- 19 Prozent der Erwachsenen fühlen sich nach aktueller Studie manchmal einsam - bei jungen ist die Quote noch höher
- Zwei junge Männer berichten rbb|24 von ihren Erfahrungen
- Auch das Leben in der Anonymität der Großstadt Berlin kann laut Psychiater zum Problem werden
Lukasz ist 25 Jahre alt. Er hat eine Freundin, mehrere Kumpel und lebt in einer Wohngemeinschaft mit zwei Mitbewohnern in Kreuzberg. So weit so normal für einen jungen Mann in seinem Alter.
Doch wenn andere Partys feiern und sich vor sozialen Begegnungen kaum retten können, kommt bei ihm immer wieder das gegenteilige Gefühl auf: Lukasz fühlt sich einsam. "Ich fühle mich unzufrieden und bin irritiert, dass etwas nicht da ist, was ich mir gewünscht hätte. Nämlich mehr soziale Kontakte", sagt er. Es fiel ihm schwer, in Berlin solche Kontakte aufzubauen.
Er würde sich dadurch wertlos fühlen, sagt er. In bestimmten Situationen sei die Einsamkeit besonders stark. "Nach der Arbeit, wenn ich zuhause bin und eine leere Zeit entsteht, weil ich keine Verabredungen habe, dann begegnet es mir am meisten."
Umzug nach Berlin verschlimmert Einsamkeit
Lukasz ist in der Nähe von Posen in Polen aufgewachsen. Schon als Kind habe er sich immer wieder einsam gefühlt, berichtet er. Vor sieben Jahren zieht er nach Berlin. "Stark war es, als ich nach Deutschland gekommen bin. Da kannte ich auch noch nicht viele Leute hier. Da habe ich angefangen, das Wort Einsamkeit zu benutzen."
Auch die Menschen in seinem Leben, seine Freundin und Freunde, können diese Leere in ihm nicht schließen. Er fühlt sich dennoch immer wieder einsam. In diesen Momenten versucht er, sich abzulenken, sagt er. Er schaut dann zum Beispiel Serien oder hört Musik. "Ich habe mich auch schon dabei ertappt, dass ich aus der Einsamkeit dann im Handy scrolle", erzählt er. Auf Social Media sucht er dann Ablenkung von diesem erdrückenden Gefühl der Leere.
Viele junge Menschen fühlen sich einsam
Laut einer in diesem Jahr veröffentlichten Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung fühlen sich 19 Prozent der Menschen in Deutschland immer wieder einsam.
Und folgt man einer Studie der Bertelsmann-Stiftung aus dem vergangenen Jahr, sind junge Menschen offenbar besonders stark betroffen: Jeder zweite junge Erwachsene in Deutschland zwischen 18 und 35 Jahren leidet danach immer wieder unter Einsamkeit.
Depressionen und Angsterkrankungen können ernsthafte Krankheitsfolgen von Einsamkeit sein.
«Dass sich so viele junge Menschen einsam fühlen, überrascht den Psychiater Mazda Adli nicht. "Das ist die Zeit, in der man zum Beispiel den Wohnort ändert und die Familie und alten Freundeskreise verlässt, aber neue noch nicht gefunden hat." Für viele sei die Anonymität der Großstadt attraktiv, deswegen zögen sie dort hin. "Aber wir sehen auch, dass viele Menschen mit dieser Anonymität gar nicht gut umgehen können und dort, wo das Leben eigentlich tobt, Einsamkeit erfahren."
Einsamkeit sei keine psychische Erkrankung, sagt Adli, der an der Charité unter anderem zu diesem Thema forscht. Sie könne aber erhebliche Folgen haben. "Depressionen und Angsterkrankungen können ernsthafte Krankheitsfolgen von Einsamkeit sein." In manchen Fällen sei Einsamkeit aber auch die Folge und nicht der Auslöser.
Erst psychische Erkrankung, dann Einsamkeit
In dieser Reihenfolge, erst eine psychische Erkrankung und anschließend die Einsamkeit, lief es bei Nico ab. Nico ist heute 39 Jahre alt. Er ist in Thüringen aufgewachsen und hatte damals mehrere Freundeskreise, wie er sagt. Dennoch fühlte er sich einsam.
"Ich war mit guten Freunden feiern und wir hatten alle immer gute Laune, aber in mir war immer eine Leere", so der Wahl-Berliner. Das Gefühl, nicht gesehen und gehört zu werden, habe ihn über sein Leben hinweg in tiefe Löcher fallen lassen. Was er in diesen Momenten noch nicht weiß: Er hat eine psychische Erkrankung, die die Einsamkeit bei ihm auslöst.
Mit Mitte 30 lernt er eine Frau kennen. Sie ziehen nach Bernau und bekommen ein Kind. Doch die Beziehung zerbricht und Nico stürzt ab. Er trinkt täglich Alkohol und konsumiert Drogen. "Ich war zeitweise auf neun verschiedenen Substanzen unterwegs", erinnert er sich. Mehrere Jahre lang geht das so, bis er 2023 schließlich eine Therapie macht. Bei ihm wird neben einer Suchterkrankung eine histrionische Persönlichkeitsstörung attestiert. Typisch für diese Erkrankung ist extremes Streben nach Beachtung. Deshalb also fühlt er sich so oft in Gruppen unbeachtet und dadurch einsam. In Selbsthilfegruppen beginnt Nico anschließend, darüber zu sprechen.
Hilfe durch die Selbsthilfegruppe
Mittlerweile trinkt er nicht mehr und nimmt auch keine Drogen mehr. Er ist bei der Selbsthilfe-, Kontakt- und Beratungsstelle in Marzahn-Hellersdorf angebunden. Dort jobbt er drei Mal die Woche im Bistro des Trägers, geht zu zwei Selbsthilfegruppen pro Woche und hilft ehrenamtlich beim sogenannten "Open Space" aus – einer offenen Veranstaltung für Interessierte an Selbsthilfe. Er hat sogar schon mehrere Gruppen-Treffen moderiert.
"Gänzlich weggehen tut das Gefühl dadurch nicht. Aber darüber zu reden und sich damit auseinanderzusetzen, macht es definitiv besser. Ich habe dann das Gefühl, dass es ein Stück weit von mir abfällt“, sagt er. Nico habe gelernt, mit der Einsamkeit umzugehen und gelernt, allein zu sein.
Was Einsamkeit von Alleinsein unterscheidet
Zwischen allein sein und einsam sein liege allerdings ein großer Unterschied, sagt Mazda Adli. "Alleinsein kann ein großer Luxus sein und ist oft selbst gewählt. Einsamkeit ist ein Zustand, bei dem wir das Gefühl haben, ihn nicht aus eigener Kraft unterbrechen und beenden zu können", erklärt der Psychiater.
Genau wie Nico hat auch Lukasz entdeckt, wie wichtig es ist, über die Einsamkeit zu reden. "Ich habe eine Therapie gemacht und dort wurde mir eine Selbsthilfegruppe empfohlen. Ich habe gedacht: Cool, da gibt's auch Gruppen für junge Menschen", erinnert sich der 25-Jährige.
Er sei zur Gruppe gegangen, habe dort Leute in seinem Alter kennengelernt und festgestellt, dass er mit seinem Einsamkeitsgefühl nicht allein ist. Mittlerweile fällt es ihm leichter, darüber zu sprechen, und er merkt: Das tut gut.
Sendung: rbb24 Inforadio, 16.12.2025, 9.25 Uhr
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15 Kommentare
Ich bin männlich und 28 Jahre alt. Ich bin vor fast einem Jahr aus beruflichen Gründen ganz alleine nach Berlin gezogen ohne Partnerin oder jemanden zu kennen. Ich habe die Einsamkeit in der Großstadt extrem unterschätzt. Obwohl man von unzähligen Menschenmassen umgeben ist, hat man kaum tiefen Kontakt und fühlt sich wie ein Sandkorn an der Strandküste. Dementsprechend ist es insbesondere als junger Mann schwierig Kontakt aufzubauen. Selbst auf der Arbeit merke ich, dass kaum miteinander gesprochen wird. Man neigt zum Teil dazu den Kontakt zu meiden. Verstärkt wird die Einsamkeit auch noch, wenn man nach der Arbeit an den Wochenenden andere Gruppen von Menschen sieht, die sich vielleicht länger kennen und auf die Piste gehen, man jedoch selbst keinen Kumpel zum Rausgehen hat und alleine zuhause bleibt. Dennoch gibt es einen Lichtblick. Ich habe ich die Erfahrung gemacht, dass man mit der Zeit engeren Kontakt zu Menschen aufbauen kann, wenn man selbst auf die anderen zugeht.
Ich habe Respekt vor seiner Ehrlichkeit, mir gehts ähnlich besch....n!
Und was dieser junge Mann durchlebt, ist mir auch seit meiner Kindheit bekannt. Damals ist ein Elternteil von mir tödlich verunglückt, ich war 5 Jahre und seitdem, sehr zurückgezogen und ohne Selbstwertgefühl. Das besserte sich etwas in der wilden Jugendzeit, aber auch nur oberflächlich, ich habe mein innerstes überspielt. Und heute, als Rentner gehen meine Erinnerungen immer mehr zurück in meine Kindheit und dieses Gefühl des Verlassenseins kehrt zurück. meine Flucht davon besteht auch aus der Kommunikation auf Plattformen, wie hier und Streaming von Serien, genau, wie bei diesem jungen Mann!
Sie müssen viel durchgemacht haben, traumatisch.