- Allgemeinverfügung erlaubt vorübergehenden Einsatz von Tausalz in Berlin
- Mögliche negative Folgen für Tiere, Bäume, Gewässer und Gebäude
- BUND fordert Sonderprogramm für Berliner Straßenbäume
Seit ein paar Tagen und noch bis zum 14. Februar darf auf den Berliner Gehwegen Tausalz gestreut werden. Die Umweltverwaltung unter Senatorin Ute Bonde (CDU) setzte am vergangenen Freitag das Streusalz-Verbot durch Allgemeinverfügung [berlin.de] temporär außer Kraft – viele Wege sind derzeit vereist, Splitt reicht dabei nicht aus, so die Begründung. Tausalz steht aufgrund von möglichen Umweltschäden in der Kritik. Doch wie schlimm ist Streusalz wirklich?
Streu- oder Tausalz besteht überwiegend aus Kochsalz, also Natriumchlorid. Manchmal wird auch Calciumchlorid verwendet. Umweltschützer kritisieren den Einsatz dieser Salze. In den vergangenen Tagen wurde vor allem über die Auswirkungen auf Straßenbäume diskutiert – doch betroffen sind auch Tiere, Böden, Grundwasser und sogar Bauwerke.
In Berlin darf Tausalz normalerweise nur auf Hauptverkehrsstraßen verwendet werden, auf anderen Straßen und Kreuzungen nur in Einzelfällen. Das ist im Straßenreinigungsgesetz so geregelt. Auf Berliner Gehwegen ist die Verwendung von Auftaumitteln wie Streusalz verboten – es drohen Bußgelder in Höhe von bis zu 10.000 Euro. Für den Winterdienst auf Gehwegen sind Hauseigentümer verantwortlich.
Bäume unter Stress
Besonders sichtbar werden die Folgen von Streusalz im Stadtgrün: Stadtbäume nehmen das Streusalz über ihre Wurzeln auf und speichern es, was in den Sommermonaten zu sogenannten nekrotischen Schäden – totem Gewebe – führen kann, wie der Wissenschaftler Claus Bull in einem Beitrag erklärt [braincity.berlin]. Diese seien vor allem an den Blatträndern zu erkennen.
Die Folge: Die Bäume werfen ihre Blätter vorzeitig ab und werden insgesamt geschwächt. "Es ist ein bisschen wie bei uns Menschen: Wenn wir viele Salzstangen essen, aber nichts dazu trinken, fühlen wir uns auch nicht wohl", so der Experte. Laut Ergebnissen seines Forscherteams können die Schäden durch gezielte Düngung und Bewässerung reduziert werden.
Der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) fordert ein Sonderprogramm für die Berliner Straßenbäume mit intensiver Bewässerung nach Ende der Frostperiode und Düngung durch Kompost. "Ansonsten drohen zusätzliche Astabbrüche, die Menschen gefährden und hohe Sachschäden zur Folge haben", teilte die Organisation am Montag mit.
Verdichtete Böden, versalzenes Wasser und entzündete Pfoten
Nicht nur Bäume regieren empfindlich: Auch der Boden wird vor allem durch das Natrium im Tausalz beeinflusst. Die Bodenstruktur wird verändert und weniger stabil, außerdem wird der Boden verdichtet, wie eine Studie aus Österreich [ffg.at] beschreibt. Verdichtete Böden können demnach Wasser schlechter speichern und erschweren Pflanzen die Aufnahme von Nährstoffen.
Auch für Gewässer und das Grundwasser ist der Einsatz von Streusalz problematisch. Wenn das Eis oder der Schnee schmelzen, kann das salzige Schmelzwasser in die Kanalisation und in umliegende Gewässer gelangen. Außerdem kann es in den Boden versickern und ins Grundwasser und somit in den Wasserkreislauf eindringen. Für viele Tiere ist das gefährlich. Salz aus dem Grundwasser zu entfernen ist sehr teuer.
Auf den Gehwegen ist Salz auch für Haustiere gefährlich, kritisieren Umwelt- und Tierschützer. "Streusalz greift Hundepfoten an und trocknet sie aus", teilte die Umweltschutzorganisation Peta mit. An den Pfoten können sich schmerzhafte Risse bilden. "Sammeln sich Schmutz und Bakterien in den offenen Stellen, führt das oft zu Entzündungen." Außerdem können Haus- und Wildtiere Streusatz aufnehmen und Schaden erleiden.
Streusalz kann Betonkonstruktionen beschädigen
Doch nicht nur für Lebewesen ist das Streusalz problematisch: Auch Bauwerke können durch Streusalz beschädigt werden. Wenn Tausalz durch Risse den Bewehrungsstahl im Beton erreicht, werden die Stäbe angegriffen – es kommt zu Korrosion.
Außerdem werden Betonflächen durch einen besonderen Effekt von Streusalz beschädigt: Durch das Salz taut das Eis bei geringen Temperaturschwankungen schneller und das Wasser wechselt schneller von Frost zu Tau. Das belastet den Beton zusätzlich und kann zu Mikrorissen und Abplatzungen führen. Das Berliner Straßenreinigungsgesetz verbietet deshalb den Einsatz von Tausalz auf Oberflächen mit Betondecke.
Wegner will schnelleren Einsatz von Tausalz ermöglichen
Das Umweltbundesamt empfiehlt "klimafreundliche" Alternativen gegen Glätte auf Gehwegen. Zunächst soll versucht werden, mit Schippe und Besen den Schnee zügig zu entfernen. Damit werde in den meisten Fällen der Einsatz von Streumitteln überflüssig. Falls diese gebraucht werden, empfiehlt das Amt die Verwendung von Splitt, Granulat oder Sand. Der ausgestreute Splitt könne nach der Schneeschmelze zusammengefegt und beim nächsten Schneefall wieder verwendet werden.
Diese Alternativen reichen bei der jetzigen Kälte und Vereisung der Gehwege offenbar nicht aus – vielleicht, weil sie nicht konsequent und rechtzeitig umgesetzt wurden. Aus Sicht des Regierenden Bürgermeisters Kai Wegner und der Umweltsenatorin Ute Bonde (CDU) führt am Streusalz kein Weg vorbei – und so kam es nach langer Debatte zur Ausnahme durch Allgemeinverfügung.
Offen bleibt, ob bei künftigen Kältewellen die Gehwege rechtzeitig geräumt und mit Splitt oder anderen umweltfreundlichen Alternativen behandelt werden. Auf die nächste Streusalz-Debatte scheint sich der Regierende Bürgermeister bereits vorzubereiten: Wegner will nun die Gesetzeslage anpassen, damit Tausalz "vom ersten Tage" angewendet werden darf, wie er am Montag sagte.
Sendung: rbb|24, 02.02.2026, 20:31 Uhr
125 Kommentare
Einen solchen Extremwinter konnte niemand voraussagen. Nur der DWD hatte davor gewarnt.
Bei uns in der Provinz wurde nirgends gestreut und wir haben ebenfalls vereiste Wege. Aber ich habe auch niemanden gesehen, der selbst noch Unfälle provoziert, indem er/ sie sich vollkommen sinnfrei auf das Rad setzt. Solche unvernünftigen Leute müßten die Kosten selbst bezahlen und nicht der Allgemeinheit auf der Tasche liegen.
Ob ein Hauseigentümer nun seinen Gehweg vorm Haus nicht streut oder nicht salzt, ist doch eigentlich schnuppe. Wer seiner Pflicht nachkommen würde, braucht auch kein Salz. Berlin will 1 Mio neue Bäume pflanzen und gibt Salz frei anstatt Streusandkisten aufzustellen. Sand auf Eis ist viel besser als der Salzmatsch in den Schuhen und im Boden. Es reicht schon, wenn Autos durch die Salzwasserpfützen fahren und alles an die Seite auf den Gehweg spritzt. Was ist eigentlich mit Trinkwasserschutzgebieten bei Einsatz von Tausalz?