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Interview

LGBTI-Aktivistin aus dem Iran: "Ich hoffe auf ein Eingreifen der USA"

Shadi Amin ist eine der bekanntesten queeren Stimmen der iranischen Exil-Community. Wir sprachen mit ihr über die Proteste in der islamischen Republik, Chancen auf einen Regimewechsel und ihre Erwartungen an die deutsche Politik.


"Freiheit für den Iran": In Berlin demonstrierten am Sonntag rund 1.000 Menschen gegen das Mullah-Regime (Bild: IMAGO / ZUMA Press Wire)
  • Von Marcel Malachowski
    Gestern, 06:56h 7 Min.

Irans oberster Führer Ali Chamenei hat am Samstag erstmals eingeräumt, dass es Tausende Tote während der Proteste in der islamischen Republik gegeben habe. Nach Informationen der Zeitung "The Sunday Times" aus London soll die Zahl der Todesopfer sogar bei 16.500 bis 18.000 Menschen liegen. Mitarbeiter*innen in Notaufnahmen und Kliniken hätten diese Zahlen zusammengetragen.

Über die Revolte im Iran und ihre brutale Niederschlagung, über die Situation von queeren Menschen unter dem Mullah-Regime, über Trump, Bedrohungen, Polizeischutz und die deutsche Iran-Politik sprachen wir mit Shadi Amin. Seit ihrer Flucht aus dem Iran in den 1980er Jahren zählt Amin zu den weltweit bekanntesten und engagiertesten LGBTI-Aktivist*innen der iranischen Exil-Community. Sie gründete das queere Hilfsnetzwerk "6Rang"1.


Shadi Amin lebt in Berlin und London (Bild: privat)

Wie hast Du diese Ereignisse im Iran der letzten Wochen gesehen?

Durch den Shutdown des Internets war es tagelang gar nicht möglich, wirkliche Informationen aus dem Iran zu bekommen. Aber was wir nun danach hörten, ist schlimmer als bei den Aufständen der letzten Jahre davor. Das Erschreckende ist: Es gibt diesmal wahrscheinlich mehr Tote als Festnahmen. Sie haben sie einfach getötet, um den Aufstand zu beenden. Sie haben gar nicht mehr versucht, sie festzunehmen. Sie haben sie einfach getötet. Das ist selbst für dieses brutale Regime des Ayatollahs eine ganz neue Qualität der Brutalität.

Hast Du von konkreten Vorfällen erfahren?

Wir haben mittlerweile wieder viele Berichte, viele Videos bekommen. Es war sogar so, dass in einzelnen Stadtvierteln, in denen es gerade Demonstrationen gab, der Strom abgeschaltet wurde, um dann massenhaft Sniper mit Lasern auf ihren Gewehren im Dunkeln auf die Menschen schießen zu lassen. Es gibt einen Bericht, dass Menschen in große Basare getrieben wurden – dann wurde alles angezündet, wer raus wollte, wurde erschossen. Es soll bei diesem nur einen Vorfall etwa 800 Tote gegeben haben. Das sind die Berichte, die wir haben.

Es sind grausamere Zustände als zum Ende des Iran-Irak Krieges in den 1980er Jahren. Damals gab es Massenerschießungen von Oppositionellen in den Gefängnissen, weil das Regime diese wütenden Menschen nicht mehr in Freiheit haben und sie schlicht vernichten wollte. Das Regime denkt sich jetzt auch wieder, Menschen, die ein- oder zweimal demonstrieren, mit denen können wir umgehen, aber wer – wie jetzt – elf, zwölf Tage lang Demonstrationen unter solchen Umständen durchhält oder wer dann sogar Knasterfahrung hat, diese Leute werden richtig gefährlich für uns werden, sie dürfen nie wieder in Freiheit, deshalb müssen wir sie töten, um diese Gefahr zu beseitigen. Es gibt auch einfach zu wenige Gefängnisse und jetzt wurden wahrscheinlich mehrere zehntausend Menschen festgenommen. Das Regime hat auch jetzt wieder überlegt: Was sollen wir mit diesen Leute machen, damit sie nicht mehr gefährlich für uns sind? Also töten sie sie einfach. Sie erschießen und verbrennen sie einfach, ohne Gefängnisse und Gerichtsverfahren. Und dann präsentieren sie die Massen an Leichen sogar noch selber ganz offen im Staatsfernsehen, zur Abschreckung, zur Einschüchterung.

Was denkst Du, warum die Welt diesem Morden, diesen Massenhinrichtungen auf offener Straße tatenlos zusieht?

Die Welt ist politisch einfach nicht mehr interessiert an Menschenrechten. Es gäbe so viele Möglichkeiten zu helfen, aber nichts passiert!

Offenbar waren in der vergangenen Woche bereits US-Jets in der Luft Richtung Iran. Israelische Medien wie die "Haaretz" berichteten, der Militärschlag sei womöglich in quasi letzter Minute von US-Präsident Trump abgesagt worden. Am Freitag war der Mossad-Chef nun in Washington zu Gesprächen. Es deutet manches darauf hin, dass noch etwas passieren könnte?

Es ist auf jeden Fall das erste Mal, dass ein US-Präsident ein direktes Eingreifen zugunsten der Demonstrant*­innen angekündigt hat. Das war auf jeden Fall neu. Das war anders als bei den ganzen Protesten in den zehn Jahren davor. Das gab vielen im Iran sehr viel Hoffnung und den Mut zu kämpfen. Ich weiß von Menschen im Iran, dass sie nur deshalb weiter auf die Straße gingen, weil Trump das sagte, dass Hilfe unterwegs sei. Sie dachten: "Diesmal gewinnen wir! Sie helfen uns!" Es muss etwas geschehen. Wenn Trump nun sagt, es seien 800 Hinrichtungen an einem Tag abgesagt worden, dann sei das gut, dann muss man sagen: Die Tatsache, dass überhaupt 800 Hinrichtungen an einem Tag geplant waren, das an sich muss der Grund zum Eingreifen der USA sein.

Du hoffst auf ein Eingreifen der USA?

Ja, ich hoffe es … aber es müsste sehr massiv sein. Vielleicht töten sie den Ayatollah. Sonst bewirkt es nichts.

Wie siehst Du die Möglichkeiten für einen Umsturz dann im Iran?

Man muss sagen, dass die aktivste Gruppe dort die Volksmudschaheddin sind, sie haben zwar einen religiösen Ursprung, aber sie sind einfach am besten organisiert, sehr aktiv und sie arbeiten seit den letzten Jahren mit anderen nicht-religiösen Gruppen zusammen in einem "Rat des Widerstands". Sehr viele Jugendliche sympathisieren im Iran mit ihren Aktionen.

Und was sagst Du zu den Reaktionen der EU und der deutschen Bundes­regierung?

Ich fordere als deutsche Staatsbürgerin, dass Bundeskanzler Friedrich Merz viel lauter wird. Die EU ist sehr, sehr schwach. Aber gerade Deutschland ist einer der stärksten Handelspartner des Iran. Aber wer Profite machen will, der muss auch Menschenrechte einfordern. Aber es scheint so, dass nicht alle Menschen gleich viel wert sind für die Politik und die Wirtschaft. Wir sehen sehr wenig Support aus Deutschland, eigentlich sogar null.

Was könnten die Deutschen denn konkret tun?

Es fängt ja schon mit den kleinen Sachen an, aber auch die können sehr wichtig sein. Ich weiß von Fällen, wo Verletzte von den "Frau Leben Freiheit"-Protesten acht Monate darauf warten mussten, bis die deutschen Behörden ihre Anträge auf ein humanitäres Visum überhaupt bearbeitet haben.

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Wie weit haben sich denn auch queere Menschen an den aktuellen Protesten beteiligt? Mit Eurer Organisation habt Ihr ja in den letzten Jahren schon vielen dort geholfen …

Queers sind dort politisch sehr aktiv, auch wenn nicht dauernd Rainbow-Flaggen auf den Straßen zu sehen sind. Wir haben mit "6Rangs" etwa 3.500 Klient*innen direkt im Iran betreut, auch mit Legal Support, indem wir ihnen mit Anwält*innen geholfen haben. Wir arbeiten mit der UNO zusammen und berichten über die Situation vor Ort. Wir reden hier leider über eine unsichtbare Community.

Aber ich muss sagen, ich bin sehr enttäuscht, dass jetzt hier aus Deutschland auch Stimmen kommen wie von Shila Behjat gerade in der "taz", die dazu auffordern, die Opposition solle sich ja mit dem Regime im Iran irgendwie einigen, damit es Frieden gibt. Das ist sehr typisch deutsch und von oben herab. Als ob man in Deutschland wieder einmal genau weiß, was gut für die Armen und Unterdrückten ist. Was denn für eine Einigung? Wie soll man sich denn mit diesem Regime einigen, das Zehntausende tötet?

Wurdest Du schon persönlich bedroht aufgrund Deiner Arbeit?

Ich trage immer so ein Kärtchen mit mir herum für den Notfall, das mir die Polizei gegeben hatte. Es gab vor Jahren vor einer Veranstaltung Drohungen gegen mich von einer islamistischen Gruppe. Dann kontaktierte mich die Polizei. Der Verfassungsschutz, die Geheimdienste hatten Informationen. Ich weiß, wie ich mich schützen muss. Ich gucke, ob mich jemand verfolgt, ich checke immer alles. Die Polizei war bei mir und hat mich beraten, wie ich meine Wohnung sichern kann. Durch diese Sicherheitsunterweisungen habe ich Guidelines für mein Verhalten. Ich achte auf alles, aber ich habe keine Angst. Ich werde weiter kämpfen! Durch Drohungen lasse ich mir keine Angst machen. Ich lebe so weiter, wie ich es möchte. Ich werde nie aufgeben!

Was wünschst Du Dir für die Zukunft?

Ich möchte eines Tages in den Iran zurückkehren, in einen freien Iran. Als freier Mensch möchte ich dorthin zurückkehren. Das ist mein Recht und das Recht aller. Weil wir alle Menschen sind. Wir haben es als Menschen verdient, frei zu sein.

-w-

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