- In linksextremen Kreisen kursieren Anleitungen, wie man Spuren bei Brandanschlägen vermeidet
- Anleitung zum Aufbau eines linksextremen Terrornetzwerks auf "Indymedia" aufgetaucht
- Forderung nach schärferem Vorgehen gegen linksextreme Gewalt
Um 0:30 Uhr kreist ein Hubschrauber der Bundespolizei weit über dem Berliner S-Bahn-Knoten Adlershof. Unten, an der Böschung der Gleise, erkennen Einsatzkräfte zwei Menschen: weit genug weg von der nächsten Straße, um niemandem aufzufallen, nah genug an der Bahntechnik, um verdächtig zu sein.
Kurz darauf nähern sich Fahrzeuge der Bundespolizei. Beamte am Boden nehmen einen Mann und eine Frau fest. In einem Rucksack finden sie offenbar Funkgeräte, einen Kanister mit Kraftstoff und Listen mit Polizei-Kennzeichen.
Wer verbirgt sich hinter dem Namen "Vulkangruppe"?
Wie unter anderem rbb|24 und die "BZ" nach dem Vorfall im Februar 2023 berichten, vermuten Ermittler, dass die beiden in der Nacht einen Brandanschlag verüben wollten. Dem Staatsschutz sind die Festgenommenen bereits bekannt - aus der linksextremen Szene in Berlin. Bei dem Prozess am Amtsgericht Tiergarten allerdings schweigen Eva H. (32) und Daniel K. (31) - und werden freigesprochen. Die ihnen zur Last gelegte Tat, eine Verabredung zum Verbrechen, sei "nicht nachweisbar", so die Urteilsbegründung. Deshalb sucht die Polizei weiter.
Nach dem Anschlag auf das Berliner Stromnetz am 3. Januar 2026, zu dem sich eine "Vulkangruppe" bekannt hat, sollen Ermittler laut "Berliner Zeitung" [Bezahlinhalt] am Tatort Fußabdrücke im Schnee, Fingerabdrücke, DNA, Rückstände von Brandbeschleuniger gefunden haben. Dennoch ist seit Jahren unklar, welche Personen an der linksextremistischen "Vulkangruppe" beteiligt sind. Das Bundesamt für Verfassungsschutz vermutet, dass sich hinter den "Vulkangruppen" ein Netzwerk aus dem gewaltorientierten anarchistischen Spektrum verbirgt. "Es dürfte sich um unterschiedliche Strukturen handeln, die den Namen "Vulkangruppe" als eine Art "Label" nutzen", teilte ein Sprecher rbb|24 mit.
Linksextremes "Manifest" aufgetaucht
Während am 6. Januar im Berliner Südwesten noch ganze Straßenzüge im Dunkeln liegen, wird auf der Plattform "Indymedia" ein Dokument veröffentlicht: Auf 36 Seiten skizziert eine Gruppe namens "Kommando Angry Birds" einen Plan zum den Aufbau eines bundesweiten linksterroristischen Netzwerks. Auf einschlägigen Internetplattformen bekannte sich das "Kommando Angry Birds" in den letzten Jahren bereits zu Anschlägen - vor allem auf Bahnanlagen und die Stromversorgung in Nordrhein-Westfalen.
Linksextremismus-Forscher Hendrik Hansen von der Hochschule des Bundes in Brühl (NRW) sagt: "Es wirkt so, als sei das Papier vor dem Anschlag schon vorbereitet worden." Waren die Autor:innen in Pläne der "Vulkangruppe" eingeweiht?
Das Bundesamt für Verfassungsschutz bestätigte rbb|24, die linksextreme Szene in Deutschland sei um den Aufbau "möglichst vielfältiger Kontakte" bemüht, aus denen sich auch "strategische Ansätze der Zusammenarbeit entwickeln können". Ob es eine Absprache gab, oder ob es sich bei "Vulkangruppen" und dem "Kommando Angry Birds" (KAB) am Ende sogar um dieselben Personen handle, lasse sich nicht unabhängig überprüfen, sagt Hansen.
Das neue "Manifest" beschreibt, wie die Anschläge aus Sicht der Gruppe bundesweit koordiniert werden sollten. "In einem ersten Schlag könnten nun eines Nachts [sic] an bis zu 50 Tatorten in Deutschland gleichzeitig zum Beispiel Aktionen gegen die Bahn durchgeführt werden", schreiben die Verfasser:innen. Ein Aufruf zur Gewalt, der die politische Stabilität Deutschlands ins Visier nimmt.
"Kapital würde in Strömen das Land verlassen"
Das Papier der "KAB" lässt allerdings auch erahnen, weshalb Linksextremisten für die Ermittler so schwer zu fassen sind. Extremismusforscher Hansen beschreibt es als "aufschlussreiches Fenster in einer Szene, die sonst im Dunklen operiert". In dem Papier ist detailliert davon die Rede, wie Anschläge auf Industrie und Bahnanlagen unbemerkt zu planen und umzusetzen sind. Saboteure sollen sich demnach etwa in kleinen Zellen organisieren und strikte Verschwiegenheit wahren.
Kommunikation soll nur zwischen wenigen Personen stattfinden, verschlüsselt und zusätzlich codiert, etwa getarnt als belanglose Fußball-Chats, mit klar getrennten Kanälen und Backup-Wege für den Fall, dass ein Kanal kompromittiert wird. Brandbeschleuniger und Werkzeuge sollen über "Logistiker", durch sogenannte "Dead Drops" unbemerkt im Wald abgeladen werden, damit die eigentlichen Saboteure nie mit belastenden Beweismitteln zu Hause oder auf dem Weg zur Tat erwischt werden können. Wird jemand verhaftet oder ein Spitzel vermutet, gilt sofortiger Kontaktabbruch, Aufspaltung oder Umbau des Netzwerks, um Ermittler im Dunkeln stochern zu lassen.
Die Verfasser:innen schreiben über die Auswirkungen ihrer Pläne: "Ausländisches und inländisches Kapital würde in Strömen das Land verlassen." Industrieunternehmen würden abwandern, Bündnispartner würden ernsthaft an der Fähigkeit Deutschlands, als "Drehscheibe der NATO" zweifeln. "Ratingagenturen würden die Kreditwürdigkeit Deutschlands herabstufen."
"Paranoia ist eine sehr reale Gefahr"
Seit dem Auftauchen des Manifests des "Kommando Angry Birds" benennt das Bundesamt für Verfassungsschutz die Gruppierung explizit auf seiner Website. Die Szene wird beobachtet, Hinweise werden gesammelt. Extremismusforscher Hansen ordnet ein: "Das linksterroristische Umsturzszenario des 'Kommando Angry Birds' ist zum Glück sehr unrealistisch." Zeitgleiche Brandanschläge auf die Kritische Infrastruktur würden kaum Chaos auslösen oder die öffentliche Ordnung kippen lassen. "Der Anschlag in Berlin hat gezeigt, wie besonnen die Bevölkerung reagiert hat", sagt Hansen. "Dennoch könnten die Schäden durch koordinierte Anschläge erheblich sein."
Schon lange vor dem Stromausfall in Berlin veröffentlichte das "Kommando Angry Birds" auf der Website der linksextremen Kampagne "Switch Off" Rezepte für Brandsätze und Zünder. Ermittler sehen in "Switch off" - zu Deutsch: "ausschalten" - ein Label, dem Linksextremisten bundesweit Sabotagen und Brandanschläge zuordnen und das seinerseits zu Anschlägen aufruft.
Das 'Kommando' warnte Interessierte zugleich vor psychischen Folgen der Sabotage: "Paranoia ist eine sehr reale Gefahr angesichts der scheinbaren Übermacht der staatlichen Rachebehörden und nachts möglicherweise alleine im dunklen Wald oder an Bahngleisen umherzustreifen kann auch durchaus beängstigend sein", heißt es in dem Papier. "Und dann ist da natürlich noch die Isolation, die alles verstärkt. Außerhalb von einem kleinen Kreis von Beteiligten kannst du mit niemandem reden." Wer Brandstiftung in Erwägung ziehe, solle sich fragen, ob er den Knast aushalte, für ein Jahr oder fünf Jahre.
Gerichtsprozess zeigt linksextreme Strategieren
Details darüber, wie Linksextremisten im Untergrund operieren, brachte auch der Prozess gegen Mitglieder der Antifa Ost hervor. 97 Verhandlungstage lang, eine umfangreiche Beweisaufnahme in einem Verfahren, das am OLG Dresden im Mai 2023 mit Freiheitsstrafen endete. Geeint durch "linksextremistische Überzeugungen und einen militanten Antifaschismus" hätten sich die Angeklagten zu einer "auf die Begehung entsprechender Straftaten gerichteten Personenvereinigung" formiert, in der Lina E. und der flüchtige Johann G. eine "herausgehobene Rolle" einnahmen.
Mit arbeitsteiliger Planung, einem "Tatmitteldepot" und alten Mobiltelefonen, die mit "SIM-Karten nicht existenter Personen" bestückt und jeweils nur für eine Aktion genutzt wurden. Die Täter lauerten Opfern bei Rückkehren von rechter Veranstaltungen auf, attackierten sie aus dem Hinterhalt, trainierten Szenarien, gingen "detailliert und langfristig" vor, alles, um Spuren zu tilgen und Identifikation zu verhindern.
Am Ende ließ ein Fehler die Fassade einstürzen
"Der Prozess hat gezeigt, dass die Personen darauf bedacht waren, ihre Standorte nicht digital preiszugeben und zum Teil sogar nur mit Perücken vor die Tür gingen", sagt Extremismus-Forscher Hendrik Hansen.
Am Ende habe aber ein Fehler gereicht: Nach einer tätlichen Auseinandersetzung zwischen den Beschuldigten und mutmaßlichen Rechtsextremisten in der Kneipe "Bull's Eye" in Eisenach konnte die Polizei Blutspuren sichern. Der DNA-Abgleich habe die Fassade zum Einsturz gebracht. Die Angeklagte Lina E. wurde zu fünfeinhalb Jahren Gesamtfreiheitsstrafe verurteilt [medienservice.sachsen.de] - als Mitglied einer kriminellen Vereinigung, wegen mehrfacher gefährlicher Körperverletzung, Sachbeschädigung, Urkundenfälschung, Diebstahl und Nötigung.
Justizsenatorin Badenberg fordert mehr Befugnisse
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) bekräftigte in dieser Woche, er wolle künftig härter gegen Linksextreme vorgehen. Justizsenatorin Felor Badenberg (CDU) schloss sich an: "Mehr Personal für die Szene-Beobachtung. Denn wenn ich da genauer hingucke, sehe ich natürlich auch mehr", sagte sie am Mittwoch im rbb|24 Inforadio. Sicherheitsbehörden benötigten mehr Befugnisse, so Badenberg, etwa zur längeren IP-Speicherung, sowie Tools zur Bilderkennung.
Linksextremismusforscher Hendrik Hansen von der Hochschule des Bundes (HSB) in Brühl hält einen stärkeren Fokus der Ermittlungsbehörden auf die linksextreme Szene für überfällig. "Der Bereich wurde in den vergangenen Jahren zu sehr vernachlässigt", sagt er. Umso ermutigender sei es, dass die Politik das Thema nun offenbar ernster nehme.
Von Roberto Jurkschat
Sendung: rbb|24, 16.01.2026, 08:45 Uhr
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94 Kommentare
Spurenlos zu agieren ist jetzt keine Kunst. Man muss nicht so tun, als wären das alles geheime Tricks.
Dieser vermutlich linksradikale terroristische Anschlag zeigt sehr deutlich , dass wir dringend unsere Geheimdienste personell und technisch upgraden und mit mehr Befugnissen ausstatten müssen. Es besteht eine reale Gefahr der Zunahme von Terror, Sabotage,Spionage und Cyber-Attacken.
Bin gespannt was noch so alles auftaucht