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Studie
Darum haben Affen gleichgeschlechtlichen Sex
Britischer Forscher*innen untersuchten 59 Affenarten auf gleichgeschlechtliches Verhalten – und liefern Erklärungen, warum unsere engsten Verwandten im Tierreich Abwechslung lieben.
- Heute, 16:36h 3 Min.
Eine britische Studie3 hat sich mit dem gleichgeschlechtlichen Sexualverhalten bei Tieren beschäftigt. Die Forschenden des Imperial College London untersuchten dabei 59 Primatenarten, darunter etwa auch Schimpansen, Berberaffen oder Berggorillas. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass dieses Verhalten weder selten noch zufällig sei, vielmehr lasse es sich systematisch durch ökologische und soziale Bedingungen erklären.
Auf Basis vergleichender Daten zeigen die Autor*innen in der im Fachmagazin "Nature Ecology & Evolution" am Montag veröffentlichten Studie, dass gleichgeschlechtliches Sexualverhalten besonders dort auftrete, wo Tiere in komplexen sozialen Gruppen lebten. Arten mit intensiven sozialen Bindungen, ausgeprägten Hierarchien oder hohem Konkurrenzdruck zeigten demnach häufiger gleichgeschlechtliches Verhalten als eher allein lebende Primaten.
Entscheidend sei dabei: Sex dient nicht nur der Fortpflanzung. In vielen Primatengesellschaften erfülle sexuelles Verhalten auch soziale Funktionen – etwa zur Spannungsreduktion, zur Festigung von Allianzen, zur Konfliktvermeidung oder zur Stärkung von Gruppenbindungen. Gleichgeschlechtliche Kontakte seien in diesem Zusammenhang ein flexibles soziales Werkzeug, kein evolutionärer "Fehler".
Ökologische Faktoren mitentscheidend
Zudem spielten ökologische Faktoren eine Rolle. In Lebensräumen mit hohem Konkurrenzdruck um Ressourcen oder instabilen Umweltbedingungen steige die Bedeutung stabiler sozialer Beziehungen. Gleichgeschlechtliches Sexualverhalten könne bei den Primaten dazu beitragen, Kooperation zu fördern und Aggressionen zu dämpfen. Das bedeute für die Gruppe einen Überlebensvorteil. Arten, die eine längere Lebensdauer und einen stärkeren Größenunterschied zwischen Männchen und Weibchen aufwiesen, zeigten zudem häufiger gleichgeschlechtliches Sexualverhalten.
"Frühere Forschungen haben gezeigt, dass gleichgeschlechtliches Sexualverhalten eine vererbbare Komponente hat", erklärte Hauptautorin Chloë Coxshall. Ihre Studie lege aber nahe, dass es "zugleich auch einen Umwelteinfluss gibt, der häufig übersehen wird".
Die Studie widerspricht damit deutlich der immer noch verbreiteten Annahme, gleichgeschlechtliches Verhalten sei in der Tierwelt "unnatürlich" oder eine seltene Ausnahme. Stattdessen zeichnen die Forschenden ein Bild von sexueller Vielfalt als normalem Bestandteil evolutionärer Strategien.
Nicht einfach auf Menschen übertragbar
Zugleich verwiesen die Forschenden darauf, dass die Ergebnisse nicht einfach vom Affen auf den Menschen übertragen werden könnten. Dennoch sei es schwierig, "mögliche Implikationen für unsere frühmenschlichen Verwandten und moderne Menschen auszublenden", heißt es in der Studie. So sei es durchaus naheliegend, dass die Vorfahren der Menschen widrigen Umweltbedingungen ausgesetzt gewesen seien, die dann zu gleichgeschlechtlichen Verhalten in immer komplexer werdenden sozialen Strukturen mündeten. Beim modernen Menschen seien prägten möglicherweise nicht Nahrungsmangel oder starre soziale Hierarchien dieses Muster, "sondern vielmehr die Zwänge des modernen sozialen Zusammenlebens".
Forschende haben in den vergangenen Jahrzehnten gleichgeschlechtliches Verhalten bei vielen Tierarten festgestellt. Besonders bekannt sind etwa schwulen Pinguine4 in Zoos oder auch eine schwule Schafherde aus NRW5, deren "Rainbow Wool" erst im November in einer New Yorker Modenschau gezeigt wurde (queer.de berichtete6). (dk)
Links
- https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/deed.en
- https://www.flickr.com/photos/30557460@N05/54068327993/
- https://www.theguardian.com/science/2026/jan/12/primates-same-sex-sexual-behaviour-reinforce-social-bonds-study
- https://www.queer.de/detail.php?article_id=50668
- https://www.queer.de/video-des-tages.php?vid=2068
- https://www.queer.de/detail.php?article_id=55856
- https://www.queer.de/detail.php?article_id=52880
- https://www.queer.de/detail.php?article_id=47790










