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Queerbeauftragte der Polizei werden mit Hasskommentaren überschüttet – Anzeige

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Ein Facebook-Post über zwei Queerbeauftragte der Polizei Südosthessen löst eine Welle aus. Viele Kommentare überschreiten die Grenze zur Strafbarkeit.

Offenbach – Als die Presseabteilung des Polizeipräsidiums Südosthessen ihre neueste Mitteilung bei Facebook veröffentlicht, ahnt niemand, dass nur wenige Tage später eine ganze Welle an Hasskommentaren über die harmlose Information gerollt sein wird. Denn Philipp Werner und Sarah Fuhrländer sind eigentlich im normalen Polizeidienst tätig. Sie kommen immer nur dann zum Einsatz, wenn etwa ein Zeuge wünscht, von einem selbst queeren Polizisten vernommen zu werden, oder sie dienen polizeiintern als Ansprechpartner für queere Themen.

4539 Mal wurde der Beitrag der Polizei Südosthessen auf Facebook kommentiert

Was als kurzer Infopost gedacht war, entwickelt sich zum Hassobjekt vor allem für rechte und queerfeindliche Facebook-Nutzer. Die Kommentare schießen durch die Decke. Erst hundert, dann 1000. Nach wenigen Tagen sind es 4500 Kommentare. Die meisten davon ablehnend, viele am Rande der Legalität, nicht wenige schießen darüber hinaus. Um die gesellschaftliche Verrohung in den sozialen Medien in all ihrer Unappetitlichkeit sichtbar zu machen, hat sich die Redaktion dazu entschieden, einige der übelsten Kommentare exakt so wiederzugeben, wie sie geschrieben wurden.

4539 mal wurde der eigentlich unspektakuläre Infobeitrag auf der Facebookseite des Polizeispräsidiums Südhessen kommentiert – zum Teil mit strafrechtlichen Konsequenzen.
4539 Mal wurde der Infobeitrag auf der Facebook-Seite der Polizei Südosthessen kommentiert – zum Teil mit strafrechtlichen Konsequenzen. © Christian Reinartz

Dabei sind Beiträge wie „Warum gibt es noch keine Ansprechpersonen für Behinderte oder Obdachlose?“ oder „Verfolgt lieber Kinderschänder“ noch vergleichsweise moderat. Beleidigender sind da schon Sätze wie „Widerlich, brauchen wir nicht“, „Verschwendung von Steuergeldern“ oder „lächerlich“. Manche diskreditieren queeres Leben gleich komplett: „Polizisten sollten dafür nicht missbraucht werden, um der Bevölkerung einzutrichtern, dass eine Identitätsstörung normal sei“, „Die haben ihr Schicksal selbst ausgesucht und müssen dringend behandelt werden“ oder „Vor ein paar Jahrzehnten hätte man sie mit dem Paragraf 175 eingefangen“. Es folgen direkte Beleidigungen wie „Der Mann sieht aus wie eine Schwuchtel“, „Ihr 2 Transen“, „Steckt noch mehr Bekloppte in Uniformen“ oder „Für die genannte Personengruppe gibt es extra einen medizinischen ICD-Code: ICD-10-Code F64“ (Störung der Geschlechtsidentität, Anm. d. Red.).

Aber auch rechtsextreme und verfassungsfeindliche Kommentare waren dort zu finden, etwa eine „88“, die als alphabetischer Nummerncode für „HH“ gilt, was in der Szene für „Heil Hitler“ steht, oder ein Satz, der keinen Zweifel daran lässt, dass er ein Fall für den Verfassungsschutz ist: „Deine Großeltern würden die Welt feiern. Die kennen das ja mit den Nazis und, wegen Anderssein vergast zu werden.“

„Allein anhand der Kommentare sieht man ja, dass wir dringend gebraucht werden“

„Wir hätten nicht im Traum damit gerechnet, dass dieser Beitrag ein derartiges negatives Echo auslöst“, sagt Sarah Fuhrländer. Zumal eine ähnliche Mitteilung vor ein paar Jahren fast überhaupt keine Reaktionen ausgelöst hatte.

Die Polizeihauptkommissarin vermag das Ganze immerhin pragmatisch zu sehen. „Allein anhand der Kommentare sieht man ja, dass wir dringend gebraucht werden und der Weg noch sehr weit ist“, sagt sie. Unterstützung erhält sie vom Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Christopher Leidner. „Die Art und Weise, wie zahlreiche Nutzer unter dem Beitrag kommentiert haben, ist durchaus als strafbar anzusehen“, stellt er klar. Zusammengenommen liege die Zahl der Kommentare auf deren Verfasser nun wohl ein Strafverfahren zukommt im niedrigen zweistelligen Bereich. „Wir stellen in einem solchen Fall Anzeige und verfolgen die Sache mit allem nötigen Nachdruck.“ Meinungsäußerungen seien natürlich erlaubt, auch geringschätzende. „Die freie Meinungsäußerung endet jedoch genau da, wo die Würde und Rechte anderer verletzt werden.“

Kontakt

Zur Gewährleistung einer vertrauensvollen Kontaktaufnahme sind die beiden über die E-Mail-Adresse rainbow.ppsoh@polizei.hessen.de erreichbar. Darüber hinaus kann Polizeihauptkommissarin Sarah Fuhrländer unter der Rufnummer 069 8098-1146 kontaktiert werden.

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