Homosexualität

Warum die Nazis Schwule verfolgten, nicht aber Lesben

Von Florentine Kutscher
Veröffentlicht am 22.04.2018Lesedauer: 4 Minuten
Tafelaufschrift: Kennzeichen f¸r Schutzh‰ftlinge in den Konz.-Lagern Verlinkung bei VÖ auf welt.de auf https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/
Mit diesen Kennzeichen wurden Häftlinge in KZs stigmatisiert – Schwule mit dem "rosa Winkel"Quelle: Bundesarchiv Bild 146-1993-051-07 / Unknown / CC-BY-SA 3.0

Die Verfolgung von homosexuellen Männern im Nationalsozialismus war lange ein Desiderat der Forschung. Himmler verfolgte sie wegen einer kruden Theorie über Männerbünde, schreibt der Historiker Alexander Zinn.

Ein Stigma, das zur stolzen Selbstkennzeichnung wird: Derlei ist selten. Schwule Männer in nationalsozialistischen Konzentrationslagern mussten auf ihrer Häftlingskleidung ein rosarotes Stoffdreieck tragen; in der Lagersprache hieß es der „rosa Winkel“. Genau dieses Symbol findet man heute auf Denkmälern in aller Welt, von Berlin über Amsterdam und Tel Aviv bis nach Montevideo und Sydney.

Die Nationalsozialisten haben Schwule verfolgt, eingesperrt und in Konzentrationslagern gequält, viele bis zum Tode. Die Aufarbeitung dieses düsteren Kapitels verläuft schleppend. Über Jahrzehnte war es tabuisiert; erst in den 1990er-Jahren rückte es ins Blickfeld der Öffentlichkeit. Im Gegensatz zu anderen Verfolgtengruppen ist die Schwulenverfolgung nur lückenhaft erforscht. Dies will der Journalist Alexander Zinn ändern.

Seine bemerkenswerte Studie „Aus dem Volkskörper entfernt“? („Homosexuelle Männer im Nationalsozialismus“.  Campus, 2018) beleuchtet nicht nur Einzelaspekte der Homosexuellenverfolgung, und das – man glaubt es kaum – zum ersten Mal ausführlich seit der Arbeit von Burkhard Jellonnek 1990. Zudem handelt es sich erstmals um einen überregionalen Ansatz, der sich von der Opferperspektive löst.

Der Gedenkstein "Rosa Winkel" zum Gedenken an die homosexuellen Opfer des Nationalsozialismus im Abendlicht am 26.02.2015 am U-Bahnhof Nollendorfplatz in Berlin. Foto: Gregor Fischer/dpa | Verwendung weltweit
Der Gedenkstein "Rosa Winkel" am Berliner U-Bahnhof NollendorfplatzQuelle: picture alliance / dpa

Schwule standen keineswegs von Anfang im Mittelpunkt des nationalsozialistischen Feindbildes. In den ersten knapp anderthalb Jahren nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 hegten sogar viele die Hoffnung, dass die Regierung den Paragrafen 175 des Strafgesetzbuches abschaffen würde. Er drohte seit 1872 für „widernatürliche Unzucht, welche zwischen Personen männlichen Geschlechts ... begangen wird“, Gefängnis an.

Anfangs begegnete man im nationalsozialistischen Deutschland „Homosexuellen mit größter Duldsamkeit, ja offener Hochschätzung“, beschrieb es der 1895 geborene Theologe und Pädagoge Kuno Fiedler. Mit dieser stillschweigenden Duldung war es im Jahr 1934 jedoch jäh vorbei. Grund für diese Zäsur war der sogenannte Röhm-Putsch.

Als Stabschef der SA galt Ernst Röhm als der „zweite Mann im Staate” und stand hoch in Hitlers Ansehen. Er war jedoch Mitglied der Homosexuellenorganisation Bund für Menschenrecht und befürwortete die Abschaffung des Paragrafen 175. Seine eigene Homosexualität war ein offenes Geheimnis – auch wenn Hitler behauptete, davon erst 1934 erfahren zu haben. Ende Juni 1934 ließ Hitler die SA-Führung festnehmen und zum großen Teil ermorden; Röhm selbst starb am 1. Juli.

Fortan intensivierte die NSDAP ihre Homosexuellenverfolgung: Die Zahl der Verhaftungen und Verurteilungen vervielfachte sich. Während es 1933 zu 957 Urteilen gekommen war, waren es 1937 schon 9244. In Berlin richtete die Gestapo ein Sonderdezernat ein, das Listen homosexueller Männer anlegte und sie „bekämpfte“.

Das Mahnmal für die schwulen und lesbischen Opfer des Nationalsozialismus in Köln, aufgenommen am 11.07.2017 in Köln. Foto: Horst Galuschka/dpa | Verwendung weltweit
Das Mahnmal für homosexuelle Opfer des Nationalsozialismus in KölnQuelle: picture alliance / Horst Galusch

Kuno Fiedler etwa nahm die Gestapo 1936 fest; der Vorwurf lautete „Betreiben eines Spionagerings auf homosexueller Grundlage“. Ihm gelang jedoch die Flucht aus dem Gefängnis. Fiedler setzte sich in die Schweiz ab, wo er bis zu seinem Tod im Jahr 1973 lebte.

In dieser Zeit wurde die Inhaftierung als „erzieherische Maßnahme“ verstanden, da die Nationalsozialisten die gleichgeschlechtliche Liebe zwischen Männern für eine „prinzipiell heilbare Krankheit“ hielten. Deutsche Schwule sollten zurück in die soziale Konformität gezwungen werden. Denn nach Ansicht des Nationalsozialismus waren Deutsche Teil einer „Herrenrasse“, die sich reproduzieren sollte. Homosexuelle, die sich nicht fügten, sollten jedoch unnachsichtig „aus dem Volkskörper entfernt“ werden.

Folgerichtig stellt sich die Frage: Wenn es um Reproduktionssicherung und den „Erhalt der deutschen Rasse“ ging, warum wurden dann nicht homosexuelle Frauen gleichermaßen verfolgt? Das beantwortet Zinn mit einer neuen These.

ARCHIV - Eine rote Nelke liegt am 11.04.2015 auf dem Appellplatz der Gedenkstätte Buchenwald bei Weimar (Thüringen) während der Gedenkfeier. Während der NS-Zeit kamen mehr als 10 000 Homosexuelle als «Rosa-Winkel»-Häftlinge in die Konzentrationslager. Mehr als die Hälfte dieser Häftlinge starb dort. (zu dpa «Gedenkfeier für homosexuelle Häftlinge des KZ Buchenwald» vom 03.09.2017) Foto: Sebastian Kahnert/dpa-Zentralbild/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Verwendung weltweit
Auf dem Appellplatz der Gedenkstätte Buchenwald: Eine rote Nelke erinnert an die Toten des KZsQuelle: picture alliance / Sebastian Kah

Es war Heinrich Himmler, der die Verfolgung ab 1935 maßgeblich vorantrieb. Der Reichsführer SS fürchtete sich vor homosexuellen Netzwerken und Verschwörungen. In persönlichen Notizen dokumentierte er, dass ihm die Theorien des Philosophen Hans Blüher den Schlaf raubten.

Der Vordenker der Wandervogelbewegung hatte den Verdacht genährt, Homosexualität spiele in der deutschen Jugendbewegung eine prägende Rolle. Das führte zu intensiver Selbstprüfung auf homoerotische oder homosexuelle Kontakte innerhalb der eigentlich von einem asexuellen Reinheitsideal geprägten Jugendbünde.

Die Vorstellung, diese Jugendbünde und – wie Blüher später behauptete – auch Männerbünde im Allgemeinen seien von unterbewusster, mitunter sogar von manifester Homosexualität geprägt, bestimmte Himmlers Bewusstsein. Hitler adaptierte offensichtlich die Verschwörungstheorie seines Paladins.

Zum 1. September 1935 wurde der Paragraf 175 des Strafgesetzbuches verschärft: Die möglichen Strafen stiegen auf bis zu zehn Jahren Zuchthaus, außerdem kamen neue Tatbestände hinzu.

Insgesamt, so Zinn, wurden etwa 50.000 Männer zu Haftstrafen verurteilt oder – was deutlich schlimmer war – in Konzentrationslager wie Buchenwald und Sachsenhausen verschleppt. Dort hatten sie, stigmatisiert durch den rosa Winkel auf ihrer Kleidung, kaum Überlebenschancen.

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SA
Veröffentlicht vor 8 Jahren | Eingereicht vor 8 Jahren
Vielleicht wurden Frauen ohnehin nie so wichtig genommen..., sie zogen damals auch nicht in den Krieg, durften gar nicht..., insofern..., warum sie verfolgen?
JM
Veröffentlicht vor 8 Jahren | Eingereicht vor 8 Jahren
Diese "These" ist nicht sonderlich aussagekräftig. Leider, denn rechtsgeschichtlich gesehen ist die Frage brisant. Vielmehr fällt auf, dass im Verlauf der Geschichte weibliche Homosexualität nur selten bestraft wurde – selbst dort, wo hs. Männern der Tod drohte. Im deutschsprachigen Raum etwa sah erst die Constitutio Criminalis Theresiana 1768 zwischen Schwulen und Lesben keinerlei Unterschied mehr. Für diese Beobachtung gibt es verschiedene Erklärungsmodelle; einerseits theologische, da sich die Dogmen der Weltreligionen eigentlich nur über männliche Hs. auslassen; andererseits psychologische. Berühmte Frauen, denen hs. Affären nachgesagt wurden wie der Margarete von Österreich, wurden von ihren Zeitgenossen damit "entschuldigt", es sei "edler" für die Frau, die Rolle des Mannes einzunehmen, als umgekehrt. Ferner wurde Frauen keine eigene Sexualität zugestanden, und ihr Verkehr, da ohne Penetration vor sich gehend, galt als weniger "ernste" Sache. Schließlich könnte schlichte Faszination die herrschenden Männer beeinflusst haben. Masters wies schon in den 1960ern nach, dass Männer im Mittel eine viel positivere Meinung über hs. Frauen haben, als Frauen über hs. Männer.
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TT
Veröffentlicht vor 8 Jahren | Eingereicht vor 8 Jahren
Und Frauen haben vermutlich noch eine positivere Meinung über hs. Männer als hetero Männer über hs. Männer - zumindest kenne ich homophobe Äußerungen hauptsächlich von Männern. Kurzum: Die Mächtigen entscheiden was gemacht wird und da werden auch persönliche Abneigungen in Gesetze gegossen.
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LU
Veröffentlicht vor 8 Jahren | Eingereicht vor 8 Jahren
"Folgerichtig stellt sich die Frage: Wenn es um Reproduktionssicherung und den „Erhalt der deutschen Rasse“ ging, warum wurden dann nicht homosexuelle Frauen gleichermaßen verfolgt? Das beantwortet Zinn mit einer neuen These." Meiner Meinung nach beantwortet die These von Zinn - Himmlers Ängste bezüglich "Männerbünden" etc. - allenfalls, warum die Verfolgung bezüglich Männern intensiviert wurde, nicht aber das in der Überschrift ausgeführte Thema des Artikels, warum eine derartige Verfolgung gegenüber Lesben ausblieb. Da tatsächlich Frauen und nicht Männer für die Reproduktion eines Volkes (oder einer Gesellschaft, wenn man das Wort besser findet) der limitierende Faktor sind, bliebe demnach als Quintessenz nur übrig, dass "Reproduktionssicherung und Erhalt der deutschen Rasse" dann wohl doch nicht die grundlegende Motivation der Maßnahmen waren: Sollte das wirklich mit diesem Artikel nahegelegt werden?
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HO
Veröffentlicht vor 8 Jahren | Eingereicht vor 8 Jahren
"Da tatsächlich Frauen und nicht Männer für die Reproduktion eines Volkes..." Damals waren es aber noch beide.
MK
Veröffentlicht vor 8 Jahren | Eingereicht vor 8 Jahren
Wie langweilig dieses thema nach der zeit wird habe den atikel nur zu 20 prozent gelessen
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Veröffentlicht vor 8 Jahren | Eingereicht vor 8 Jahren
@Markus K.: Dann lassen Sie es einfach - aber bitte auch das Kommentieren, denn niemand ist an einem Kommentar von jemandem interessiert, den alles nur langweilt. Ihre WELTGeschichte
TH
Veröffentlicht vor 8 Jahren | Eingereicht vor 8 Jahren
Ich habe selbst im Landesarchiv einige Polizeiakten zum Rosa Winkel gelesen. Lesben wurden nur selten und sanfter bestraft und meist nur wenn sie auch ein öffentliches Ärgernis waren. Bei den Männern musste man leider viel von Pädophilen und Pupenjungen lesen.
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FW
Veröffentlicht vor 8 Jahren | Eingereicht vor 8 Jahren
Ihnen ist aber schon klar, dass sie dort von Pädophilen etc lesen, weil auch zu der Zeit lieber Taten erfunden als nachgewiesen worden?
RG
Veröffentlicht vor 8 Jahren | Eingereicht vor 8 Jahren
Da kam ich wahrscheinlich nicht durch. Ich versuche es noch einmal. Sehr geehrte Frau Kutscher, wie bereits schon einmal geschrieben, ein sehr guter und informativer Artikel. Ein Punkt ist aber für mich nicht ganz klar und eine Erklärung kann ich in dem Artikel auch nicht finden. 1. Wurden homosexuelle Frauen überhaupt verfolgt ?. 2. Wenn ja, in welchem Ausmaß ?. 3. Was war der Grund hier unterschiedliche Maßstäbe anzulegen ? Vielen Dank
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Veröffentlicht vor 8 Jahren | Eingereicht vor 8 Jahren
@Rainewr G.: Jetzt sind Sie durchgekommen! Keine Ahnung, was der Algorithmus da manchmal treibt - an Ihrem Kommentar ist ja nur wirklich nichts Anstößiges! Ich bitte Frau Kutscher, Ihnen zu antworten. Weiß gerade nicht, ob sie dazu angemeldet ist, sehe sie aber morgen. Ihre WELTGeschichte
11
JR
Veröffentlicht vor 8 Jahren | Eingereicht vor 8 Jahren
Zum Rosa Winkel, die positive Aneignung ist gar nicht so selten. Der Rote Winkel der politische Verfolgten ist auch auf vielen Denkmälern zu finden. In der DDR war er gar vorgeschrieben.
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Veröffentlicht vor 8 Jahren | Eingereicht vor 8 Jahren
@Jochen R.: Nun, wir würden die Propagandierung des roten Winkels in der DDR aber anders sehen - dabei handelte es sich um eine rein kommunistische Veranstaltung, und die hat (außer in streng kommunistischem Umfeld) 1990 praktisch schlagartig aufgehört. Der rosa Winkel dagegen wird weltweit als Symbol verwendet, wie Frau Kutscher dargestellt hat. Ihre WELTGescuichte
L
Veröffentlicht vor 8 Jahren | Eingereicht vor 8 Jahren
Ich versuche noch einmal eine Frage zu formulieren: Wie sieht es generell mit der unterschiedlichen Verfolgung von Schwulen und Lesben aus? Gibt es z.B. in den homophoben islamischen Staaten eine Differenzierung?
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MG
Veröffentlicht vor 8 Jahren | Eingereicht vor 8 Jahren
Oder im homophoben Russland, zum Beispiel.
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SS
Veröffentlicht vor 8 Jahren | Eingereicht vor 8 Jahren
Kompliment an Herr kellerhoff und Co ... guter Artikel
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Veröffentlicht vor 8 Jahren | Eingereicht vor 8 Jahren
@Sacrofi S.: Bitte an Frau Kutscher, nicht an mich. Und sie ist auch nicht "Co.", das wäre doch ein wenig despektierlich. Ihre WELTGeschichte
JS
Veröffentlicht vor 8 Jahren | Eingereicht vor 8 Jahren
Kann mir jemand sagen, was die Beschriftung bei den Wimpeln sagt? Ich kann es nur teilweise entziffern.
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Veröffentlicht vor 8 Jahren | Eingereicht vor 8 Jahren
@John S.: Aber ja, die Qualität der Datei ist in der Tat etwas schlecht. Also - erste Reihe: Politisch – Berufsverbrecher – Emigrant – Bibelforscher – Homosexuell – arbeitsscheu (und das, was da drunter steht, können wir auch nicht lesen!). Erste Spalte: Grundfarben – Abzeichen für Rückfällige – Häftlinge der Strafkompanie. Ihre WELTGeschichte
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