Neues Abwehrsystem in Annaburg Drohnenvorfälle über Standort der Raketenabwehr
Über dem Stützpunkt des neuen Raketenabwehrsystems "Arrow 3" in Brandenburg wurden nach Informationen von WDR und NDR mehrere verdächtige Drohnen gesichtet. Ein Abschussversuch der Bundeswehr schlug offenbar fehl.
Die Annaburger Heide liegt im Grenzgebiet zwischen den Bundesländern Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Sachsen. Von hier aus soll künftig der deutsche und teilweise sogar der osteuropäische Luftraum geschützt werden. Anfang Dezember wurde in Annaburg die Radarstellung des neuen Raketenabwehrsystems "Arrow 3" der Bundeswehr feierlich eingeweiht. Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) war dabei, ebenso der Inspekteur der Luftwaffe, Holger Neumann.
Mit dem System "Arrow", das neben Deutschland nur Israel und die USA besitzen, sollen anfliegende Raketen schon in großen Höhen zerstört werden, sogar außerhalb der Erdatmosphäre - zum Beispiel Interkontinentalraketen aus Russland. Bis 2030 soll "Arrow" hierzulande voll einsatzbereit sein, mit zwei weiteren Standorten in Schleswig-Holstein und Bayern.
Verdächtige Drohnen
Nach Recherchen von WDR und NDR gab es am neuen Standort im Grenzgebiet zwischen Brandenburg und Sachsen-Anhalt jetzt offenbar einen gravierenden Sicherheitsvorfall - und das nur zwei Tage vor der offiziellen Inbetriebnahme des neuen Waffensystems.
Einer internen Untersuchung zufolge stellte die Bundeswehr am 1. Dezember, gegen 16:40 Uhr, drei verdächtige Drohnen eines "unbekannten Typs" fest, die in rund 100 Metern Höhe über der Radaranlage des Waffensystems gekreist haben sollen.
WDR und NDR liegt ein eingestufter Bericht der Bundeswehr über den Vorfall vor. Daraus geht hervor, dass die Drohnen zunächst von einem technischen Detektionssystem der Bundeswehr entdeckt worden waren. "Umgehend wurde das Schnelle Reaktionselement (SRE) Heer aktiviert", heißt es in dem Dokument. "Der mobile Einsatztrupp des SRE brachte die eigene Aufklärungsdrohne (…) zum Einsatz und konnte eine der Drohnen visuell sichten."
Keine möglichen Tatverdächtigen
Anschließend sei die Freigabe erteilt worden, die Drohne abzuschießen. Daraufhin habe man ein Sturmgewehr G27P mit einer speziellen Zieloptik Modell Smash X4, die in Israel eigens für die Drohnenbekämpfung entwickelt wurde, eingesetzt - allerdings ohne Erfolg. "Die Drohne konnte nicht durch die eingesetzten Drohnenabwehrmittel bekämpft werden", so der Bundeswehrbericht. "Anschließend verschob sich die Drohne und entzog sich der Sicht." Über mögliche Tatverdächtige wird in dem Bericht nicht gemutmaßt.
Die Feldjäger und auch der Militärische Abschirmdienst (MAD) wurden über den Vorfall informiert. Zudem wurde laut Bericht Strafanzeige bei der Polizei erstattet. Ein Sprecher des Operativen Führungskommandos der Bundeswehr bestätigte den Vorfall auf Nachfrage schriftlich: "Am 01.12.2025 wurde ein Drohnenüberflug in der Liegenschaft 'Radarstellung Annaburg' aufgeklärt."
Genaue Angaben zur Anzahl der Drohnen könne man aufgrund der militärischen Sicherheit nicht bestätigen. Bei Vorliegen einer Bedrohung der Sicherheit, Einsatzbereitschaft und Schlagkraft der Truppe sei die unmittelbare Abwehr von Klein- und Kleinstdrohnen zulässig.
Vorfall ist offenbar kein Zufall
Der Vorfall scheint fürs Militär von besonderer Bedeutung zu sein - und kein Zufall. Laut Bundeswehrbericht handelt es sich bereits um den zweiten verdächtigen Drohnenüberflug über der "Arrow"-Radaranlage in Annaburg.
Aufgrund der Tatsache, dass es sich bei den Überflügen am 1. Dezember um mehrere Drohnen gehandelt habe und das rund 3,6 Milliarden Euro teure "Arrow" ein sensibles "Hochwert-Waffensystem" sei, sei "eine beabsichtigte Ausspähung wahrscheinlich", so die Bewertung der Bundeswehr. Ebenfalls wahrscheinlich sei ein Zusammenhang mit der Veranstaltung zur Einweihung des neuen Anti-Raketensystems zwei Tage später mit hochrangigen Gästen.
Ähnliche Drohnensichtungen in Schleswig-Holstein
Der Vorgang erinnert an die Sichtung von mehreren Drohnen Anfang des vergangenen Jahres am Bundeswehrstandort Schwesing in Schleswig-Holstein. Auch damals sollen die Abwehrmaßnahmen der Bundeswehr vor Ort versagt haben. An dem Standort waren auch ukrainische Soldaten an "Patriot"-Systemen ausgebildet worden.
Nach Angaben der Staatsanwaltschaft Flensburg wurde ein Ermittlungsverfahren im August eingestellt. Es stehe demnach zwar fest, dass es im Januar und Februar 2025 an acht Tagen zu Drohnensichtungen gekommen sei. Allerdings habe man nichts über Verdächtige oder Motivation der Flüge in Erfahrung bringen können, so die Staatsanwaltschaft auf Anfrage.
Sicherheitskreise vermuten teils russische Beteiligung
Die Zahl von verdächtigen Drohnensichtungen über Einrichtungen der kritischen Infrastruktur, militärischen Einrichtungen oder Flughäfen ist seit dem Start des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine stark gestiegen. Allein im Jahr 2025 hat das Bundeskriminalamt (BKA) mehr als 1.000 verdächtige Drohnenflüge über Deutschland erfasst.
Sicherheitskreise vermuten, dass es sich dabei zum Teil um Aktionen handelt, die von russischer Seite beauftragt oder durchgeführt werden. Hintergründe solcher Überflüge könnten etwa das Ausspionieren von militärischen Fähigkeiten oder Knotenpunkten kritischer Infrastruktur sein. Drohnenpiloten, die im Auftrag eines ausländischen Staates agieren, wurden bislang aber noch nicht festgenommen.
Die Detektion und Abwehr insbesondere von Kleindrohnen gelten als ausgesprochen schwierig. Im vergangenen Jahr haben sich Bundeswehr und Polizeien des Bundes und der Länder besser aufgestellt. Um die Abwehr besser zu koordinieren, weihten Bund und Länder in Berlin Ende 2025 ein gemeinsames Drohnenabwehrzentrum (GDAZ) ein. Bei der Bundespolizei im brandenburgischen Ahrensfelde wurde zudem eine neue Drohnenabwehr-Einheit eingerichtet, für die künftig 130 Spezialkräfte im Einsatz sein sollen.