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Interview

"Ich bin bereit, für unsere freiheitlich-demokratischen Werte zu sterben"

Wir sprachen mit Oberst Anastasia Biefang und Oberleutnant Sven Bäring von QueerBw über die neue Wehrpflicht, alte Geschlechterbilder in der Bundeswehr, moderne Kriegsführung, "Körperpolitik" und den aktuellen Zweibrücken-Skandal.


Symbolbild: Zwei Bundeswehr-Soldaten sichern einen Brigadegefechtsstand (Bild: Bundeswehr / Fabian Hauschild)
  • Von Marcel Malachowski
    Heute, 11:15h 9 Min.

Der Verein QueerBw ist seit 2002 die "Interessenvertretung der lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans-, inter- und andersgeschlechtlichen Angehörigen der Bundeswehr". Bundesweit hat er nach eigenen Angaben rund 400 Mitglieder.

Zum Start des neuen Wehrdienstes – am Donnerstag verschickte die Bundeswehr die ersten 5.000 Schreiben mit Fragebögen an junge Menschen des Jahrgangs 2008 – sprachen wir mit dem QueerBw-Vorsitzenden Oberleutnant Sven Bäring und seiner Stellvertreterin Oberst Anastasia Biefang.

Mit welcher Stimmung geht Ihr in dieses Jahr? Die Welt ist ja nicht gerade ärmer an Antagonismen geworden…

Bäring: Ich gehe mit verhaltenem Optimismus in das neue Jahr und im Bewusstsein, dass wir unverändert sichtbar und laut auf den Straßen, in unserem Communitys und in unserem Arbeitsumfeld sein müssen. Die Zeiten werden leider nicht einfacher!

Seit diesem Jahr gibt es ja nun die Wehrpflicht, wenn auch noch keine allgemeine und nicht für alle Geschlechter. Wie betrachtet Ihr denn das? Ein politisch konservativer Rückschritt in die Zeiten des Kalten Krieges – oder notwendige Anpassung an veränderte Realitäten, moderne Gefahren und konkrete Bedrohungen aus Russland? Und werden durch diese Wehrpflicht light vielleicht sogar mehr Queers zur Bundeswehr gehen?

Biefang: Ich bin ja ein "Kind" der Wehrpflicht aus den 1990er Jahren. Die aktuelle Sicherheitslage ist ein Rückschritt in "alte Zeiten"; die Idee einer Wehrpflicht daher eher eine Konsequenz und Notwendigkeit. Ich wünsche mir von der Politik mehr Offenheit und eine tatsächliche Auseinandersetzung mit dem Thema. Und wenn Wehrpflicht, dann eine gerechte und umfassende. Ob die Wehrpflicht dann auch ein Mittel zur Personalgewinnung für die aktiven Streitkräfte wird, bleibt abzuwarten. Und ob mehr Queers dadurch auch freiwillig zur Bundeswehr gehen würden, liegt eher daran, wie glaubwürdig und authentisch die Maßnahmen für eine echte gelebte Vielfalt in der Bundeswehr sind.


Anastasia Biefang und Sven Bäring in zivil (Bilder: Patrick Enssle, "Til Knappe)

Während etwa in Israel die Streitkräfte durch alle politischen Lager hindurch als selbstverständlicher Teil der Gesellschaft gesehen werden, wird das Militär in Deutschland von einigen immer noch als etwas Fremdartiges wahrgenommen. Hat sich diese Akzeptanz durch die Zivilgesellschaft in den letzten Jahren verändert?

Bäring: Ob die Akzeptanz statistisch höher geworden ist, vermag ich nicht zu sagen, was ich aber erlebe – auch in meinem persönlichen Umfeld – ist eine andere Haltung zu Militär und damit der Bundeswehr. Gerade auch in den vergangenen Jahren und der sich wandelnden Sicherheitslage.

Biefang: Und das erlebe ich auch in meiner queeren linken Community in Berlin. Die Realität des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine ist in Berlin täglich spürbar. Kyiv ist nicht weit entfernt. Der Krieg ist real, nah, und die Augen zu verschließen, ist keine Option. Und dennoch wird die Bundeswehr auch kritisch beäugt. Wie andere Sicherheitsorgane auch. Und die zum Beispiel letzten Skandale aus Zweibrücken sind ja auch Grund genug, eine kritisch-distanzierte Haltung weiterhin zu haben.

Und wie weit ist es vice versa mit der Akzeptanz der Bundeswehr innerhalb der Community, etwa auf CSDs oder dem Straßenfest in der Motzstraße? Gibt es Anfeindungen und Kritik – oder Interesse und Sympathien?

Biefang: Wir haben da schon alles erlebt. Ob in Köln, München oder Berlin. Angefangen von Herunterreißen unserer Vereinsflagge vom Truck, Pöbeleien gegen unsere Mitglieder auf dem CSD, aber auch – und das ist die überwiegende Realität – offene und neugierige Begegnungen, entspannte und interessierte Gespräche, Wissensdurst über die Bundeswehr und wie der Alltag von uns queren Angehörigen ist. Auch Fragen danach, was unserer Meinung nicht gut ist und natürlich auch, wie Queer und Soldat*in-Sein zusammengeht.

Bäring: Gerade im letzten Jahr haben die Unterstützungsbekundungen und der Zuspruch spürbar zugenommen. Vor einigen Jahren warfen sich noch Aktivist*innen kunstblutverschmiert vor unser CSD-Fahrzeug. Heute erleben wir sehr viel Interesse und Sympathie.


Infostand der Bundeswehr beim Lesbisch-Schwulen Stadtfest 2025 in Berlin (Bild: IMAGO / NurPhoto)

"Don't ask, don't tell" war ja jahrzehntelang die Devise des US-Militärs, in Israel wurde die queere Community dagegen schon seit den 1990er Jahren offensiv beworben von der Armee. Wie steht die Bundeswehr denn heute zur Community?

Bäring: Die politische und militärische Leitung hat sich in den letzten Jahren deutlich für die Lebensrealitäten queerer Angehöriger geöffnet. Es hat aber auch lange gedauert. Mittlerweile haben wir eine Diversitätsstrategie, es gab bereits zwei Diversity-Konferenzen, es gibt eine nebenamtliche Transgenderbeauftragte, eine Ansprechstelle für Diskriminierung und Gewalt; das Thema hat sich in den Jahresweisungen zur Ausbildung wiedergefunden, und auch das BMVg hat bereits mehrmals zum 3. Juli die Regenbogenflagge an beiden Dienstsitzen gehisst.

Biefang: Das sind alles tolle Zeichen und Maßnahmen. Wir als Verein hoffen und wirken dahin, dass diese Entwicklung keine Rückschritte erleidet und queere Perspektiven weiterhin Einzug in die Bundeswehr erhalten. Und es gibt immer noch viel zu tun. Themen wie Nicht-Binarität oder geschlechtliche Vielfalt stehen noch am Anfang.

Aber wie ist denn die Situation konkret für Queers in der Bundeswehr im Alltag?

Bäring: Das kommt ganz drauf an. Es gibt ja nicht "die" Bundeswehr – wir sind eine Organisation mit über 260.000 Angehörigen. Wir erleben Einheiten, die sich proaktiv mit queeren Realitäten beschäftigen, aber eben auch immer wieder Fälle von Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung oder der Geschlechtsidentität.

Biefang: Aber das grundsätzliche Dienstumfeld hat sich deutlich gewandelt – und damit meinen wir nicht nur, dass wir uns jetzt nicht mehr verstecken müssen. Queere Soldat*innen leisten ihren Dienst in allen Bereichen der Bundeswehr – und das sichtbar. Da gibt es keine Einschränkungen. Und dennoch – auch ich habe noch manchmal Momente, wo ich denke: "Das darf doch nicht wahr sein". Wenn du zum Beispiel ein Formblatt ausfüllst und dein Geschlecht eingeben sollst und es nur zwei Auswahlfelder gibt. Oder Leute auf mich zukommen und eben nicht achtsam mich fragen, was ich denn nun bin? Also Mann oder Frau. Da fasse ich mir schon noch an den Kopf. Zugleich spornt das aber auch an für die Arbeit im Verein.

Wie genau versucht Ihr bei Anfeindungen zu helfen?

Biefang: Zunächst als verständnisvolle und vertrauensvolle Ansprechstelle. Wir agieren als Fürsprechende, unterstützen gegebenenfalls Soldat*innen beim Erstellen von Eingaben oder Beschwerden, können vermittelnd wirken und geben Rückhalt.

Ein großes Thema, das auch in der Szene ja sehr viel diskutiert wird, ist der Begriff und die Wahrnehmung von Männlichkeit, Stärke, Körperbildern, Geschlechterbildern und "Körperpolitik". Für physisch anspruchsvolle Einsätze und militärische Operationen "im Feuer" sind körperliche Stärke, Fitness, Muskulösität ja nicht nur zwingend ratsam, sondern eine Frage des Überlebens. Gleichzeitig existiert in einigen Bereichen der Polizeien und der Bundeswehr wie auch in der Gesellschaft allgemein weiterhin ein sehr reaktionäres Menschenbild. Die neue US-Regierung hat der DEI-Offensive innerhalb der Streitkräfte den Krieg erklärt und einen Kult der Stärke zum Ideal erhoben – obgleich Smart Warfare, also nicht-physische Kriegsführung außerhalb des Gefechtsfeldes und etwa im hochdigitalisierten Bereich immer wichtiger wird. Wie betrachtet Ihr diesen ganzen Komplex und diese Diskussionen?

Biefang: Ich finde das Thema wahnsinnig wichtig, insbesondere in der heutigen Zeit, wo viele nur nach einfachen Antworten suchen oder meinen zu wissen, was es heißt, ein "richtiger Soldat" zu sein. Vor allem ist das der gegnerischen Drohne völlig egal, wer und wie du bist – die macht da keine Unterschiede.

Ich wünsche mir – und wir fordern das als Verein auch ein -, dass wir als Bundeswehr über unser Bild des Soldat*in-Sein sprechen. Und das heißt für mich, die queere Perspektive, die Perspektive von Frauen, die seit 2001 ihren Weg in dieser männlich geprägten Bundeswehr gegangen sind, die Perspektive von Soldat*innen mit Migrationshintergrund einzunehmen und uns damit aktiv auseinanderzusetzen. Eine vielfältige, nicht rein männliche Armee wird meiner Meinung nach ein anderes Bild vom Soldat*in-Sein haben. Und das ist mit Sicherheit nicht weniger verteidigungsfähig und einsatzbereit als die alten, tradierten Stereotype von Soldat und Männlichkeit.

Bäring: Und sind wir mal ehrlich: Einen Krieg, wie er gerade in der Ukraine stattfindet, hat noch kein*e Soldat*in der Bundeswehr je erlebt. Auch nicht die alt gedienten. Eine vielfältige Armee ist meiner Meinung nach die bessere Armee. Eine, die den Werten unserer Gesellschaft verpflichtet ist und diese auch verteidigt, weil das Erleben dieser Werte ein Alltagsmoment des Dienstes ist. Das zeigt auch die Wissenschaft. Ein Soldat hat es kürzlich sehr gut formuliert: "Du musst nicht hassen, wer dir gegenübersteht. Du musst lieben, wen und was du schützt!"

Es gibt seit vielen Jahren ja auch jüdische oder auch muslimische Berufssoldat*innen bei der Bundeswehr, aber es gab in den letzten Jahren immer wieder teils sehr schwerwiegende Vorfälle in der Bundeswehr mit Rechtsextremismus, Antisemitismus und sogar Terrorismusverdacht bei einzelnen (Ex-)KSK-Soldaten. Hat das intern vielgerühmte Prinzip der sogenannten InFü, der "Inneren Führung", da nicht komplett versagt?

Biefang: Nein. Das Prinzip und die Konzeption der Inneren Führung sind nach wie vor sehr gut und für mich handlungsleitend im Dienst. Versagt hat die Anwendung und die Praxis der Inneren Führung im dienstlichen Alltag durch Vorgesetzte. Ich glaube, das erkennen wir gerade ganz deutlich in den Berichten aus Zweibrücken.

Aber ist denn nicht auch in Sachen Fehlerkultur, Selbstbild, Aufarbeitung oder etwa der kritischen Betrachtung interner Strukturen noch sehr, sehr viel nachzuholen bei der Bundeswehr?

Biefang: Fehler nicht ehrlich einzugestehen, ist eine menschliche Schwäche, die sich dann natürlich in Organisationen umso negativer auswirkt. Dennoch streben wir ja nach einer Kultur der Offenheit, Respekt und Wertschätzung. Daran sind wir alle gehalten, jeden Tag zu arbeiten. Das fängt bei jede*r Einzelnen an.

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Die Bundeswehr hat sehr große Nachwuchsprobleme: Muss sie nicht vielleicht etwas lockerer, cooler und vor allem sehr viel unbürokratischer werden, damit sich mehr junge Menschen dafür interessieren? Und warum sind lange Haare bei Männern immer noch ein Problem? Ob etwa ein Scharfschütze effektiv arbeitet, ist ja nicht von der Länge der Haare abhängig...

Biefang: Die Bundeswehr muss mit dem Zeitgeist gehen, und das steht nicht im Widerspruch zum Soldat*in-Sein oder einer verteidigungsfähigen Armee. Und warum lange Haare noch ein Problem sind? Weil lange Haare bei Männern für viele alte, weiße Männer in der Bundeswehr einfach ein Problem sind. Und die sind halt noch im Dienst, teilweise noch sehr lange. Also: Noch etwas Geduld!

Die beiden alten, weißen Frauen, die die Bundeswehr vor Pistorius geführt haben, hatten das aber auch nicht geändert, reaktionäres Denken ist nicht auf ein Geschlecht beschränkt… Wenn junge und auch queere Menschen Euch jetzt fragen, warum sie denn zur Bundeswehr gehen sollten: Was sagt Ihr Ihnen, warum es sich lohnt?

Bäring: Wenn du die Freiheit und Offenheit von unserem Deutschland – trotz all der Fehler, Ecken und Kanten – liebst, dann lohnt es sich, dafür einzustehen. Ich kann in Berlin mit meinem Partner Hand in Hand gehen, zusammen Hochzeitsanzüge aussuchen oder Feiern gehen und werde geschätzt. Diese Freiheit ist es, die auf dem Spiel steht. Auch wenn wir Probleme haben, unsere Freiheit nicht perfekt ist und immer wieder gegen rechte Akteure verteidigt werden muss, ist sie das Wertvollste, was wir haben. Es macht uns zu einem Teil einer Gesellschaft, an der wir aktiv teilhaben können und diese weiter formen können.

Biefang: Es lohnt sich ganz einfach, weil diese, unsere Gesellschaft es wert ist, sie gegen jeden Angriff von außen zu verteidigen. Ich bin bereit, für diese Gesellschaft und für unsere freiheitlich-demokratischen Werte zu sterben. Diese Frage muss sich jemensch, der zur Bundeswehr möchte, aber selbst beantworten.

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