Als unsere Redaktion Martin Lemke vor gut einem Jahr in dem Gefängnis in Nordsyrien besucht, ist der zwei Meter große Mann abgemagert. Schulterknochen dellen seine braune Haftkleidung aus, die Wangen sind eingefallen, die Ränder unter den Augen dunkel, der Blick müde. Zuletzt besuchte ein Reporter des „stern“ den Mann, der 2014 aus Sachsen-Anhalt über die Türkei zur Terrororganisation „Islamischer Staat“ ausreist. Lemke ist seit 2019 Gefangener der Kurden in der syrischen Autonomieregion.

Und Lemke, heute Mitte 30, ist einer von rund 1150 Islamisten aus Deutschland, die sich seit 2011 in Richtung Syrien und Irak aufgemacht hatten, um sich dort dem IS anzuschließen, oder unter seiner Herrschaft zu leben. Das Pseudo-Kalifat der Extremisten ist längst zerstört. Doch nun rücken die gefangenen IS-Kämpfer wieder in den Fokus der Weltöffentlichkeit.

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In Syrien regiert jetzt Ahmed al-Scharaa, selbst Islamist der Miliz HTS. Er stürzte im Dezember 2024 Machthaber Baschar al-Assad. Die Truppen der neuen Regierung von al-Scharaa waren zuletzt in den kurdischen Norden vorgedrungen, es kam zu Kämpfen. Die Armee der Kurden, die SDF, musste sich zurückziehen – auch aus dem Lager al-Hol. Dort, wo die Familien des IS leben.

Lucas, Martin, Dominic – Deutschland holt deutsche Islamisten nicht zurück

Seit Jahren bewachen kurdische Milizen die Dschihadisten, die IS-Kämpferinnen, deren Kinder in mehreren Gefängnissen. Es ist ein enormer Aufwand, ein hohes Risiko für die Kurden. Allein in al-Hol leben etwa 24.000 Menschen, die meisten Syrer und Iraker, aber auch mehr als 6000 ausländische Frauen und Kinder aus mehr als 40 Staaten.

Auf Nachfrage teilt das Bundesinnenministerium mit, dass sich noch rund 400 IS-Ausreisende im Ausland aufhalten. Viele davon in Syrien. Wer noch lebt, wer abgetaucht ist – das wissen die Sicherheitsbehörden nicht in jedem Fall. Manche sind im Krieg getötet worden, andere geflohen oder abgetaucht. Nach Recherchen unserer Redaktion sind noch gut 30 IS-Kämpfer in kurdischen Gefängnissen. Menschen wie Lemke, aber mutmaßlich weiterhin auch Deutsche wie Dirk P., wie Lucas G. aus Dortmund, Marcel B. aus Dinslaken, Dominic R. aus Frankfurt. Ermittlern in Deutschland gelten sie teilweise als Mitglieder mit wichtigen Funktionen im IS-Staat. Lemke wird Folter vorgeworfen, er soll für die Geheimdienst-Abteilung der Terroristen gearbeitet haben. Lemke bestreitet im Gespräch damals die Foltervorwürfe.

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Ein Jahr nach Assad: Was in Syrien wirklich funktioniert und was fehlt

Im Krisenmodus

IS-Kämpfer sind mutmaßlich an Waffen ausgebildet. Manche können sich in den Lagern der Kurden weiter radikalisiert haben, andere sind traumatisiert. Alle werden Gewalt erlebt haben, sehr wahrscheinlich selbst massive Gewalt verübt haben. Das macht sie für deutsche Sicherheitsbehörden gefährlich. Bisher aber sind sie weit weg.

Syrien-Konflikt: IS-Gefangene könnten unbemerkt nach Deutschland entkommen

Eine Beraterin aus einem Aussteigerprogramm warnt nun: Statt sie kontrolliert aus den Lagern vor deutsche Gerichte zu bringen, könnten sie nun abtauchen, vielleicht illegal einreisen. Ohne dass die Sicherheitsbehörden die Männer auf dem Schirm haben. Denn der Angriff der syrischen Armee auf die Kurden hat die Region in eine chaotische Lage gestürzt. In einer Erklärung der kurdischen SDF vom Dienstag hieß es, die Streitkräfte hätten sich „aus dem Lager al-Hol zurückziehen und sich in der Nähe von Städten im Norden Syriens neu positionieren müssen, die zunehmenden Risiken und Bedrohungen ausgesetzt sind“. Zurückziehen? Aus einem der IS-Gefängnisse?

Syrian security forces increased security measures at Al-Hawl refugee camp
21. Januar: Syrische Regierungstruppen im Camp al-Hol. Dort leben auch Familien mutmaßlicher IS-Mitglieder. © IMAGO/Anadolu Agency | IMAGO/Santiago Montag

Videos in den sozialen Medien machen seitdem die Runde. Sie sollen die Lage in der Region schildern. Unsere Redaktion konnte einige von ihnen auswerten, mit Kontakten in Syrien konnten wir die Informationen, so gut es geht, verifizieren.

Am Sonntag hatten Syriens Präsident al-Scharaa und der Chef der Kurden-Miliz Maslum Abdi ein Waffenruheabkommen unterzeichnet. Es sieht auch vor, dass die syrischen Regierungstruppen die Verantwortung für die Gefängnisse der Dschihadisten übernehmen.

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Doch lief die Übernahme von Kurden zur syrischen Armee kontrolliert, ohne Ausbrüche? Daran gibt es Zweifel. Sheikhmous Ahmad, der Leiter des Amtes für Vertriebene und Flüchtlinge in der Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien, war am Dienstag noch im Lager al-Hol. Er sagt im Gespräch mit unserer Redaktion: „Einige Kämpfer der syrischen Armee haben selbst einige Familien befreit“, so Ahmad. Laut arabischsprachigen Medien seien dies keine Soldaten, sondern eine Gruppe von Stammeskämpfern gewesen, die in die Umgebung des Lagers eindrangen und es schafften, einige der IS-Häftlinge zu befreien. „Die meisten Befreiten sind Familien aus Aleppo oder Idlib“, so Ahmad.

Auf Videos sind laute islamische Rufe zu hören, bewaffnete Männer stürmen Lager

Im Internet zeigen Videos syrische Soldaten, wie sie das Lager betreten und sich darüber freuen, endlich Frauen und Kinder befreien zu können. Es sind islamische Rufe zu hören: „Allahu Akbar“. Währenddessen postete eine Frau, die eigenen Angaben zufolge im Lager lebt, ein Video. Darin zeigte sie das Lager während der Kämpfe und berichtete, dass Bombardierungen und Schüsse zu hören seien und sie kein Wasser mehr bekämen. Überprüfen lassen sich diese Videos nicht.

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Aufgrund der Kämpfe konnten laut syrischen Behörden in Damaskus 120 Personen aus dem Gefangenenlager Schaddadi im Nordosten Syriens fliehen. Auch in diesem Lager sollen sich einige mutmaßliche IS-Anhänger befinden, die einst aus Deutschland ausgereist sind. Gut 80 will die Armee nach eigenen Angaben wieder festgenommen haben.

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Bereits am Mittwoch kündigte das syrische Innenministerium laut der syrischen Nachrichtenagentur Sana an, das Lager al-Hol sowie Sicherheitsgefängnisse in den Provinzen Hasaka, Deir Ezzor und Raqqa zu Sperrzonen zu erklären, um nach geflohenen IS-Häftlingen in der Region zu suchen. Trotzdem ist es unserer Redaktion gelungen, mit jemandem vor Ort Kontakt aufzunehmen. Unsere Quelle, die anonym bleiben möchte, wohnt in einem 30 Kilometer vom Lager entfernten Ort in al-Hasaka. Er berichtet, dass die Lage aktuell ruhig ist, seit die syrische Armee der Übergangsregierung in Damaskus die Kontrolle übernommen hat. „Einigen Familien ist es gelungen, aus dem Lager zu fliehen.“ Generell beschreibt er eine beruhigte Lage: „Die Waffenruhe ist in Kraft getreten und aktuell läuft alles in Ordnung.“

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Noch eine Frage stellt sich: Wie geht die islamistische Regierung mit den gefangenen Dschihadisten um? Kommt es gar zu Freilassungen? Hinweise dafür gibt es bisher nicht. Doch die USA beginnen bereits mit der Verlegung von inhaftierten mutmaßlichen IS-Mitgliedern aus Syrien in den benachbarten Irak. Offenbar traut die US-Administration Syriens neuen Machthabern nicht. Ob Deutsche darunter sind, ist unklar.

Islamistische Rückkehrer sind nicht nur ein Risiko – auch ein Aufwand

Der IS ist militärisch geschwächt, viele Kämpfer und Führungskräfte sind tot oder gefangen. In Syrien haben sich die Dschihadisten in einzelnen Gebieten in der Wüste des Landes zurückgezogen, formieren sich teilweise neu. Global aber agiert das Terrornetzwerk weiterhin. Nun beobachte das Innenministerium, ob es aufgrund des Konflikts von Kurden und der syrischen Armee zu „Reisebewegungen“ von Islamisten komme – auch um eine unbemerkte Einreise in die EU zu verhindern. Hinweise dafür gibt es bisher offenbar nicht.

Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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In Deutschland beunruhigt die Sicherheitsbehörden vor allem, dass sich junge Männer, teilweise Jugendliche, im Internet von Rekrutierern des IS anwerben lassen – und hier Gewalttaten verüben. Islamisten wie Lemke will die Bundesregierung nach Informationen unserer Redaktion nicht zurückholen. Seit 2012 waren bereits mehrere Hundert IS-Ausreisende zurückgekehrt. Viele waren am Ende mehr Mitläufer als Täter. Vielfach aber ermittelten die Behörden, Islamisten landeten in Haft. Andere sind in Aussteigerprogrammen. Auch Polizei, Verfassungsschutz sowie Jugendämter und Sozialarbeiter sind oftmals involviert.

Für die Behörden sind Rückkehrer ein großer Aufwand, immer auch ein Risiko. Denn niemand will, dass sie sich hier erneut Islamisten anschließen. Zugleich berichten Beteiligte aus dem Umfeld der einstigen mutmaßlichen IS-Mitglieder, dass die enge Betreuung und Überwachung auch Erfolge zeige. Manche finden zurück in ein Leben abseits des „Kalifats“.