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Es bleibt in der Familie
Der schwule König Friedrich II. hatte einen schwulen Bruder
Heute vor genau 300 Jahren – am 18. Januar 1726 – wurde Heinrich von Preußen geboren. Über "Prinzessin Heinrich", seine Männerfreundschaften und sein Bedürfnis nach Liebe zu Männern.
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Heute, 02:37h 18 Min.
Prinz Heinrich von Preußen (1726-1802) war das 13. Kind des preußischen Königs Friedrich Wilhelm I. und dessen Gattin. Unter seinem älteren Bruder, König Friedrich II. (1712-1786), wurde Heinrich bereits mit 14 Jahren der Chef eines Regiments, blieb jedoch zeit seines Lebens in seinem Schatten. Im Fokus der Untersuchungen zu seinen Männerfreundschaften stehen seine engen Beziehungen zu seinen Adjutanten und Günstlingen.
Im Folgenden verweise ich nicht nur auf Sachliteratur, sondern auch auf belletristische Darstellungen. Diese sind zwar keine Faktenquellen, bieten aber eine wertvolle ergänzende Perspektive, die das Verständnis einer Epoche bereichern. So können Romane einen direkten Einblick in die Gedankenwelt und die moralischen Vorstellungen der damaligen Gesellschaft geben.
Sein Günstling Kaphengst
In seinen "Wanderungen durch die Mark Brandenburg"1 (1880, 58. Kapitel) beschreibt Theodor Fontane in fünf Bänden Landschaften, Orte, ihre Bewohner und ihre Geschichte und behandelt dabei auch Prinz Heinrichs Liebschaft mit dem späteren Major Christian Ludwig von Kaphengst (1740-1780). Danach lernte Prinz Heinrich den Major von Kaphengst vermutlich während des Siebenjährigen Krieges (1756-1763) kennen, "fand Gefallen an seiner Jugend und Schönheit" und nahm ihn später mit nach Schloss Rheinsberg. Kaphengst war zunächst der Adjutant des Prinzen, "eine Stellung, zu der ihn seine geistigen Gaben keineswegs befähigten". Er stieg bis "zum Major auf und beherrschte nun den Hof und den Prinzen selbst, dessen Gunstbezeugungen ihn übermütig machten". Prinz Heinrichs Bruder Friedrich II., "der in seiner Sanssouci-Einsamkeit von allem unterrichtet war, mißbilligte, was in Rheinsberg vorging", und wollte dieses "Verhältnis" beenden. Prinz Heinrich bekam vom König eine größere Geldsumme, entließ Kaphengst zwar offiziell aus seinen Diensten, schenkte ihm dafür aber (ungefähr im Jahr 1774) u. a. Schloss Meseberg. Sie blieben ein Paar, so dass mit der Kündigung "dem bestehenden Verhältnis nur die Last und Peinlichkeit eines unausgesetzten Verkehrs" genommen wurde.
Schon 1986 entstand – basierend auf Fontanes "Wanderungen" – ein fünfteiliger Dokumentarfilm. Im zweiten Teil dieser "Wanderungen durch die Mark Brandenburg"3 (1986. 12:20-21:10 Min., vor allem 14:30-15:10 Min.) werden Prinz Heinrichs "perverser Liebhaber" Kaphengst und die "widernatürliche Affäre" der beiden Männer (hier als wiedergegebene Zitate von Friedrich II.) recht ausführlich behandelt. In dieser Filmpassage ist der Film zwar deutlicher als Fontanes Text, verzichtet allerdings auf eine spannende Anus-Anekdote aus Schloss Meseberg.
Prinz Heinrich (l.) und Kaphengst (r.) in der Verfilmung von Fontanes "Wanderungen durch die Mark Brandenburg" (1986)
Die Anus-Anekdote aus Schloss Meseberg
Schloss Meseberg, das Prinz Heinrich an Kaphengst verschenkte, ist ein Barockschloss aus dem 18. Jahrhundert. In seinen "Wanderungen durch die Mark Brandenburg"1 berichtet Fontane über folgende Anekdote: Im Speisesaal des Schlosses gestaltete der Maler Bernhard Rode ein Deckengemälde, das "im Geschmack jener Zeit" die Vergöttlichung des Prinzen Heinrich darstellte. Zu den Bildmotiven gehört ein Opferaltar mit der Inschrift "Vota grati animi" (= "Nimm dies als Darbringung eines dankbaren Herzens"). Prinz Heinrich und Kaphengst bemerkten allerdings zunächst nicht, dass Rode – sei es aus Versehen oder aus einer Intrige heraus – bei der Inschrift die letzte Silbe fortgelassen hatte, so dass sie lautete: "Vota grati ani" ("Nimm dies als Darbringung eines dankbaren Anus"). Fontane: "In der Umgegend lachte man herzlich." Es ist für die Zeit ein recht derbes Wortspiel, das scherzhaft oder auch beleidigend gemeint sein kann.
Magnus Hirschfeld ("Die Homosexualität des Mannes und des Weibes"4. 1914, S. 664) erzählt die Geschichte etwas anders: Nach ihm soll König Friedrich die "Inschrift an einem Freundschaftstempel, welchen Heinrich einem seiner Freunde gewidmet" hat, verspottet haben. Bei der Inschrift "testimonium grati animi" (= "Zeugnis eines dankbaren Sinnes") ließ er die "letzte Silbe 'mi' durch eine Rosette bedecken". (Daraus ergibt sich "Testimonium grati ani" = "Zeugnis eines dankbaren Afters").
In dem Ausstellungskatalog "750 warme Berliner" (1987. S. 14-16) wird diese Anekdote nur zitiert, aber nicht erklärt. Leider unterbleiben durch eine Tabuisierung des Anus bis heute deutliche Erklärungen zu diesem Wortspiel. In der Briefsammlung "Theodor Fontane und Martha Fontane. Ein Familienbriefnetz"5 (herausgegeben von Regina Dieterle, 2002) ist Fontanes Brief vom 13. Mai 1889 an seine 29-jährige Tochter abgedruckt, worin er betont, dass das Deckenbild mit der "witzig unanständigen Inschrift" eine "Anspielung" auf das Verhältnis der beiden Männer sei (S. 343-344). Die Herausgeberin hebt später hervor, dass dies eine "Anspielung auf die homosexuelle Beziehung" zwischen den beiden Männern sei (S. 771), geht jedoch nicht ins Detail.
Das Schloss wird heute auch als Gästehaus der deutschen Bundesregierung genutzt. Auf einer Tourismusseite für Schloss Meseberg6 findet sich der Hinweis: "Der Lateinkundige weiß, dass sich durch den Wegfall der beiden Schriftzeichen ein anzüglicher Sinn ergibt." Besucher ohne Lateinkenntnisse können bzw. sollen den Kontext nicht verstehen. Nach Wikipedia7 ist auf Schloss Meseberg "bis heute eine Wendeltreppe zwischen der Schlafkammer des Hausherrn und dem Gästezimmer des Prinzen erhalten" geblieben.
Sein Günstling Tauentzien
Prinz Heinrich entwickelte auch eine tiefe Zuneigung zu dem jungen Bogislav Friedrich Emanuel von Tauentzien (1760-1824), der 1776 nicht nur sein Adjutant, sondern auch sein Günstling und Vertrauter wurde. Auf einem Ölgemälde von 1785 sind beide Männer gemeinsam darstellt, was ebenfalls ihre enge Verbindung unterstreicht. (Abdruck in "Hohenzollern-Jahrbuch"9 VI, 1902, S. 12-37, hier S. 25) und in "Prinz Heinrich von Preußen. Ein Europäer in Rheinsberg" (2002. S. 404).
Prinz Heinrich und sein Günstling von Tauentzien (Ölgemälde, 1785. Ausschnitt)
Prinz Heinrich widmete Tauentzien sogar eine eigene Gedenktafel auf seinem Rheinsberger Obelisken, einem Heldendenkmal im Park seines Schlosses Rheinsberg. Tauentzien ist damit einer von 28 Männern, die auf diese Weise durch eine von Prinz Heinrich auf Französisch selbst verfasste Inschrift verewigt wurden (siehe Wikipedia10 mit der Nennung von Tauentzien an elfter Stelle).
Sein Günstling La Roche-Aymon
Theodor Fontane schreibt in seinen "Wanderungen durch die Mark Brandenburg"12: "Antoine-Charles-Étienne-Paul Graf La Roche-Aymon war 1775 geboren. 1792, siebzehn Jahr alt (…) Schön, gewandt, liebenswürdig, ein Kavalier im besten Sinne des Worts, trat er alsbald in eine Vertrauensstellung, ja darüber hinaus in ein Herzensverhältnis zum Prinzen, wie's dieser, seit Tauentzien, nicht mehr gekannt hatte. Der Graf erschien ihm als ein Geschenk des Himmels; der Abend seines Lebens war gekommen, aber siehe da, die Sonne, bevor sie schied, lieh ihm noch einmal einen Strahl ihres beglückenden Lichts. Graf La Roche-Aymon war (nach Kaphengst und Tauentzien) der letzte Adjutant des Prinzen. (…) Dies Freundschaftsverhältnis dauerte denn auch bis zum Tode des Prinzen, welcher letztre noch wenige Monate vor seinem Hinscheiden (…) die Worte niederschrieb: 'Ich bezeuge dem Grafen La Roche-Aymon meinen lebhaften Dank für die zarte Anhänglichkeit, die er mir all die Zeit über erwiesen hat, wo ich so glücklich war, ihn in meiner Nähe zu haben', sowie denn auch anderweitig (…) hervorgeht, daß der Graf die recht eigentlichste Vertrauensperson des Prinzen war, derjenige, der seinem Herzen am nächsten stand." Das Geburtsdatum von Graf La Roche-Aymon wird heute – abweichend zu den Angaben von Fontane – mit 1772 angegeben (Wikipedia13).
Graf La Roche-Aymon (Zeichnung von 1809. Ausschnitt)
"Die Geheime Geschichte des Berliner Hofes" (1789)
Eine wichtige Quelle über die Homosexualität von Prinz Heinrich stammt von Honoré-Gabriel de Riquetti de Mirabeau ("Histoire secrete de la Cour de Berlin"14. 1789. 2. Band. S. 98, 131), wobei die relevantesten Textstellen über Homosexualität bei der Übersetzung "Geheime Geschichte des Berliner Hofes" (1789) nicht berücksichtigt wurden.
Diese Quellen über Prinz Heinrichs Homosexualität wurde zu Beginn der Homosexuellenbewegung mehrfach zitiert, wie von Albert Moll ("Die konträre Sexualempfindung"15, 1899, S. 128-129), dem "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen"16 (1900, S. 428), Georg Back ("Sexuelle Verirrungen des Menschen und der Natur"17, 1910, 2. Band, S. 617) und Richard Linsert ("Kabale und Liebe". 1931, S. 377). Mirabeau schreibt hier u. a.: Ein "ehemaliger Bedienter des Prinzen Heinrich wurde durch seine Kunst, der Knabenliebe seines Herrn zu dienen, erst dessen Günstling". Es sei auch bekannt gewesen, dass "die Ganymede bei Prinz Heinrich stets über alles entschieden haben und entscheiden werden".
Alexander von Sternberg – "Der deutsche Gilblas" (1851/1852)
Der deutsche Erzähler und Dichter Alexander Freiherr von Ungern-Sternberg (1806-1868) hat sich in zwei Werken literarisch mit den homoerotischen Neigungen von Prinz Heinrich auseinandergesetzt. Sein zweibändiges Werk "Der deutsche Gilblas. Ein komischer Roman"18 (1851/1852. Band I: S. 67-73, 103-107, 147-150, 156-158, 214. Band II: S. 137-138, 150-152) ist eine satirisch-komische Gesellschaftskritik. Eine Romanfigur ist Xaver Violet, der als Page an den Hof den Prinzen Heinrich kommt. Dieser Page musste sich einer wöchentlichen Darmspülung unterziehen (als "Lavement" bzw. als "Purgieren" bezeichnet), wobei der Prinz selbst anwesend sein wollte. Einmal im Jahr mussten sich seine sechs Pagen zur Unterhaltung von Prinz Heinrichs Gästen als "arkadische Schäferinnen" verkleiden, wobei der Prinz im Umkleideraum selbst beim Anlegen der Mieder und Röcke behilflich war. Dabei mussten sie beim Hochziehen der Kleider "wider Willen Formen" zeigen, die ihr tatsächliches Geschlecht offenbarten. Xaver Violet wurde nun der Liebling von Heinrich und aus dem Angestellten Xaver Violet später ein gern gesehener Gast. War Prinz Heinrich mit ihm alleine, so erlaubte er sich alle die Vertraulichkeiten und Scherze, die er auch schon früher mit ihm trieb. Prinz Heinrich schickte ihm einmal eine Birkenrute zu – mit dem Hinweis "Bedenke er, dass sein Podex mir nach wie vor zur Disposition steht". Das "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen"19 (1902. S. 503-510) bietet eine gute Zusammenfassung des homosexuellen Inhalts des Romans, der sich nicht nur auf Prinz Heinrich bezieht.
Alexander von Sternberg – "Künstlerbilder" (1861)
Unter dem Titel "Künstlerbilder" (1861) veröffentlichte Sternberg eine dreibändige Sammlung von literarischen Porträts berühmter Persönlichkeiten aus Kunst und Geistesgeschichte, wobei Sternberg biografische Fakten mit fiktiven Elementen verbindet. Auch zu dem, was Alexander von Sternberg in seinen "Künstlerbilder"20 (1861, 1. Band. S. 91, 97, 140-141) über Prinz Heinrich schrieb, gibt es im "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen"21 (1902. 533-534) eine gute Zusammenfassung: Der Musiker Sangrelli fand "wegen seiner andern Verdienste, die nichts mit der Musik zu thun hatten, beim Prinzen Heinrich eine feste Anstellung". In anderen Städten suchte er "junge, hübsche Musiker" auf, die er für Rheinsberg engagierte. Auf diese Weise hatte er auch den 14-jährigen Fritz Mara, einen Antinous "von blendender Schönheit, schwarzem Haar, dunkeln Augen, frischen Lippen" und weißen Zähnen nach Rheinsberg geholt. In Rheinsberg wohnte auch die Sängerin Gertrud Schmähling. Diese hatte "ein Misstrauen gegen Sangrelli gefasst. Dessen Dienst beim Prinzen Heinrich, das, was sie über den Charakter dieses Dienstes hörte, die vielen jungen Burschen, die er zu zügeln und zu bewachen hatte, die Art, wie er dies that und so manches andere, Eigenthümliche und Besondere, was bei dieser Gelegenheit in der Nähe des Prinzen vorfiel, Alles brachte ihr einen Widerwillen gegen den Concertmeister bei"
Zwei Romane von Theodor Fontane (1878/1898)
Auf zwei Romane des bedeutenden Schriftsteller Theodor Fontane (1819-1898) bin ich bereits früher auf queer.de eingegangen22. Seinen ersten Roman "Vor dem Sturm"23 (1878. 2. Bd. 2. Kap.) legte Fontane als Porträt der preußischen Gesellschaft zur Zeit der Befreiungskriege an. Dabei stellte er Prinz Heinrich als einen Mann dar, der "die Frauen haßte. […]. So vollzog sich das Widerspruchsvolle, daß an einem Hofe, der die Frauen als Frauen negierte, ebendiese Frauen doch herrschten […]. Der Prinz hatte nur das Bedürfnis persönlichen Verschontbleibens; im übrigen tolerierte er alle den Sittenpunkt nicht ängstlich wägenden Lebens- und Umgangsformen, die ihm […] ebendeshalb einen bevorzugten Gegenstand der Unterhaltung boten."
In seinem letzten Roman "Der Stechlin"25 (1898. 13. Kap.) wurde Fontane deutlicher, zum Beispiel in einem Dialog zwischen Armgard von Barby und dem Gutsherrn Dubslav von Stechlin über Prinz Heinrich. Armgard: "Ich glaube […] auch mal von der Frauenfeindschaft des Prinzen [Heinrich] gehört zu haben. Er soll […] ein sogenannter Misogyne [= Frauenhasser] gewesen sein. Etwas durchaus Krankhaftes in meinen Augen oder doch mindestens etwas sehr Sonderbares. […] die Weiberfeinde [sind] sogar stolz darauf, Weiberfeinde zu sein, und behandeln ihr Denken und Tun als eine höhere Lebensform. Kennen Sie solche Leute [und] wie denken Sie darüber?" Stechlin: "Ich betrachte sie zunächst als Unglückliche. […] Und zum zweiten als Kranke. Der Prinz […] war auch ein solcher Kranker."
Dieser Roman wurde publiziert, als aufgrund der Publikationen von Sexualwissenschaftlern und gleichzeitig mit dem Beginn einer Homosexuellenbewegung für viele aufgeschlossene Menschen Homo-sexuelle nicht mehr kriminelle Täter, sondern kranke Patienten waren. Als Kranke handelten sie nicht schuldhaft und waren daher nicht zu bestrafen. Die Veränderung der Wahrnehmung – vom kriminellen zum kranken Homosexuellen – lässt sich als Transformation von Vorurteilen, aber auch als Fortschritt und Weiterentwicklung sehen.
Karl Heinrich Ulrichs (1868)
Der Homosexuellenaktivist Karl Heinrich Ulrichs hatte wohl als erster die Idee, eine Liste mit homosexuellen Prominenten zusammen zu stellen, um seinen homosexuellen Zeitgenossen positive Identifikationsmöglichkeiten zu bieten. Diese Liste sollte 80 Personen aus der Zeit seit 1500 umfassen, wozu auch Prinz Heinrich gehörte (1868. VII: 130-13126). Weil Ulrichs dieses Projekt nur vorstellte, später aber nicht realisierte, ist leider nicht bekannt, welche Informationen ihm zur Verfügung standen.
Albert Moll (1910)
Wie auch andere Autoren aus der Zeit der frühen Homosexuellenbewegung ging auch Albert Moll in seiner Schrift "Berühmte Homosexuelle" (1910. S. 31-33) bei Prinz Heinrich auf die Veröffentlichung von Mirabeau ein. Zusätzlich verweist er auf zwei weitere historische Quellen. Zum einen wurde nach Moll in "Les matinées du Roi de Prusse ecrites par Lui-meme" (1766) das Regiment des Prinzen als "aus Päderasten zusammengesetzt bezeichnet", wobei allerdings anhand der auch online vorliegenden Ausgabe27 dieses Buches die Angabe von Moll von S. 29 nicht bestätigt werden kann. Der Autor dieser Schrift, der das Interesse an Klatsch und politischer Diffamierung bedient, ist unbekannt.
Zum anderen verweist er auf den Artikel von Dr. Volz: "Die Prinzessin Heinrich" in: "Vossische Zeitung"28 (15. Juli 1908. Morgenausgabe S. 2-4), der ebenfalls online verfügbar ist und inhaltlich bestätigt werden kann. In diesem Artikel wird König Friedrich mit der Äußerung über seinen Bruder Prinz Heinrich und seiner Ehefrau zitiert: "Ich will nicht näher in das Geheimnis seiner Liebe oder seiner Gleichgültigkeit eindringen; aber ich glaube, daß in jeder Hinsicht eine Frau ihm gut tun wird" (S. 2). Der französische La Touche beobachtete, dass "der Prinz den Reizen seiner Gemahlin gegenüber empfindungslos" sei (S. 3). Bei der Überschrift "Prinzessin Heinrich" geht es um das Stereotyp, dass Homosexualität mit typisch weiblichen Merkmalen verbunden ist, eine typische Form der Diffamierung, durch die Identität bzw. Sexualität abfällig definiert wird.
Magnus Hirschfeld (1914)
Magnus Hirschfeld ging in seinem Hauptwerk ("Die Homosexualität des Mannes und des Weibes"4, 1914. S. 664) ausführlich auf Prinz Heinrich und u.a. auf dessen Verhältnis zu dem Grafen de la Roche-Aymon ein: Er "verheimlichte seine intimen Beziehungen zu seinen Mignons" (=Günstlingen) nicht. Unter diesen am bekanntesten war neben Kaphengst "der notorisch homosexuelle Sänger Mara". Von Fontane und Vehse werde Prinz Heinrichs Homosexualität "als etwas Selbstverständliches (dargestellt). Auch der homosexuelle Schriftsteller v. Ungern-Sternberg berührt gelegentlich die Homosexualität des Prinzen". Mit Mara meint Hirschfeld den Cellisten Johann Mara (1744-1808) und mit "Vehse" offenbar Carl Eduard Vehses Hauptwerk "Geschichte der deutschen Höfe seit der Reformation" (1851-1858). Das populäre Werk enthält eine Fülle von Skandalen, aber ohne genauere Quellenangaben und ohne eine Gesamtregister der 48 Bände können Hirschfelds Angaben nicht bestätigt werden.
Zusammen mit dem Wissenschaftlich humanitären Komitee (Whk) gab Magnus Hirschfeld das "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen" heraus. Hier wurde rund 20 Mal auf Prinz Heinrich verwiesen, wie u.a. auf die Veröffentlichungen von Mirabeau und Ungern-Sternberg. Siehe dazu "Prolegomena zu Magnus Hirschfelds 'Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen (1899-1923)" (2004, S. 198).
Das Theaterstück "Geschlagen" (1923)
In seiner Dissertation "Männliche Homosexualität in der Dramatik der Weimarer Republik"29 (2001, S. 101-103, S. 585) geht Wolf Borchers auf Hans Francks Drama "Geschlagen!" ein, dass als gedrucktes Drama 1923 erschien, seine Uraufführung am 25. April 1923 erlebte und 1944 unter dem Titel "Königsbrüder" erneut aufgeführt wurde. In erster Linie thematisiert das Drama das Leben des Königs Friedrich II. Für Borchers ist aber die Deutlichkeit hervorstechend, mit "der die Homosexualität von Friedrichs anderem Bruder, Heinrich, gestaltet ist", wenn auch nur deshalb, um seine negativen Eigenschaften zu betonten. "Feige, mißgünstig und intrigant wird er (…) als Zerrbild seines Bruders charakterisiert". Dann zitiert er aus dem Drama: "Unscheinbar von Gestalt, ohne Anmut, gleicht er, geistig und körperlich (…) dem König. (…) Für sich gesehen scheinbar des Königs Abbild, erweist er sich neben Friedrich als seine Fratze." Borchers weiter über den Inhalt: "Heinrich ist nur auf seinen Vorteil bedacht und nicht bereit, seinen Pflichten im Dienste des Staates nachzukommen, geht dahingegen seinen homosexuellen Neigungen nach". Dieser zeige sich "hemmungslos promisk, wobei er seine Stellung mißbraucht (…). Direkte homosexuelle Aktionen des Prinzen werden zwar nicht vorgeführt, die verbalen Anspielungen (…) sprechen allerdings für sich (…). Homosexualität als solche wird nicht diffamiert; allerdings wird ausdrücklich nur Prinzen das Recht zugesprochen, zu 'besteigen', wen sie wollen. (…) Heinrichs Neigung zum gleichen Geschlecht hält als zusätzlich abstoßendes Merkmal moralischer Verworfenheit her. (…) Vor allem wirkt die beständige Anspielung auf die analfixierten Gelüste des Prinzen als negativierend". Für Borchers ist es "immerhin bemerkenswert, daß es nun – im Gegensatz zur Situation vor 1918 – möglich ist, ein Mitglied des Hohenzollernhauses eindeutig homosexuell zu zeichnen, ebenso die Deutlichkeit, mit der hierüber gesprochen wird."
Eva Ziebura: "Prinz Heinrich von Preußen" (1999)
Von der Sekundärliteratur der vorigen Jahrzehnte möchte ich auf zwei Bücher und einen Aufsatz verweisen. Eva Ziebura besticht in ihrem Buch "Prinz Heinrich von Preußen" (1999) durch profunde historische Kenntnisse, wobei sich Heinrichs homoerotische Neigungen wie ein roter Faden durch das Buch ziehen. Prinz Heinrich hatte, wie auch sein Bruder, der König, eine "Vorliebe für schöne junge Männer" (S. 44-48) und nur auf äußeren Druck heirate er und sollte nun mit seiner Frau die Ehe "vollziehen, die er weder liebte noch begehrte" (S. 65). Nach der Ehe schloss er sich zunächst Graf Lehndorff an. Der Graf "hatte in Heinrich die große Liebe seines Lebens gefunden" und er bewahrte "dem Prinzen auch die nächsten 50 Jahre seine zärtliche Zuneigung" (S. 68).
Von seinen Männerfreundschaften behandelte Ziebura am ausführlichsten die zu Graf Friedrich von Kalckreuth und Kaphengst: Kalckreuth schrieb später in seinen Erinnerungen: "Der Prinz fand mich allerliebst, und vom (ersten) Augenblick an war ich in allerhöchster Gunst. Er befahl mich jeden Abend zum Souper" (S. 84-85). Prinz Heinrich machte Kalkreuth als seinen Adjutanten, was sein Bruder zunächst abgelehnt hatte (S. 112, 114). Später wurde Kalkreuth "zunehmend von Kaphengst aus seiner Favoritenrolle gedrängt". Leider wurden Heinrich von Kaphengst vor allem ausgenutzt (S. 186-187, 221, 234-236, 309-310). Als Kaphengst im Jahre 1800 starb, hatte Prinz Heinrich bereits eine innere Distanz "zu seinem einstigen Geliebten", was wohl vor allem daran lag, dass er von ihm jahrelang nur ausgenutzt wurde (S. 448-449). Tiefe Gefühle hatte Prinz Heinrich auch zu Johann Mara, den er zunächst als Cellist für sein Orchester engagiert hatte. Als er das Orchester wieder verließ, war das für Heinrich "schmerzlich, denn er hatte den jungen Mara nicht nur geliebt, sondern auch sein Talent gefördert" (S. 222).
Ziebura verweist auf den von Prinz Heinrich gebauten Freundschaftstempel in Rheinsberg. Zur Eröffnung hielt Prinz Heinrich eine Rede über eine Göttin, die beide Geschlechter in sich vereint und über Freunde, die "das Glück des Geliebten" suchen. In diesem Tempel trat Prinz Heinrich als Zeremonienmeister auf und feierte an einem Altar rituelle Freundschaftsbünde: "Bist Du (Name) entschlossen, den (Name) als Freund zu lieben, und als Bruder zu duzen, so sollt ihr beide aus diesem Becher trinken". Im anschließenden Dankgebet auf die Freundschaft bezogen sich die Freundschaftspaare auf Jupiter und Ganymed (S. 232-233).
"Prinz Heinrich von Preußen. Ein Europäer in Rheinsberg" (2002)
Eva Ziebura steuerte drei Beiträge in dem prachtvollen Ausstellungskatalog "Prinz Heinrich von Preußen. Ein Europäer in Rheinsberg" (2002) bei. In einem Beitrag betont Christoph Martin Vogtherr über Heinrichs Favoriten, wie u. a. Heinrich von Lehndorf (S. 495-499), dass in den meisten Fällen nicht bekannt ist, ob es sich bei den Freundschaften von Heinrich zu anderen Männern auch um Sexualpartner handelte, aber sie hätten zumindest Heinrichs Bedürfnis nach Liebe zu Männern erfüllt. Vogtherr weist zu Recht darauf hin, dass die heute übliche Aufteilung des Liebeslebens in Homo- und Heterosexualität erst allmählich im 19. Jahrhundert entstand und die "Frage nach der Homosexualität des Prinzen Heinrich (…) ebenso wie bei seinem Bruder Friedrich schlichtweg anachronistisch" sei. Damit werden Heinrichs Liebschaften zu Männern mustergültig eingeführt und in den zwei nicht weniger spannenden Beiträgen von Hannelore Lehman über Kaphengst (S. 500-504) und von Eva Ziebura über La Roche (S. 505-508) noch vertieft. Unter dem Titel "Der König von Rheinsberg. Ein Preuße für heute: Genialisch, kunstsinnig, europäisch und ein bisschen schwul" schrieb der Historiker Gerd Fesser Artikel in "Die Zeit"31 (1. August 2002. Paywall) eine gelungene Rezension dieses beachtlichen Ausstellungskataloges.
Drei Beispiele von guter Sekundärliteratur
"Homosexualität am Hof" (2020)
Hinweisen möchte ich noch auf den Aufsatz des Historikers Christian Mühling: "Homosoziale Liebe am preußischen Hof des 18. Jahrhundert" in dem Buch "Homosexualität am Hof" (2020. S. 281-302, hier S. 291-300), für den die Quellen zu Friedrich dem Großen und seinem Bruder Heinrich besonders gut geeignet sind, "um homosoziale Beziehungen im Zeitalter der Aufklärung" zu analysieren. Es gäbe zwar keine Selbstzeugnisse, die die vielen homosexuellen Gerüchte von Prinz Heinrich bestätigen, aber zumindest ein aussagekräftiges Selbstzeugnis für die "emotionale Liebe zwischen preußischen Höflingen". Damit meint er die Tagebücher des Grafen Lehndorff, in denen er "ausführlich seine Liebe zum Prinzen Heinrich" schildert, wobei die "Berichte über Lehndorffs Liebe und Freundschaft zu Prinz Heinrich von Preußen (…) einen großen Teil seiner mehrere tausend Seiten umfassenden Aufzeichnungen" füllen. "Die Intimität der gegenseitigen Beziehung wird auch durch die Schilderung gemeinsamer Treffen ohne die Beteiligung des restlichen Hofstaates unterstrichen". So notierte Lehndorff am 22. Dezember 1753 in sein Tagebuch: "Prinz Heinrich kommt in engen Reithosen und schön wie ein Engel zum Diner her". Lehndorff gehe – so Mühling weiter – davon aus, dass Kaphengst und auch dessen Nachfolger Bogislav von Tauentzien den Prinzen "vor allem durch ihr schönes Gesicht bestochen hätten". Lehndorffs Kritik an Kaphengst wertet Mühling als pure Eifersucht. Lehndorff blieb dem Prinzen "bis zu dessen Tod 1802 brieflich und emotional auf das Engste verbunden". In einer Rezension von Jakob Michelsen in "Invertito" (23. Jg. 2021. S. 220-226, hier S. 223-224) wird der Artikel von Mühling zu Recht mit viel Lob bedacht.
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Resümee
Es freut mich, dass es zu Prinz Heinrich mittlerweile gute Sekundärliteratur gibt, die die Hinweise auf seine Homosexualität historisch mustergültig einordnet und vermittelt. Zumindest in früheren Zeiten war es keine Selbstverständlichkeit, dass die Geschichtsschreibung von der Notwendigkeit befreit war, das Bild der preußischen Könige und Prinzen makellos zu halten. Auch die breite Diskussion um Prinz Heinrich, die es in der frühen Homosexuellenbewegung gab, hat mich nicht gewundert und ich kann nur hoffen, dass sein Leben früheren Homosexuellen positive Identifikationsmöglichkeiten bot. Das ist kein Widerspruch zu der Tatsache, dass die Frage nach der Homosexualität des Prinzen Heinrich eigentlich anachronistisch ist und dass es nicht unproblematisch ist, unsere Vorstellungen auf das 18. Jahrhundert zu übertragen.
In rund drei Wochen werde ich hier auf queer.de noch einen Verwandten von Prinz Heinrich von Preußen vorstellen, mit dem er im Bereich der schwulen Geschichtsforschung manchmal verwechselt wurde: Prinz Friedrich Heinrich von Preußen (*12. Februar 1826), der rund 100 Jahre später geboren wurde.
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Links
- https://www.projekt-gutenberg.org/fontane/mark/mar03203.html
- https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Portrait_of_major_Ch._L.v._Kaphengst.jpg
- https://www.youtube.com/watch?v=NStCc1scHd4
- https://archive.org/details/DieHomosexualittDesMannesUndDesWeibes1914/page/n686/mode/1up
- https://books.google.de/books?id=bQGLGz0pONUC&pg=PA771&dq=Theodor+Fontane+Homosexualit%C3%A4t&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwjQkZuy2fvkAhUE_aQKHfuGC-YQ6AEIKTAA#v=onepage&q=Theodor%20Fontane%20Homosexualit%C3%A4t&f=false
- https://www.in-berlin-brandenburg.com/Brandenburg/Landkreise/Oberhavel/Sehenswuerdigkeiten/Meseberg.html
- https://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_von_Preu%C3%9Fen_(1726%E2%80%931802)#Pers%C3%B6nlichkeit
- https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Schloss_Meseberg_Sammlung_Duncker.jpg
- https://digital.zlb.de/viewer/image/14192918_1902/31/
- https://de.wikipedia.org/wiki/Rheinsberger_Obelisk
- https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Heldendenkmal_Rheinsberg_IMG_5918-2.jpg
- https://www.projekt-gutenberg.org/fontane/mark/mar03204.html#:~:text=Wanderungen%20durch%20die%20Mark%20Brandenburg.%20Erster%20Teil.%20Die%20Grafschaft%20Ruppin.
- https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Anton_Stephan_Paul_von_La_Roche-Aymon
- https://archive.org/details/bim_eighteenth-century_histoire-secrete-de-la-c_mirabeau-gabriel-honor_1789_2/page/98/mode/1up
- https://www.google.de/books/edition/Die_Kontr%C3%A4re_Sexualempfindung/md4aAAAAYAAJ?hl=de&gbpv=1&dq=Albert+Moll:+%E2%80%9EKontr%C3%A4re+Sexualempfindung%22+Mirabeau&pg=PA128&printsec=frontcover
- https://archive.org/details/jahrbuchfrsexue01hirsgoog/page/n735/mode/1up
- https://www.google.de/books/edition/Sexuelle_Verirrungen_des_Menschen_und_de/s6QV1-LDbAEC?hl=de&gbpv=1&dq=Georg+Back:+%E2%80%9ESexuelle+Verirrungen+des+Menschen+und+der+Natur%22+prinz+heinrich&pg=PA617&printsec=frontcover
- https://babel.hathitrust.org/cgi/pt?id=hvd.hny62i&seq=7
- https://archive.org/details/jahrbuchfrsexue05hirsgoog/page/n531/mode/1up
- https://viewer.onb.ac.at/1059F10E/
- https://archive.org/details/jahrbuchfrsexue05hirsgoog/page/n561/mode/1up
- https://www.queer.de/detail.php?article_id=35191
- https://www.projekt-gutenberg.org/fontane/vorsturm/vors202.html
- https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Theodor_Fontane_Breitbach.jpg
- https://www.projekt-gutenberg.org/fontane/stechlin/stech13.html
- https://www.google.de/books/edition/Memnon/CQxFAQAAMAAJ?hl=de&gbpv=1&dq=ulrichs+Memnon&printsec=frontcover
- https://www.google.de/books/edition/Les_Matin%C3%A9es_du_roi_de_Prusse/eEtSAQAAMAAJ?hl=de&gbpv=1&dq=Les+matin%C3%A9es+du+Roi+de+Prusse&printsec=frontcover
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