„An jedem einzelnen Tag der Trump-Regierung werde ich Amerika an die erste Stelle setzen“, sagte US-Präsident Donald Trump bei seiner Angelobung vor einem Jahr. Er plädierte für eine „Revolution des gesunden Menschenverstands“ in Form eines Stopps illegaler Einwanderung, eines Endes der Inflation, einer Renaissance heimischer Industrien und einer Überarbeitung des Handelssystems. Er präsentierte sich als Versöhner, der Kriege gar nicht erst beginne, und drohte damit, den Panamakanal zu erobern. Welche Versprechen hat Trump nach einem Jahr gehalten, welche gebrochen? Ein Auszug.
Migration
»Ich werde Truppen an die Südgrenze der USA entsenden, um die
katastrophale Invasion in unser Land abzuwehren.«
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Ein harter Migrationskurs war eines von Trumps zentralen Wahlkampfversprechen. Tatsächlich ist es ihm gelungen, die Zahl illegaler Grenzübertritte an der Grenze zu Mexiko drastisch zu reduzieren, unter anderem durch verschärfte Grenzüberwachung unter Einsatz von US-Soldaten, mit Unterstützung Mexikos, das Migrationsströme an die US-Grenze eindämmt, und durch das Ende von Asylverfahren nach illegalem Grenzübertritt.
Trump warb dafür, eines der größten Abschiebeprogramme der Geschichte durchzuführen, und stockte die Einwanderungsbehörde ICE finanziell und personell auf. Das Vorgehen der vermummten Beamten, die Migranten im Landesinneren aufspüren sollen, ist höchst umstritten. Sein Ziel, eine Million Migranten auszuweisen, hat Trump aber verfehlt. Der US-Thinktank Brookings geht davon aus, dass 310.000 Migranten abgeschoben wurden. Bis zu 405.000 illegale Migranten kehrten demnach freiwillig in ihre Heimatstaaten zurück.
Auch gegen legale Migration geht Trump vor. Der US-Präsident hat Flüchtlingsprogramme faktisch gestoppt und die Visavergabe stark eingeschränkt. Mitte Jänner setzten die USA die Bearbeitung von Visa für Angehörige aus 75 Staaten auf unbestimmte Zeit aus. Alles in allem vermeldet Brookings erstmals seit einem halben Jahrhundert eine negative Nettozuwanderung. Demnach wanderten 2025 10.000 bis 295.000 mehr Menschen ab, als eingewandert sind.
Handelsstreit
»Wir werden andere Länder mit Zöllen belegen und besteuern, um unsere Staatsbürger zu bereichern.«
Seit dem „Liberation Day“ im April vollzog Trump einen Zickzack-Kurs aus Zollpausen, Verhandlungen und Deals. Das Akronym Taco („Trump always chickens out“ oder „Trump macht immer einen Rückzieher“) gelangte dadurch zu Berühmtheit. Monatelang stellte die Zollpolitik das internationale Handelssystem auf den Kopf. Gemäß einer Studie von Ex-IWF-Chefökonomin Gita Gopinath haben die Abgaben den effektiven Zollsatz der USA auf 14 Prozent erhöht. Das Yale Budget Lab spricht von einer Steigerung auf 18 Prozent, das wäre der höchste Stand seit dem Jahr 1934.
Das Versprechen, durch Handelsschranken die heimische Industrie wiederzubeleben, konnte Trump nicht erfüllen. Im Gegenteil: 2025 wurden im Fertigungssektor rund 68.000 Arbeitsplätze gestrichen. Insgesamt ist die Arbeitslosenquote leicht auf 4,4 Prozent gestiegen. Der Stellenzuwachs liegt mit nur 548.000 neuen Arbeitsplätzen auf einem neuen Tiefstand. Das US-Handelsbilanzdefizit stieg trotz Zöllen bis Ende Oktober um 7,7 Prozent auf 56 Mrd. US-Dollar. Prognosen gehen von einem sich abkühlenden Wirtschaftswachstum von rund zwei Prozent für 2026 aus.
Inflation
»Ich werde die Rekordinflation besiegen und Kosten und Preise rasch senken.«
Die jüngsten Inflationsdaten dürfen die US-Regierung zumindest optimistisch stimmen: Die Teuerungsrate lag im Dezember bei 2,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr und damit so hoch wie im November. Ob sich die Inflation nun langfristig stabilisiert hat, darüber sind sich Experten uneins. Während Trump auf eine rasche Leitzinssenkung drängt, fürchtet US-Notenbank-Chef Jerome Powell bei einer zu raschen Senkung einen Wiederanstieg der Inflation.
Nach einem Jahr Donald Trump befinden sich die Preise für Lebensmittel aber auf einem Dreijahreshoch. Ein Grund dafür ist auch die Zollpolitik. Um Preise zu senken, lockerte der US-Präsident Zölle auf einige Lebensmittel wie Kaffee, Bananen, Fleisch und Tomaten. Auch Mietkosten steigen weiter.
US-Bürger sind zunehmend verärgert. Nur mehr ein Drittel der Befragten in einer Reuters-Umfrage unterstützen Trumps Wirtschaftspolitik. Um Wohnkosten zu senken, schlug Trump zuletzt vor, Finanzinvestoren den Kauf von Einfamilienhäusern zu verbieten und Hypothekenanleihen in Milliardenhöhe aufzukaufen. Das Grundproblem, der Wohnungsmangel, wird mit diesen Vorschlägen aber nicht gelöst.
Kriege
»Mein stolzestes Vermächtnis wird das eines Friedensstifters und Versöhners sein.«
Donald Trump ging mit dem Versprechen ins Amt, den Ukraine-Krieg binnen 24 Stunden nach seiner Angelobung zu beenden. Doch der US-Präsident war nicht bereit, den nötigen Druck auf Russlands Präsidenten, Wladimir Putin, auszuüben. Verhandlungen über einen von den USA vermittelten Friedensplan laufen. Doch Knackpunkte wie russische Forderungen nach Gebietsabtretungen und Sicherheitsgarantien für die Ukraine bleiben ungeklärt.
Im Nahost-Konflikt erzielte Trump im Oktober einen Verhandlungserfolg: Die radikalislamische Hamas und Israel einigten sich auf einen 20-Punkte-Plan, den Rückzug der israelischen Armee im Gegenzug für eine Freilassung aller israelischen Geiseln. Offiziell hat die zweite Phase, der Wiederaufbau Gazas, bereits begonnen. Doch Israel pocht auf die Rückgabe der letzten Geisel-Leiche und die komplette Entwaffnung der Hamas, bevor es den Truppenabzug zur Gänze vollzieht.
Trumps Behauptung, acht Kriege beendet zu haben, ist übertrieben. Unter anderem rühmte er sich mit Friedensdeals zwischen Thailand und Kambodscha sowie der Demokratischen Republik Kongo und Ruanda, doch die Konflikte schwelten weiter. Erfolgreich war Trump in der Schlichtung des fast 40 Jahre andauernden Streits zwischen Armenien und Aserbaidschan.
Die US-Angriffe auf iranische Atomanlagen im August 2025 schürten Sorgen vor einem Flächenbrand in Nahost. Trumps Militärschlag gegen das Regime des venezolanischen Machthabers Nicolás Maduro sorgte im In- und Ausland für Kritik.
Expansion
»Wir holen den Panamakanal zurück.«
Trump machte in seiner Angelobungsrede keinen Hehl aus seinen Expansionsplänen: „Die USA werden sich wieder als eine wachsende Nation verstehen – eine Nation, die ihr Territorium ausdehnt." Die offenste Drohung in seiner Angelobungsrede, den Panamakanal militärisch zu erobern, machte er letztlich nicht wahr. Die USA hatten den Kanal 1999 an Panama übergeben. Dass die Häfen zu beiden Seiten des Kanals in chinesischer Hand sind, wollte Trump nicht dulden. Er drängte Panama zu Konzessionen, unter anderem zur Prüfung chinesischer Investitionen im Land. Das Urteil des Höchstgerichts im mittelamerikanischen Land, ob eine Hongkonger Firma die Häfen weiterhin betreiben darf, steht unmittelbar bevor.
Schon bei der Antrittsrede ließ der US-Präsident erahnen, wie er seine Politik in der westlichen Hemisphäre, dem unmittelbaren Einflussbereich der USA, anlegen werde. Nachdem Trump ein Exempel an Maduro statuierte, vorwiegend, um die US-Kontrolle über venezolanisches Öl zu sichern und die Rivalen Russland und China zu verdrängen, erneuerte er seine Gebietsansprüche über Grönland. Trump reagiert mit Zolldrohungen auf die Entsendung von EU-Soldaten auf die dänische Arktisinsel und setzt damit das transatlantische Verhältnis aufs Spiel.
Diversität
»Wir werden eine Gesellschaft schmieden, die farbenblind ist und auf Leistung basiert.«
Bereits am ersten Tag seiner Präsidentschaft unterzeichnete Trump ein Dekret, das „radikale und verschwenderische staatliche Programme zu Vielfalt, Gleichberechtigung und Inklusion“ verbietet. Diversitätsprogramme, die Rassismus oder Diskriminierung aufgrund unterschiedlicher sexueller Orientierung bekämpfen sollten, förderten Ungerechtigkeit, so die Argumentation. Qualifikation und Leistung sollten die einzigen Erfolgsgaranten sein.
Mit der Kampagne gegen Wokeness setzte der US-Präsident zunächst im öffentlichen Sektor an: Er ließ Staatsangestellte in dem Bereich beurlauben, später entlassen. Auch der Bildungssektor ist betroffen: Dekrete regeln, wie Rassismus und Transgender-Themen an Schulen unterrichtet werden dürfen. Universitäten sollten Förderstipendien beenden. Selbst auf Unternehmen wächst der Druck, sich nicht mehr für Diversität zu engagieren.
Teilweise widersetzten sich Betroffene per Rechtsweg: So schob ein Gericht einem Vorstoß des Bildungsministeriums, Schulen mit Diversitätsprogrammen staatliche Fördergelder zu entziehen, einen Riegel vor. Kritiker sehen den Civil Rights Act von 1964 in Gefahr.
Behördenumbau
»Wir werden eine brandneue Behörde für Regierungseffizienz gründen.«
Gleich am ersten Tag seiner Amtszeit segnete Trump die Gründung der Effizienzbehörde Doge ab. Hauptverantwortlich war Trumps Kurzzeit-Intimus Elon Musk. Er trat mit der Kettensäge auf, um sein Unterfangen, die Staatsausgaben drastisch zu senken, den Verwaltungsapparat zu verkleinern und zu modernisieren, zu unterstreichen. Doch der Tesla- und Space-X-Gründer scheiterte: Statt der angekündigten zwei Billionen wurden offiziell 214 Mrd. US-Dollar eingespart. Musk überwarf sich mit Trump, Doge wurde vorzeitig aufgelöst.
Gleichzeitig entledigte Doge unliebsame Behörden, Programme und Beamte am Kongress vorbei. Das Hilfsprogramm USAID ist de facto Geschichte – mit Folgen für Millionen Menschen weltweit. Auch Ausgaben für den Umweltschutz, im Bildungsbereich oder den öffentlichen Rundfunk wurden massiv zurückgefahren. Knapp 300.000 Staatsbedienstete wurden entlassen. Ideologisch konnte Trump seine Ziele also sehr wohl erreichen.