ZEIT: Was meinen Sie damit?
Di Cesare: Wir leben heute in einer Demokratie, die als geschlossene Gemeinschaft die eigene Integrität schützen will. Sie basiert auf dem Prinzip des "Noli me tangere" – "Berühr mich nicht". Das ist alles, was die Bürgerinnen verlangen – keine Teilhabe, sondern eben nur Schutz. Man könnte sagen, dass genau darin die schlimmste Grenze des Liberalismus liegt, dass auf diese Weise Sicherheit und Freiheit verwechselt werden. Wenn die Demokratie auf ein solches System der Immunität reduziert wird, dann ist die Entpolitisierung kein Wunder. Die Bürger ziehen sich zunehmend aus der Polis und von allem Gemeinschaftlichen zurück. Denn wo Immunität vorherrscht, schwindet die Gemeinschaft. Das Gegenteil von immun ist kommun, gemeinsam. Es geht um keine Verschmelzung, sondern um Anteilnahme an wechselseitiger Verbindlichkeit. So hatte ich mir Europa vorgestellt. Jetzt sehe ich nur ein Europa, das aus Angst besteht und immer mehr fragmentiert ist. Und ich sehe vor allem den Schiffbruch der Menschenrechte.