Marine Le Pen kommt früh, auch an diesem Vormittag, wie fast immer in diesen Tagen. Schon eine Viertelstunde, bevor ihre Verhandlung beginnt, betritt sie den Gerichtssaal in Paris. Kurz bespricht sie sich mit ihren Anwälten, dann legt sie ein paar Zettel auf das weiße Pult, an dem sie den Rest des Tages verbringen wird. Später wird sie davon sprechen, dass sie früher manchmal zu nachlässig gewesen sei. Dass sie Dinge habe laufen lassen, die sie besser nicht hätte laufen lassen sollen.
Aber nun darf sie sich keine Nachlässigkeit mehr erlauben. Kein falsches Wort, keine unnötige Provokation. Hier, an diesem Pult, muss sie die Kontrolle bewahren. Damit ihre politische Karriere nicht vorzeitig endet.
Seit einer Woche wird in Paris gegen Le Pen und elf weitere Angeklagte verhandelt. Fast alle sind Mitarbeitende oder Abgeordnete ihrer Partei, des nationalistischen Rassemblement National (RN). Le Pen selbst war im vergangenen März wegen Veruntreuung öffentlicher Gelder zu vier Jahren Haft und einer Geldstrafe von 100.000 Euro verurteilt worden. Außerdem darf sie fünf Jahre lang für kein öffentliches Amt kandidieren. Die dreifache Präsidentschaftskandidatin wäre damit von der nächsten Präsidentschaftswahl im Frühjahr 2027 ausgeschlossen. Es sei denn, das Berufungsgericht, vor dem sie nun steht, korrigiert das Urteil der ersten Instanz.
Der Prozess findet im Pariser Justizpalast statt, nur ein paar Schritte entfernt von Notre-Dame. Der Saal, in dem verhandelt wird, ist mit Holz getäfelt, mächtige Kronleuchter hängen von der Decke. An der Stirnseite ein verblichener Wandteppich mit historischen Motiven, darüber, eingefasst von goldenem Stuck, die lateinischen Worte ius und lex, Recht und Gesetz. Der Saal würde eine prächtige Kulisse für jeden Gerichtsfilm bieten, aber Film- und Tonaufnahmen sind strikt verboten. Dafür sitzen gleich vier Gerichtszeichner vorne im Saal.
Le Pen hatte schon am ersten Verhandlungstag kurz das Wort ergriffen. Sie selbst sei sich zwar keiner Schuld bewusst, sagte sie da. Aber "falls ein Delikt begangen worden ist", wolle sie dem Gericht versichern, dass weder sie noch die anderen Angeklagten das Gefühl gehabt hätten, "auch nur das geringste Vergehen begangen zu haben".
Hinter diesen gedrechselten Worten verbirgt sich eine veränderte Strategie der Verteidigung. Im ersten Verfahren war Le Pen durchweg forsch und aggressiv aufgetreten. Damals hatte sie jedes Vergehen geleugnet und argumentiert, die Vorwürfe gegen sie und ihre Partei seien vor allem politisch motiviert gewesen. Die Richterinnen und Richter hatten ihre harte Strafe später auch damit begründet: dass Le Pen überhaupt keine Einsicht gezeigt habe. Diesen Eindruck will sie nun offensichtlich korrigieren.
Während ihrer Vernehmung steht Le Pen aufrecht am Pult. Sie verzichtet auf lange Ausführungen und große Gesten. Immer wieder stimmt sie der Vorsitzenden Richterin, die sie befragt, zu: "Frau Präsidentin, Sie haben Recht", "ich bin vollkommen einverstanden mit Ihnen".
Je präziser die Richterin fragt, desto vager wird Le Pen
Die Vorwürfe gegen Le Pen führen zurück in eine Zeit, in der sie selbst Europaabgeordnete und ab 2011 Parteivorsitzende war. Damals sollen sie und andere Abgeordnete mit Geldern, die für die Arbeit im Europaparlament vorgesehen waren, Mitarbeitende bezahlt haben, die für die Partei – sie hieß damals noch Front National (FN) – tätig waren. Le Pen soll das System von ihrem mittlerweile verstorbenen Vater, der ebenfalls Europaabgeordneter war, übernommen und ausgebaut haben.
Obwohl Le Pen nun einräumt, dass sie mit den Beschäftigungsverhältnissen möglicherweise gegen die Regeln des Europaparlaments verstoßen haben könnte, bestreitet sie, dass es sich dabei um ein organisiertes System gehandelt habe. "Niemals im Leben hätte ich von einem Abgeordneten verlangt, dass er einen Assistenten einstellt, um für den FN zu arbeiten", sagt sie. Im Übrigen sei das Europaparlament über die Verträge mit den Mitarbeitern informiert gewesen und habe diese lange Zeit nicht beanstandet.
Hinter Le Pens Verteidigung steht ein klares Kalkül. Nur wenn ihr und den anderen Angeklagten eine Absicht nachgewiesen werden kann, hätte sie sich schuldig gemacht. Tatsächlich gibt es zahlreiche Hinweise, die eine solche Absicht nahelegen. Besonders schwer wiegen die Aussagen mehrerer ehemaliger Abgeordneten. Demnach habe Le Pen sie im Juni 2014, nach der Europawahl, darauf verpflichtet, Assistenten für die Arbeit der Partei abzustellen.
Als die Richterin Le Pen mit diesen Aussagen konfrontiert, entgegnet diese: "Das ist falsch, ich weise das auf das Entschiedenste zurück." Die Richterin setzt nach. Zwei Wochen nach dem Treffen hatte einer der Abgeordneten, Jean-Luc Schaffhauser, den damaligen Schatzmeister des FN in einer Mail gewarnt: Le Pen verlange von den Abgeordneten, Scheinverträge für die Mitarbeiter zu unterschreiben. Der Schatzmeister schrieb damals zurück: "Ich glaube, Marine weiß das alles." Nichts habe sie gewusst, sagt Le Pen daraufhin. Schaffhauser sei außerdem "sehr cholerisch" gewesen. Doch je präziser die Vorhaltungen der Richterin werden, desto vager antwortet Le Pen: "Ich kann mir nicht alles behalten."
Am Dienstagabend, nach den ersten viereinhalb Stunden am Pult, lässt sich Le Pen auf ihren Stuhl fallen. Wie eine Boxerin, die nicht besiegt worden ist, aber doch einige Wirkungstreffer kassiert hat. Die Verhandlungen werden bis Mitte Februar fortgesetzt, das Urteil wird im Frühsommer erwartet. Dass das Berufungsgericht die Vorwürfe gänzlich fallen lässt, ist unwahrscheinlich. Zu offensichtlich scheinen die Beweise zu sein. Aber Le Pen braucht keinen Freispruch, um bei der nächsten Präsidentschaftswahl antreten zu können. Ihr würde es schon reichen, wenn das Gericht ihr Strafmaß reduziert.
16 Kommentare
William S. Christ
Im Prinzip hat Le Pen beim ersten Mal laut herumgebrüllt:,,Ich hab GAR NICHTS GEMACHT! Ich bin unschuldig, alles eine Verschwörung...".
Und jetzt etwas leiser gesagt:,,Ich hab gar nichts gemacht! Ich bin unschuldig, alles eine Verschwörung...".
Das ist keine Einsicht darin, dass man Straftaten begangen hat und keine Reue, das ist einfach Taktik. Hoffentlich erkennt das Gericht dies und fällt nicht darauf herein.
Marine Le Pen selbst hat übrigens früher vehement und forsch darauf plädiert, verurteilten Straftätern auf Lebenszeit das aktive und passive Wahlrecht zu entziehen ;-)
Rappunzel
Rechtsextreme scheinen das Recht recht oft zu ignorieren.
Meist ist es Gewaltausübung oder -androhung, Verdrehung der nationalsozialistischen Vergangenheit, oder eben illegales Abgreifen und Kassieren von Gendern.
sittingbull
Um MLP’s Strategie zu verstehen, ist es vielleicht doch nicht unbedingt wichtig, Einzelheiten der Architektur des Gebäudes zu erfahren.
Wichtiger scheint mir hingegen, wie sie argumentiert. Und da verliert sie dann doch zugleich mit ihrer demonstrativen Linie ungewohnter Demut auch gelegentlich die Fassung.
“Ja, man kann uns zweifellos Vorwürfe machen”, räumt sie ein. Allerdings sei aber auch die Verwaltung des EU-Parlaments nicht unschuldig, denn die hätte besser informieren und dann kontrollieren müssen. Außerdem sei man damals sehr viel entgegenkommender gewesen als es heute üblich ist.
Auf diesen eigenartigen Hinweis früherer Lässigkeit antwortet die Richterin kühl: “Sie sind professionelle Juristin und hätten sich schon selbst über Einzelheiten der gesetzlichen Vorschriften informieren müssen!”
Das hat gesessen und MLP etwas wirr genervt: “Ich weiss nicht, wie ich es machen soll, Ihnen das zu beweisen, was ich nicht beweisen kann, Ihnen aber beweisen muss."
Heinrich Reisen
Extrem rechts geht immer hand in hand mit Korruptemion
Nationalismus Schadet immer dem Land mit Fernsteuerung von Autokraten.
Und für LePen war die AfD zu schmutzig …
Hiksi
Sonst sind die Franzosen nicht ganz so kleinlich. Lagarde wurde in einem Strafprozess zwar für schuldig gesprochen, aber es wurde aufgrund ihrer "Persönlichkeit" und ihrem "internationalen Ansehen" auf eine Strafe verzichtet und sie durfte EZB Chefin werden. Liberté, égalité, fraternité!
Heimweh04
Es ist mir ein Rätsel, wie Franzosen, die sich Patrioten nennen, Mme LePutin und ihre von Russland geschmierte Partei ernsthaft wählen können.
https://www.merkur.de/politik/rassemblement-le-pen-russland-putin-macron-frankreich-wahl-ergebnis-folgen-parlament-zr-93172289.html
THCHD
So wie es aussieht hat Bardella mittlerweile sowieso die besseren Chancen.
Holger57
Man kann nur hoffen, das es beim Verbot sich für ein öffentliches Amt zu bewerben bestehen bleibt