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Türkisches Staatsfernsehen hetzt gegen "Regenbogenfaschismus"
In der Türkei startet Erdogans "Jahrzehnt der Familie" mit einer queerfeindlichen Dokumentation, die vom regierungstreuen Staatssender TRT finanziert und verbreitet wird.
Der Faschismus befinde sich auf dem Vormarsch, in Form eines Regenbogen-Elefanten, meint das türkische Staatsfernsehen (Bild: Screenshot Youtube / tabii)
- Von Sebastian Jung
Gestern, 11:57h 4 Min.
Auf tabii, der nationalen und internationalen Streamingplattform des türkischen Staatssenders TRT (Türkiye Radyo ve Televizyon Kurumu), ist zum 18. Januar eine mehrteilige "Dokumentation" unter dem Titel "Gökkusagi Fasizmi" erschienen, auf deutsch: "Regenbogenfaschismus". Angekündigt wurde die queerfeindliche Veröffentlichung über Social-Media-Kanäle des TRT-Generaldirektors Mehmet Zahid Sobaci. Laut TRT richtet sich die Produktion gegen das, was der Sender als ideologischen Einfluss von LGBTQ+-Aktivismus und Angriffe auf traditionelle Familienwerte darstellt.
Im Trailer wird ein Elefant mit einem regenbogenfarbenen Rüssel gezeigt, der ein gläsernes Kinderzimmer zerstört. Ein Voice-Over kommentiert das Geschehen mit den Worten: "Hört ihr das? Das sind die Schritte des Faschismus" (der englische Untertitel dazu behauptet, der Faschismus sei auf dem Vormarsch). Der Regenbogen wird sinnbildlich mit einem Elefant im Porzellanladen gleichgesetzt, der hier im übertragenen Sinn nicht nur Wertgegenstände zertrampelt, sondern mit der traditionellen Familie auch einen der zentralen, soziokulturellen Werte, die sich der türkische Regierungsapparat rund um den Präsidenten Recep Tayyip Erdogan und sein treuer Staatssender auf die Fahnen schreiben.
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Im vom Sender veröffentlichten Ausschnitten bei X wird zu bedrohlicher Musik in Zitaten internationaler Gesprächspartner*innen unter anderem vor "Männern" im Frauensport gewarnt, die "Transgender-Bewegung" als "institutionalisierter Kindesmissbrauch" bezeichnet oder behauptet, dass Geschlechtsanpassungen im Trend lägen und das Geschlecht einer Person nicht wirklich änderten. Auf X kommentierte2 Mehmet Zahid Sobaci die Trailer-Veröffentlichung mit den Worten: "Wir entlarven einen ideologischen Komplex, der einen Kreuzzug gegen die Institution der Familie führt, der unsere Kinder und Werte ins Visier nimmt". Das Bild des vom Elefanten zerstörten gläsernen Kinderzimmers (eine Metapher der Reinheit, die hier auch kindliche Unschuld assoziiert) bedient gängige Vorurteile rechtspopulistischer und -radikaler Milieus, die in queeren Menschen vor allem eine Gefahr für die gesunde Entwicklung und sexuelle Integrität von Kleinkindern wittern – der hysterische Vorwurf latenter Pädosexualität unter queeren Menschen schimmert im Subtext wie immer offen durch.
Hass schüren auf Sündenböcke
Die Ankündigung der Dokumentation sorgte in der türkischen LGBTQI+-Community für einen Aufschrei. KaosGL3 (die Abkürzung steht für die türkische Menschenrechtsorganisation Kaos Gay and Lesbian Cultural Research and Solidarity Association) verurteilte die "hasserfüllte" Dokumentation. Yildiz Tar, Chefredakteur von KaosGL, nahm in seiner Kritik auch Bezug auf den Umstand, dass die Dokumentation mit öffentlichen Mitteln finanziert wurde: "Wenn sie irgendwo öffentliche Mittel verschleudern wollen, sollten sie sich mal umdrehen und auf die echten Probleme der Menschen schauen. Aber was tut TRT, während das Land inmitten einer Wirtschaftskrise steckt? Sie nehmen das Geld aus unseren Taschen, unsere Steuergelder, und geben es aus, um Sündenböcke zu erzeugen und Hass zu schüren". Die LGBT+-Kommission der Menschenrechtsorganisation IHD (Insan Haklari Dernegi) forderte TRT dazu auf, die Veröffentlichung zu unterlassen. Sie wertete den Inhalt als "Hasspropaganda", die eine Minderheit als "dunkle Gefahr" dämonisiere und die Koexistenz von Mehrheitsgesellschaft und Minderheiten im Land weiter vergifte.
Erdogans Politik und Rhetorik gegenüber queeren Minderheiten hat sich über die letzten Jahre immer weiter verschärft. Das letzte Jahr hatte er zum "Jahr der Familie" ausgerufen, die vor "perversen Ideologien" zu schützen sei (queer.de berichtete4). Queeres stellte er dabei als "neoliberalen, kulturellen Trend" und westliche Verschwörung dar. Im Sommer legte er erneut zu queerfeindlichen Sprüchen nach: "Wir erklären den Zeitraum 2026 bis 2035 zum Jahrzehnt der Familie und der Bevölkerung" (queer.de berichtete5). Die tabii-Dokumentation erscheint also wohl nicht ganz zufällig, sondern kann als konkrete mediale Begleitung der queerfeindlichen Politik gesehen werden.
Zu dieser gehörte auch ein im letzten Jahr vorgelegtes und im Dezember vorerst auf Eis gelegtes Gesetzespaket, das "Homo-Propaganda" oder gleichgeschlechtliche Verlobungs- oder Hochzeitszeremonien mit Geld- und Haftstrafen sanktioniert und höhere Hürden für geschlechtsangleichende Maßnahmen geschaffen hätte (queer.de berichtete6). Seit Jahren werden Prides und weitere queere Events in der Türkei verboten, Teilnehmende mit Gewalt festgenommen und immer häufiger auch angeklagt. Zuletzt ging auch die Medienaufsicht stärker gegen queere Inhalte vor (queer.de berichtete7).
Links
- https://www.youtube.com/watch?v=AMDOPPboT9M
- https://x.com/zahidsobaci/status/2011135537894342965
- https://kaosgl1.org/en/
- https://www.queer.de/detail.php?article_id=52296
- https://www.queer.de/detail.php?article_id=53710
- https://www.queer.de/detail.php?article_id=56041
- https://www.queer.de/detail.php?article_id=55117













