: Jörg Keller
Schon als Kind hat Jörg Keller in einem Grundschulaufsatz von „Compjutern“ geschwärmt. Heute ist er Professor an der Fernuniversität Hagen und koordiniert das internationale Forschungsprojekt „Simargl“. Mit diesem Projekt sollen Toolkits zum Schutz vor Cyberkriminalität entwickelt werden.
von Fanny Haimerl
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Der geflügelte Wolf Simargl wird in der slawischen
Mythologie als Gott des Feuers, aber auch als Hüter der Ernte verehrt. Das Logo
des Forschungsprojektes Simargl zeigt ebenfalls einen geflügelten Wolf. Simargl
steht für „Secure Intelligent Methods for Advanced Recognition of Malware and
Stegomalware”. Die Forschenden des Projekts entwickeln Toolkits zum Schutz vor Cyberkriminalität.
„Ein Wolf ist sehr wachsam, kann im Ernstfall aber auch
aktiv und aggressiv vorgehen“, sagt Jörg Keller. Mit der Abwehr von
Cyberangriffen sei das sehr ähnlich. Keller ist Professor am Lehrgebiet
Parallelität und VLSI an der Fernuniversität Hagen, er koordiniert das
internationale Forschungsprojekt. Vor drei Jahren entschied die EU-Kommission,
das Projekt Simargl im Rahmen des Programms Horizont mit fünf Millionen Euro zu
fördern.
Das Konsortium besteht aus 13 Partnern aus mittel- und osteuropäischen
Mitgliedstaaten der EU. Es wurde im Rahmen einer Ausschreibung des
Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) zusammengestellt.
Analoge Kindheit „in der Provinz“Aufgewachsen ist Keller in den 60ern und 70ern im Saarland.
Seine Kindheit lebte er noch ziemlich analog „in der Provinz“, wie er sagt. Mit
Computern hatte er damals noch nicht viel zu tun, auch wenn er schon in einem
Grundschulaufsatz von „Compjutern“ schwärmte.
Nach seinem Abitur studierte er Informatik in Saarbrücken,
wo er auch promovierte. Später arbeitete er ein Jahr lang an einem
Forschungsprojekt in Amsterdam mit. Nach seinem Aufenthalt in den Niederlanden
ging er zurück nach Saarbrücken und habilitierte. Für seine Professur
bekam er Angebote von Universitäten in Connecticut, Cottbus und Hagen.
Er entschied sich für die Fernuniversität Hagen, an der er
seit 1996 lehrt und forscht. „Als ich 1996 hier angefangen habe, war es noch
ein Problem, die verschiedenen Unistandorte an das Internet anzubinden, damit
man E-Mails verschicken konnte“, sagt Keller. Damals bestand die Informatik
hauptsächlich aus Softwareentwicklung für Firmen und der einfachen Vernetzung
von Rechnern, erklärt Keller.
Ursprünglich war Keller in dem Bereich Rechnerarchitektur
tätig: „In Saarbrücken haben wir Rechner gebaut“, sagt er. In Hagen hat er
eigentlich einen Lehrstuhl für technische Informatik, ist aber zuständig für
IT-Sicherheit.
Die Informatik ist ein Fach, das in Bewegung ist
Das Thema IT-Sicherheit fasziniere ihn, weil es viele
verschiedene Fachbereiche schneide. So ist die Mathematik ein großer Teil des Feldes,
aber auch die theoretische Informatik. „Man kann beispielsweise anhand des
Energieverbrauchs des Smartphones feststellen, ob da eine bösartige App drauf
ist“, sagt Keller. „Die Informatik ist so sehr vielfältig und ein Feld, das
sich kontinuierlich weiterentwickelt.“
Doch nicht nur die Informatik selbst habe sich in den
letzten Jahrzehnten stark verändert, sagt Keller, auch die gesellschaftliche
Relevanz sei größer geworden. „Heutzutage muss sich jeder mit dem Thema der
IT-Sicherheit befassen, weil die Nutzung von Computern und Smartphones
unausweichlich geworden ist“, sagt Keller.
Cyberangriffe auf Firmen, Krankenhäuser oder Industrieanlagen
können gravierende Folgen haben, betont Keller. In Friedenszeiten spiele die
Störung der Kritischen Infrastruktur zwar keine so große Rolle wie im Moment,
dennoch müssen sich Staaten auch dann gegen Spionage schützen. Daher arbeitete
er mit seinem Team an dem Forschungsprojekt Simargl.
Das Simargl-Toolkit läuft über ein Dashboard
Der Zugriff auf das Simargl-Toolkit funktioniere über ein
Dashboard, sagt Keller. „Dieses zeigt ‚Zustände‘ eines Netzwerkes an,
beispielsweise eines Unternehmens. Das Toolkit besteht aus verschiedenen
Programmen, die auch im Zusammenspiel interagieren können“, so wird es auf der
Webseite der Fernuniversität Hagen erklärt. Im Dashboard könnte ein IT-Werkzeug
beispielsweise feststellen, dass „in den letzten 24 Stunden zehn Bilder mit
Schadsoftware infiziert waren“, heißt es weiter.
Keller und sein Team untersuchten bei der Entwicklung von
Simargl in erster Linie theoretische Fragestellungen. Das Ziel war es nicht,
nur Nachrichten zu verschlüsseln, sondern die Existenz von ganzen
Nachrichtenkanälen zu verbergen. So wollte sein Team etwa herausfinden, ob bei
der Übertragung von Sensorwerten geheime Nachrichten übertragen werden können
oder ob man bösartige Skripte in Bildern verstecken kann.
„Wir haben im Projekt Simargl unter anderem nach
Möglichkeiten gesucht und diese Möglichkeiten auch gefunden, Schadsoftware
zu entdecken, die in Form von PowerShell-Skripten in Bildern zum bereits
infizierten Computer transportiert wird“, sagt Keller. Mittlerweile ist
bekannt, dass diese Möglichkeit bereits genutzt wird, etwa bei Angriffen auf die Olympischen Spiele 2018. Security-Expert:innen sprechen von Stegomalware. „Hätte es damals schon die von uns entwickelten Gegenmaßnahmen gegeben,
und wären sie eingesetzt worden, hätte man solche Angriffe eher entdecken
und damit schneller bekämpfen können“, sagt Keller.
Das Projekt Simargl war für Keller ein voller Erfolg,
deshalb plant er schon das nächste große Forschungsprojekt. Noch während der
Arbeit an Simargl entstand eine neue Idee, die nun in dem Projekt Imacosar, was
für „Intelligent Monitoring and Countermeasures of Stego Malware and Ransomware“
steht, weiterentwickelt wird.
„Das geförderte IT-Vorhaben fokussiert sich auf die
Entwicklung von Lösungen aus der Künstlichen Intelligenz zur Abwehr neuartiger
Cyberattacken“, heißt es auf der Webseite der Fernuniversität Hagen. Das neue
Projekt hat zum Ziel, ein neues EU-Projekt vorzubereiten und wird erneut vom BMBF
gefördert. So geht Kellers Kampf gegen Cyberattacken weiter. Fanny Haimerl