Interview

Trans-Madonnen? In Zukunft malt Anouk Lamm Anouk lieber wieder Tiere

Die Wiener Künstlerin Anouk Lamm Anouk ist für ihre sanften Bilder in Beige und Weiß bekannt. Doch jetzt erregte sie mit ihrem Bild „Quaint Sunday/Mary’s Penis“ im Künstlerhaus den Zorn fundamentalistischer Katholiken. Ein klärender Atelierbesuch.

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Anouk Lamm Anouk mit Schoßhund in ihrem Atelier in Wien.
Anouk Lamm Anouk mit Schoßhund in ihrem Atelier in Wien.Mafalda Rakoš

Mit ihren Anfang 30 ist sie eine der erfolgreichsten Künstlerinnen ihrer Generation in Österreich. Als „stiller Shootingstar“ wurde sie schon einmal bezeichnet. Sie malt in typisch dezenter Farbigkeit brave Lämmer, sanfte Pferde, ornamentale Kreise und, selten, einander zugeneigte Frauenkörper. Jetzt ist es um die Wiener Künstlerin Anouk Lamm Anouk aber plötzlich sehr laut geworden. Ihr Bild „Quaint Sunday/Mary’s Penis“ war eines der Werke in der Ausstellung „Du sollst dir kein Bild machen“ im Wiener Künstlerhaus, die rechte Parteien und konservative bis fundamentalistische Katholiken zur Weißglut brachten und bringen.

Mittlerweile musste das teilweise abstrakte, schwer zu entschlüsselnde Bild sogar extra mit einem Glas geschützt werden. Vorsichtshalber. Wir besuchten die Künstlerin, sie sich als nonbinär bezeichnet, und baten sie darum, uns das Bild zu erklären. Ganz in Ruhe, bei Tee und Keksen. Doch erst einmal ging es eine Runde durch ihr Atelier und ihre jüngsten Arbeiten, eine Serie über die lesbische französische Tiermalerin Rosa Bonheur (1822–1899), die Anouk Lamm Anouk als eine ihrer Vorreiterinnen für sich entdeckt hat. Auf einem Tisch steht eine Lamm-Herde aus Keramik, der Prototyp für ihre erste geplante große Bronze-Arbeit. Von der Decke hängt eine aufblasbare Herde transparenter Pferde, die sie bei ihrer ersten Ausstellung in Asien, in Seoul, gezeigt hat. Darunter große Pferde-Cut-outs aus Leinwand in Stahlrahmen für eine geplante Ausstellung in den Reitstallungen der Kaiservilla in Bad Ischl 2027.

Die Presse: Ich würde gern ein Gespräch mit Ihnen führen über das Bild „Quaint Sunday/Mary’s Penis“, das Ende vorigen Jahres massiv angegriffen worden ist.

Anouk Lamm Anouk: Ich fürchte, dass ich die Leute, die das unbedingt anders sehen wollen, nicht durch ein Gespräch vom Gegenteil überzeugen werde können.

Aber vielleicht kann man die Leute, die davon erst einmal nur irritiert sind und Ihr Werk sonst nicht kennen, wenigstens mit Hintergrundinformation versorgen?

Ja, das fände ich gut.

Haben Sie mit der Aufregung gerechnet?

Nein. Weil weder die Ausstellung im Künstlerhaus noch die Serie, aus der das Bild stammt, diese Intention haben. Sonst hätte ich gar nicht mitgemacht. Provokation interessiert mich nicht. Seit ich ein Kind war, war ich daran interessiert, zu einer inneren Ruhe zu kommen. Das ist auch mein Anspruch: dass die Personen aus meinen Ausstellungen oder Installationen entspannt und geerdet hinausgehen.

Das hat diesmal wohl nur teilweise funktioniert.

Bei manchen schon, bei manchen nicht. Ich kenne viele Menschen, die gläubig sind, und die haben ganz anders darauf reagiert. Ich habe das Gefühl, die negative Haltung, die ich mitbekomme, hat weniger mit Glauben als mit Hass zu tun.

Aber verstehen Sie, dass manche Katholiken aus der Ruhe gebracht werden bei dem Motiv einer Pietà, die – bei sehr genauem Hinschauen – eine Trans-Madonna erkennen lässt?

Das Bild greift die Tradition der Pietà-Darstellung auf, also die trauernde Maria. Indem ich diese Maria als Transfrau darstelle, geht es mir um christliche Nächstenliebe und um Inklusion. Darum, dass auch Personen, die nicht hetero- oder cis-geschlechtlich sind, Raum im Glauben finden können, dürfen, sollen. Der Glaube soll im besten Fall doch alle in Liebe vereinen – nicht spalten.

Aber woher leitet sich die Geste ab, dass die Person auf dem Schoß dieser Schmerzensfrau deren eben männliches Geschlechtsteil in der Hand hält?

Erst einmal möchte ich klarstellen, weil das von manchen Seiten falsch gedeutet worden ist: Es ist kein erigierter Penis! Das fand ich ganz wild und es ist mir ganz wichtig zu sagen, dass das nicht der Fall ist.

Ungewöhnlich ist diese Geste trotzdem.

Es sind hier nicht konkret Jesus und Maria, nicht einmal eine Mutter und ihr Sohn gemeint. Es handelt sich um eine abgewandelte Pietà-Darstellung, es ist im Übertragenen zu lesen. Eben, indem es all das zusammenbringt, was den Glauben, das Leben und eine diverse Gesellschaft ausmacht. Einen Zusammenhalt in guten und in schlechten Zeiten, mehr abstrakt als konkret.

Der Penis ist allerdings schon recht konkret dargestellt.

Wie hätte ich anders darstellen sollen, dass diese Maria trans ist, als ihren Penis sichtbar zu machen? Das ist der einzige Grund, warum er zu sehen ist. Die Entsexualisierung von Körpern ist eines der Anliegen meiner Kunst. Maria hat übrigens auch eine aufgeschnittene Pulsader, aus der Blut tropft. Diese Tropfen könnte man auch als Tränen deuten.

Das Halten des Geschlechts in der Hand ist also wie ein Händedruck zu verstehen?

Das hat sich so ergeben, weil die Person auf dem Schoß ihre Hände in diese Richtung hielt. Ich habe damals, als diese Serie entstanden ist vor einigen Jahren, viel zu Pietà-Darstellungen in der Kunstgeschichte recherchiert.

Anouk Lamm Anouk, „Quaint Sunday/Mary’s Penis“, 2024/25.
Anouk Lamm Anouk, „Quaint Sunday/Mary’s Penis“, 2024/25.Simon Veres

War die Serie schon einmal ausgestellt?

Ja, vor Jahren in der Galerie Mauroner in Wien damals noch. Der Sohn des Scheichs von Bahrain hat übrigens ein Bild dieser Serie gekauft. Ich dachte, er wird das in seine Privaträume hängen. Aber nein, er zeigt es in seinem Privatmuseum, das öffentlich zugänglich ist. Menschen haben mir Fotos davon geschickt.

Ganz ohne Zensur?

Die einzige Zensur, die stattgefunden hat, war, dass es nicht mehr „Quaint Sunday/Mary’s Penis“ heißt, sondern nur noch „Quaint Sunday“, also entspannter Sonntag.

Das klingt wie Wasser auf die Mühlen jetziger Kritiker, die das Bild so interpretieren, dass es dem Islam in die Hände spiele, weil es die katholische Religion „entwerte“. Aber wenn der Sammler den katholischen Bezug sogar absichtlich nicht erwähnt, wäre das in dem Sinn eher respektvoll zu deuten.

Das Museum hat keinen Schwerpunkt auf religiöse Darstellungen. Wenn der Sammler das Bild negativ sehen würde, würde er sein eigenes Museum doch nicht mit etwas „Schlechtem“ beschmutzen wollen. Überhaupt kann ich nur sagen, ich verstehe den Bezug der Kritiker überhaupt nicht, dass wir Künstler uns doch mit dem Islam beschäftigen sollten. Wir sind mitten in Europa, wir sind mit christlicher Tradition groß geworden. Natürlich setze ich mich mit dieser Bildsprache auseinander und nicht mit einer anderen, ich will sie ja positiv erweitern. Abgesehen davon gibt es im Islam ein Bilderverbot, womit sollte man sich da befassen?

An welcher Serie arbeiten Sie gerade?

Es sind Hundepaare, die in einer minimalistisch reduzierten Landschaft stehen und in Richtung Horizont schauen. Die Serie heißt „Nostalgie für die Zukunft“.

Und warum Hundepaare?

Da schließt sich der Kreis zur „Quaint Sunday“-Serie. Wenn man menschliche Körper nimmt, haben Betrachter immer diese direkten, starken Zuschreibungen. Wenn man nicht-humane Körper nimmt, konzentrieren sich die Betrachter mehr auf das, was sie beim Betrachten des Bildes fühlen. Dadurch sieht man am Ende das „Richtige“, also das, was meine Intention war. Die negativen Reaktionen auf „Quaint Sunday“ bestätigen mich wieder darin, keine humanen Subjekte zu verwenden, wenn ich Gefühle darstellen möchte. Dann entstehen solche Missverständnisse gar nicht erst.

Zur Person

Anouk Lamm Anouk, so steht es in ihrem Pass, wurde 1992 in Wien geboren, studierte an der Kunstakademie in Wien und in Berlin.

2021 gewann sie den Strabag-Kunstpreis.

2025 sorgte ihr Bild „Quaint Sunday/Mary’s Penis“ in der Ausstellung „Du sollst dir ein Bild machen“ im Wiener Künstlerhaus für Aufregung.

2026 wird sie im Museum Francisco Carolinum in Linz ausstellen, 2027 in den Pferdestallungen in der Kaiservilla Bad Ischl.

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