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Zwischen Shitstorm und Rehabilitierung

"Cancel Culture" – gibt es sie, und trifft sie queere Menschen härter?

Angesichts der Teilnahme von Gil Ofarim in der RTL-Dschungelshow flammt die Debatte über "Cancel Culture" erneut auf. Doch existiert das Phänomen tatsächlich – und leiden marginalisierte Gruppen stärker unter den Folgen als andere?


Seine Teilnahme ist besonders umstritten: Gil Ofarim im Dschungelcamp (Bild: RTL)

Seit einigen Jahren führt kaum ein Weg am Begriff "Cancel Culture" vorbei. Spätestens wenn ein Promi-Skandal die Schlagzeilen dominiert, taucht er zuverlässig wieder auf. Zuletzt standen Namen wie P. Diddy, Kanye West oder – ganz aktuell – Gil Ofarim im Fokus. Letzterer ist seit dem 23. Januar täglich im RTL-Dschungelcamp zu sehen, während parallel erneut über seine Glaubwürdigkeit und Verantwortung diskutiert wird. Doch was steckt eigentlich hinter dieser vielzitierten "Cancel Culture" – und trifft sie marginalisierte Gruppen womöglich härter als jene, die ohnehin gesellschaftliche Macht besitzen?

Bevor man diese Frage stellt, braucht es eine wichtige Einordnung: Die in diesem Artikel genannten Beispiele sind nicht miteinander vergleichbar. Einige betreffen schwerwiegende Straftaten, andere moralische Grenzüberschreitungen. Trotzdem zeigt sich ein Muster, das über Einzelfälle hinausweist – nämlich, wer in der öffentlichen Debatte tatsächlich "gecancelt" wird und wer trotz Fehlverhalten erstaunlich schnell rehabilitiert scheint.

"Cancel Culture ist nicht überall gleich"

Laut dem "Cambridge Dictionary" steht "Cancel Culture" für ein gesellschaftliches Verhalten, bei dem Menschen oder Institutionen vollständig abgelehnt und nicht mehr unterstützt werden, weil sie etwas gesagt oder getan haben, das als verletzend oder anstößig empfunden wird. Je nach Land oder Kontinent zeigt sich dieses Phänomen jedoch in sehr unterschiedlichen Ausprägungen – darauf weisen zahlreiche Wissenschaftler*innen in ihren Veröffentlichungen hin.

Zwischen Deutschland und den USA bestehen die Unterschiede vor allem in Intensität, institutioneller Verankerung und politischer Ausrichtung. In den USA treten häufiger staatliche Eingriffe auf, etwa Bücherverbote oder Einschränkungen der akademischen Freiheit. In Deutschland prägt dagegen vor allem sozialer Druck die Debatte. Hier äußert sich "Cancel Culture" meist in Form von Shitstorms in sozialen Medien, jedoch selten mit langfristigen beruflichen Konsequenzen.

Die kurze Halbwertszeit der "Cancel Culture"

Besonders interessant ist, dass bei Skandalen inzwischen häufig aktiv dazu aufgefordert wird, bestimmte Personen oder Institutionen zu "canceln". Ein aktuelles Beispiel ist die trinidadische Rapperin Nicki Minaj, die sich einst deutlich für queere Rechte eingesetzt hat. Vor allem Teile der queeren Community möchten inzwischen, dass die Künstlerin auf Streamingplattformen blockiert wird und CDs oder Merchandise aus Protest entsorgt werden. Auslöser ist ihre öffentliche Unterstützung für Donald Trump, die angesichts seiner politischen Positionen nachvollziehbarerweise für erheblichen Frust innerhalb der LGBTI-Community sorgt (queer.de berichtete1).

Doch funktioniert diese Form der "Cancel Culture" tatsächlich – und wenn ja, in welchem Ausmaß? Ein Blick auf deutsche Prominente, die in den vergangenen Jahren "gecancelt" werden sollten, zeichnet ein anderes Bild. Viele von ihnen kehrten erstaunlich schnell wieder in die Öffentlichkeit zurück. Till Lindemann tourte kurz nach dem Row-Zero-Skandal erneut durch Europa. Jérôme Boateng erhielt trotz öffentlicher Vorwürfe eine eigene ARD-Dokumentation. Und Gil Ofarim, der nach seinem folgenreichen Video eigentlich am Rand der öffentlichen Debatte stand, ist aktuell im Dschungelcamp zu sehen und soll dafür eine sechsstellige Gage erhalten haben.

Trifft "Cancel Culture" marginalisierte Gruppen stärker?

Es scheint fast so, als würde die häufig geforderte "Cancel Culture" nur für eine kurze Dauer anhalten – zumindest bei den hier genannten heterosexuellen cis Männern. Und genau hier liegt der springende Punkt: Während diese Personen oft erstaunlich schnell wieder gesellschaftliche Akzeptanz finden oder zumindest die Chance auf ein Comeback erhalten, gestaltet sich das für marginalisierte Gruppen wie Frauen oder queere Menschen deutlich schwieriger.

Zumindest könnte man diesen Eindruck gewinnen, wenn man sich konkrete Beispiele anschaut – etwa Kevin Spacey oder Jurassica Parka. Der homosexuelle US-Schauspieler musste sich vor Gericht wegen gewaltsamer und aggressiver Übergriffe verantworten, die deutsche Dragqueen wurde wegen der Verbreitung von Kinderpornografie verurteilt. Beides sind schwerwiegende Vorwürfe beziehungsweise Straftatbestände, die selbstverständlich Konsequenzen nach sich ziehen müssen. Doch es bleibt die Frage: Wie würden die öffentlichen Reaktionen ausfallen, wenn es sich bei den Betroffenen nicht um queere Personen handeln würde?


Die Berliner Dragqueen Jurassica Parka ist aus dem öffentlichen Leben komplett verschwunden (Bild: Mario Olszinski / wikipedia2)

Was sagt die Forschung – und was bleibt offen?

Bislang gibt es dazu keine eindeutig auffindbaren Studien. Immer wieder ist jedoch davon die Rede, dass queere Menschen ebenso wie People of Color überproportional häufig und besonders heftig angegangen werden. Ein Blick auf die Karriereverläufe der genannten Beispiele verstärkt diesen Eindruck: Kevin Spacey, der einst zu den gefragtesten Schauspielern Hollywoods gehörte, erhielt seit seinem Skandal nur wenige Rollen – und keine davon in großen Produktionen. Jurassica Parka verlor sämtliche Aufträge und hat inzwischen sogar ihr Instagram-Profil gelöscht.

Das bedeutet nicht, dass diese Konsequenzen unbegründet wären. Doch es bleibt die Frage bestehen, ob queere Prominente im Vergleich zu anderen härter und nachhaltiger sanktioniert werden – und wie sehr dabei ihre sexuelle Orientierung eine Rolle spielt. Denn Stars wie Chris Brown, der sich wegen einer schweren Körperverletzung an seiner damaligen Partnerin Rihanna verantworten musste, feiern bis heute Charterfolge und spielen ausverkaufte Shows. Mike Tyson, der 1992 wegen Vergewaltigung verurteilt wurde, wird nach wie vor als Sportlegende gefeiert – und erhielt sogar Rollen in internationalen Blockbustern wie "Hangover".

Langfristige Folgen am Beispiel Susanna Ohlen

Ein weiteres Beispiel, das die These stützen könnte, dass marginalisierte Gruppen stärker mit "Cancel Culture" zu kämpfen haben, ist zudem die RTL-Moderatorin Susanna Ohlen. Sie hatte sich im Juli 2021 für eine TV-Schalte ins Hochwassergebiet Bad Münstereifel mit Schlamm beschmiert – und wurde daraufhin von RTL freigestellt. Bis heute, rund viereinhalb Jahre später, hat sie mit den Folgen dieses Vorfalls zu kämpfen und erhält unter nahezu jedem Instagram-Beitrag hasserfüllte Kommentare. Die Konsequenzen sind für sie also noch immer spürbar – beruflich wie auch im gesellschaftlichen Diskurs. Gleichzeitig lässt sich beobachten, dass männliche TV-Moderatoren sich in der Vergangenheit teils deutlich mehr erlaubt haben und dennoch vergleichsweise schnell wieder vor der Kamera standen.

Allerdings: Ein abschließendes Fazit lässt sich nicht ziehen, zumal "Cancel Culture" in ihrer heutigen Form erst seit wenigen Jahren und parallel zum Wachstum sozialer Medien an Bedeutung gewonnen hat. Es bleibt jedoch eine zentrale Frage: Werden Personen aus marginalisierten Gruppen künftig dieselben Chancen auf Rehabilitierung erhalten wie andere – oder wirken die Konsequenzen für sie langfristiger und härter?

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