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Interview

"Partnerfindung ist kein Prozess, sondern ein Moment"

Der Psychologe und Beziehungs-Coach Dr. Guido F. Gebauer von der Kennenlernplattform Gleichklang.de warnt im Interview mit queer.de vor Mehrgleisigkeit beim Daten. Ständiger Vergleich führe zu sinkender Bindungsbereitschaft.


Symbolbild: Wie findet man in der queeren Community die große Liebe? (Bild: ChatGPT)
  • Heute, 12:30h 4 Min.

Viele Menschen daten heute über lange Zeiträume. Warum entsteht dabei so häufig keine feste Beziehung?

Weil sich unbemerkt das Ziel verschiebt. Statt Partnerschaft wird Erfolg zunehmend über Kontakte, Matches und Aktivität definiert. Psychologisch sinkt dadurch die Bindungsbereitschaft. Dating bleibt aktiv, Beziehung entsteht nicht.

Sie sagen, Partnerfindung sei kein Prozess, sondern ein Moment. Was meinen Sie damit?

Partnerfindung ist der Moment, in dem eine passende Person in unser Wahrnehmungsfeld tritt. Das kann ein Vorschlag einer Online-Dating-Plattform sein oder eine reale Begegnung, etwa im Café. Dieser Moment ist selten und nicht selbstverständlich.

Warum ist dieser Moment so entscheidend?

Weil Beziehung genau dort beginnt. Wenn dieser Moment erkannt und genutzt wird, kann Beziehung entstehen. Wird er übersehen oder nicht genutzt, geht er oft unwiederbringlich verloren.


Dr. Guido F. Gebauer studierte Psychologie an der Humboldt-Universität zu Berlin und an der Universität Cambridge. Er promovierte bei Prof. N. J. Mackintosh und gründete 2006 die Kennenlernplattform Gleichklang.de1. Seither ist er auch als Dating-Coach und Beziehungs-Coach tätig

Warum wird dieser Moment heute so häufig nicht erkannt?

Weil viele Menschen gleichzeitig vergleichen, auswählen und mehrere Kontakte parallel pflegen. Wer aus vielen Profilen auswählt, erkennt den Moment oft nicht oder misst ihm nicht genug Bedeutung bei.

Welche Rolle spielt Mehrgleisigkeit dabei?

Wer mehrere Kontakte parallel führt, bleibt im Bewertungsmodus. Aufmerksamkeit und emotionale Präsenz sind verteilt, Beziehung kann sich nicht festigen. Psychologische Studien zeigen, dass sogar schon die bloße Imagination von Alternativen die Fähigkeit senkt, sich auf eine Beziehung einzulassen. Bindungsbereitschaft nimmt ab, noch bevor eine bewusste Entscheidung getroffen wird. Die Dating-Apps fördern diesen Prozess, sodass immer mehr Nutzer*­innen bei den Apps festhängen, aber keine Beziehung führen. Manchmal erleben wir dies als innere Leere, löschen die Dating-App, nur um sie neu zu installieren.

Warum wirkt Mehrgleisigkeit zunächst attraktiv?

Sie ist spannend, stimulierend und bietet kurzfristige Bestätigung. Sie eignet sich für Sexualkontakte, Flirts und Abwechslung, nicht aber für die Entstehung stabiler Liebesbeziehungen. Durch Mehrgleisigkeit gewinnen wir an Kontakten, verpassen aber den Moment der Partnerfindung.

Können Sie diesen Zusammenhang zwischen Mehrgleisigkeit und verpasster Partnerfindung genauer erläutern?

Partnerfindung ist der Moment, in dem eine passende Person in unser Blickfeld gerät. Wenn wir aus vielen Profilen auswählen oder Kontakte mehrgleisig nutzen, erkennen wir diesen Moment oft nicht oder nutzen ihn nicht. Wir daten weiter, ohne Liebe zu finden, oder verlieren eine entstehende Beziehung, weil wir nicht aufhören zu daten.

Beobachten Sie dieses Muster auch in Ihrer praktischen Arbeit?

Ja. Im Dating-Coaching zeigt sich häufig, dass Beziehungen nach einigen Monaten enden, weil eine oder beide Seiten das Dating nicht beendet haben. Bindung bleibt instabil, obwohl anfänglich eine echte Chance bestanden hätte. Das Beenden des Datings ist ein innerer Akt der Entscheidung, der große Auswirkungen auf den Verlauf einer Beziehung hat. Erst dadurch entsteht emotionale Fokussierung. Ohne diesen Schritt bleibt Beziehung vorläufig und jederzeit ersetzbar. Der Soziologe Zygmund Bauman spricht von "Liquid Love", einer Form austauschbarer und vorläufiger Liebe, die durch die Struktur der modernen Dating-Systeme gefördert wird.

Was unterscheidet Ihre Plattform Gleichklang grundlegend von Gay-Dating-Apps?

Gleichklang ist seit 19 Jahren nicht auf Nutzung der Plattform, sondern auf Beziehungsentstehung optimiert. Es gibt keine Massenprofile, keine Belohnungsschleifen und keine strukturell geförderte Mehrgleisigkeit. Stattdessen stehen Werthaltungen, Lebensziele und Beziehungsmodelle als zentrale Matching-Kriterien im Vordergrund. Die Plattform ist so gestaltet, dass der Moment der Partnerfindung erkannt und genutzt werden kann, anstatt im permanenten Vergleich unterzugehen. Dies bedeutet aber auch, dass viel Geduld und Warten auf Vorschläge notwendig sind. Aus diesen wenige Vorschläge entstehen jedoch oft Beziehungen.

Ist Gleichklang konservativ, weil Sex nicht im Mittelpunkt steht?

Nein. Gleichklang ist sexpositiv, unterscheidet aber klar zwischen Sexualität und Beziehung. Psychologisch handelt es sich um unterschiedliche Prozesse mit unterschiedlichen Auswahlkriterien. Wer Beziehung sucht, braucht andere Strukturen als für Sexualkontakte. Sexualität kann Teil einer Beziehung sein, ersetzt aber nicht die Voraussetzungen für Bindung, Verlässlichkeit und gemeinsame Lebensgestaltung.

Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang die Frage kostenloser versus kostenpflichtiger Dating-Angebote?

Kostenlose Angebote senken die Verbindlichkeit. Menschen melden sich aus Langeweile, Neugier oder ohne klare Beziehungsabsicht an. Die Heterogenität der Motive erschwert die Partnerfindung für alle. Kostenpflicht wirkt als psychologischer Filter und erhöht die Ernsthaftigkeit der Teilnahme. Kostenlose Strukturen fördern Vergleich und Mehrgleisigkeit. Beziehung entsteht jedoch dadurch das der Fokus auf eine Person gerichtet wird.

Sind gerade schwule Männer besonders von diesen Dynamiken betroffen?

Im schwulen Kontext haben Dating-Apps eine besonders zentrale soziale Funktion übernommen. Sie ermöglichen viele Kontakte, erzeugen aber gleichzeitig ständigen Vergleich, Hoffnung auf noch bessere Profile, Austauschbarkeit und dadurch sinkende Bindungsbereitschaft.

Was ist aus psychologischer Sicht der entscheidende Schritt zur Partnerfindung?

Den Moment zu erkennen, in dem eine passende Person in unser Blickfeld tritt, alle Aufmerksamkeit sodann nur auf diese Person und das Ausloten einer möglichen gemeinsamen Zukunft zu fokussieren und in den Beziehungsaufbau einzusteigen. Ab diesem Moment alle Dating-Apps entfernen und so die Chance für eine tragfähige Liebesbeziehung ermöglichen.

-w-

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