Proteste im Iran Viele tote Demonstranten - nun drohen Hinrichtungen
Der Iran ist noch immer vom Internet abgeschnitten. Menschenrechtsorganisationen versuchen, Todesfälle zu verifizieren. Sie befürchten Tausende Opfer. Nun könnten auch Hinrichtungen bevorstehen.
Robina hat Mode geliebt. In Videos auf ihrem Instagram-Account schneidert die 23-Jährige aus Teheran selbst Kleider. Es sind bunte Outfits, die sie vor dem Spiegel anprobiert, mit Schmuck kombiniert - es ist ihre Leidenschaft.
Heute steht über ihrem Instagram-Account "in Gedenken". Denn Robina ist am Donnerstag gestorben. Iranische Sicherheitskräfte haben sie erschossen, aus nächster Nähe, von hinten in den Kopf. Robina hatte an einer Demonstration gegen das iranische Regime teilgenommen, in der Nähe ihrer Universität, im Zentrum von Teheran.
Unter Berufung auf Augenzeugen hat ihre Familie das der Menschenrechtsorganisation Iran Human Rights (IHRNGO) mit Sitz in Oslo berichtet. Diese versucht, Todesfälle im Iran zu verifizieren. Auch den von Robina, erzählt Mahmood Reza Amiry-Moghaddam von Iran Human Rights: "Ihre Familie wurde zu dem Ort gebracht, wo sie die Leichen aufbewahren. Und als sie endlich hereingelassen wurden, mussten sie zwischen vielen Leichen von Protestierenden suchen, die erschossen und getötet worden waren, um ihre Tochter zu finden."
Gabriele Dunkel, ARD Istanbul, zur Lage im Iran nach Massenprotesten und tausenden Festnahmen
NGO: Zahl der Toten "geht in die Tausende"
Diese Informationen decken sich mit dem, was Augenzeugen der ARD aus Teheran berichten. Und auch mit Videos, die es um die Internetblockade herum aus dem Land geschafft haben. Mit Bildern wie diesen: Ein Innenhof, in dem unzählige Tote in Leichensäcken nebeneinander auf dem Boden aufgereiht sind. Menschen gehen durch die Reihen und suchen offenbar ihre Angehörigen.
Wie viele Menschen in den landesweiten Protesten gestorben sind, ist nach wie vor unklar. Eindeutig verifizieren konnte Iran Human Rights nach eigenen Angaben bislang 734 Tote. "Wir glauben, dass die tatsächliche Zahl der getöteten Demonstranten in die Tausende geht", sagt Amiry-Moghaddam. "Wir haben beispielsweise Informationen aus einer kleinen Stadt, wo allein an einem Abend, in einer Nacht, 50 Leichen in die Krankenhäuser gebracht wurden, getötete Demonstranten."
Iran seit Tagen vom Internet abgeschnitten
Der Iran ist seit Donnerstag vom Internet abgeschnitten, und damit so lange wie noch nie. Augenzeugen zufolge können die Menschen im Land zwar auf eine Art iranisches Internet mit iranischen Webseiten zugreifen, Messenger-Dienste und SMS funktionieren aber offenbar nicht. Das stört die Kommunikation untereinander erheblich, und erschwert Menschenrechtsorganisationen die Verifizierung von Todeszahlen.
Die in den USA ansässige Organisation HRANA hat mit ihrer Zählweise knapp 2.600 Tote identifiziert - und zahlreiche Festgenommene, sagt Skylar Thompson gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters. "Wir haben über 16.700 Festnahmen dokumentiert. Das sind Menschen, die willkürlich in manchmal unbekannten Haftanstalten festgehalten werden und zu Geständnissen gezwungen werden." HRANA habe "in den letzten 16 Tagen eine beispiellose Zahl von erzwungenen Geständnissen dokumentiert", so Thompson. "Und eine Zahl von 97 erzwungenen Geständnissen in so kurzer Zeit ist äußerst besorgniserregend."
Kaum noch Proteste aus Angst
Fachleute befürchten, dass jetzt Hinrichtungen folgen. Die Staatsanwaltschaft Teheran hat bereits die ersten Anklagen erhoben, von Schnellverfahren ist die Rede. Auf den Straftatbestand "Kriegsführung gegen Gott" steht die Todesstrafe.
Augenzeugenberichten aus Teheran zufolge protestieren zurzeit kaum noch Menschen. Auf den Straßen gebe es vereinzelt kleinere Zusammenkünfte, bei denen Menschen auch Slogans riefen. Doch angesichts der vielen Toten aus den letzten Tagen hätten die meisten Menschen Angst.