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Interview
Ist queeres Kino mittlerweile profitabel, Christian Beetz?
Seit 25 Jahren gehört die Produktionsfirma Beetz Brothers zu den renommierten Filmunternehmen hierzulande. Zum Jubiläum kündigt man die Einführung von sechs verschiedenen Labels an – eines davon ist "beetz:QUEER".
Christian Beetz, Jahrgang 1968, ist Filmproduzent, Regisseur, Dozent, mehrfacher Grimme-Preisträger und Geschäftsführer der Gebrüder Beetz Filmproduktion (Bild: Birgit von Bally)
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Gestern, 10:43h 6 Min.
"Entertainment that resonates", lautet der neue Slogan der Gebrüder Beetz Filmproduktion. Mehr als 350 Filme und über 100 internationale Preise weist die Bilanz des Berliner Unternehmens auf. Mit "Die Küblböck-Story – Eure Lana Kaiser"1 oder "Meister der Apocalypse – Roland Emmerich"2 präsentierte man zuletzt schon queere Dokus. Dieses Segment soll ausgebaut werden: Zum 25-jährigen Jubiläum kündigten die Beetz Brothers die Einführung von sechs verschiedenen Labels an – eines davon ist "beetz:QUEER".
Wir sprachen darüber mit Gründer und Geschäftsführer Christian Beetz.
Herr Beetz, Sie haben mit "The Küblböck-Story" und "Meister der Apocalypse" zuletzt zwei queere Dokus vorgelegt. Wie entstand die Idee, ein eigenes Label dafür zu gründen?
Entgegen dem Zeitgeist haben wir in unserer 25-jährigen Geschichte schon immer queere Dokus produziert. Ob es nun der Kinofilm "Gardenia – Bevor der letzte Vorhang fällt"3 über das Ensemble les ballets C de la B mit Alain Platel war, der gerade wieder auf Netflix zu sehen ist, oder der Dokumentarfilm "Dream Boat"4, der auf der Berlinale 2017 Weltpremiere hatte und von Netflix gleich gekauft wurde.
Es gibt immer zwei Wege, wie Filme bei uns entstehen. Entweder entsteht die Idee bei uns, wie bei den beiden vorbenannten Kinofilmen, oder sie wird uns von Autoren herangetragen, wie bei Roland Emmerich. Als ich zum Beispiel das Theaterstück "Gardenia" von Alain Platel und Frank Van Laecke in der Oper von Lille in Belgien sah, war ich so begeistert, dass ich die wahren Lebensgeschichten der Schauspieler in einem Film erzählen wollte, die im Stück verarbeitet werden. Ich habe nach der Aufführung mit Vanessa Van Durme gesprochen, auf deren transsexueller Lebensgeschichte das Stück basiert. Mich hat berührt, wie ehrlich und authentisch unsere Protagonisten mit dem Thema des Alterns umgegangen sind.
Ein anderes Projekt war "Dream Boat", wie kam es dazu?
Auf das "Dream Boat" bin ich durch ein Buch gekommen und empfand es filmisch spannend, wenn 3.000 Männer ein Schiff besteigen, um sich auf die Suche nach Lust und Liebe zu machen. Eines der zentralen Themen in dem Film ist, wie man die Liebe findet, wenn man sich hinter einem gestählten Körper versteckt. Der Film ist sehr bunt und mit Humor und authentischen Tiefgang erzählt. Wenn ich als Produzent "on fire" für ein Thema bin, spreche ich Regisseure an. In diesem Fall war es Tristan Ferland Milewski, mit dem wir später auch das Aufklärungsformat "Make Love" mit der Sexologin Ann-Marlene Henning entwickelt haben oder die extrem erfolgreiche Doku-Serie "Die Küblböck-Story – Eure Lana Kaiser", die in der ARD-Mediathek zu finden ist.
Szene aus der Dokumentation "Dream Boat" (Bild: Gebrüder Beetz Filmproduktion)
Wie viele Filme sollen im Jahr bei "beetz:QUEER" entstehen, mit welchen Budgets?
Wir verstehen uns weiterhin als eine Art "Boutique"-Produktionsfirma, sprich: Wir setzen weiterhin auf Qualität und nicht Masse. So wie unter den anderen fünf Labels wie "beetz:MUSIC" oder "beetz:ORIGINALS" entstehen jedes Jahr nur ein bis zwei Produktionen. Zentral ist, dass wir selbst für ein Filmprojekt Feuer gefangen haben, um es auch bis zu einer erfolgreichen Premiere durchzuziehen. Der Markt ist weiterhin für Dokus sehr schwierig, und leider sind queere Themen häufig ein Zuschussgeschäft.
Gibt es bereits erste Namen von Kreativen und Projekten?
Wir beschäftigen uns gerade mit dem Bayerischen König Ludwig. Ähnlich wie in unserer Doku "Die Akte Tschaikowsky – Bekenntnisse eines Komponisten"5 von Ralf Pleger beleuchten wir den Menschen hinter dem König, um seine innere Zerrissenheit und seine Homosexualität greifbar zu machen.
Ihr Focus liegt bei Dokus, wird das beim Queer-Label ebenso sein? Oder stehen Fiction und Dating-Shows gleichfalls auf dem Plan?
Wenn die richtige Idee an uns herangetragen wird, sind auch andere Formate denkbar. Jedoch verstehen wir uns als Dokumentarfilm-Produktion und haben dort unsere Kernexpertise. Es muss also immer mit wahren Begebenheiten und echten Menschen zu tun haben.
Werden Sie sich auf den deutschen Markt beschränken oder international aufstellen?
Wir sind von Anbeginn an international aufgestellt und haben wesentlich mehr für den internationalen Markt produziert als für den deutschen Markt. Dies hat sich in den letzten Jahren etwas verschoben, da die Sender und Streamer sich strategisch von "local to global"-Geschichten auf "local to local" konzentrieren. Das heißt, dass nahezu nur deutschsprachige Themen beauftragt werden. Das finde ich sehr schade, da ich einen kosmopolitischen Blick auf die Welt habe. Ich bin dafür angetreten, mit Dokumentarfilmen einen Blick auf die vielen Schattierungen des Lebens und die Vielfältigkeit der Welt zu werfen, in diverse Lebensgeschichten einzutauchen und die Herzen zu berühren. Gerade wird die Welt immer kleiner, polarisierter, und der Mainstream gibt den Takt vor.
Mit unseren Arbeiten können wir jedoch Akzente dagegensetzen. Bei arte ist gerade unser Dokumentarfilm "First Lady" unter dem Titel "I Am, What I Am – Stolz eine Frau zu sein"6 über die israelische Transgender-Ikone Efrat Tilma zu sehen. Das ist Gänsehaut-Kino des Regie-Duos Udi Nir und Sagi Bornstein, mit dem wir schon über zehn Jahre eng zusammenarbeiten. Nach jedem Kino-Screening gab es Standing Ovations. Efrat hat eine beeindruckende Lebensgeschichte hinter sich und stellt sich gegen den gesellschaftlichen Rückschritt und die Politik der Regierung Netanjahu. Im Grunde wird unsere Arbeit immer wichtiger, aber auch immer schwieriger.
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Beschränkt sich die Verwertung auf TV und Online oder sind Kinostarts vorgesehen?
Wir erreichen mit unseren Filmen gerade im Web wesentlich mehr als im Kino oder in der linearen Ausstrahlung. Das ist insbesondere mit queeren Themen zu sehen. So hat unsere Mini-Serie "Die Küblböck-Story – Eure Lana Kaiser" in der ARD-Mediathek über drei Millionen Menschen erreicht, was einen Rekord darstellt. Wir erreichen gerade über Online ein wesentlich jüngeres Publikum, welches nicht mehr TV sieht oder ins Kino geht. Für Streamer zu arbeiten, bedeutet ein anderes Storytelling, wo wir uns eine starke Expertise über die vielen Streamer-Produktionen aufgebaut haben, seit wir für Netflix damals den Doku-Auftakt mit der Serie "Rohwedder – Einigkeit und Mord und Freiheit" produziert haben.
Queeres Kino ist prestigeträchtig, ist es mittlerweile aber auch profitabel?
Leider ist queeres Kino oder auch queeres TV nicht profitabel. Es ist uns aber in der Mischung unserer Filmprojekte wichtig, so wie wir auch weiterhin sozial-kritische Themen machen. Solange wir uns solche Produktionen noch leisten können, werden wir sie machen.
Wie wird die Vermarktung aussehen?
Je nach Projekt und lieber breiter als spitz aufstellen. Wir möchten mit unseren Geschichten weiterhin ein möglichst breites Publikum ansprechen.
Wird "beetz:Queer" als Sponsor für queere Events auftreten? Etwa beim Preise der QueerMediaSociety oder beim CSD?
Leider befinden wir uns nicht in der finanziellen Lage, andere queere Initiativen mitzufinanzieren. Wir bitten um Verständnis, dass wir das Geld in die Qualität unsere Filme stecken müssen.
Links zum Thema:
» Homepage der Gebrüder Beetz Filmproduktion7
Mehr queere Kultur:
» auf sissymag.de8
Links
- https://www.queer.de/detail.php?article_id=54816
- https://www.queer.de/detail.php?article_id=55691
- https://www.queer.de/detail.php?article_id=21508
- https://www.queer.de/detail.php?article_id=29239
- https://www.queer.de/bild-des-tages.php?einzel=1145
- https://www.queer.de/video-des-tages.php?vid=2493
- https://www.beetz-brothers.com/
- https://www.sissymag.de/
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