Stra­fen für das de­mo­kra­ti­sche Ge­mein­we­sen: Wo rote Li­ni­en ver­schwim­men
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Das Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um will der Ver­ro­hung des ge­sell­schaft­li­chen Dis­kur­ses ent­ge­gen­wir­ken und dazu die straf­recht­li­chen Kon­se­quen­zen für Volks­ver­het­zung hoch­schrau­ben. Das ist keine gute Idee, fin­det Se­bas­ti­an Golla. Mit ge­setz­ge­be­ri­schem Patch­work schüt­ze man die De­mo­kra­tie nicht.

Es ist nur ein kur­zer Ab­schnitt im Re­fe­ren­ten­ent­wurf des "Ge­set­zes zur Än­de­rung des Straf­ge­setz­bu­ches zur Stär­kung des straf­recht­li­chen Schut­zes des Ge­mein­we­sens" aus dem Bun­des­jus­tiz­mi­nis­te­ri­um. Und doch ist er be­mer­kens­wert: Der Straf­rah­men des § 130 Abs. 2 StGB für Volks­ver­het­zung soll auf bis zu fünf Jahre Frei­heits­stra­fe an­ge­ho­ben und die ge­sam­te Vor­schrift um die mög­li­che Ne­ben­fol­ge der Ab­erken­nung des pas­si­ven Wahl­rechts er­gänzt wer­den.

In der knap­pen Be­grün­dung heißt es dazu wört­lich:

"Wäh­rend eine de­mo­kra­ti­sche Ge­sell­schaft es dem Ein­zel­nen un­be­nom­men las­sen muss, ihre Grund­wer­te ab­zu­leh­nen und dies auch öf­fent­lich kund­zu­tun, über­schrei­ten Äu­ße­run­gen, die als Volks­ver­het­zung gemäß § 130 StGB straf­bar sind, die Gren­zen des zu­läs­si­gen und not­wen­di­gen ge­sell­schaft­li­chen und po­li­ti­schen Mei­nungs­kamp­fes und be­dro­hen unser de­mo­kra­ti­sches Ge­mein­we­sen."

Das klingt zu­nächst plau­si­bel. § 130 StGB als rote Linie im de­mo­kra­ti­schen Dis­kurs: Wer sie über­schrei­tet, ver­lässt den Be­reich le­gi­ti­mer Mei­nungs­äu­ße­rung und muss mit emp­find­li­chen straf­recht­li­chen Kon­se­quen­zen rech­nen.

Nur gibt es dabei ein grund­le­gen­des Pro­blem. § 130 StGB mar­kiert keine klare Linie. Er ist eher ein Ge­flecht aus un­ter­schied­lich star­ken Fäden in ver­schie­de­nen Grau­tö­nen. Die Vor­schrift hat zwar in den ver­gan­ge­nen Jah­ren er­heb­lich an prak­ti­scher und po­li­ti­scher Be­deu­tung ge­won­nen. Zu­gleich ist sie aber an vie­len Stel­len un­be­stimmt, struk­tu­rell über­la­den und dog­ma­tisch fra­gil. In ihrem der­zei­ti­gen Zu­stand kann sie das Ziel eines Schut­zes des Ge­mein­we­sens nur ein­ge­schränkt er­fül­len.

Der dif­fu­se öf­fent­li­che Frie­de

Ers­tens lei­det § 130 StGB an er­heb­li­chen tat­be­stand­li­chen Un­schär­fen. Das be­trifft zu­nächst klas­si­sche Streit­fra­gen: Wel­che Grup­pen sind vor Ver­het­zung ge­schützt? Wo be­ginnt ein An­griff auf die Men­schen­wür­de? Was un­ter­schei­det schar­fe Kri­tik von straf­ba­rer Her­ab­wür­di­gung?

Am gra­vie­rends­ten ist die Un­be­stimmt­heit je­doch bei dem Be­griff, der auch als zen­tra­les Rechts­gut der Vor­schrift gilt: dem öf­fent­li­chen Frie­den. Denn nur eine Hetze, die ge­eig­net ist, eben die­ses zu stö­ren, ist auch straf­ba­re Volks­ver­het­zung. Der öf­fent­li­che Frie­de setzt sich aus einer ob­jek­ti­ven und einer sub­jek­ti­ven Kom­po­nen­te zu­sam­men und wird häu­fig – nicht ganz un­zu­tref­fend – als kol­lek­ti­ves "Si­cher­heits­ge­fühl" be­schrie­ben. Es han­delt sich damit um einen so­zi­al­psy­cho­lo­gi­schen Zu­stand, der sich kaum em­pi­risch er­fas­sen lässt. In einer frag­men­tier­ten Ge­sell­schaft stellt sich zudem zu­neh­mend die Frage, wes­sen Si­cher­heits­ge­fühl ei­gent­lich ma­ß­geb­lich sein soll.

Vor die­sem Hin­ter­grund er­scheint es oh­ne­hin ver­fehlt, bei § 130 StGB an "rote Li­ni­en" zu glau­ben. Die Gren­zen der Mei­nungs­frei­heit las­sen sich im Kon­text eines vor­ge­la­ger­ten Rechts­gü­ter­schut­zes kaum abs­trakt fest­le­gen, son­dern nur im Ein­zel­fall prä­zi­se be­stim­men – eben­so wie die Ant­wort auf die Frage, wann eine Äu­ße­rung ge­eig­net ist, den öf­fent­li­chen Frie­den zu stö­ren.

Er­geb­nis: Wi­der­sprüch­li­che Ge­richts­ent­schei­dun­gen

Für die Pra­xis wäre es be­reits ein Fort­schritt, diese Her­aus­for­de­rung offen an­zu­er­ken­nen und der so­ge­nann­ten Eig­nungs­klau­sel mehr Auf­merk­sam­keit zu schen­ken. In der Recht­spre­chung wird die Eig­nung zur Frie­dens­stö­rung häu­fig ohne nä­he­re Be­grün­dung be­jaht. Das zeigt sich etwa bei Ent­schei­dun­gen im Zu­sam­men­hang mit dem Ukrai­ne-Krieg oder dem Nah­ost­kon­flikt, in denen Ge­rich­te bei ver­gleich­ba­ren Sach­ver­hal­ten teils zu un­ter­schied­li­chen Er­geb­nis­sen ge­lan­gen.

Es wäre aber mög­lich, den Be­griff prä­zi­ser zu hand­ha­ben. Ori­en­tiert an der Recht­spre­chung des BVerfG ließe sich die Eig­nungs­klau­sel als Schar­nier zwi­schen blo­ßer Mei­nungs­äu­ße­rung und der kon­kre­ten Ge­fahr wei­te­rer Rechts­gut­ver­let­zun­gen be­grei­fen. § 130 StGB schützt nicht vor der Kon­fron­ta­ti­on mit pro­vo­ka­ti­ven Mei­nun­gen oder Ideo­lo­gi­en, wohl aber vor Äu­ße­run­gen, die auf Es­ka­la­ti­on, Mo­bi­li­sie­rung oder kon­kre­te Ge­walt­an­bah­nung an­ge­legt sind. Es geht also we­ni­ger um die Worte, son­dern um das, was aus ihnen fol­gen kann. Die so­zio­lo­gi­sche Ge­walt­for­schung bie­tet für die Be­stim­mung der Ge­fah­ren­schwel­le Er­kennt­nis­se, die im ju­ris­ti­schen Dis­kurs bis­lang kaum sys­te­ma­tisch ge­nutzt wer­den.

Das Patch­work-Mons­ter

Ein zwei­tes zen­tra­les Pro­blem ist die struk­tu­rel­le Über­la­dung der Norm. Der frü­he­re "Klas­sen­kampf-Pa­ra­graf" kam bis in die 1960er-Jahre mit einem ein­zi­gen Satz aus. Heute prä­sen­tiert sich § 130 StGB als ein aus einer Hand voll Tat­be­stän­den zu­sam­men­ge­setz­tes Patch­work-Mons­ter, des­sen in­ne­re Logik nur schwer zu er­fas­sen ist.

Die Vor­schrift ge­hört in­zwi­schen zu den kom­pli­zier­tes­ten des ge­sam­ten Straf­ge­setz­buchs. Das ist be­son­ders hei­kel, weil es sich nicht um ein spe­zia­li­sier­tes Ne­ben­straf­recht han­delt, son­dern um eine grund­le­gen­de Spiel­re­gel des öf­fent­li­chen Dis­kur­ses. Ge­ra­de sol­che Nor­men müs­sen für ihre Adres­sa­ten – also letzt­lich für alle – ver­ständ­lich sein.

Eine struk­tu­rel­le Ent­schla­ckung ist al­ler­dings nicht in Sicht. Kri­mi­nal­po­li­ti­sche Be­stre­bun­gen zie­len der­zeit eher auf wei­te­re Er­wei­te­run­gen: Dis­ku­tiert wer­den etwa neue Tat­be­stän­de zur Leug­nung des Exis­tenz­rechts von Staa­ten oder zur Ver­brei­tung von "Fake News". Der oh­ne­hin schon be­las­te­te § 130 StGB droht damit wei­ter über­frach­tet zu wer­den.

Sinn­vol­ler wäre es, die Norm sys­te­ma­tisch neu zu ord­nen. Grup­pen­be­zo­ge­ne Men­schen­feind­lich­keit und das Auf­sta­cheln zum Hass könn­ten als Kern eines all­ge­mei­nen "Hate Speech"-Tat­be­stands ge­fasst wer­den. His­to­risch spe­zi­fi­sche Kon­stel­la­tio­nen wie die Ho­lo­caust­leug­nung lie­ßen sich in einem ei­gen­stän­di­gen Pa­ra­gra­phen re­geln, der ihre be­son­de­ren Kon­tex­te und Aus­le­gungs­maß­stä­be kla­rer ab­bil­det. Das würde nicht nur die Über­sicht­lich­keit er­hö­hen, son­dern auch die dog­ma­ti­sche Prä­zi­si­on ver­bes­sern.

Sym­bo­li­sches Straf­recht und über­höh­te Er­war­tun­gen

Ein drit­tes Pro­blem tritt im ak­tu­el­len Ge­setz­ent­wurf des Jus­tiz­mi­nis­te­ri­ums offen zu­ta­ge: die hohe po­li­ti­sche und ge­sell­schaft­li­che Er­war­tungs­hal­tung an § 130 StGB. Diese und an­de­re Vor­schrif­ten zum Schutz des öf­fent­li­chen Frie­dens sol­len ak­tu­el­le ge­sell­schaft­li­che Kon­flik­te be­frie­den und de­mo­kratie­ge­fähr­den­de Ten­den­zen ein­däm­men.

Diese Er­war­tun­gen kann das Straf­recht kaum er­fül­len – ins­be­son­de­re dann nicht, wenn es die Mei­nungs­frei­heit ernst nimmt. Viele pro­ble­ma­ti­sche Phä­no­me­ne – Codes, Dog­whist­les, ge­ziel­te Pro­vo­ka­tio­nen – ent­fal­ten ihre Wir­kung ge­ra­de im recht­lich er­laub­ten Raum. Dass auch hass­erfüll­te oder de­mo­kra­tie­feind­li­che Äu­ße­run­gen grund­recht­lich ge­schützt sein kön­nen, ist kein Sys­tem­feh­ler, son­dern Aus­druck einer of­fe­nen Ge­sell­schaft.

Das er­zeugt Frus­tra­ti­on. Und diese Frus­tra­ti­on schlägt nicht sel­ten in den Ruf nach wei­te­ren straf­recht­li­chen Ver­schär­fun­gen um. Doch je stär­ker das Straf­recht sym­bo­lisch auf­ge­la­den wird, desto grö­ßer ist die Ge­fahr, dass es seine ei­ge­nen Gren­zen ver­kennt. Oder, um es mit Lil Wayne und Al­bert In­gold (DuD 2025, 783 ff.) zu sagen: I tried to pay at­ten­ti­on, but at­ten­ti­on paid me.

Ver­schär­fun­gen wie die nun vor­ge­schla­ge­ne wir­ken daher vor allem sym­bo­lisch. Der ef­fek­ti­ve­re recht­li­che Zu­griff könn­te in an­de­ren Be­rei­chen lie­gen, etwa im Me­di­en­auf­sichts- oder Ord­nungs­recht, das fle­xi­bler ist und nicht den stren­gen An­for­de­run­gen des Straf­rechts un­ter­liegt.

§ 130 StGB neu ord­nen statt ein­fach nur ver­schär­fen

Was ist also von der ge­plan­ten Re­form der Rechts­fol­gen des § 130 StGB zu hal­ten? Vor allem eines: Sie ver­leiht Pro­ble­men zu­sätz­li­che Schär­fe, die auf Tat­be­stands­sei­te schon lange be­stehen und der­zeit be­son­ders sicht­bar wer­den.

Sinn­vol­ler als eine An­he­bung des Straf­rah­mens wäre es, § 130 StGB kon­zep­tio­nell neu zu durch­den­ken und damit ver­bun­den die grund­sätz­li­che Frage zu stel­len, wel­che Rolle das Straf­recht beim Schutz des Ge­mein­we­sens tat­säch­lich spie­len kann.

Kon­flik­te im de­mo­kra­ti­schen Dis­kurs mit den Mit­teln des Straf­rechts zu lösen, bleibt ein heik­les Un­ter­fan­gen. In einer po­la­ri­sier­ten und frag­men­tier­ten Ge­sell­schaft soll­te man kri­tisch prü­fen, ob eine ex­pan­si­ve An­wen­dung von Vor­schrif­ten wie § 130 StGB tat­säch­lich Ord­nung schafft – oder ob sie nicht viel­mehr eine dis­kur­si­ve Kon­flik­tua­li­tät schwächt, die selbst Teil de­mo­kra­ti­scher Aus­ein­an­der­set­zung ist.

Diese Ge­fahr soll­te stets mit­be­dacht wer­den. Damit am Ende nicht im Namen der De­mo­kra­tie die De­mo­kra­tie selbst be­schä­digt wird.

 

Jun.-Prof. Dr. Se­bas­ti­an Golla lehrt an der Ruhr-Uni­ver­si­tät Bo­chum Kri­mi­no­lo­gie, Straf­recht und Si­cher­heits­for­schung im di­gi­ta­len Zeit­al­ter.

Gastkommentar von Jun.-Prof. Dr. Sebastian Golla, 9. Januar 2026.

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