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Bericht eines Betroffenen Vom Club in die Klinik: Wie Berliner Partydrogen zur Suchtfalle werden
Symbolbild:Menschen stehen Schlange vor dem Techno-Klub Berghain in Berlin.(Quelle:imago images/E.Contini)
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1 Min
Video: rbb|24 | 14.01.2026 | imago images/E.Contini
  • In Berlin entwickeln viele Menschen unter 30 Jahren eine Abhängigkeit von Partydrogen
  • Suchtkliniken wie der "Tannenhof" vermitteln Struktur für eine Rückkehr in ein Leben ohne Drogen
  • rbb|24 begleitet einen 26-Jährigen durch seinen Alltag in der Suchtklinik

Als die Feuerwehr die Tür aufbricht, ist Eric* schon nicht mehr ansprechbar. Es waren nur wenige Tropfen einer farblosen Flüssigkeit, die die Verbindung zur Wirklichkeit gekappt haben.

Eric hat GBL genommen, besser bekannt als "Liquid Ecstasy": Eine Flüssigkeit, bei der die Grenze zwischen High und Koma schmal ist. Sie verläuft irgendwo zwischen 0,1 und 0,2 Millilitern. Als Eric aufwacht, liegt er in der Notaufnahme, und kann sich an nichts erinnern.

Am Anfang ist GBL ein i-Tüpfelchen an Wochenenden beim Feiern, wie Eric rbb|24 sagt. Später nimmt Eric die Droge mehrmals täglich. Der Konsum wird lebensbedrohlich, sieben Mal kommt der Rettungswagen und fährt den 26-Jährigen mit Überdosis in die Klinik.

rbb|24 Explainer

Weit entfernt vom Nachtleben

Eric ist sportlich, sorgfältig rasiert, kommt ursprünglich aus dem US-Bundesstaat Oregon und sein Deutsch ist nach zwei Jahren Berlin beeindruckend gut. Auf die Zeit seiner Abhängigkeit im vergangenen Jahr blickt er inzwischen aus einer neuen Perspektive. Seit mehr als vier Monaten macht er eine Therapie in einer Suchtklinik im Süden der Stadt.

Der "Tannenhof" liegt mitten am grünen Stadtrand in Lichtenrade, auf einem Gelände, das eher nach Bildungsstätte als nach Klinik aussieht: innen Tageslicht, weiße Türen, große Fenster - draußen ein weitläufiger Garten mit Gemüsebeeten und einem Hühnerstall. Die Suchtklinik verfolgt ein spezielles Therapiekonzept, bietet suchtkranken Eltern und deren Kindern einen ruhigen Ort zur Entwöhnung - und behandelt insgesamt 40 Menschen, die nach teils jahrelangem Drogenkonsum eine Therapie beginnen. Oft geht es um die Entwöhnung Cannabis, aber auch um illegale Drogen wie Amphetamine, Kokain, Crystal Meth - und um GBL.

Das Berghain war "Liebe auf den ersten Blick"

Als Eric im Sommer 2023 nach Berlin kommt, steht am Tag seiner Ankunft mit dem CSD schon die erste Party an. "Es ging los mit Feiern und danach hat es mich weiter in die Clubs gezogen", sagt er. Eine neue Stadt, ein Job als Headhunter einer IT-Firma, neue Freunde in der queeren Szene. Das Berghain, sagt er, sei "Liebe auf den ersten Blick" gewesen. Liquid Ecstasy wurde durch das viele Feiern zum ständigen Begleiter.

GBL - Gamma-Butyrolacton – riecht ein wenig nach Lösungsmittel und schmeckt scheußlich. Aber die Wirkung ist eine Art chemische Abkürzung zu einem Gefühl, nach dem Eric sich ein Leben gesehnt hat: Ruhe. Eric hat ADHS, die Gedanken springen schnell hin und her, verheddern sich manchmal. "Ich konnte nie runterkommen", sagt er, "nicht vom Alltag, nicht vom Feiern".

GBL verschafft ihm außerdem innerhalb von Minuten eine neue Selbstwahrnehmung. Er fühlt sich selbstbewusst, stark, attraktiv. Was die Droge bei ihm auslöste? "Die ganzen Sachen, die mir sonst gefehlt haben, hatte ich auf einmal innerhalb von fünf Minuten von einer verdammten Flüssigkeit."

In seinem Berliner Freundeskreis fällt sein Konsum nicht groß auf, sagt er. Ein bisschen GBL beim Abendessen mit Freunden, eine Line Mephedron, ein paar Tropfen vor dem Club. "Vieles davon gilt als normal, besonders in der schwulen Partyszene von Großstädten wie Berlin."

Als Eric seinen Job verliert, wird das Wochend-Gefühl plötzlich Alltag. Zwei bis drei Monate lang konsumiert er jede Stunde, jeden Tag.

Langer Weg zur Therapie

Dass er etwas ändern muss, merkt Eric nicht, weil es den einen schlimmen Kater gab, nicht den einen schlechten Trip - sondern eine Reihe von Überdosierungen, die er nur mit Glück überlebt. Mehrfach wird er bewusstlos. GBL ist in seinem Alltag längst zum Taktgeber geworden. Alle paar Stunden oder Minuten entscheidet eine neue Dosis darüber, ob Eric klar bleibt, einschläft - oder wieder auf der Intensivstation aufwacht. Einmal muss die Feuerwehr nach einem Notruf in seine Wohnung einbrechen, um ihn schnell in die Klinik zu fahren.

Erst sucht er Hilfe in der Charité, verbringt neun Tage auf einer geschlossenen Station. "Ich habe nicht gewusst, was Entgiftung bedeutet und dass ich wirklich eine Suchterkrankung habe", sagt er. Danach beginnt eine Odyssee, während der er immer wieder vom Weg abkommt. Eric versucht einen Therapieplatz zu finden, doch die Wartezeit in Berlin ist lang. Er fliegt zu seinen Eltern in die USA, um Abstand vom Berliner Nachtleben zu bekommen. Nach ein paar Wochen fliegt wieder zurück, konsumiert erneut.

Den zweiten Anlauf unternimmt er im Urban-Klinikum in Kreuzberg: vier Wochen Entgiftung, Aufenthalt in der Tagesklinik. Eric darf zwischendurch nach Hause, dort erleidet er einen Rückfall, betrinkt sich mit Wodka, konsumiert erneut, die Therapie wird abgebrochen. Eric will es beim Tannenhof versuchen - doch um hier her zu dürfen, muss er eine Entgiftung machen, mindestens zwei Wochen nüchtern bleiben. Er probiert es noch einmal auf eigene Faust, es klappt - er beginnt seine Therapie.

Alltag in der Suchtklinik vermittelt Struktur

Um den Menschen in der Klinik zu helfen, setzt der Tannenhof an verschiedenen Stellen an. Grundvoraussetzung ist strikte Abstinenz. Für Eric gehört inzwischen auch die Alkoholkontrolle zur Routine. Der Test, bei dem er in ein Gerät pustet, findet unangekündigt statt - wer abends das Gelände verlässt, muss damit rechnen, nach der Rückkehr kontrolliert zu werden.

Im Tagesplan des Tannenhofs stehen Begriffe, die erst einmal dröge klingen: Bezugsgruppe, Kunsttherapie, Rückengymnastik, Hühnerdienst. Das Programm soll etwas leisten, das vielen seit Jahren fehlt. Es geht darum, wieder Struktur ins Leben zu bekommen. Weg von der Logik der nächsten Dosis, hin zu wiederholbaren, überschaubaren Aufgaben und einem festen Tagesablauf.

Probleme hinter der Sucht

​Eric kümmert sich jeden Tag eine Stunde um die Hühner, säubert den Stall, füttert die Tiere, sieht nach, ob es allen gut geht. "Das sind Luxushühner", sagt er, "die sind alle extrem alt und haben hier ein gutes Leben." Er hört dabei Musik und die Kombination aus Routine, Tiergeräuschen und Kopfhörern bringt die Fähigkeit zurück, es allein mit sich auszuhalten.

In Gruppensitzungen arbeitet er an Themen, die hinter der Sucht liegen. Dabei geht es um Selbstwert, einen übergroßen inneren Kritiker, Identitätsfragen. Besonders beschäftigt ihn, dass er nur noch zwei Monate im geschützten Rahmen der Klinik hat. "Wie geht das Leben weiter? Es kann einschüchternd sein zu wissen, dass es danach weitergeht ohne permanente therapeutische Unterstützung", sagt er.

Zahl der Drogentoten gestiegen

Corinna Erben, die therapeutische Leiterin der Klinik beobachtet, wie sich die Stadt in ihren Fallgeschichten spiegelt. "Wir merken, dass es immer mehr nicht gebürtige Berliner sind, sondern Zugezogene wie Eric, oft Menschen, die am Wochenende feiern gehen, um Kontakte zu finden, und dann in regelmäßigen Konsum hineinrutschen."

Berlin hat in den vergangenen Jahren einen Rekordanstieg bei den Drogentoten verzeichnet. Laut Kriminalstatistik stieg die Zahl von 271 auf 294 Fälle und ist so hoch wie nie zuvor. Besonders betroffen sind die Bezirke Mitte, Friedrichshain-Kreuzberg und Neukölln, aber auch Außenbezirke wie Spandau und Steglitz-Zehlendorf erreichen inzwischen jedes Jahr zweistellige Zahlen. Im Blut vieler Verstorbener finden sich Kokain, zunehmend als Crack, dazu Opioide und Medikamente - häufig in Kombination miteinander. Auffällig ist ein Anstieg der Todesfälle bei jungen Menschen unter 30 Jahren um 14 Prozent.

Entsprechend ausgelastet sind die Hilfsstrukturen. In ambulanten Einrichtungen wurden zuletzt mehr als 21.000 Menschen wegen Suchtproblemen behandelt, in den neun Berliner Suchtkliniken begannen 2023 rund 1.600 Therapien, vor allem wegen Stimulanzien wie Kokain, Crack und Ecstasy. Menschen, die aufgrund einer Abhängigkeit eine medizinische Rehabilitation machen, sind im Schnitt Mitte 30, bei Drogenabhängigkeit sogar noch etwas jünger. Im Tannenhof bringen die Menschen oft einen ganzen Strauß an Problemen mit, erklärt Corinna Erben: "Psychische Belastungen, familiäre Konflikte, gesundheitliche Einschränkungen, Arbeitslosigkeit."

Ein Drittel bleibt nach der Therapie abstinent

Die Frage, ab wann Konsum zum Problem wird, beantwortet Erben pragmatisch. "Wenn der Alltag nicht mehr funktioniert. Wenn man den Montag freinehmen muss, um sich von der Nacht zu erholen. Wenn Konzentrationsstörungen bleiben, wenn Beziehungen bröckeln und gleichzeitig der nächste Rausch immer wichtiger wird." Spätestens dann sei es Zeit, Hilfe zu suchen.

Um eine Behandlung in einer Klinik, wie dem Tannenhof zu beginnen, brauchen Menschen mit Suchterkrankung entweder einen aktuellen Befund eines Arztes oder einen Sozialbericht einer Suchtberatungsstelle. Damit müssen sie einen Antrag auf Kostenübernahme [drk.de] einer Entwöhnungstherapie bei der Deutsche Rentenversicherung stellen - damit können sie sich beim Tannenhof melden.

Die Ergebnisse der etwa sechs Monate langen Suchttherapien wirken auf den ersten Blick ernüchternd: Ein Drittel der Patientinnen bleibt laut Corinna Erben nach der Reha dauerhaft abstinent. Ein Drittel konsumiert mittelfristig wieder, ein Drittel sogar relativ schnell. Die Zahlen im Tannenhof unterscheiden sich nicht wesentlich von anderen Einrichtungen.

Corrinna Erben wertet diese Bilanz trotzdem als Erfolg: "Wenn wir bedenken, mit welchen Erkrankungen und mit welchen Substanzen wir es hier zu tun haben, finde ich das kein schlechtes Ergebnis."

Rentenversicherung zahlt die Entwöhnungstherapie

Der ärztliche Leiter der Klinik, Matthias Kusch erklärt, dass die Rückkehr ins Berufsleben das eigentliche Ziel der Therapie ist. Die Deutsche Rentenversicherung hat als Kostenträger ein Interesse daran, dass die Menschen am Erwerbsleben teilnehmen und im Rentensystem einen finanziellen Beitrag leisten.

"Das ist ein Ziel, das ich als Psychiater auch unterstütze, weil das auch einen großen Teil der gesellschaftlichen Anerkennung darstellt. Wir haben sehr viele junge, körperlich leistungsfähige Patienten und Patientinnen, die aber seit Jahren nicht mehr im Arbeitsleben stehen", sagt Kusch. "Das hat dann mit der Suchterkrankung zu tun."

Feiern ja - aber nicht als Flucht

Eric selbst sagt, er wolle versuchen, das Risiko neu zu definieren. Er hat bereits einen Platz für Verhaltenstherapie, wenn er aus dem Tannenhof auszieht, möchte in seiner alten Wohnung bleiben, aber beruflich neu anfangen, als Relocation Manager - also jemand, Menschen bei einem Wohnortwechsel unterstützt. Er sagt: "Mit 26 kann ich nicht sagen, ich gehe nie wieder feiern. Aber es darf keine Flucht mehr sein."

GBL ist in seinem Leben inzwischen zur Chiffre geworden. Für eine Stadt, die alles möglich erscheinen lässt, und für ein System, das mühsam versucht, die Folgen dieser Möglichkeiten aufzufangen.

Bevor die Feuerwehr noch einmal seine Tür aufbricht, will Eric gelernt haben, wie sich ein Alltag anfühlt, in dem Dinge langsam, vorhersehbar und manchmal unspektakulär passieren dürfen. Ohne Tropfen, ohne Sirenen. Nur mit sich selbst, seinen Gedanken und weniger Partygewimmel.

* Name von der Redaktion geändert

Sendung: Dieser Beitrag liefert Informationen zu dem Video rbb|24 explainer "Eric will raus aus der Abhängigkeit: Wie eine Suchtklinik hilft", 14.01.2026, 17:00 Uhr

Berlin Explainer Drogen

22 Kommentare

  • Teltow26

    Mich würde interessieren, auf welche Art der junge Mann seine Sucht finanziert hat. Mit regelmäßiger Arbeit sicher nicht.

    0 Antworten
  • Anne

    Solche Behandlungen kosten locker fünfstellige Summen. Dafür zahlt ein normaler AN gern mal 10 Jahre in die KV ein. Ich bezweifle, dass der junge Amerikaner jemals derart viel beitragen wird. Am Ende hatte er hier ein paar schöne Jahre, wurde durch die Gesellschaft aufgefangen und geht zurück in die USA. Wieso kann man solche Personen nicht nach einer Notfallbehandlung ausweisen in ihr Heimatland. Unsere Sozialsysteme müssen nicht weltweit Probleme lösen. Das würde auch Nachamer abschrecken.

    • Dafür zahlt ein normaler AN gern mal 10 Jahre in die KV ein.

      Behandlungen der GKV sind generell ohne Wartezeiten und auch ohne Zuzahlung. Eric war krankenversichert, was ist ihr Problem??? Sparen sie sich ihren plumpen Neid-Reflex!

  • Altwestberlinerin

    Nur ganz kurz wird die Ursache erwähnt - Eric hat ADHS. Wer sich da ein bisschen auskennt, ggf. betroffen ist, weiß, dass AD(H)S Betroffene oft Drogen konsumieren, und zwar, WEIL sie kein Methyphenidat auf BTM Rezept bekommen, weil Erwachsene nicht ausreichend therapiert werden und man keinen Termin beim Psychiater bekommt, der diese Medikamente zum Ausgleich fehlender Botenstoffe verschreiben könnte. Drogen beruhigen dann, der fehlende Filter ist mit einmal da. Süchte pushen das Belohnungssystem, von dem ADHS Betroffene noch mehr als andere Menschen abhängig sind. Es wäre schön, wenn wenigstens denen, die AD(H)S als Ursache haben, geholfen würde. Den Rest der Abhängigen zu therapieren ist dann noch Aufwand genug... PS: ich gehe immer noch in Clubs, aber wie sagte meine jüngere Hälfte so schön, als man uns nach Drogen fragte: "Ne, die hat nix, die nimmt nix" (hab ich jetzt 60 Jahre durchgehalten... fängste nich an, musste nich aufhören). Er selber war schon ein paar mal im KH...

    • weiß, dass AD(H)S Betroffene

      Komisch, heutzutage hat jeder zweite Drogenkonsument irgendwas als Entschuldigung/ Rechtfertigung: ADHS, Allergie, Unverträglichkeit, schlimme Kindheit ect. Immer wird irgendwas vorgeschoben.

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