schmerzlich, dass die Rückkehr zu Christian selbst am Ende vergleichsweise knapp ausfällt. Der Roman hätte hier noch tiefer in seine Innenwelt eindringen dürfen, ohne aus den Angstzuständen narratives Kapital zu schlagen. Die Verschreibung von Tavor – schnell wirksam, schnell abhängig machend – bleibt eher Setzung als Konflikt. Zurück bleibt stellenweise eine eigentümliche Anonymität des Protagonisten. Doch genau darin liegt auch eine gezielte Zumutung an die Leser*innen: Man wird in die Position der Umstehenden gedrängt und mit der eigenen Verantwortung konfrontiert. Wie würde ich reagieren? Wann greife ich ein? Wann ziehe ich mich zurück?
Der Titel liefert dafür einen wichtigen Schlüssel. Sigusch unterscheidet zwischen begründeten und unbegründeten Ängsten: Erstere entstehen aus konkreter Bedrohung, letztere aus Erinnerungen an frühere Situationen, in denen Angst bereits erlebt wurde. Entscheidend ist, dass diese "unbegründeten" Ängste nicht delegitimiert werden. Sie sind real, auch wenn ihr Auslöser nicht sichtbar ist – ein politisch wie psychologisch kluger Zugriff.
Selbstverteidigung im Fitnessstudio
Besonders stark ist der Roman dort, wo er die performative Dimension von Männlichkeit und Körperarbeit freilegt. Das Fitnessstudio wird zur Bühne: "Gewichtscheiben wurden demonstrativ auf Stangen geschoben, 25, 50, 60, 80 Kilo, so geil bin ich, Hanteln donnerten zu Boden, so krass bin ich, aufräumen gibt's nicht, so fertig bin ich." Training erscheint hier als Ritual der Selbstbehauptung, als Versuch, Kontrolle über einen Körper zu gewinnen, der innerlich längst nicht mehr gehorcht.
Umso mehr hätte man sich gewünscht, dass die politische Dimension dieser Selbstverteidigung deutlicher konturiert wird. Rechte Bedrohungen blitzen auf, bleiben aber schemenhaft. Die AfD hätte benannt werden dürfen – gerade weil sie die Lebensrealität queerer Menschen in Sachsen konkret einschränkt und Christians Ängste gesellschaftlich rückbindet.
Trotzdem – oder gerade deshalb – entfaltet "Unbegründete Ängste" eine besondere Wirkung. Der klare, zugängliche Stil trägt einen förmlich durch die Seiten, ohne je banal zu werden. Vor allem aber tut es gut, queere Existenz nicht als urbanes Großstadtphänomen zu erzählen, sondern sie in Sachsen zu verorten. Der Roman entwirft keine naive Hoffnung, sondern etwas Widerständigeres: die Verankerung einer queeren Utopie dort, wo sie allzu oft übersehen wird.
Res Sigusch: Unbegründete Ängste. Roman. 240 Seiten. Berlin Verlag. Berlin 2026. Gebundene Ausgabe: 24 € (ISBN 978-3-8270-1531-0). E-Book: 23,99 €
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