Ein Jugendlicher sitzt auf einer Bank und schaut auf sein Smartphone.
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LKA-Studie Wenn Teenager zu Terroristen werden

Stand: 13.01.2026 13:11 Uhr

Immer früher radikalisieren sich Jugendliche mit dem Ziel, schwere Gewalttaten zu begehen. Eine neue Studie zeigt, warum Teenager zu Terroristen werden und welche Rolle soziale Medien dabei spielen.

Von Egzona Hyseni und Kolja Schwartz, ARD-Rechtsredaktion

Mai 2025: Bei Razzien in mehreren Bundesländern werden fünf Jugendliche als mutmaßliche Rechtsterroristen festgenommen. Neben den Taten selbst sorgt vor allem eines für Entsetzen: das junge Alter der Tatverdächtigen. Zwischen 14 und 18 Jahren alt waren die festgenommenen Jugendlichen.

Die Bundesanwaltschaft wirft ihnen vor, Mitglieder in der Gruppe "Letzte Verteidigungs Welle" (L.V.W) zu sein. Sie soll hinter Brandanschlägen auf ein Kulturhaus in Brandenburg und ein Asylbewerberheim stecken. Inzwischen hat die Bundesanwaltschaft Anklage gegen die Mitglieder der Gruppe erhoben.

Sehr junge Täter, wie im Fall der "Letzten Verteidigungs Welle" - Jugendliche, die sich radikalisieren. Das kommt immer häufiger vor, zeigt eine aktuell veröffentlichte Studie des Landeskriminalamts Baden-Württemberg, die sich mit dem Phänomen "Teenage Terrorists" in Deutschland beschäftigt.

Durchschnittsalter bei 16 Jahren

37 Fälle haben die Forscherinnen und Forscher für die Studie untersucht und dafür Ermittlungs- und Gerichtsakten ausgewertet. Das Durchschnittsalter der Täter in den untersuchten Fällen beträgt 16 Jahre. Einige von ihnen waren zum Zeitpunkt der Taten sogar unter 14 Jahre alt und damit noch nicht einmal strafmündig.

Alle untersuchten Fälle haben eines gemeinsam: Die Jugendlichen gehören oder gehörten der sogenannten Terrorgram-Szene an. Der Begriff "Terrorgram" setzt sich aus dem Wort Terrorismus und aus dem Namen der Chat-App Telegram zusammen.

Die "Terrorgram"-Szene ist überwiegend rechtsextrem. Teilweise gibt es allerdings auch Untergruppen, die dem Satanismus zuzuordnen sind oder dem Dschihadismus. Die Szene ist zwar auch auf anderen Chatplattformen aktiv, aber traditionell stark auf dem Messenger Telegram beheimatet.

Durch Pandemie verstärkt im Internet

Doch wie kommen derart junge Menschen mit der "Terrorgram"-Szene überhaupt in Kontakt? Daniel Köhler ist wissenschaftlicher Referent beim Kompetenzzentrum gegen Extremismus in Baden-Württemberg und einer der Hauptverantwortlichen der Studie. Im Podcast der ARD-Rechtsredaktion "Die Justizreporter*innen" berichtet er, dass gerade in der Zeit der Corona-Pandemie viele Kinder und Jugendliche aus ihrem "Offline"-Leben herausgerissen worden seien. Sie hätten sich dann verstärkt im Internet bewegt.

Gleichzeitig hätten extremistische Akteure die Gunst der Stunde erkannt, und zum Beispiel Propaganda-Videos hochgeladen, so Köhler. Auffällig sei, dass die Jugendlichen überwiegend nicht rekrutiert worden seien, sondern selbst aktiv nach Videos, etwa von bekannten Schulattentaten, gesucht hätten. Der Algorithmus der Social-Media-Plattformen würde dann dafür sorgen, dass die Jugendlichen mit ähnlichen Inhalten überschwemmt worden seien.

Die Studie zeigt auch: Viele der Jugendlichen haben sich zum Zeitpunkt ihrer Radikalisierung in einer schwierigen persönlichen Situation befunden. Die meisten von ihnen seien von ihrer Familie vernachlässigt oder in der Schule gemobbt worden, erklärt Köhler. In über zwei Drittel der untersuchten Fälle zeigte sich bei den Tätern sogar eine diagnostizierte psychische Erkrankung oder zumindest deutliche Anzeichen dafür.

Ausschließlich Jungen betroffen

Die Szene sei für die Jugendlichen deshalb besonders attraktiv, weil sie dort bekommen, was sie so dringend suchen: "Anerkennung, Status, Glorifizierung. Die können zu Helden werden. Das spielt tatsächlich eine große Rolle und zeigt uns insbesondere, dass bevor die Jugendlichen zu Tätern werden, sie erst einmal Opfer sind“, sagt Köhler.

In allen 37 untersuchten Fällen handelt es sich bei den Tätern um Jungen. Zwar könnten sich grundsätzlich auch Mädchen und Frauen radikalisieren, diese würden jedoch durch einen enormen Frauenhass abgeschreckt. Denn in der "Terrorgram"-Szene würden nicht nur terroristische Anschläge verherrlicht und glorifiziert, sondern auch massive sexualisierte Gewalt und Vergewaltigungsfantasien gegen Frauen.

In den meisten Fällen waren die Anschlagspläne in einem deutlich fortgeschrittenen Stadium. Teilweise hätten die Jugendlichen ihre Schulen in Online-Spielen nachgebaut, um Anschläge virtuell zu "üben".

Keine Radikalisierung im Verborgenen

Auffällig ist auch: Die Jugendlichen haben sich nicht im Verborgenen radikalisiert. Die Studie kommt zu dem Ergebnis: Eltern, Lehrer oder Jugendamtsmitarbeiter hätten den Radikalisierungsprozess zwar oft bemerkt, die Bedrohung jedoch häufig falsch eingeschätzt, sie nicht ernstgenommen oder nicht genau gewusst, wie sie darauf reagieren sollen.

So erschreckend die Befunde der Studie auch sind: Studienautor Köhler schöpft aus den Ergebnissen auch Hoffnung. Denn in zwei Drittel der untersuchten Fälle seien die Jugendlichen zum Zeitpunkt der Studie bereits aus der Szene ausgestiegen und zum Teil wieder sehr gut im Leben integriert. Das Handeln der Polizei habe in vielen Fällen also zu einem Aufwachen geführt.

Mehr Prävention gefordert

Die Macher der Studie betonen, wie wichtig es ist, das Problem der radikalisierenden Jugendlichen nicht als reines "Polizeiproblem" zu behandeln. Um Jugendliche, und damit auch die Gesellschaft, besser zu schützen, brauche es vor allem mehr Therapie- und Beratungsangebote, sagt Köhler. Und: Die Gesellschaft müsse sensibilisiert sein, genau hinschauen und Warnsignale ernst nehmen.

Denn: Auch wenn in keinem der untersuchten Fälle die Pläne in die Tat umgesetzt werden konnten, könne es immer passieren, dass mal jemand durchs Raster der Sicherheitsbehörden rutscht.

Mehr zum Thema hören Sie in der aktuellen Folge des Podcasts "Die Justizreporter*innen".

Dieses Thema im Programm: tagesschau.de | Wenn Teenager zu Terroristen werden | 13.01.2026 | 11:31 Uhr, ARD Audiothek | Podcast | 13.01.2026